Márja. Sie sprechen im Tone der Großstadt --

Chlestakóff. Zu einem so entzückenden Geschöpf, wie Sie es sind. Darf

ich mir das Glück gönnen, Ihnen einen Stuhl anzubieten? Doch nein, Sie

sollten keinen Stuhl, Sie sollten einen Thron haben.

Márja. Wirklich, ich weiß nicht ... ich hätte doch wohl gehen müssen.

(Setzt sich.)

Chlestakóff. Was haben Sie da für ein reizendes Halstuch?

Márja. Sie sind ein Spötter, und wollen sich nur über eine Provinzialin

lustig machen.

Chlestakóff. Ach, mein Fräulein, wie sehr wünschte ich, Ihr Halstuch zu

sein, um Ihren Lilienhals umschlingen zu können!

Márja. Ich verstehe ganz und gar nicht, wovon Sie sprechen. Dieses

Halstuch ... Was für wunderbares Wetter heute ist!

Chlestakóff. Ihre Lippen, mein Fräulein, sind schöner als jedes Wetter.

Márja. Wie Sie auch immer reden ... Ich möchte Sie bitten, mir lieber

ein paar Verse zur Erinnerung ins Album zu schreiben. Sie wissen

jedenfalls eine Menge.

Chlestakóff. Für Sie, mein Fräulein, tue ich alles, was Sie wünschen.

Was für Verse wollen Sie haben?

Márja. Irgendwelche, nur recht hübsche, neue.

Chlestakóff. Was heißt Verse! Ich kenne so viele.

Márja. Also sagen Sie, welche wollen Sie mir einschreiben?

Chlestakóff. Weshalb sagen? Ich kenne sie auch so.

Márja. Ich habe Verse so gern.

Chlestakóff. Ich weiß eine Menge der verschiedensten Gattung. Was meinen

Sie zum Beispiel zu diesen:

»O du, der du in Liebesnot

Umsonst mit deinem Schöpfer rechtest!«

Oder anderes dergleichen. Sie wollen mir jetzt gerade nicht einfallen.

Aber das tut nichts, statt dessen ziehe ich es vor, Ihnen meine Liebe

anzutragen, die durch Ihren Blick ... (Rückt mit dem Stuhle näher).

Márja. Liebe? Ich verstehe nichts von Liebe. Ich habe noch nie gewußt,

was Liebe ist. (Rückt mit dem Stuhl weiter ab).

Chlestakóff. Warum rücken Sie denn fort? Es wäre doch viel netter, wenn

wir nahe beieinander säßen.

Márja (rückt mit ihrem Stuhl weiter ab). Warum denn nahe? Es kann ja

auch weiter sein.

Chlestakóff (rückt näher). Warum denn weiter? Es kann ja auch näher

sein.

Márja. Aber warum denn?

Chlestakóff (rückt näher). Sehen Sie, es scheint Ihnen bloß so, daß das

nahe ist. Bilden Sie sich ein, es sei weiter. Wie glücklich würde ich

sein, mein Fräulein, Sie in meine Arme schließen zu können!

Márja (blickt nach dem Fenster). Was war das, was da vorbeiflog, eine

Elster oder ein anderer Vogel?

Chlestakóff (küßt sie auf die Schulter und blickt nach dem Fenster).

Eine Elster!

Márja (steht unwillig auf). Nein, das geht zu weit! Diese Dreistigkeit!

Chlestakóff (hält sie zurück). Verzeihen Sie, mein Fräulein, das tat ich

nur aus Liebe, aus reiner Liebe.

Márja. Sie halten mich für eine Art von Provinzmädchen ... (Sie bemüht

sich hinauszukommen.)

Chlestakóff (hält sie immer noch fest). Nur aus Liebe, wirklich nur aus

Liebe. Ich scherzte nur ein wenig, Márja Antónowna. Zürnen Sie mir

nicht. Ich bin bereit, Sie auf den Knien um Verzeihung zu bitten. (Fällt

auf die Knie.) Verzeihen Sie, verzeihen Sie! Sie sehen mich auf den

Knien!

Sämmtliche Werke 5: Dramatische Werke · 第 55 / 240 题