Kotschkarjow und Podkoliessin.
Kotschkarjow. Hör mal, lieber Freund, eine solche Sache läßt durchaus
keinen Aufschub zu. Also komm, fahren wir.
Podkoliessin. Was fällt dir ein? Ich bin ja noch garnicht ... Ich
überlege es mir doch erst!
Kotschkarjow. Ach was, Torheiten. Sei doch nicht so schüchtern. Ich
werde dich schon verheiraten ... Du sollst es selbst nicht merken. Also
komm, wir fahren gleich zur Braut, und du siehst sofort, wie die Sache
steht.
Podkoliessin. Was redest du da? ... Wir können doch nicht gleich
hinfahren.
Kotschkarjow. Warum denn nicht? ... Ich bitte dich, woran fehlt's denn
noch? ... Sieh selbst an, jetzt bist du unverheiratet. Und wie lebst du?
Guck dich doch nur mal im Zimmer um, ... wie sieht es denn hier aus? ...
Dort liegt ein ungeputzter Stiefel, da steht das Waschbecken. Hier, auf
dem Tisch treibt sich ein Haufen Tabak herum; und du selbst liegst
beständig auf der Bärenhaut und faulenzt.
Podkoliessin. Das ist wahr. Wie unordentlich es bei mir zugeht, das weiß
_ich_ am allerbesten.
Kotschkarjow. Na, und nun denk mal, wenn du erst eine Frau haben wirst.
Du wirst dich selbst nicht wiedererkennen. Dort wird ein Sofa stehen,
dazu ein kleines Hündchen ... ein Zeisig oder sonst was im Käfig ...
hier Häkeleien ... Und nun stell dir vor, du sitzt auf dem Sofa und
plötzlich setzt sich dein Weibchen an deine Seite ... so ein reizendes
Frauchen, und streichelt dich mit ihren Händchen.
Podkoliessin. Teufel, ja, wenn ich denke, was für reizende Händchen es
in der Welt gibt. Weißt du, Freund, so weiß wie Milch ...
Kotschkarjow. Ach was, als ob sie bloß Händchen hätten. Die haben noch
ganz was anderes! ... Doch wozu noch viele Worte machen; ... weiß der
Teufel, was die nicht alles haben.
Podkoliessin. Ich muß sagen, wenn ich ehrlich sein soll, ich habe es
ganz gern, wenn solch hübsches Mädel neben mir sitzt.
Kotschkarjow. Aha, siehst du, du bist also selbst auf den Geschmack
gekommen! Jetzt laß mich nur machen. Du brauchst dich um nichts mehr zu
kümmern. Das Verlobungs-Essen und alles, was drum und dran hängt das
besorge ich ganz allein. Was den Champagner betrifft -- unter einem
Dutzend läßt sich gar nicht erst anfangen. Da magst du nun reden, was du
willst. Dazu kommt dann noch ein halbes Dutzend Madeira, -- unbedingt.
Die Braut hat sicherlich einen ganzen Haufen von Tanten und Basen, die
lieben nämlich nicht zu scherzen. Na, und den Rheinwein, ach was, hol'
ihn der Teufel, auf den verzichten wir, nicht? Und dann das Essen, --
weißt du, -- da habe ich einen Hoftraiteur, der Kerl liefert dir ein
Diner, nach dem stehst du überhaupt nicht mehr auf.
Podkoliessin. Hör mal, du legst dich aber gleich ganz gehörig ins Zeug.
Das ist ja beinahe, als ob schon heute abend die Hochzeit wäre.
Kotschkarjow. Gewiß! Warum denn nicht? ... Wozu sollen wir es denn
aufschieben? Du bist doch mit allem einverstanden.
Podkoliessin. Ich? Nein, mein Bester, ich bin noch durchaus nicht
einverstanden.
Kotschkarjow. Da haben wir's. Soeben hast du doch erklärt, du wolltest
gerne heiraten!
Podkoliessin. Ich meinte doch nur, es wäre nicht schlecht ...
Kotschkarjow. Wie, aber wir haben doch ... die ... ganze Sache schon
vollständig ... Ja, wie? Gefällt dir denn das Eheleben nicht, was?
Podkoliessin. Gewiß gefällt es mir! ...
Kotschkarjow. Na also, woran fehlt's denn noch?
Podkoliessin. An nichts; es ist alles nur so sonderbar.
Kotschkarjow. Was ist sonderbar?
Podkoliessin. Du wirst doch zugeben, daß es merkwürdig ist: da war man
so lange unverheiratet, und dann soll man plötzlich Ehemann sein.
Kotschkarjow. Nein, hör mal, schämst du dich denn nicht? Nein, ich sehe
wirklich, mit dir muß man ernst reden! Also, ich will ganz aufrichtig
gegen dich sein, wie ein Vater zu seinem Sohne. Betrachte dich doch nur
einmal genau, so wie du jetzt mich ansiehst; ... was stellst du
eigentlich vor? Ein Klotz bist du, ohne alle tiefere Bedeutung. Na, und
wozu lebst du eigentlich? Guck doch bloß mal in den Spiegel! Na, was
siehst du da? ... Ein dummes Gesicht, und weiter nichts. Statt dessen,
überlege dir doch nur, wie dann die kleinen Kinderchen um dich
herumhüpfen werden. Nicht etwa zwei oder drei, nein, gleich ein halbes
Dutzend. Und alle gleichen dem Vater, wie ein Tropfen Wasser dem andern.
