2. Szene

Die Vorigen. Dóbtschinski.

Anna Andréjewna. Nun, so reden Sie doch gefälligst, haben Sie denn kein

Gewissen? Auf Sie allein habe ich mich verlassen wie auf einen

ordentlichen Menschen; alle liefen sie davon und Sie hinterher! Bis

diesen Augenblick kann ich von keiner Seele etwas herausbekommen.

Schämen Sie sich denn gar nicht? Habe ich nicht Ihren Wánitschka und

Ihre Lísotschka aus der Taufe gehoben? Und so behandeln Sie mich?

Dóbtschinski. Mein Gott, Frau Gevatterin, ich bin so gerannt, um Ihnen

gefällig zu sein, daß mir alle Luft ausgegangen ist. Ergebenster Diener,

Márja Antónowna!

Márja Antónowna. Guten Tag, Pjotr Iwánowitsch!

Anna Andréjewna. Nun rasch, so reden Sie doch, wie und was geht drüben

vor?

Dóbtschinski. Antón Antónowitsch schickt Ihnen dieses Billett.

Anna Andréjewna. Nun und er? Natürlich ein General?

Dóbtschinski. Nein, General nicht, aber zum mindesten soviel wie

General. Eine Bildung und ein Auftreten!

Anna Andréjewna. Ah, also derselbe, von dem meinem Mann geschrieben

wurde?

Dóbtschinski. Eben derselbe! Ich und Bóbtschinski haben das zuallererst

entdeckt.

Anna Andréjewna. Weiter, weiter, was geschah weiter?

Dóbtschinski. Gott sei gelobt, alles steht gut. Zuerst geruhte er Antón

Antónowitsch etwas hart anzulassen, ja, er wurde sehr heftig und sagte:

im Gasthofe wäre alles miserabel, und er würde sich nicht seinetwegen

ins Gefängnis sperren lassen; nachher aber, wie er sah, daß Antón

Antónowitsch unschuldig waren, und beide sich kurzer Hand verständigt

hatten, da setzte er gleich eine andere Miene auf -- und Gott sei Dank,

alles lief gut ab. Jetzt sind sie ausgefahren, um das Hospital zu

besichtigen ... aber wahrhaftig, Antón Antónowitsch schienen bereits

befürchtet zu haben, daß man ihn denunziert hätte. Ich selber bekam es

so ein bißchen mit der Angst.

Anna Andréjewna. Wovor haben Sie sich denn zu fürchten? Sie sind doch

kein Beamter!

Dóbtschinski. Na immerhin, wissen Sie, wenn so ein Vorgesetzter spricht,

fährt's einem doch in die Glieder.

Anna Andréjewna. Ach gehen Sie ... das ist ja dummes Zeug. Nun, und wie

sieht er aus? Alt, jung?

Dóbtschinski. Jung, noch ein ganz junger Mann, so an dreiundzwanzig;

aber reden tut er wie ein alter. »Sehn Sie«, sagt er, »ich reise da und

dahin« ... (Gestikulierend.) Alles so überlegen. »Ich schreibe auch«,

meint er, »und lese auch dann und wann, aber die Dunkelheit im Zimmer

behindert mich etwas.«

Anna Andréjewna. Und im Äußeren -- brünett oder blond?

Dóbtschinski. Nein, mehr aschblond, und Augen so scharf wie ein Luchs,

um das Zittern zu kriegen.

Anna Andréjewna. Was schreibt er mir denn da auf dem Zettel (liest):

»Ich eile, mein Herz, dich wissen zu lassen, daß meine Lage sehr

kritisch war; doch im Vertrauen auf Gottes Barmherzigkeit für zwei

gesalzene Gurken apart und eine halbe Portion Kaviar ein Rubel

fünfundzwanzig Kopeken ...« (Innehaltend.) Das verstehe ich nicht, was

sollen hier gesalzene Gurken und Kaviar?

Dóbtschinski. Ach, Antón Antónowitsch benutzten in der Eile ein

beschriebenes Papier; da stand so eine Rechnung drauf.

Anna Andréjewna. Ach ja, richtig: (liest weiter) »doch im Vertrauen auf

Gottes Barmherzigkeit darf ich auf einen glücklichen Ausgang hoffen. Laß

schnell ein Zimmer für den illustren Gast einrichten, das mit den gelben

Tapeten; für Mittag brauchst du nicht zu sorgen, wir speisen im Hospital

bei Artémij Filíppowitsch; nur Wein laß recht viel kommen; sag dem

Kaufmann Awdúljin, er soll vom besten hergeben, sonst schlage ich ihm

seine ganze Bude kurz und klein. Mit Handkuß, mein Herz, verbleibe ich

dein Antón Skwósnik-Dmuchánowski.« Ach mein Gott! Jetzt heißt's aber

eilen! He, niemand da? Míschka!

Dóbtschinski (läuft und ruft durch die Tür). Míschka! Míschka! Míschka!

(Míschka kommt herein.)

Anna Andréjewna. Hör mal, lauf zum Kaufmann Awdúljin ... warte, ich gebe

dir einen Zettel (setzt sich an den Tisch, schreibt und spricht

währenddem). Diesen Zettel gibst du dem Kutscher Sídor, er soll zum

Kaufmann Awdúljin rennen und Wein holen. Und geh gleich und bring mir

dies Zimmer hübsch in Ordnung für einen Gast. Stell ein Bett auf, einen

Waschtisch und so weiter.

Dóbtschinski. Und ich, Anna Andréjewna, will hinlaufen und zusehn, wie

er inspiziert.

Anna Andréjewna. Gehn Sie, gehn Sie, ich halte Sie nicht.

Sämmtliche Werke 5: Dramatische Werke · 第 29 / 240 题