Sie schrak zusammen. „Das -- könnte er -- wieder tun?“

Der Mönch zuckte die Achseln. „Der Mauren Halsstarrigkeit enthebt ihn

der Milde.“ Sein Blick pfeilte auf ihren Fuß.

Sie bemerkte es, und von Grausen gepackt, schob sie unwillkürlich ihren

Leib etwas von ihm weg. „Was habt Ihr -- mit dem Grafen -- gemacht?

Habt Erbarmen mit mir -- Ihr müßt es wissen. Was ist sein Schicksal?“

„Bewundernswerte Liebe, die nicht nach dem eignen Schicksal fragt. Ich

sehe, Ihr leidet mit ihm, wie er mit Euch.“

„Er fragte nach mir?“ loderte sie auf.

Der Vikar nickte. „Und band Euch sein Schicksal auf die Seele.

Ihr könnt es erleichtern. Zum erstenmal breche ich das Verbot der

Inquisition, indem ich Euch Nachricht von ihm gebe. Er dauert mich wie

Ihr.“

„So ändert unser Schicksal.“

„Das wird schwer sein, ohne das heilige Offizium bloßzustellen. Es irrt

nicht gern vor der Öffentlichkeit.“

„Und deshalb, Priester -- müssen wir -- unschuldig leiden?“ Sie warf

mit aufgerissenen Augen ihr Entsetzen vor ihn hin.

„Ihr leidet nicht unschuldig. Eure Seele ist vom alten Glauben

verpestet, Eure Worte damals waren wucherndes Unkraut in der reinen

christlichen Saat, die ich in Euer Herz gelegt hatte.“

„O Herr und deine Engel! Alles, alles nehme ich zurück, wiewohl ich ja

gar nicht weiß, was ich gesagt habe.“

„Man wird es Euch beim Verhör vorhalten. Aber -- es treibt mich noch

ein anderes zu Euch, Doña Maria.“ Sein Ton wurde gedämpft. „Ihr habt

in meinen Händen ein leeres Blatt Papier zurückgelassen, das von einem

Schatz Eures Vaters sprechen soll.“

„Ihr habt es mir genommen, als ich ohnmächtig von Euch geschleppt

wurde.“

„Damit es nicht Unheil in fremden Händen anrichte. Sagt mir den

Schlüssel zu dem Geheimnis.“

„Bis Don Pedro de Solar und ich frei sind.“

„Ihr habt leider kein Recht mehr, solche Bedingungen zu stellen.“

„So erfahrt Ihr nichts,“ sagte sie hart.

„Das tut mir um Euretwillen leid. Auch stünde es in diesem Falle

schlecht um den Grafen de Mora.“

„Warum ihn büßen lassen, was ich verschulde?“ jammerte sie auf.

„Er wird um das Geheimnis wissen --“

„Er weiß nichts,“ beschwor sie in namenloser Angst.

„Wir haben Mittel, ihn zum Sprechen zu bringen. Wollt Ihr ihn leiden

sehen, wiewohl Ihr helfen könntet?“

„Ihr wollt ihn --? Ha! Adhab! Die Folter?!“ Der Entsetzensschrei jagte

wie ein Sturmstoß aus ihrem Innern. Und dann quollen die Tränen wie

glühende Lava aus ihren Augen.

Unerbittlich peinigte der Mönch. „Und Ihr werdet dabeistehen müssen,

und seine Qual wird Euch das Herz zerreißen.“

„Er kann doch nichts gestehen, weil er nichts weiß,“ wimmerte sie.

„Er wird nicht lange widerstehen können.“

Doña Maria wand ihren Leib in Qualen. „Und wenn ich Euch das Geheimnis

verrate, ist er -- frei?“

„Das hängt noch von manch anderm ab. Die Inquisition irrt nicht gern,

sagte ich. Man müßte mühevoll neue Gründe suchen, ihn zu entlasten.“

„Ihr habt Gründe gefunden, ihn schuldig zu machen, Ihr werdet Gründe

finden, ihn wieder schuldlos zu sehen. Wollt Ihr meines Vaters Schatz

haben? So müßt Ihr mir denn bei Gottes Dreieinigkeit versprechen, ihn

und mich freizugeben. Wir kehren Spanien den Rücken, ziehen übers Meer,

um Euch nicht mehr zur Last zu fallen.“

„Der Wille der Inquisition ist eine Macht, die auch auf Entfernungen zu

wirken vermag.“

„O gräßliche Macht der Christenliebe!“ rief Maria verzweifelt aus.

