Vierunddreißigstes Kapitel

Durch Granada braust auf Windesflügeln das Grauen. Aus dem

Inquisitionsgefängnis stürzt es sich im Schimmer des Morgens und brüllt

die Schläfer aus dem Traum. Leon ermordet! Katl! Mord! El Zalim,

der Tyrann, ist tot! Das Unheil, das die zarten, würgenden Hände

angerichtet, läßt sich in seiner Größe noch nicht ermessen. Es ist erst

geboren, und seine Ungeheuerlichkeit muß wachsen mit jedem Flug von Ohr

zu Ohr.

Die Lanzenknechte der Carceles secretas marschieren vor dem Gefängnis

auf und halten die aufgeregte Menge von den Toren fern. Berittene Boten

sprengen nach der Alhambra, wo die Könige wohnen, und nach dem Palast

des Ximenes -- der Primas ist vor drei Tagen aus Toledo gekommen --,

nach dem Gerichtsgebäude und den Kirchen und Klöstern. Von ihren Lippen

schnellt es während des Rittes los: „Mord an dem Inquisitor!“ Und in

den Brüsten der Bedrückten glüht und heult es heimlich auf: Der Wolf

ist tot! Er hat uns und unsre Kinder vom Herzen des Propheten gerissen,

hat unsre Seelen zerschlagen, unser Jammer hat Gott erbarmt, und er

hat uns eine Judith gesandt, die das reißende Tier mit Kinderhänden

erwürgt. Allah akbar! La illaha illa ilahi! Jubelnd will das Wort aus

der bedrängten Brust, aber beim Anblick der reitenden Fähnchen bleibt

es in der Kehle stecken. Die schwarzen Augen glühen in Erwartung des

Kommenden. Werden sich die Brüder in den Bergen aufraffen? Wenn man es

ihnen durch Feuerzeichen mitteilen könnte: der Tyrann ist tot!

Im Albaycin stürmt der Mordlärm von Haus zu Haus und weckt die reichen

Moriskos aus dem Schlaf. Und aus den erschreckten Gesichtern glüht die

Freude: das Königskind ist entkommen! Und sie preisen Gott mit dem

teuern Namen und grüßen die Sonne, die aus den heiligen Gefilden Mekkas

steigt.

Aber dann kriecht wie auf Spinnenbeinen in die edle Begeisterung das

Gespenst der Sorge heran. Ein altes Prophetenwort klingt in die Ohren

der Ernüchterten: Als Mohammed von seiner Wallfahrt des Abschieds

heimgekehrt war, wandelte er zwischen medinischen Gräbern und sprach

zu den Toten: „O Freunde, vor welchen Übeln hat euch Gott bewahrt? Es

nahen Stürme, die wie Teile einer finstern Nacht aufeinanderfolgen,

einer schlimmer als der andere. Auf das erste folgt das letzte und das

letzte ist immer schlimmer als das erste!“ Auf Leon folgt ein anderer,

der schlimmer sein wird als er, und er wird das Entsetzen in unser

Gebein jagen.

In der Alhambra fuhr der Schreck erst spät in die königlichen

Glieder. Als das zeremonielle Despartimento, das Erwachen des Königs,

herannahte, trat der Geheimsekretär vor seinen Herrn und brachte die

Schreckensbotschaft.

Fernando erblaßte. Sein erstes Wort war: „Ximenes!“ Ohne diesen

Helfergeist gab es für ihn keinen Entschluß. Die Königin aber traf die

Botschaft als Katholikin ins Herz. Das Königskind als Mörderin tauchte

vor ihrem Geist in einem Meer der Verruchtheit unter. Es mußte in den

Augen der Agarenos zur Heldin emporwachsen. Das durfte nie und nimmer

geschehen. „Was gedenkt Ihr zu tun, Fernando?“

Des Königs Stirn glich einer Gewitterwolke. Er schürfte tiefer als die

Königin in die tote Seele des Dominikaners. Er kannte ihn. Aus seinen

Händen hatte er den lilienweißen Leib der Leonore de Uceda empfangen.

Und man flüsterte sich auch sonst allerhand Böses über den so lauter

scheinenden Mönch zu. Wenn er versucht hätte, an dieses maurische

Mädchen mit seinen wildjagenden Sinnen heranzukommen? Die Möglichkeit

durchfuhr blitzartig das Hirn Fernandos. Aber er durfte der Königin

seinen Argwohn nicht unterbreiten. Der hilflose Fürst flüchtete sich

wie seine Gemahlin an das Herz des einzigen Erlösers: „Wir müssen

Ximenes hören.“ Man erwartete von ihm beinahe das Wunder einer

Auferstehung des Mönchsleibes.

