„Mir nach in den Zacatin!“ klingt es wieder wie Heilandston an sein
Ohr. Und ringsum ein Haufen geballter weißer schützender Leiber, die
mit Faustschlägen und Messerstichen dem neuen Agareno den Weg durch
die verzweifelten, niedergerungenen Kämpfer bahnen. Ehe die Gedanken
zu jagen beginnen, sieht sich der Graf hinweggeschleppt über liegende
Körper -- der Platz verdunkelt in Rauch und Aschenregen, die Granden
scharen sich zu einem verzweifelten Ringen zusammen -- die Ketzer
reißen sich von der Tribüne los und werfen sich in die dichtgeklumpten
Massen der Kämpfenden, wo sie ihre Schandkleider in Fetzen zerstückeln,
verschwinden dann in Kampf und Getöse.
Unter dem Schein der brandroten Glut über den Dächern, geschützt durch
die Masse grell leuchtender Burnusse, schleppen zarte Frauenarme in der
Hirtenjacke den wie von Wundern bedrückten Dulder von Stelle zu Stelle,
in die Enge des Zacatins, wo die geschlossenen Basare und Khane stehen.
Hinter ihnen sirren qualvolle Laute in Rauch und Dampf, vor ihnen
flüchten sich fluchende Knäuel von Christen, von Schauder und Angst
gepackt und gepeitscht, in Tore und Türen hinein, Schreie des Wahnsinns
flattern rechts und links auf, wachsen zu wüstem Gebrüll an -- da und
dort prasselt Gebälk von oben herab, flammende Scheite stürzen und
entzünden eine tobende Hölle in den Gassenlöchern.
Auf der Bibarrambla lodert plötzlich neuer Schrecken auf. Wie ein
weißer gespenstischer Feuerreiter auf brandrotem Roß sprengt eine
Mosesgestalt mit fliegendem Bart, das maurische Schwert in der Rechten,
über Steine und Leiber daher.
Ximenes, unter dem dreifach gereihten Schutz spanischer Wachen, starrt
auf den grausen apokalyptischen Reiter. „Abu Atir!“ haucht seine in
Rauch und Asche verdorrte Kehle. Mit verglasten Blicken sieht er den
weißen Riesenspuk im verqualmten Loch des Zacatins verschwinden. --
Reija hat sich mit ihrem Beuteschatz durch Tore und Höfe geschlagen.
Ihr Hirtenkittel schleift zerfetzt im Staub, ihre Hände bluten, das Rot
besudelt Gesicht und Kleid. Über Kalkschutt und verkohltes Holzwerk,
an schreienden Menschenhaufen vorbei ringen sie sich weiter. Der
halbzerbrochene Körper des Grafen kann ihr nur mühsam folgen. Eine
menschenverlassene Gasse öffnet sich, fern von Kampf und Brand -- dann
noch ein Tor -- und sie stehen in einem Patio, in dessen Winkel drei
gesattelte Pferde den Boden stampfen.
Auf den Stufen einer Treppe sinkt Don Pedro wie ein gemähter Grashalm
hin. Reija neigt sich über ihn und küßt seine qualgezeichnete Stirn.
Ihre Liebe strömt in seine Leere und füllt sie mit neuem, quellendem
Leben. Seine Arme umschlingen ihren Hals, sein Haupt bettet sich auf
ihre Schulter, und er starrt, noch vom Rettungswunder übermannt, in
die geliebten Augen, die wie Gottes Sterne lächeln, hinter denen
Paradiesesfluren leuchten. Langsam lockert sich sein zusammengepreßtes
Denken. „Du -- du -- Retterin --“
„Ich war es nicht allein --“ lächelt sie weh. „Alle Agarenos haben
geholfen, und Abu Atir hat sie geführt. Und es fiel einer um dich --
Eswer Ben Zerragh --“
Da krampft sich sein Herz zusammen vor soviel Entsagung. Seine Augen
werden feucht, und Reija spürt, wie seine Finger sich in ihre Gelenke
verkrallen. „Gesegnet sei sein Angedenken immerdar -- er starb, daß
wir uns lieben können -- Allah akbar! Allahuma su bahana hu! Der
Wille des Herrn geschehe!“ Mit verzückten Augen starrt sie in den
blauüberleuchteten Hof, als senkte sich dort die Herrlichkeit des
Himmels herab, während über Granadas Gassen der Höllendampf dunkelt.
Hufgepolter vor dem Gitter des Patio. „Er ist’s!“ jubelt Reija.
Hinter dem maurischen Eisentor steigt der Imam vom brandroten Tier.
