Durch Granada braust auf Windesflügeln das Grauen. Aus dem
Inquisitionsgefängnis stürzt es sich im Schimmer des Morgens und brüllt
die Schläfer aus dem Traum. Leon ermordet! Katl! Mord! El Zalim,
der Tyrann, ist tot! Das Unheil, das die zarten, würgenden Hände
angerichtet, läßt sich in seiner Größe noch nicht ermessen. Es ist erst
geboren, und seine Ungeheuerlichkeit muß wachsen mit jedem Flug von Ohr
zu Ohr.
Die Lanzenknechte der Carceles secretas marschieren vor dem Gefängnis
auf und halten die aufgeregte Menge von den Toren fern. Berittene Boten
sprengen nach der Alhambra, wo die Könige wohnen, und nach dem Palast
des Ximenes -- der Primas ist vor drei Tagen aus Toledo gekommen --,
nach dem Gerichtsgebäude und den Kirchen und Klöstern. Von ihren Lippen
schnellt es während des Rittes los: „Mord an dem Inquisitor!“ Und in
den Brüsten der Bedrückten glüht und heult es heimlich auf: Der Wolf
ist tot! Er hat uns und unsre Kinder vom Herzen des Propheten gerissen,
hat unsre Seelen zerschlagen, unser Jammer hat Gott erbarmt, und er
hat uns eine Judith gesandt, die das reißende Tier mit Kinderhänden
erwürgt. Allah akbar! La illaha illa ilahi! Jubelnd will das Wort aus
der bedrängten Brust, aber beim Anblick der reitenden Fähnchen bleibt
es in der Kehle stecken. Die schwarzen Augen glühen in Erwartung des
Kommenden. Werden sich die Brüder in den Bergen aufraffen? Wenn man es
ihnen durch Feuerzeichen mitteilen könnte: der Tyrann ist tot!
Im Albaycin stürmt der Mordlärm von Haus zu Haus und weckt die reichen
Moriskos aus dem Schlaf. Und aus den erschreckten Gesichtern glüht die
Freude: das Königskind ist entkommen! Und sie preisen Gott mit dem
teuern Namen und grüßen die Sonne, die aus den heiligen Gefilden Mekkas
steigt.
Aber dann kriecht wie auf Spinnenbeinen in die edle Begeisterung das
Gespenst der Sorge heran. Ein altes Prophetenwort klingt in die Ohren
der Ernüchterten: Als Mohammed von seiner Wallfahrt des Abschieds
heimgekehrt war, wandelte er zwischen medinischen Gräbern und sprach
zu den Toten: „O Freunde, vor welchen Übeln hat euch Gott bewahrt? Es
nahen Stürme, die wie Teile einer finstern Nacht aufeinanderfolgen,
einer schlimmer als der andere. Auf das erste folgt das letzte und das
letzte ist immer schlimmer als das erste!“ Auf Leon folgt ein anderer,
der schlimmer sein wird als er, und er wird das Entsetzen in unser
Gebein jagen.
In der Alhambra fuhr der Schreck erst spät in die königlichen
Glieder. Als das zeremonielle Despartimento, das Erwachen des Königs,
herannahte, trat der Geheimsekretär vor seinen Herrn und brachte die
Schreckensbotschaft.
Fernando erblaßte. Sein erstes Wort war: „Ximenes!“ Ohne diesen
Helfergeist gab es für ihn keinen Entschluß. Die Königin aber traf die
Botschaft als Katholikin ins Herz. Das Königskind als Mörderin tauchte
vor ihrem Geist in einem Meer der Verruchtheit unter. Es mußte in den
Augen der Agarenos zur Heldin emporwachsen. Das durfte nie und nimmer
geschehen. „Was gedenkt Ihr zu tun, Fernando?“
Des Königs Stirn glich einer Gewitterwolke. Er schürfte tiefer als die
Königin in die tote Seele des Dominikaners. Er kannte ihn. Aus seinen
Händen hatte er den lilienweißen Leib der Leonore de Uceda empfangen.
Und man flüsterte sich auch sonst allerhand Böses über den so lauter
scheinenden Mönch zu. Wenn er versucht hätte, an dieses maurische
Mädchen mit seinen wildjagenden Sinnen heranzukommen? Die Möglichkeit
durchfuhr blitzartig das Hirn Fernandos. Aber er durfte der Königin
seinen Argwohn nicht unterbreiten. Der hilflose Fürst flüchtete sich
wie seine Gemahlin an das Herz des einzigen Erlösers: „Wir müssen
Ximenes hören.“ Man erwartete von ihm beinahe das Wunder einer
Auferstehung des Mönchsleibes.
