Da stößt ein Schrei aus der Menge: „Ein Rosenvogel!“

Während das schauerliche Miserere erklingt, fliegt über die Dächer der

Steinpaläste ein seltsamer Vogel, dessen Gefieder rosenrot im Azur

leuchtet. Die Augen der Moriskos blicken nach der wildflatternden

Riesenrose empor. Ist es der Vogel Phönix, der aus wohlriechender Asche

flog? Ist es ein Gottgesandter für die Seele des Grafen? Bedeutet er

Befreiung vom irdischen Staub? Seht -- er fliegt in die Sonne -- in den

Himmel hinein -- nein, er senkt sich auf die Dächer herab -- oh! Ay!

Magier und Deuter her!

Alles starrt dem taumelnden Flug des Wundervogels nach. Ein seltsames

Gefühl des Grauens steigt plötzlich aus geheimnisvollen Tiefen auf und

bemächtigt sich der bangschlagenden Herzen. Unerklärliche Geräusche

erregen die bis zum Übermaß gespannten Nerven. Der flatternde Vogel hat

die Gemüter von der Tragödie des Wahns abgelenkt, und alles steht unter

dem Druck einer bangen Ahnung.

Wieder zischen eigentümliche Geräusche auf, denen man keinen Namen

geben kann, wieder wächst die Unruhe in dem Meer der Köpfe, wieder

schreit es aus den Ecken auf, wehklagend und geisterhaft --

Da -- in einem Winkel des Platzes, wo schwarzverhüllte Männer

Holzscheite ordnen, zuckt eine grelle Fackel auf.

Aber was ist das? Warum schwillt die Stickluft an? Welch siedende

Hitze! Und da drüben in der Luft -- Rauch -- stinkender, auftaumelnder

Rauch -- und der rosenfarbene Vogelleib hebt sich leuchtend von dem

qualmenden Untergrund ab.

Mit einemmal zuckt es wie ein aufschreiender Blitz aus einer Gasse:

Feuer! Nar! Fuego! Gellendes Geschrei, tierartiges Brüllen aus

angstgepackten Brüsten, Getöse, Krachen und Splittern der hölzernen

Tribünen, klagendes Geheul, Wimmern, Jammern -- ein leinener

Schutzdachstreifen reißt ab und peitscht mit seinem Ende die Köpfe der

Sitzenden -- Schreien, Verwirrung, Getaumel -- Fuego! Nar! Gequetsche

und Geknäuel unter anschwellendem Getöse -- die Sonnenglut verdunkelt

sich durch aufsteigende Rauchsäulen --

Da zuckt wie ein Pfeil aus dem Dächergeschiebe im Sonnenwinkel die

erste giftgelbe Flamme auf. Feuerfanfaren treiben die aufgewühlten

Köpfe in Angst und Entsetzen.

Ximenes, bleich wie eine Leiche, starrt in den geisternden Qualm.

Will mir der Himmel in die Arme fallen? fährt es durch sein Gewissen.

Soll das Werk der Gerechtigkeit nicht getan werden? Ist dies das

Erdbeben, das die heilige Lucia vor der Marter rettete? Von Grausen

erfaßt, bekreuzigt er sich. Dann ruft er in die ratlos auf und ab

wogende Inquisitionswache: „Helft löschen!“ Unter Anführung von Rittern

quetschen sich ungeordnete Soldatenhaufen durch die tobende Menge nach

den Gassenöffnungen.

Häusernamen tönen durch die Luft -- Christen, Mauren drängen sich

heulend in die halbverstopften Gassen, Scharen von Wächtern drängen

ihnen nach.

Lucero schreitet zu den Gefangenen und ermahnt die Wächter, deren

Reihen sich gelichtet haben, an ihre Pflicht.

Stickiger Qualm würgt die Kehlen zusammen -- über niedergetretene

Frauen und Kinder, über tote und jammernde Leiber wälzt sich der

Menschenstrom.

Himmel und Erde! Ist die Hölle los? Hier und dort und dort und hier,

überall Rauchwirbel und Funken -- wie aus unsichtbaren Schlünden

aufsteigender, den Himmel verdüsternder Qualm, untermischt von

rotbraunen und gelben Flammenfetzen, die gespensterhaft hin und her

torkeln -- in die Siedehitze prasselt und knistert es wie Höllenfeuer,

das die Sonne entzündet hat -- qualvolle Laute sirren durch die Luft,

ersticken jäh -- Todesschreie -- die Menschenhaufen verstopfen die

Ausgänge des Platzes -- prallen mit ohrenzerreißendem Geheul zurück --

Aus der Schattengasse des Zacatin wälzen sich Burnusse heran,

scharenweise, Fäuste schnellen in die Luft --

„Wache!“ schreit Ximenes erblassend.

„Wache!“ brüllt Lucero. Und von allen Seiten dröhnt das Echo: „Wache!“

Der Gobernador reißt mit starker Faust ein paar Wächter mit sich

und schleudert sie Ximenes hin. Näher und näher leuchten die weißen

Maurenhaufen, wie Kugeln rollen sie heran, durchbrechen den Wall der

Menge und den der Soldaten, stürzen sich auf die gefangenen Moriskos.

Verzweifelt wehren sich die Granden.

Der Corregidor zerrt den entgeistert stehenden Grafen de Mora an sich

heran: „Kommt!“

„Wohin?“

„Ins Gefängnis zurück!“

„In die Freiheit!“ schrillt eine knabenhaft weiche Stimme aus dem

Maurenknäuel jäh auf. Und ein Hirtenjunge schleudert sich dicht an den

Corregidor heran, und in seinen Händen blitzt die Navaja. „Freiheit

oder Leben!“ Der Richter taumelt zurück. In dem Augenblick reißen

braune Fäuste den Grafen aus dem Getümmel, das zwischen den Agarenos

und den herankeuchenden Inquisitionsknechten anhebt. Die Dominikaner

springen über das Tribünengeländer in die Menschenhaufen hinein. Auf

und ab flutendes Gewoge von Leibern, Kreischen und Jammern -- alles

umhüllt von dem erstickenden Rauch des ringsum über die Häuserdächer

herandrohenden Feuers. Granada ist zu einem einzigen Quemadero geworden.

Graf de Mora liegt am Boden, umringt von fäusteschwingenden Mauren, den

Montesinos aus den Alpujarras. Ehe er sich’s versieht, reißen sie ihm

das Schandgewand vom Leib und werfen ihm den Burnus um.

Der Hirtenjunge mit dem vermummten Gesicht krallt seine kleinen Hände

in des Wehrlosen Leib. „Geliebter!“

Granada in Flammen · 第 147 / 190 题