Jeder Schritt des Greises dröhnt wie Sieg und Gewalt. Er schreitet
zur Treppe. Reija stürzt an seine Brust, und er beweint über ihrem
Scheitel den schwer erkauften Sieg um sein Königskind. „Viele Mauren
sind erschlagen -- sie sehen das Paradies im Glanz des Herrn, denn
sie meinten für ihren König zu kämpfen. Für ihn wollte ich Granada
wiedergewinnen -- aber unsere Kraft ist ermattet, Gott will es nicht
-- wir sind Schahhad geworden -- Bettler --“ Und er blickt mit warmem
Blick auf das zerschlagene Stück Menschenleben auf der Treppe. „Wird
dein Habib reiten können?“
Schwach nickte der Graf, indem er seine Hand dankend dem
Prophetenpriester entgegenstreckte.
„Die Zeit ist kostbar -- solange sie auf der Bibarrambla kämpfen und
das Feuer wütet, könnt ihr fliehen. Aufgerafft! Die Stirn gegen den
Glutwind gerichtet! Ihr werdet einen heißen Ritt haben bis ans Meer.
In Salobreña auf der Burg warten Saffana und Muza Ben Maradschun, der
Freund deines Vaters. Sie führen euch ins maghrebinische Land. Deines
Bleibens ist hier nicht mehr, Don Pedro. Dort drüben kann ich euch
helfen, ein neues Nest zu bauen, wenn Gott mir aus dem Kampf hilft.
Vielleicht, daß bessere Zeiten kommen, wo der Geist der Duldung weht,
sie werden euch dann den Weg nach den granadinischen Fluren öffnen.
Solange Ximenes atmet, wird dieser Geist, dessen Streiter du warst,
Don Pedro, erstickt werden. Aber Gott läßt Meere aufwallen und stürzt
Berge. Was soll der Dämon Wahn, der im Namen der sanften Lichtreligion
Isas in spanischen Hirnen wütet, seinem großen Willen anhaben? La
illaha illa illahu! Der Araber sieht sich nicht nach seinem Zelt um,
wenn er verreist. Wenn du auf dem Hügel von Padul stehst, sieh dich
nicht nach Granada um, willst du eine glückliche Heimkehr erzwingen.
Leb’ wohl! Gottes friedsamsten Engel über dich und ihn! Zu Roß!“
Unter dem Klang ferner Fanfaren, die die Wendung des Kampfes dem
christlichen Volk künden sollten, nahmen sie Abschied von dem Imam.
Noch eine letzte schmerzliche Umarmung -- dann schwang sich der Alte
aufs Pferd und flog wie ein junger Pfeil in die Gasse. Reija schrie
auf. Sie fühlte, daß sie ihn nie wiedersehen werde. Tränen schossen aus
ihren Augen. Erst ein Blick auf den Leidgenossen brachte sie zu sich.
„Allah akbar!“ jubelte sie zwischen den Zähnen.
Sie stiegen auf, ritten aus dem Tor, an den geknebelten Lanzenmännern
vorbei, die von Burnussen umringt waren, stürmten durch die Gassen
wie windgejagte weiße Flammen. Die Geißeln peitschten auf die Flanken
der Rosse. Durch das in Rauch und Ruß gehüllte Mühltor ging es hinein
in die padulischen Hügel. Hinter ihnen brannte, ein Quemadero der
Rache, Granada, die von einem Irrgedanken der Menschheit besessene
Christenstadt.
Erklärung von öfter vorkommenden Worten, die im Text selbst nicht
erklärt sind
Ahbab (ar.): Freunde
Alcazaba (ar.): Burg
Alkazar (ar.): ebenfalls Burg
Alguacil (sp.): Gerichtsdiener
Amadis (sp.): berühmter Held eines spanischen Ritterromans
Caballeria (sp.): Ritterpflicht, ritterliche Ehre
Calina (sp.): brauner Höhendunst
Carmen (sp.): Landhaus
Dschinnen (ar.): Geister Arabiens
Escudero (sp.): Schildknappen, Edelknaben
Faja (sp.): andalusische Schärpe
Faki (ar.): arabischer Priester
Feta (ar.): Ritter
Habib (ar.): Freund
Hermandad (sp.): Stadt- und Landwache für den Landfrieden
Isa (ar.): Jesus
Maja (sp.): Mädchen aus dem Volk, Geliebte
Medriset (ar.): Hochschule
Mekteb (ar.): Kinderschule
Mihrab (ar.): die Gebetsnische in den Moscheen
Minar (ar.): Turm der Moschee
Muallakat (ar.): die Dichtungen der sieben größten arabischen Dichter
Nasranij (ar.): Christ
Navaja (sp.): Gürtelmesser
Nisaram (ar.): Nazarener
Olla potrida (sp.): spanische Nationalspeise
Patio (sp.): Hof in den spanischen Häusern
Ricoshombres (sp.): der reiche Adel
Sahat (ar.): Hof in den arabischen Häusern
Salat (ar.): Stoßgebet
Santon (sp.): Heiliger
Schahhad (ar.): Bettler
Schaitan (ar.): Satan
Semsem (ar.): der heilige Brunnen von Mekka
Sid (ar.): Herr
Supremo (sp.): höchster Rat der Inquisition
Venta (sp.): Landschenke
Virgen (sp.): die heilige Jungfrau