„Sie scheint nur gräßlich, doch sie behütet den Friedfertigen vor den

Tücken des Ungläubigen.“

„Bei dem Erbarmer, der uns alle richten wird -- helft mir, guter,

lieber Pater -- versperrt uns nicht die Pforten der Seligkeit.“ Sie

schluchzte ihre Qual in seine Hände hinein, so daß ihr gebeugter

Nacken, von den schwarzen Locken umringelt, vor seinen saugenden

Blicken lag.

„Euch und ihm kann geholfen werden,“ sagte der Mönch leise, von den

Schauern der selbstgenährten Hoffnung bewegt.

Ihre tränenverglänzten Augen lechzten nach seinen Lippen, von denen das

erlösende Wort kommen sollte.

„Hört. Morgen wird er in die Folter gelegt.“

„Herr über den Sternen!“ Mit einem langgezogenen Wehlaut sank ihr Haupt

auf die Brust.

„Nur blutenden Herzens legt ihm die Inquisition die Qual auf. Man

schleppt ihn von Marter zu Marter. Man wird seine schönen Glieder

strecken auf der Escalera und ihm die Toca, den wassergefüllten Knebel,

in den Mund stecken. Er kann sich glücklich schätzen, so zu leiden,

denn es sind die Passionswerkzeuge des Herrn, unter denen er seufzt.“

„Henker -- das alles -- um Christi willen?“

„Die Garrucha wird ihm die Gelenke zerbrechen --“

Da warf Maria ihren Leib an seine Brust. „Teufel -- was soll ich dir

geben, um ihn zu retten? Das Gold des Tibar? Den Phönix von Damaskus?

Soll ich dir den Atlas durchwühlen, daß deine Hände satt werden?“

Mit bebenden Händen hielt der Dominikaner ihren Kopf, das herrliche

Beutestück seiner Jagdkunst. Er sah in ihm des Teufels Versucherstück,

dem seine Verderbtheit doch nicht mehr widerstehen konnte. Pflicht,

Mitleid, Priesterhoheit und Menschlichkeit versanken in den Abgrund

der Verruchtheit. Sein keuchender Atem jagte wie Glutwind über ihre

angstgespannten Augen hin, und seine Knie bohrten sich in wühlender

Wollust in ihre zitternden Schenkel. „O speise mich Hungernden und labe

mich Dürstenden,“ würgte er stöhnend heraus -- „mit diesem deinem Leib

speise und labe mich! Engel werden Wache halten bei dem Brautbett der

Liebe!“

„Rasender -- wenn ich schreie!“ lohte ihre Angst auf.

„Dann bringt dich die Wache als tobsüchtig in einen strengern Kerker.“

„O welche Mutter gebar dich, Teufel? Welcher Auswurf zeugte dich? Ich

schreie mich unter deinen Griffen zu Tod.“

Er hielt ihre Hände fest. „Ich flehe zu dir, ich, hörst du, schöne

Gazelle, ich, der Inquisitor von Granada -- mit jedem deiner

Angstblicke wirfst du eine feurige Lohe in mein Gebein!“ Er schleuderte

seinen Leib vor ihre Knie hin und zuckte mit den Händen nach ihren

Gliedern. „O stärke mich Ausgestoßenen von der Tafel mit den Wonnen

deiner Schönheit, gib mir die Brosamen deines Reichtums, den ein

anderer genoß, laß mich nur nippen an dem Becher, der für den

andern überquillt -- o diese Augen, erfüllt von dem Glanz trunkener

Liebesnächte -- diese Lippen, hergeschenkt in Küssen der Wollust,

blutend von der Hingabe an ihn -- reich’ mir den letzten Rest, den

deine Seele aufzubringen vermag, oder fülle sie mit neuer Gier und

brennenden Wünschen -- sieh, ich will deinetwegen alles von mir werfen,

was priesterliches Gebot in mir zur unerträglichen Last aufgehäuft hat,

ich weiß Mittel, dir zu dienen und dein Herz mit Freude zu erfüllen,

ich will mich kreuzigen lassen von dir, wenn es deine wilden Wünsche

begehren --“

„O Mensch -- Tier -- Sohn der Nacht und der Verdammnis -- wofür hältst

du mich?“ In ihrem Auge starrte das Grauen.