Der bleiche Hohepriester traf mit den stechenden Blicken den

Herrschern ins Herz. Sein Inneres hatte der Mord aufgewühlt. Er

kannte den Inquisitor, aber er getraute sich doch nicht, die wahren

Gründe seiner Vernichtung zu durchdenken. Der heilige Eifer ward bis

ins tiefste durch diese grause Tat beleidigt, und Ximenes ahnte mit

seinem weitblickenden Verstand die Verwicklungen für die Kirche,

wenn die unzufriednen Granden aus diesem Unheil Vorteil zu ziehen

verstanden. Die Zeiten der Grandenempörungen erstanden im Geiste des

Staatsmannes. Was konnte diesen andalusischen Hitzköpfen willkommener

sein als das Versagen der Inquisition, vor der sie bisher gezittert

hatten und die ihrem ganzen Wesen nach das Hemmnis aller freien

Geistesentwicklung war? Das heilige Tribunal konnte mit geschickter

Ausnützung seiner Verfolgungsmittel auch die weltlichen Gelüste der

hohen Herren eindämmen, und die Inquisition brauchte nicht in die Lage

zu kommen, mühsam Luft schöpfen zu müssen. Nein, nimmer durften die

Säulen untergraben werden. Ein Mann mußte her, der diesem Tod dreifach

trotzte. Für Ximenes gab es keinen Zweifel mehr, wer dieser Mann war.

„Es ist Ungeheuerliches geschehen, das nur mit Ungeheuerlichem

beantwortet werden kann. Dieses Mädchen war königlichen Blutes, aber

es hat gemordet. Die Reiter meiner Leibwache verfolgen ihre Spur, die

nach den Alpujarras führt. Man hat drei Reiter, darunter eine Frau,

verhüllt durch das Mühlentor reiten sehen, kaum als sich die Nacht

gelichtet. Kein Zweifel, daß sie es war. Schickt königliche Truppen

nach Lanjaron und Orgiva. Die Spanier müssen es endlich lernen, auch

mit Bergen zu kämpfen, und sollte der maurische Schlupfwinkel im Eis

des Mulahacen zu suchen sein, welcher spanische Fuß würde zögern, dort

vorzudringen, wenn die Pflicht zu Gottes Ehre ruft? Die Inquisition

von Granada ist verwaist, eine schreckliche Hand, um so schrecklicher,

als sie einem Weibe angehört, hat blutige Arbeit getan. Wir können nur

schrecklich darauf antworten: Lucero von Cordoba muß hierher!“

Der Name rührte den Königen gewaltig ans Herz, denn sie kannten seine

Vernichtungskraft. Aber es blieb keine andere Wahl mehr, wenn dieser

hier dazu riet.

„Er möge kommen,“ entschied der König so schnell, als wäre es sein

eigener Gedanke. Doch im nächsten Augenblick stemmte sich etwas in ihm

gegen die Raschheit: „Wie nun, wenn dieses Mädchen, bedrängt durch

gewisse Forderungen des Dominikaners --“

„Wie meint Ihr das?“ lauerte Ximenes.

Fernando warf einen versteckten Blick nach Isabella. „Der Dominikaner

liebte die Frauen -- es ist kein Geheimnis mehr --“

Des Kanzlers Gesicht überlief ein Schatten grimmigen Hohns. „Das also

wäre es? Und wenn es Wahrheit wäre“ -- er drängte hastig an den König

heran --, „wer wird beweisen können, daß er sich vergreifen wollte?

Wollt Ihr der verzweifelten Wehr einer Ketzerin Glauben schenken?

Kein Mittel wird ihr zu schlecht sein, sich zu retten. Verleumderisch

wird sie alle Schuld auf ihres Peinigers Brust laden. Und Ihr könntet

wirklich der Welt das Schauspiel geben, daß ein König seinen Inquisitor

fallen läßt, um eine beschuldigte Ketzerin zu retten? Das hieße gegen

Gott eifern.“ Er bohrte seine bezwingenden Blicke in das Herz der

Königin.

Da lenkte auch Fernando ein. „Bei Gott und Santiago! Ein stummer

Mund kann sich nicht mehr verteidigen, der lebende aber hat Gott

geschändet. Lucero komme! Doch -- wenn sich Boabdil regt?“

„So regt sich Spanien auch. Sie muß sterben! Es fielen spanische

Ritter unter Maurenschwertern wie Halme unter dem Sensenschnitt. Und

diese sollte leben? Die gefrevelt gegen einen Diener Gottes, die einen

unserer Ritter zur Abkehr von dem alten Glauben verlockt? Die insgeheim

gefrevelt gegen ihren neuen Glauben? Schon liegt ihre Schuld in Akten

versiegelt, wir übergeben sie dem Arm der weltlichen Gerechtigkeit.“

„Wenn wir sie haben!“ sagte der König hämisch lächelnd.

