Dreiunddreißigstes Kapitel

In der Nähe des Elviratores stand das Gebäude des Inquisitionskerkers.

Ringsumher leuchtete es vom buntgesprenkelten Grün der Frühlingsgärten.

Aber von der lodernden Pracht Gottes fiel kein Schimmer in die

Düsterheit des Gefängnisses. Geruch wie von verfaultem Stroh, dunkle

Gänge, sonnenlose, kleinfenstrige Zimmer, Mauern, aus denen es feucht

hervorquillt, tappende Schritte der Wachen, eintönig und schwer,

Gefluche aus irgendeinem Kerkerloch -- so sieht der Ort aus, wo jetzt

ein Königskind schmachtet. Das Zimmer der Doña Maria de Calabreña war

freilich reiner und heller als die andern, aber außer einem einfachen

Lager, einem Stuhl und einem Tisch war nichts vorhanden. Wenn Maria den

Tag verweint hatte, schreckte sie am Abend der wehklagende Gesang ihrer

Sklavin Saffana auf, die schmerzerfüllt in der Straße vor dem Gefängnis

umherlief und um ihre Herrin schluchzte. Dann hörte Maria, wie Soldaten

die Getreue vertrieben.

Trotz der guten Behandlung und Verpflegung zerbrach die Verzweiflung

ihren Körper, der schmäler und magerer wurde. Sie getraute sich nicht,

nach mohammedanischer Art zu beten, obwohl sie nach der alten Weise

lechzte, die ihr Leben einst freundlich behütet hatte.

Umsonst fragte sie nach dem Schicksal Don Pedros de Solar. Und

sie fragte bei Gott an, was sie denn mit ihrer übergroßen Liebe

verschuldet, um so leiden zu müssen. Es blieb still in der unsichtbaren

Höhe. Und da hatte sie Mühe, ihre Sinne zu bewahren.

Ein dunkler Abend nach einem hilflos verjammerten Tag. Schweißgequält

liegt Doña Maria auf dem Lager. Sie versucht sich wieder Gott zu

nähern. „Vor deinem Willen ist meine Einfalt ein schwaches, krankes

Ding. Reiche mir den Wein der Erquickung, laß deine Engel ins Horn

stoßen, daß sie die schrecken, die an ihm und mir sündigen.“ Von

Wahnvorstellungen gepackt, warf sie den Kopf empor. „Ich sehe Schilde,

funkelnde Schwerter -- Gottes goldne Engel steigen herab -- Engel --

Engel --“

Da knarrte die Tür. Vor der Gefangenen stand der Vikar Pater Leon.

Marias Verzückung verlosch wie die Flamme unter dem Wassersturz. Mit

weit aufgerissenen Augen starrte sie den Herrn über ihr Schicksal an.

„Die barmherzige Kirche schickt Euch den Friedensgruß des Apostels.

Ängstigt Euch nicht, Doña Maria.“ Er setzte sich zu ihr auf den Rand

des Bettes. „Wollt Ihr nicht beichten?“

Wie gelähmt saß sie da, alles Denken in ihr mußte erst in Fluß kommen.

„Ob Ihr beichten wollt?“

„Mann -- o Mann Gottes -- was hab’ ich denn begangen?“ quälte sie ihr

Leid heraus.

„Mein Amt ist schwer, Doña Maria. Der Inquisitor lebt von seinem

glaubenstreuen Herzen. Ich mußte so handeln nach Euern ketzerischen

Worten, die wie Gift von Eurem Munde tropften. Noch ist die Anklage

nicht aufgesetzt. Bittet Euern guten Engel, daß er Euer Gewissen

stärke und Euch ruhevoll in die Arme der Kirche zurückführe.“ Und er

berührte ihre verschluchzte Schönheit mit seinen versuchenden Blicken,

unter denen sie zusammenzuckte. Schwer ging sein Atem. Der natürliche

Wohlgeruch ihrer Haare schlug in seine Sinne, und die Angst, die

in ihrem zarten Busen furchtbare Wellen warf, machte sie ihm noch

begehrenswerter. Dieses Alleinsein mit ihr brach seine Vorsätze der

Gerechtigkeit entzwei. Über Schläfe und Ohr hingen ihr die verwirrten

Strähnen herab, und immer wieder durchschauerte Leon der Duft von

Fleisch und Sünde, der von ihrer goldbraunen Haut ausging. In dieser

Mönchsbrust fieberte die auf den Sprung gestellte Leidenschaft. Nur ein

Rest von anerzogener Geistlichkeit hemmte noch das Tier in ihm. Zudem

war er vor zwei Tagen in den Armen der bezwungenen Leonore de Uceda

gelegen, die ihr Wort eingelöst. Sie hatten zusammen ein Liebesmahl

gefeiert, das keinem christlichen Agape geglichen hatte. Noch schlugen

die Wogen der durchtaumelten Stunden an sein Herz, und er mußte erst

darin Raum schaffen für den neuen Reiz der Sinne. Hier empfand er eine

Gegensätzlichkeit kostbarster Art. Nach dem goldnen Blond des verküßten

Hauptes lockte dieses nachtschwarze Haar mit ganz anderer Gewalt. Es

erschien ihm wie ein magisches Netz, von dämonischen Kräften gewebt und

bestimmt, ihn in Versuchung zu führen. Aber er gab sich nicht die Mühe,

schon dem Gedanken dieser Versuchung zu widerstehen. Sammelnd ließ er

die Blicke über die Schönheiten ihres Körpers gleiten.

„Wenn ich unwissentlich Böses begangen, wenn ich gestrauchelt im neuen

Glauben, so verzeiht mir doch!“ klang ihr rührendes Bitten in seine

verruchten Gedanken. „Der König hat doch befohlen, uns Moriskos zu

schonen --“

„Und hat diese Schonung selbst nur ungern geübt. Er hat in Malaga die

Moriskos, die in ihren alten Glauben zurückgefallen waren, verbrennen

lassen.“

Granada in Flammen · 第 136 / 190 题