„Du sollst die süßeste Nonne werden und auf den Pfühl höchster Wonnen

steigen. In den wilden Bergen von Monserrat zwischen den steinernen

Wächtern der Felsen liegt ein Kloster, wo ich Aufnahme finden kann.

Es ist kein Grab, in das ich steige. In der Nähe des heiligen Retiro

liegen die einsamen Nonnenzellen der Büßerinnen in Fels gehauen.

Neben dir starrt der Totenkopf, das Sinnbild der Buße, und dein Geist

atmet Gottes Odem; aber auch mir bist du nahe in deiner schönen

Menschlichkeit, ich besuche dich täglich, deines Herzens heimliche

Beichte zu hören, und schmücke dich heimlich mit Rosen, den Sinnbildern

der Liebe, und kommt die Nacht, dann trage ich dich vor den Altar

Gottes und beschwöre das Vermählungswunder herab im Wehen des Herrn. So

wie der Busch auf Horeb in Flammen stand und doch unverletzt blieb, so

wird auch deine Reinheit in den Flammen der Priesterliebe unverletzt

bleiben.“

Seine glühenden Worte fielen auf ihr wundgepeitschtes Herz wie

brennende Pfeile. „Satan -- fürchtest du denn nicht meinen anklagenden

Schrei vor dem heiligen Tribunal?“

Leon malmte unverständliche Worte zwischen den Lippen. Sein Blick

wich schief in eine Ecke aus. Dann sammelte er seine zerstückelten

Gedanken. „Man wird dich für wahnsinnig halten -- Weib, du kennst unsre

Unfehlbarkeit nicht. Beuge dich vor ihr, sonst brichst du zusammen.

Ein Wimpernzucken von mir wirft dich in das dunkelste Gelaß, wo deinen

Geist der Wahnsinn zerstückelt.“

Das Entsetzen rollte ihren Leib zusammen. Finstre Flügel schlugen um

sie, und sie fühlte den dampfenden Hauch des Peinigers über ihren

Nacken wehen. „Ich -- will -- dir -- meinen Leib -- morgen -- geben --“

„Morgen liegt Don Pedro de Solar auf der Folter -- hab keine Angst --

die Wache hält am fernen Ende des Korridors --“

„Und wenn ich dir alles gebe -- ist Don Pedro -- frei?“

Der Mönch nickte schwer mit geschlossenen Wimpern. Hinter der hohen

Stirnwand lauerte schon die Tücke. Er griff in sein Kleid, und in

seinen Fingern raschelte Pergament. „Hier trage ich den Freibrief für

dich. Dein Wille gibt dir die Freiheit. Mit diesem Brief kannst du

unbehindert die Wachen passieren.“ Sein Atem keuchte ganz nahe an ihr.

Reija überlief es wie heißer Wüstenwind. Freiheit! Ihr Auge loderte

auf. „Gib mir den Brief!“

„Bis dein Leben und Lieben mein ist!“

Sein Gesicht war von Leidenschaft zerrissen, die Finger zuckten,

keuchend wand er seinen Leib vor ihr und flehte mit unartikulierten

Worten, in denen die bis zum Sieden gesteigerte Brunst röchelte, um

Erhörung. Sein Mund fieberte nach dem Salz ihrer Tränen. „Gib -- gib

-- sonst fordere ich deine nackte Schönheit anders vor meine Blicke!

Willst du dich sehen im Sanbenito mit der Coroza auf dem Kopf, den

Strick um die Hüften, hinter dem grünen Kreuz zur Verdammungsstätte

wanken? Willst du dich stehen sehen am Pfahl gebunden auf dem Quemadero

als Herege condenado, zu deinen Füßen das Holz geschichtet?“

Ihre Qual wimmerte aus der geschnürten Brust.

„Und doch entginge mir der Anblick deiner herrlichen Blöße nicht, denn

ich müßte dich vorher auf die Escalera spannen lassen --“

„Würger -- mich foltern lassen -- eine Königstochter?“

„Weltwürden sinken in den Staub vor unsrer Macht. Und wolltest du

deinen Leib auch in den Mantel deines Haares hüllen wie jene heilige

Agnes, die Henkersknechte würden diesen Mantel versengen, bis deine

Brüste vor uns dampfen.“

Maria perlte der Schweiß von der Stirn, aber sie spürte, wie die

Verzweiflung Kräfte in ihr auszulösen begann.