„Und kriegen wir sie nicht, so müssen wir die andern Schuldigen fassen.

Dieses Mädchens Raserei wurde durch fremde Macht zur Tat getrieben.

Bedenkt es wohl: sie saß nicht allein im Kerker. Der Graf de Mora,

ihr heimlicher Bräutigam, ist desselben Verbrechens des Gottfrevels

angeklagt wie sie. Überlaßt alles dem Lucero, das Unheil, in seinem

Verlauf wohl fürchterlich zu schauen, wandelt sich für Eure Majestäten

in Heil.“

„Womit spielt Euer Gedanke?“ fragte Fernando erregt.

„Mit der Gnadenlosigkeit des Inquisitionshirnes. Laßt es arbeiten,

wie es eben arbeitet, verlangt keine Rechenschaft oder besondere

Beweggründe, schreckt nicht zusammen, wenn Eure Vorstellung von der

Nächstenliebe einen grausamen Stoß erhält, es geschieht doch alles

für Altar und Thron. Lernt Euch selbst an Flammenopfern begeistern,

auch wenn diese Opfer des Adels Hochzier im Geschlechterwappen

tragen sollten. Die Inquisition hat Namen bereit, die fürchterlich

werden können, wenn man sie schont. Ein warnendes Exempel schrecke

den Adel ab. Leon hat eine bittre Hinterlassenschaft an Akten, die

Dinge enthüllen werden, vor denen das blinde Vertrauen Eurer Hoheiten

jämmerlich in Brüche gehen dürfte. Wenn wir nicht handeln, furchtbar

handeln, dann kommt uns der Adel zuvor und wir haben Verschwörungen zu

unterdrücken --“

„Ximenes!“ stieß die Königin entsetzt aus.

„Es gleiten schon böse Nebel durch Andalusien. Die Ricoshombres

wollen, so raunt man sich zu, den Grafen de Mora befreien, gewaltsam,

hört Ihr wohl, wenn die Bitten vor Eurem königlichen Ohr vergeblich

sein sollten. Ja, es wäre nicht unmöglich, daß sie den Gedanken hegen,

sich mit maurischer Hilfe wie einst gegen den eignen König zu wenden --“

Fernandos Herz legte seinen Schrecken bloß. „So weit sollten sich die

Granden vergessen können? Ximenes!“

„Es ist ruchbar geworden, wo die Köpfe des Anschlages zu suchen sind.

Hernando de Rojas, ein junger Gelehrter, dem die Schule von Salamanca

geholfen, allzuviel eigene Weisheit großzuzüchten, hat den Herzog von

Osuna und den Grafen von Orgaz, beide lange bekannt als gefährliche

Maurenfreunde, für den Bund gewonnen. Ein Großteil der Hidalguia ist

geneigt, den heißen Einflüsterungen Gehör zu geben.“

Isabella erbleichte. „Ximenes -- rettet uns!“ Tränen glänzten in ihren

Augen. Der furchtbare Eifer des Priesters bestach ihr Gemüt, und hätte

er ihr blutige Leichen zum Geschenk gemacht, sie hätte über dem Spender

seine Grausamkeit vergessen.

„Gebt mir blindes Vertrauen zu der Zweckmäßigkeit meiner Handlungen,“

forderte der unerbittliche Kanzler. „Und laßt Lucero handeln. Sein

geschickter Eifer wird den weltlichen Handel in einen geistlichen

verkehren.“

„Verhaftet Osuna und Orgaz!“ befahl der König mit scheinbarer

Gewichtigkeit.

„Noch rate ich nicht dazu. Die Anhaltspunkte sind zu gering. Wir müssen

den Verdacht zur Gewißheit machen, müssen Schuld auf Schuld häufen und

dann die Eisen zuschlagen lassen. Nur eines, Hoheiten: fallt uns nicht

in die Arme, wenn wir den Grafen de Mora der weltlichen Gerechtigkeit

übergeben.“

„Relaxierung?“ fuhr der König empor.

„Wir können nicht mehr daran vorbeigehen. Seine Verfehlungen sind keine

Vergehen de levi mehr. Es ist beinahe erwiesen, daß die Befreiung des

Imam Abu Atir durch seine Sorglosigkeit, wenn nicht durch sein Dazutun

möglich geworden ist. Er wollte wohl, ein zweiter Graf Julian, durch

diesen gefährlichen alten Scheich die Mauren aus dem Maghreb zu Hilfe

rufen, um Boabdil wieder einzusetzen. Empörung gegen den König heißt

das andere Verbrechen, das weltliche Richter zu verurteilen hätten,

wenn nicht schon das größere Verbrechen der Ketzerei die Vernichtung

des Schuldigen durch die Kirche fordern würde. Der Graf hätte heute die

Folter erleiden sollen. Wir müssen damit zuwarten, bis Lucero zugegen

ist. In drei Tagen kann dann der Prozeß zu Ende sein. Die Bestätigung

durch den Supremo in Toledo dürfte längstens in einer Woche erfolgen.