Der bleiche Hohepriester traf mit den stechenden Blicken den
Herrschern ins Herz. Sein Inneres hatte der Mord aufgewühlt. Er
kannte den Inquisitor, aber er getraute sich doch nicht, die wahren
Gründe seiner Vernichtung zu durchdenken. Der heilige Eifer ward bis
ins tiefste durch diese grause Tat beleidigt, und Ximenes ahnte mit
seinem weitblickenden Verstand die Verwicklungen für die Kirche,
wenn die unzufriednen Granden aus diesem Unheil Vorteil zu ziehen
verstanden. Die Zeiten der Grandenempörungen erstanden im Geiste des
Staatsmannes. Was konnte diesen andalusischen Hitzköpfen willkommener
sein als das Versagen der Inquisition, vor der sie bisher gezittert
hatten und die ihrem ganzen Wesen nach das Hemmnis aller freien
Geistesentwicklung war? Das heilige Tribunal konnte mit geschickter
Ausnützung seiner Verfolgungsmittel auch die weltlichen Gelüste der
hohen Herren eindämmen, und die Inquisition brauchte nicht in die Lage
zu kommen, mühsam Luft schöpfen zu müssen. Nein, nimmer durften die
Säulen untergraben werden. Ein Mann mußte her, der diesem Tod dreifach
trotzte. Für Ximenes gab es keinen Zweifel mehr, wer dieser Mann war.
„Es ist Ungeheuerliches geschehen, das nur mit Ungeheuerlichem
beantwortet werden kann. Dieses Mädchen war königlichen Blutes, aber
es hat gemordet. Die Reiter meiner Leibwache verfolgen ihre Spur, die
nach den Alpujarras führt. Man hat drei Reiter, darunter eine Frau,
verhüllt durch das Mühlentor reiten sehen, kaum als sich die Nacht
gelichtet. Kein Zweifel, daß sie es war. Schickt königliche Truppen
nach Lanjaron und Orgiva. Die Spanier müssen es endlich lernen, auch
mit Bergen zu kämpfen, und sollte der maurische Schlupfwinkel im Eis
des Mulahacen zu suchen sein, welcher spanische Fuß würde zögern, dort
vorzudringen, wenn die Pflicht zu Gottes Ehre ruft? Die Inquisition
von Granada ist verwaist, eine schreckliche Hand, um so schrecklicher,
als sie einem Weibe angehört, hat blutige Arbeit getan. Wir können nur
schrecklich darauf antworten: Lucero von Cordoba muß hierher!“
Der Name rührte den Königen gewaltig ans Herz, denn sie kannten seine
Vernichtungskraft. Aber es blieb keine andere Wahl mehr, wenn dieser
hier dazu riet.
„Er möge kommen,“ entschied der König so schnell, als wäre es sein
eigener Gedanke. Doch im nächsten Augenblick stemmte sich etwas in ihm
gegen die Raschheit: „Wie nun, wenn dieses Mädchen, bedrängt durch
gewisse Forderungen des Dominikaners --“
„Wie meint Ihr das?“ lauerte Ximenes.
Fernando warf einen versteckten Blick nach Isabella. „Der Dominikaner
liebte die Frauen -- es ist kein Geheimnis mehr --“
Des Kanzlers Gesicht überlief ein Schatten grimmigen Hohns. „Das also
wäre es? Und wenn es Wahrheit wäre“ -- er drängte hastig an den König
heran --, „wer wird beweisen können, daß er sich vergreifen wollte?
Wollt Ihr der verzweifelten Wehr einer Ketzerin Glauben schenken?
Kein Mittel wird ihr zu schlecht sein, sich zu retten. Verleumderisch
wird sie alle Schuld auf ihres Peinigers Brust laden. Und Ihr könntet
wirklich der Welt das Schauspiel geben, daß ein König seinen Inquisitor
fallen läßt, um eine beschuldigte Ketzerin zu retten? Das hieße gegen
Gott eifern.“ Er bohrte seine bezwingenden Blicke in das Herz der
Königin.
Da lenkte auch Fernando ein. „Bei Gott und Santiago! Ein stummer
Mund kann sich nicht mehr verteidigen, der lebende aber hat Gott
geschändet. Lucero komme! Doch -- wenn sich Boabdil regt?“
„So regt sich Spanien auch. Sie muß sterben! Es fielen spanische
Ritter unter Maurenschwertern wie Halme unter dem Sensenschnitt. Und
diese sollte leben? Die gefrevelt gegen einen Diener Gottes, die einen
unserer Ritter zur Abkehr von dem alten Glauben verlockt? Die insgeheim
gefrevelt gegen ihren neuen Glauben? Schon liegt ihre Schuld in Akten
versiegelt, wir übergeben sie dem Arm der weltlichen Gerechtigkeit.“
„Wenn wir sie haben!“ sagte der König hämisch lächelnd.