Noch glaubte der Dominikaner seelische Gewalt über sie zu haben. „Du

zögerst noch? Glaubst noch zu entkommen? Wir jagen dich in verwirrende

Fragen, in Widersprüche, denen du nicht gewachsen bist, und dann bleibt

nichts übrig als die Folter -- gemeine Augen werden sich an deiner

entkleideten Schönheit weiden -- oh, es ist nicht auszudenken, Perle

meines Herzens --.“ Er würgte seine Tierheit heraus, jeder menschliche

Gedanke zerbrach. Er hörte nicht das Zähneklappern und Heulen der

Hölle, er sah nicht, wie sich in dem gepeinigten Weibe, das er schon

sein wähnte, die Kraft zur Rächerin und Richterin gebar. Mit dem

trunknen Gang des Brünstigen näherte er sich ihr. „Der Löwe -- der die

heilige Martina zerreißen sollte -- küßte ihr die Füße -- laß mich die

deinen küssen -- komm -- komm -- das Eis deiner Tugend soll das Feuer

meiner Leidenschaft schmelzen -- Delila!“

In dem heftigen Ringen um ihren Besitz hatte sich sein Kuttenstrick

gelöst und flatterte nun mit einem Ende zu Füßen der Gemarterten hin.

Da weiten sich ihre Augen -- gräßliche Gedanken springen sie wie

Hyänen an -- in ihr wächst es empor, steigt zum Herzen, zum Hirn --

wie Skorpionenstiche brennen die Küsse auf ihrer Haut -- da wird ihr

Fuß zur Waffe, er hebt sich empor -- schleudert sich auf die Natter --

„Delila über dir!“

Leon taumelt -- fällt -- und wie zwei lechzende Flammen greifen Reijas

Arme nach dem Strick -- werfen ihn um den Hals des stöhnenden Tiers

-- mit geschlossenen Augen zieht sie würgend die Schnur zusammen. Ein

grauenhaftes Gurgeln, das ihre Ohren zu zerreißen droht -- „Meduse --

Me--du--se --“ Dann Stille -- herzmarternde Stille. Endlos rinnt die

Zeit durch die Pulse der Würgerin ... Gelenke und Muskeln beginnen zu

schmerzen -- die Stille geht in ein Sausen über, das ihre Hirndecke

zersprengen will -- ihr ist, als zöge jemand an ihrem eigenen Hals ein

Tau zusammen --

Da öffnet sie die Augen. Im matten Lichtgerinsel der Kerze sieht sie

das Untier verendet liegen. Ihre Gedanken dehnen sich. Ist das nicht

Iblis, der Höllengeist? Funken wirbeln vor ihren Pupillen -- sie

greift langsam nach dem Körper -- sein Gesicht ist verzerrt, um den

wollüstigen Mund geifert noch der Schaum, die Nase ist spitzer denn

sonst, die Augen sind gläsern starr -- der Anblick schauert in ihr

Gebein. Da steigt es groß in ihr auf: Zittre nicht -- du hast einen

Wolf getötet. Was du sprichst, hallt in einen toten Leib -- du darfst

sagen, wie du ihn gehaßt und gefürchtet, und er wird mit keiner Wimper

mehr zucken. Seine Seele flattert dunkelwärts den Riesenschatten

Sukuums entgegen -- der Scheitan reißt ihm die Glieder ab -- er war

ein Fethin, ein Verführer -- ich habe mich gegen die Pranke der Hyäne

gewehrt. Er zerbarst wie der Drache Daniels an seinem Gift.

Sie wirft trotzig den Kopf in den Nacken zurück, als wollte sie die

Angst damit verjagen. Nun werden sich seine gierigen Hände mit Erde

füllen und Granada -- nein, die Welt ist von Iblis, dem irdischen

Teufel, erlöst. Ihre Rachegedanken liegen wie in einem stillen Gebet

erstarrt.

Da reißt sie ihren Leib empor. Im nächsten Augenblick können sie sie

greifen. Vor ihren Augen zucken blutige Martern auf -- die heilige

Agatha mit den abgeschnittnen Brüsten -- oh, wenn christlicher Haß auf

ihre blühende Schönheit spränge! Sie schreckt empor. Auf ihrer Zunge

liegt salzigwarmer Blutgeschmack, den sie ausspeien muß. Noch ein

kurzes Munadschat jagt sie himmelwärts. Handeln, handeln! schreit der

gute Gott in ihr. Ich werde ihnen sagen, er wollte mich schänden, und

ich habe ihn erwürgt. Wer wird mir glauben? Man wird dem Toten mehr

glauben als der Lebendigen.