Deza wird nicht zögern, ganze Arbeit zu tun. Dann naht Ostern, und

wir können das Fest verherrlichen durch die öffentliche Verdammnis

der zusammengesparten Ketzer. Es sollen an die fünfzig leichte Fälle,

fünf schwere sein. Der Graf führt den traurigen Reigen an. Vor Gott

gilt sein Adel nicht mehr, er ist getilgt aus dem Buch der göttlichen

Ehre und eingetragen in das der Schmach. Rachedürstend könnte sich der

andalusische Adel gegen die Macht wenden, die er als Schirmerin des

heiligen Gerichts erkennt: die Krone.“

Fernando ließ den stahlkalten Blick ins Leere gehen. „Ihr bereitet also

zu Ostern ein Autodafé?“

„Verherrlicht es durch Eure Gegenwart,“ bat der Primas.

„Nimmer!“ rief die Königin bestürzt aus. „Wir können nicht Menschen

brennen sehen.“

„Ketzer!“ klang die eisige Berichtigung aus dem Zelotenmund. „Sie haben

Menschliches von sich geworfen. Wer Mitleid mit ihnen hat, übt es auch

leicht gegen ihre Taten. Es würde der heiligen Inquisition zu größerm

Ansehen gereichen, wenn selbst die Könige der Verdammnis beiwohnten.“

„Schont mein Gemüt!“ bat inbrünstig und händeringend die Königin.

„Auch ich bitte drum,“ sagte Fernando. Er hatte Angst, in die

sterbenden Augen jener zu schauen, die zu retten seine königliche

Macht zu klein war. Mit einem Stachel im Herzen fühlte er der Kirche

Riesenkraft über seine Krone wachsen, aber er hatte keinen Beistand,

dieses Wachstum zu verhindern, denn er selbst hatte den Adel, den

einzigen, der ihm helfen konnte, zur Ohnmacht verdammt.

Ximenes bebte am Leibe. Dickwülstig traten die Adern auf der Stirn

hervor. „Es ist schade um dies große Schauspiel, das Ihr dem gläubigen

Volk entzieht. Allein ich weiß die Seelenfurcht, die zarte Regung

königlicher Naturen, zu würdigen und will den Andalusiern nicht den

Anblick der besinnungslosen Herrscherin vermitteln. Doch als Ersatz

verlange ich ausreichende Vollmacht.“

Der König zögerte. „Noch einmal, Primas, bedenkt es wohl: der Geist,

den Ihr in diesem einen Menschen tötet, lebt vielleicht in den andern

fort, und was der Stürmer selbst nicht vollendet, vollbringt die Trauer

um den Mann.“

„Wir wollen es erproben, königliche Hoheit. Ist es an dem einen nicht

genug, so fallen mehrere Köpfe. Der Schrecken schafft die Ruhe, die wir

brauchen.“ Mit soldatischer Wuchtigkeit unterbreitete er den Herrschern

sein letztes Mittel. „Wir haben die katholischen Spanier, die Städte

hinter uns -- die neugefügte Macht muß doch auch Gelegenheit haben,

sich zu bewähren. Und hilft auch das nicht, hilft zuletzt ein Wunder,

man muß die Leute nur dran glauben lassen.“

Die Königin durchschauerte es. „Ximenes -- wollt Ihr das alles -- mit

dem heiligen Evangelium verantworten?“

Der Primas streckte sich in den Gliedern. „Die Kirche über dem heiligen

Evangelium! Wie bekennt der heilige Augustinus? ‚Ich würde selbst dem

heiligen Evangelium nicht glauben, wenn nicht das Ansehen der Kirche

mich dazu zwänge.‘ Hoheit -- für dieses Ansehen der Kirche ist kein

Opfer zu groß.“

„Gott erhalte Euch uns lange,“ sagte der König tiefbewegt. „Wir

könnten mit unserer schwachen Urteilskraft so viele Leichname nicht

auf uns nehmen. Geht und handelt, wie es Euch Euer stärkeres Gewissen

vorschreibt.“

Von den Schauern der eigenen Größe umweht, verneigte sich Ximenes vor

seinen Puppen.

Granada in Flammen · 第 138 / 190 题