„Und kriegen wir sie nicht, so müssen wir die andern Schuldigen fassen.
Dieses Mädchens Raserei wurde durch fremde Macht zur Tat getrieben.
Bedenkt es wohl: sie saß nicht allein im Kerker. Der Graf de Mora,
ihr heimlicher Bräutigam, ist desselben Verbrechens des Gottfrevels
angeklagt wie sie. Überlaßt alles dem Lucero, das Unheil, in seinem
Verlauf wohl fürchterlich zu schauen, wandelt sich für Eure Majestäten
in Heil.“
„Womit spielt Euer Gedanke?“ fragte Fernando erregt.
„Mit der Gnadenlosigkeit des Inquisitionshirnes. Laßt es arbeiten,
wie es eben arbeitet, verlangt keine Rechenschaft oder besondere
Beweggründe, schreckt nicht zusammen, wenn Eure Vorstellung von der
Nächstenliebe einen grausamen Stoß erhält, es geschieht doch alles
für Altar und Thron. Lernt Euch selbst an Flammenopfern begeistern,
auch wenn diese Opfer des Adels Hochzier im Geschlechterwappen
tragen sollten. Die Inquisition hat Namen bereit, die fürchterlich
werden können, wenn man sie schont. Ein warnendes Exempel schrecke
den Adel ab. Leon hat eine bittre Hinterlassenschaft an Akten, die
Dinge enthüllen werden, vor denen das blinde Vertrauen Eurer Hoheiten
jämmerlich in Brüche gehen dürfte. Wenn wir nicht handeln, furchtbar
handeln, dann kommt uns der Adel zuvor und wir haben Verschwörungen zu
unterdrücken --“
„Ximenes!“ stieß die Königin entsetzt aus.
„Es gleiten schon böse Nebel durch Andalusien. Die Ricoshombres
wollen, so raunt man sich zu, den Grafen de Mora befreien, gewaltsam,
hört Ihr wohl, wenn die Bitten vor Eurem königlichen Ohr vergeblich
sein sollten. Ja, es wäre nicht unmöglich, daß sie den Gedanken hegen,
sich mit maurischer Hilfe wie einst gegen den eignen König zu wenden --“
Fernandos Herz legte seinen Schrecken bloß. „So weit sollten sich die
Granden vergessen können? Ximenes!“
„Es ist ruchbar geworden, wo die Köpfe des Anschlages zu suchen sind.
Hernando de Rojas, ein junger Gelehrter, dem die Schule von Salamanca
geholfen, allzuviel eigene Weisheit großzuzüchten, hat den Herzog von
Osuna und den Grafen von Orgaz, beide lange bekannt als gefährliche
Maurenfreunde, für den Bund gewonnen. Ein Großteil der Hidalguia ist
geneigt, den heißen Einflüsterungen Gehör zu geben.“
Isabella erbleichte. „Ximenes -- rettet uns!“ Tränen glänzten in ihren
Augen. Der furchtbare Eifer des Priesters bestach ihr Gemüt, und hätte
er ihr blutige Leichen zum Geschenk gemacht, sie hätte über dem Spender
seine Grausamkeit vergessen.
„Gebt mir blindes Vertrauen zu der Zweckmäßigkeit meiner Handlungen,“
forderte der unerbittliche Kanzler. „Und laßt Lucero handeln. Sein
geschickter Eifer wird den weltlichen Handel in einen geistlichen
verkehren.“
„Verhaftet Osuna und Orgaz!“ befahl der König mit scheinbarer
Gewichtigkeit.
„Noch rate ich nicht dazu. Die Anhaltspunkte sind zu gering. Wir müssen
den Verdacht zur Gewißheit machen, müssen Schuld auf Schuld häufen und
dann die Eisen zuschlagen lassen. Nur eines, Hoheiten: fallt uns nicht
in die Arme, wenn wir den Grafen de Mora der weltlichen Gerechtigkeit
übergeben.“
„Relaxierung?“ fuhr der König empor.