Sie läuft zur Tür und lauscht hinaus. Draußen unheimliche, eingefrorene

Stille, die den Atem erstickt. Kein Schritt der Wache.

Da flüstert ihr Gottes Engel zu: Den Freibrief! Der Gedanke reißt sie

zu Boden, dicht an die Seite des toten Menschenklumpens. Sie zerrt das

rettende Papier aus seiner Kutte, und ihre Augen glühen die spanischen

Buchstaben an. Freiheit! Freiheit! Sie steht mit wildjagenden Brüsten

da und horcht in das schwüle Nichts. Ihr ist, als stünde sie in einem

Grab. Sie legt zitternd dem Toten die Hände auf der Brust zusammen,

langsam, ganz langsam, als fürchtete sie sich, die steifen Finger

zu zerbrechen. Nun schreitet sie zur Tür, ihre Haltung strafft sich

mählich, ihr Körper wächst -- sie öffnet die Tür, versperrt sie hinter

sich und taucht in das Halbdunkel des Korridors.

Aus einem trübselig erleuchteten Winkel eilt der Wächter herbei. Reija

weist ihm furchtlos den Freibrief.

Der Soldat prüft Siegel und Unterschrift und nickt. „Don Leon?“ fragt

er kurz.

„Betet für mich in meiner Zelle und will nicht gestört werden.“

Bedächtig nickt der Wärter und tappt schwerschrittig nach der

Tür. Unterdessen steigt Reija mit gezwungener Gemessenheit die

nächste Treppe hinab, an einzelnen Wachen vorbei, denen sie das

Entlassungsdokument zeigt. Man läßt sie unbehelligt durch. Im Schein

trüber Öllampen liegt der Kerkerhof vor ihr. Wieder Wachen. Da vorn

ein Tor. Die letzten zwei Posten lassen sie unbedenklich passieren.

Reijas Herz rast in wildem, zerstörtem Takt, und bleierne Gewichte

zerren daran. Sie kann es nicht fassen, daß sie auf einmal auf der

Straße steht. Vor ihr starren die bekannten Mauern des Elvirators.

Hinter ihr liegt das Haus des Grauens, über ihr ein sternfunkelnder

Nachthimmel. Wie eine sturmgefegte Flamme rast sie zwischen

graubleichen Mauern dahin, bis sie Blei in den Sehnen spürt. Da taumelt

sie einem Kastanienbaum zu, dessen Stamm ihre Arme umklammern. Ihre

Kehle dampft von erstickender Hitze, jede Fiber droht zu zerreißen.

Das unheimliche Gehäuse der Nacht ist menschenleer. Über den Gräsern

weht Verwesungshauch, schaurig flüstert der Wind in gespenstischen

Aloestauden. Eine Katze schießt kreischend aus einem Gesträuch --

Reija glaubt vor Schreck zu vergehen, überall narren sie Dämone und

Dschinnen. Eisenschwer hebt sie nun Fuß für Fuß vorwärts, in ihrem Hirn

tobt nur ein Gedanke: nach dem Alkazar! Saffana wecken! Das Roß satteln

-- fliehen! Jeder Atemzug bereitet ihr körperlichen Schmerz, jedes

Schlagen des Herzens ist von Angst durchstürmt, und so wankt sie bergan

durch dunkle Gassen nach dem Mauerschatten des Albaycin. Die kreisenden

Gestirne über ihr bringen sanftere Schwingungen in ihr Hirn.

Stumm liegen die engen Steilgassen des Maurenviertels vor ihr. Aus

irgendeinem Winkel stöhnt Leid, aus geheimnisvollem Dunkel löst es sich

los und stürmt über sie. Sie steht und starrt in ein Nichts. Lauert da

drüben in der Ecke nicht ein Tier? Greift nicht aus der Finsternis eine

gräßliche Kralle nach ihr? Sie liegt in den Gespinsten ihrer erhitzten

Phantasie. Segen des Lichtes, wo bist du? Sie tappt sich weiter von

Haus zu Haus, stolpert unzählige Male, schleppt sich wieder vorwärts

-- da tauchen die Zinnen der Alcazaba auf -- sie ist am Ziel -- wie

ein totgehetztes Wild schlägt sie vor dem Tor zu Boden -- hinter ihrer

Stirn braut die Angst gespenstische Schatten der Verfolger zusammen,

geißelnde Hiebe fallen auf ihren Rücken -- sie hat noch die Kraft, mit

den Fäusten gegen die eisernen Torflügel zu donnern, dann schwindet die

Besinnung. Wie von einem Sturmstoß niedergefegt, liegt sie da. In ihrem

Ohr schlagen Donnerkeulen des Himmels nieder.

