18. Auftritt

Agathe Tichonowna (tritt ein). Wie mir das Herz klopft ... ich kann es

gar nicht sagen. Wohin ich schaue, wohin ich mich wende ... überall sehe

ich Iwan Kusmitsch vor mir sitzen. Es muß wohl wahr sein, daß niemand

seinem Schicksal entgehen kann. Vorhin versuchte ich an ganz etwas

anderes zu denken! Aber, was ich mir auch vornehme ... ich probierte

Garn abzuwickeln, fing an, den Pompadour zu sticken, aber ach, immerzu,

in einem fort drängt sich mir das Bild Iwan Kusmitschs auf. (Pause.)

Ach, also wirklich, nun soll die große Veränderung in meinem Leben

kommen ... Erst wird man mich in die Kirche führen ... dann mich mit ihm

allein lassen; ... mit dem Manne ... oh, mir wird schon jetzt ganz

schaurig! -- ja, leb wohl, meine schöne Mädchenzeit! (Sie weint.) Wie

viele Jahre hab' ich so ruhig dahingelebt; -- lebte und lebte vor mich

hin! Und nun mit einem Male soll ich heiraten, die Frau eines Mannes

werden. Und all die Sorgen, die einen da erwarten. Die Kinder ... ach

... und die Knaben, dieses wilde Volk ... Und dann kommen auch die

Mädchen, die werden schnell groß und wollen dann ebenfalls versorgt

sein. Noch gut, wenn sie brave Männer bekommen; aber vielleicht kriegen

sie einen Säufer ... oder einen solchen Kerl, der alles auf eine Karte

zu setzen bereit ist ... (Sie fängt wieder an zu weinen.) Eigentlich

habe ich doch meine Mädchenzeit gar nicht so recht genossen ... Nur

siebenundzwanzig Jahre hat sie gedauert ... (Mit veränderter Stimme.)

Aber warum zögert nur Iwan Kusmitsch so lange?

Agathe Tichonowna und Podkoliessin, den Kotschkarjows Hände in

die Tür hineinschieben.

Podkoliessin (stockend). Ich komme, mein Fräulein, um Ihnen eine

Erklärung abzugeben ... aber ... ich wüßte nämlich gerne zuvor, ob Ihnen

diese Erklärung nicht zu seltsam vorkommen wird.

Agathe Tichonowna (die Augen senkend). Um was handelt es sich denn?

Podkoliessin. Nein, Fräulein, sagen Sie mir erst, daß Sie sich nicht

darüber wundern werden.

Agathe Tichonowna (wie vorher). Ich weiß doch gar nicht, was es ist.

Podkoliessin. Gestehen Sie nur, es wird Ihnen sicherlich sehr merkwürdig

vorkommen, was ich Ihnen zu sagen habe.

Agathe Tichonowna. Aber ich bitte Sie, warum denn merkwürdig? ... Alles

was Sie mir sagen, ist mir angenehm.

Podkoliessin. Aber so etwas haben Sie gewiß noch niemals gehört ...

(Agathe Tichonowna läßt die Augen noch tiefer sinken; inzwischen ist

Kotschkarjow leise hereingetreten. Er stellt sich hinter Podkoliessin.)

Es handelt sich nämlich ... um das folgende ... Aber nein, sprechen wir

lieber ein andermal davon.

Agathe Tichonowna. Aber was ist es denn nur?

Podkoliessin. Es ist ... nämlich ... ich möchte Ihnen nämlich erklären,

aber ich habe noch immer Zweifel ...

Kotschkarjow (beiseite, die Hände zusammenschlagend). Herrgott, ist das

ein Mensch! Das reinste alte Weib, und kein Mensch! Ein Hohn, eine

Parodie auf die Menschheit! ...

Agathe Tichonowna. Aber warum zweifeln Sie denn noch?

Podkoliessin. Ach, ich weiß nicht, mir kommen immer wieder Bedenken.

Kotschkarjow (laut). Herrgott, wie dumm ist das alles! Wie dumm!

Fräulein, Sie sehen doch, er hält eben um Ihre Hand an. Er will Ihnen

erklären, daß er ohne Sie nicht länger leben, nicht existieren kann. Er

möchte Sie nur fragen, ob Sie bereit wären, ihn glücklich zu machen.

Podkoliessin (beinahe erschrocken, gibt ihm einen Rippenstoß und spricht

lebhaft). Ich bitte dich, was sagst du da? ...

Kotschkarjow. Also, entschließen Sie sich, mein Fräulein. Wollen Sie

diesen Sterblichen glücklich machen?

Agathe Tichonowna. Ach, wie könnte ich glauben, daß es in meiner Macht

liegen sollte, das Glück eines Mannes ... das Glück eines Mannes ... Nun

gut, ich bin einverstanden ...

Kotschkarjow. Natürlich! Selbstverständlich! Warum denn nicht gleich so?

So reicht euch doch die Hände, Kinder!

Podkoliessin. Gleich! (Er will Kotschkarjow etwas ins Ohr flüstern.

Dieser zeigt ihm die Faust, runzelt die Stirn, und Podkoliessin reicht

Agathe Tichonowna die Hand.)

Kotschkarjow (legt ihre Hände ineinander). So, Gott segne euch! Auch ich

gebe euch meinen Segen zu eurem Bunde. Die Ehe, wißt ihr, ist immer so

'ne Sache. Ja, das ist nicht, als ob man sich 'ne Droschke nimmt, sich

reinsetzt und irgendwohin losfährt. Das ist eine ganz andere Sache; ja,

das ist eine Pflicht! Leider habe ich jetzt keine Zeit mehr; darum will

ich euch nachher sagen, was das für eine Pflicht ist. So, Iwan

Kusmitsch, und jetzt küsse deine Braut! Nunmehr darfst du es tun; ja,

mein Freund, nun mußt du es sogar tun! ... (Agathe Tichonowna senkt die

Augen.) Nicht doch, nicht doch, mein Fräulein. Das muß so sein. Sie

müssen sich küssen lassen.

Podkoliessin. Nein, Fräulein, gestatten Sie ... Jetzt müssen Sie schon

gestatten. (Er küßt sie und nimmt sie bei der Hand.) Welch ein

herrliches Händchen! Woher haben Sie nur ein so herrliches Händchen,

mein Fräulein? ... Und noch eins ... Lassen Sie unsere Hochzeit sofort

stattfinden! Sofort!

Agathe Tichonowna. Wie, gleich? ... Aber das ist am Ende doch zu

schnell!

Podkoliessin. Nein, nein, davon will ich nichts hören! Die Trauung soll

gleich stattfinden. So schnell als möglich!

Kotschkarjow. Vorzüglich! Bravo! ... Sehr gut! Du bist ja ein

Prachtkerl! Ich muß sagen, ich habe immer nur das Beste von dir

erwartet. Und Sie, Fräulein, beeilen Sie sich jetzt. Ziehen Sie sich

recht schnell um. Jetzt darf ich's ja verraten. Ich habe schon vorhin

einen Wagen besorgt und auch ein paar Gäste für heute abend geladen. Sie

sind wahrscheinlich schon auf dem Wege nach der Kirche. Ihr

Hochzeitskleid liegt doch schon bereit, nicht wahr?

Agathe Tichonowna. O gewiß, schon lange. Ich kleide mich schnell um und

bin sofort fertig.

Sämmtliche Werke 5: Dramatische Werke · 第 128 / 240 题