Jetzt bist du allein, bist Hofrat, Expeditor, oder irgendein Direktor
irgendeines Departements und weiß Gott, was sonst noch. Und nun stell
dir erst mal vor, was dann sein wird. Alle die kleinen Expeditorchen um
dich herum, diese kleinen Spitzbuben, und wenn dann solch ein kleiner
Wildfang die Hände ausstreckt und dir im Bart zu krauen beginnt, und du
dazwischen wie ein Hund bellen mußt: Wau, wau, wau ... na, nun sag
selbst, kann es etwas Hübscheres geben? ...
Podkoliessin. Aber, wenn sie nur nicht solche Schelme wären. Sie werden
mir nur alles zerreißen und meine Papiere durcheinanderbringen.
Kotschkarjow. Laß sie doch. Dafür werden sie dir alle ähnlich sehen; das
ist eben der Witz.
Podkoliessin. Ja, es hat wirklich etwas Komisches, weiß der Teufel. So'n
kleiner Windbeutel, so ein junger, täppischer Hund, und ist dir schon
wie aus dem Gesicht geschnitten.
Kotschkarjow. Natürlich, gewiß ist es komisch. Na also, dann fahren wir.
Podkoliessin. Also ... gut, meinetwegen!
Kotschkarjow. He, Stepan, hilf deinem Herrn beim Anziehen.
Podkoliessin (kleidet sich vor dem Spiegel an). Ich denke, vielleicht
sollte ich lieber eine weiße Weste nehmen?
Kotschkarjow. Ach was, Unsinn, es kommt ja nicht so genau drauf an.
Podkoliessin (legt sich den Kragen um). Die verdammte Wäscherin. Hat
schon wieder den Kragen so schlecht gestärkt; er will absolut nicht
stehen. Stepan, sag ihr, wenn sie die Wäsche noch einmal so schlecht
plättet, dann schicke ich nach einer andern. So ein dummes Weib!
Wahrscheinlich sitzt sie den ganzen Tag mit ihren Liebsten zusammen,
anstatt zu plätten.
Kotschkarjow. Beeil dich ein bißchen, lieber Freund, was trödelst du
denn so lange herum.
Podkoliessin. Gleich, gleich! (Zieht den Frack an und setzt sich.) Hör
mal, Ilja Fomitsch, weißt du was: Fahr du doch lieber alleine!
Kotschkarjow. Was fällt dir ein! Hast du plötzlich den Verstand
verloren? Ich soll fahren? .. Wer von uns will sich denn eigentlich
verheiraten? .. Du oder ich? ...
Podkoliessin. Wirklich, ich habe keine rechte Lust. Fahren wir lieber
morgen.
Kotschkarjow. Na, hast du bloß einen Funken Verstand? .. Bist du nicht
ein Trottel? .. Ist schon ganz fertig und plötzlich will er nicht mehr.
Nein, sag selbst, bist du nicht ein Schwein? .. Bist du nicht ein Lump,
nach alledem? ...
Podkoliessin. Wozu schimpfst du? ... Was soll das? ... Habe ich dir denn
was zuleide getan?
Kotschkarjow. Ein Esel bist du, ein altes Schaf, das wird dir jeder
sagen. Dumm bist du, einfach dumm. Trotzdem du Expeditor bist! Für wen
sorge ich mich denn eigentlich? Doch nur für dich. Zu deinem Vorteil!
Sie werden dir noch den Bissen vor dem Munde wegschnappen. Liegt da auf
seinem Faulbett, der verdammte Junggeselle. Nein, sag mal bitte, wonach
siehst du eigentlich aus? Du Waschlappen du! Du alte Schlafmütze! Na,
ich hätte beinahe etwas gesagt. Wenn's nur nicht zu unanständig wäre.
... Ein altes Weib bist du; schlimmer als ein altes Weib!
Podkoliessin. Du benimmst dich sehr fein. Tatsächlich! (Halblaut.) Du
bist wohl nicht ganz bei Troste? Da steht der Knecht, und du schimpfst
drauf los und gebrauchst in seiner Gegenwart solche Worte. Du konntest
dir dazu wohl keinen andern Ort auswählen? ...
Kotschkarjow. Ja, wie soll man dich denn nicht schimpfen. Kann denn ein
Mensch dabei ruhig bleiben und nicht schimpfen? ... Wer hat denn soviel
Selbstbeherrschung? .. Du hast dich als anständiger Mensch entschlossen,
zu heiraten; ... bist der Stimme der Vernunft gefolgt, und nun, mit
einemmal, aus einer bloßen Laune ... Du hast wohl Tollkirschen
gefressen? .. Du Tölpel, du Holzklotz du!
Podkoliessin. Nun, nun, genug ... ich fahre! Was schreist du so?
Kotschkarjow. Du fährst? Selbstverständlich fährst du! Du kannst ja gar
nichts anderes tun, als fahren. (Zu Stepan.) Bring Hut und Mantel!
Schnell ...
Podkoliessin (in der Türe). Du bist ein seltsamer Mensch, Kotschkarjow!
Wahrhaftig! Mit dir ist es doch wirklich nicht zum Aushalten. Schimpfst
mit einem Mal los, ohne alle Ursache und ohne jeden Grund! Das ist doch
kein Benehmen.
Kotschkarjow. Ach, das ist ja längst vorbei! Ich schimpfe ja gar nicht
mehr ...
(Beide ab.)