Malik Ben Hossaim, des Imams todgetreuer Diener, öffnet -- erschrickt

-- er will den ohnmächtigen Frauenleib aufrütteln -- da starrt er in

das schwarze Gewoge des entfesselten Frauenhaars, das über die Schulter

stürzt. Er schreit in das schweißnasse Gesicht: „Allah akbar! Werda!“

Und Tränen rinnen über die ledrige Haut. Er trägt den flaumweichen

Körper auf den Armen ins Haus, hinauf in das Frauengemach, wo Saffana

aus dem Schlaf torkelt und mit einem Wahnsinnsschrei die geliebte

Herrin an die Brust bettet. Wasser, Balsam, Salben, Öle bringen das

halberlöschte Leben zu sich. Schreckerfüllte Augen starren auf die

liebkosende Hand. „Rosse! Schafft Rosse!“ stöhnt es sich heraus.

Saffana kreischt auf. „Werda! Dein Leib ist matt wie eine Fliege -- wie

bist du heraus?“

Reijas Brust ist von heißem Schluchzen zerrissen. Dann wirft sie der

Sklavin stoßweise das Geschehene hin. Diese reißt die Augen auf. Die

Gefahr macht sie wissend. Wenn der Morgen naht, ist das Verbrechen

entdeckt. „Wo sollen wir hin?“

„In die Höhle von Cañor.“ Reijas Brust belebt sich. „Malik und du --

rafft alles Geld zusammen -- ein paar Geschmeide --“

In ein paar Augenblicken ist alles bereit. Drei Pferde stampfen im

Sahat unter verblassenden Sternen den Kies. Von Rosenhauch durchwürzte

Morgenluft weht um die Stirnen der Fluchtbereiten. Saffana spielt die

Herrin, auf ihrer Brust leuchtet das Christenkreuz in Opalen. Reija

trägt einen Gelehrtenburnus über ihrer Seide, das Haar vom roten,

turbanähnlichen Tuch umhüllt. So sitzen sie auf. Vor ihnen reitet

sichernd und scharfäugig der aschgraue Haushüter Malik Ben Hossaim,

gewillt, jeden Widerstand einer spanischen Wache mit dem maurischen

Schwert zu brechen. Die Frühschauer frösteln durch die Frauenleiber.

Das Tor knarrt, und vor ihnen bleichen die Häuser der Dämmerung

entgegen. Da und dort huscht ein Menschenschatten über klirrende

Scherben, hält im Fliehen inne, bestaunt die Reiter und schießt dann

wie ein Fisch in ein Winkelwerk hinein. Dann wieder schauert das

Geheul eines Wachhundes in das Mark der Fliehenden. Und wieder ein

dumpfhallender Tritt, als schritte jemand durch einen Torweg. Ein

heiserer Hahnenschrei, der den Morgen erwittert.

Über der Sierra Nevada liegt ein fahler, ungewisser Schein, aus dem

sich die Frühe gebären soll. An bestaubten Gartenmauern geht es vorbei,

hinein in dunklere Gassen, die mit dem Geruch von Öl, Henna, Knoblauch

und Orangen vollgesogen sind, dann hebt sich der Alhambrahügel aus dem

Halblicht, und der Schatten des Mühlentors geistert vor den Pferden.

Dort verneigen sich die Wachen vor dem Kreuz an Saffanas Brust und

öffnen die Flügel. Im blassen Grau dämmernder Frühe liegt die Stadt

maurischen Heimwehs hinter den Gehetzten.

Reija läßt die Rosse in der schweigenden Einsamkeit halten und

blickt zurück. In einer Stunde vielleicht wird der Mordschrei diese

Gassen füllen, und man wird hinter ihr herrasen. Vorwärts also! Die

Pferde jagen in gestrecktem Galopp wie die Tiere der Hedschra, als

trügen sie die prophetentreuen Gefährten. Da drüben -- gelblichrotes

Gestein -- der Hügel von Padul breit hingelagert. Noch einmal halten

die Rosse -- es ist die Stelle, wo Boabdil über sein verlorenes

Granada weinte. Hier schluchzt auch sein Kind sein Leid aus. Aber

die Tränen gelten dem Geliebten, der hinter den Mauern furchtbaren

Tagen der Qual entgegentrauert. Ob er erfahren wird, was geschehen?