„Wir können nicht mehr daran vorbeigehen. Seine Verfehlungen sind keine
Vergehen de levi mehr. Es ist beinahe erwiesen, daß die Befreiung des
Imam Abu Atir durch seine Sorglosigkeit, wenn nicht durch sein Dazutun
möglich geworden ist. Er wollte wohl, ein zweiter Graf Julian, durch
diesen gefährlichen alten Scheich die Mauren aus dem Maghreb zu Hilfe
rufen, um Boabdil wieder einzusetzen. Empörung gegen den König heißt
das andere Verbrechen, das weltliche Richter zu verurteilen hätten,
wenn nicht schon das größere Verbrechen der Ketzerei die Vernichtung
des Schuldigen durch die Kirche fordern würde. Der Graf hätte heute die
Folter erleiden sollen. Wir müssen damit zuwarten, bis Lucero zugegen
ist. In drei Tagen kann dann der Prozeß zu Ende sein. Die Bestätigung
durch den Supremo in Toledo dürfte längstens in einer Woche erfolgen.
Deza wird nicht zögern, ganze Arbeit zu tun. Dann naht Ostern, und
wir können das Fest verherrlichen durch die öffentliche Verdammnis
der zusammengesparten Ketzer. Es sollen an die fünfzig leichte Fälle,
fünf schwere sein. Der Graf führt den traurigen Reigen an. Vor Gott
gilt sein Adel nicht mehr, er ist getilgt aus dem Buch der göttlichen
Ehre und eingetragen in das der Schmach. Rachedürstend könnte sich der
andalusische Adel gegen die Macht wenden, die er als Schirmerin des
heiligen Gerichts erkennt: die Krone.“
Fernando ließ den stahlkalten Blick ins Leere gehen. „Ihr bereitet also
zu Ostern ein Autodafé?“
„Verherrlicht es durch Eure Gegenwart,“ bat der Primas.
„Nimmer!“ rief die Königin bestürzt aus. „Wir können nicht Menschen
brennen sehen.“
„Ketzer!“ klang die eisige Berichtigung aus dem Zelotenmund. „Sie haben
Menschliches von sich geworfen. Wer Mitleid mit ihnen hat, übt es auch
leicht gegen ihre Taten. Es würde der heiligen Inquisition zu größerm
Ansehen gereichen, wenn selbst die Könige der Verdammnis beiwohnten.“
„Schont mein Gemüt!“ bat inbrünstig und händeringend die Königin.
„Auch ich bitte drum,“ sagte Fernando. Er hatte Angst, in die
sterbenden Augen jener zu schauen, die zu retten seine königliche
Macht zu klein war. Mit einem Stachel im Herzen fühlte er der Kirche
Riesenkraft über seine Krone wachsen, aber er hatte keinen Beistand,
dieses Wachstum zu verhindern, denn er selbst hatte den Adel, den
einzigen, der ihm helfen konnte, zur Ohnmacht verdammt.
Ximenes bebte am Leibe. Dickwülstig traten die Adern auf der Stirn
hervor. „Es ist schade um dies große Schauspiel, das Ihr dem gläubigen
Volk entzieht. Allein ich weiß die Seelenfurcht, die zarte Regung
königlicher Naturen, zu würdigen und will den Andalusiern nicht den
Anblick der besinnungslosen Herrscherin vermitteln. Doch als Ersatz
verlange ich ausreichende Vollmacht.“
Der König zögerte. „Noch einmal, Primas, bedenkt es wohl: der Geist,
den Ihr in diesem einen Menschen tötet, lebt vielleicht in den andern
fort, und was der Stürmer selbst nicht vollendet, vollbringt die Trauer
um den Mann.“
„Wir wollen es erproben, königliche Hoheit. Ist es an dem einen nicht
genug, so fallen mehrere Köpfe. Der Schrecken schafft die Ruhe, die wir
brauchen.“ Mit soldatischer Wuchtigkeit unterbreitete er den Herrschern
sein letztes Mittel. „Wir haben die katholischen Spanier, die Städte
hinter uns -- die neugefügte Macht muß doch auch Gelegenheit haben,
sich zu bewähren. Und hilft auch das nicht, hilft zuletzt ein Wunder,
man muß die Leute nur dran glauben lassen.“
Die Königin durchschauerte es. „Ximenes -- wollt Ihr das alles -- mit
dem heiligen Evangelium verantworten?“
Der Primas streckte sich in den Gliedern. „Die Kirche über dem heiligen
Evangelium! Wie bekennt der heilige Augustinus? ‚Ich würde selbst dem
heiligen Evangelium nicht glauben, wenn nicht das Ansehen der Kirche
mich dazu zwänge.‘ Hoheit -- für dieses Ansehen der Kirche ist kein
Opfer zu groß.“
„Gott erhalte Euch uns lange,“ sagte der König tiefbewegt. „Wir
könnten mit unserer schwachen Urteilskraft so viele Leichname nicht
auf uns nehmen. Geht und handelt, wie es Euch Euer stärkeres Gewissen
vorschreibt.“
Von den Schauern der eigenen Größe umweht, verneigte sich Ximenes vor
seinen Puppen.