Ob dieser Priestermord sein Schicksal ändern wird? Ist dieser Tod

zugleich der Tod der Inquisition? Das Tribunal hat Hydraköpfe, und ihr

entsetzliches Wesen ist unabhängig von dem Leben eines Menschen. Wie

viele Inquisitoren steinigte die Menge! Namen schwirren auf -- die

Dominikaner Planedis, Castelnau, Cadirete, Arbues -- was half der Mord

dieser glaubenstollen Gehirne? Die Inquisition lebt!

Aber Reijas Herz stärkt sich in dieser Morgenfrühe auf der Höhe

zwischen der Stadt und dem Hochgebirge. Ein Gedanke wandelt sich zum

Schwur: Ich muß ihn retten! Und sie wirft sich auf die durch Leid

geheiligte Erde nieder, mit dem Antlitz nach Mekka. Ihr ist, als

sänke die Schwere der Welt vor ihren Augen, und sie fühlte sich auf

Flügelschlägen der Gottheit emporgetragen. Verzückt steigt sie aufs

Pferd und jagt, daß der Burnus um die Flanken des Tieres flattert,

allen voran wie ein führender Engel Gottes. Sie preßt die Schenkel an

das Pferd, daß die Muskeln schmerzen, und bald schäumt dem edlen Tier

der Geifer ums Maul. Reijas Augen erschauen im Morgendämmer schon die

durch Maurennot geheiligten Felsenwälle der Alpujarras. Wie hinter

Nebeln die silberne Sonne zittert und den leuchtenden Tag kündet, so

schimmert hinter den Morgendünsten der Felsgrat der Loma de Veleta,

eine Fata Morgana der Hoffnung. Dort hoch oben, vielleicht schon

erstrahlend im rosigen Licht, liegt ihr Ziel: die Höhle von Cañor.

Vor ihnen Goldglut, in die die schweißtriefenden Rosse stürzen. Durch

weißgebrannten Staub zwischen Gärten und Feldern geht’s dahin, und

die abgearbeiteten Lungen der Pferde dampfen und keuchen. Da und dort

abseits der Straße ein Dorf, ein krenelierter Turm, dann wieder kahle,

gluttrinkende Höhen. Hundegekläff schreckt Tier und Mensch auf. Die

Stirnen der Flüchtenden kämpfen gegen den Heißwind, oft stockt der

Atem, Reijas Herz spannt sich in Angst, wenn ab und zu aus den Häusern

die neugierigen Gesichter stürzen, um der seltsamen Jagd nachzugaffen.

Die Möglichkeit des Verrats schlägt in ihr Gemüt und wirft es in

Bängnis. Dann verkrallen sich wieder ihre Gedanken in das einförmige

Getön des trabenden Hufschlags. Aus den Bergen fällt ein Schuß, den

vielleicht der Hunger oder der Haß getan. Rasender wird der Schrecklauf

der Rosse. Reija hängt nur mehr wie ein hingewehtes Blatt am Hals

ihres Pferdes. Sie spürt Funken in ihrem Leib sprühen, die nach ihrem

Herzen zielen, als wollten sie es verbrennen.

An den Talwänden Hürden und Herden, Felder und Ölbäume. Dann

ansteigender, bestaubter Weg -- durch die blühende Gartenpracht von

Lanjaron, die Kornkammer der Mauren, schleppen sich die todmüden

Pferde -- jetzt -- o seid gegrüßt, ihr Hänge der Loma de Veleta!

Ihr Maurendörfer Haus an Haus -- Cañor da oben! Reija hat noch die

Kraft, den Jubelruf in sich zu hören -- dann bringt sie mit schwachem

Zügelruck das Tier zum Stehen -- die Sinne schwinden ihr -- sie fällt

in die starken Arme Maliks herab, der ihren Leib unter einem Olivenbaum

in das staubgraue Gras gleiten läßt. Unter der armen, leidverfolgten

Stirn beginnt ein wilder Traum zu jagen.

Granada in Flammen · 第 137 / 190 题