In der Nähe des Elviratores stand das Gebäude des Inquisitionskerkers.
Ringsumher leuchtete es vom buntgesprenkelten Grün der Frühlingsgärten.
Aber von der lodernden Pracht Gottes fiel kein Schimmer in die
Düsterheit des Gefängnisses. Geruch wie von verfaultem Stroh, dunkle
Gänge, sonnenlose, kleinfenstrige Zimmer, Mauern, aus denen es feucht
hervorquillt, tappende Schritte der Wachen, eintönig und schwer,
Gefluche aus irgendeinem Kerkerloch -- so sieht der Ort aus, wo jetzt
ein Königskind schmachtet. Das Zimmer der Doña Maria de Calabreña war
freilich reiner und heller als die andern, aber außer einem einfachen
Lager, einem Stuhl und einem Tisch war nichts vorhanden. Wenn Maria den
Tag verweint hatte, schreckte sie am Abend der wehklagende Gesang ihrer
Sklavin Saffana auf, die schmerzerfüllt in der Straße vor dem Gefängnis
umherlief und um ihre Herrin schluchzte. Dann hörte Maria, wie Soldaten
die Getreue vertrieben.
Trotz der guten Behandlung und Verpflegung zerbrach die Verzweiflung
ihren Körper, der schmäler und magerer wurde. Sie getraute sich nicht,
nach mohammedanischer Art zu beten, obwohl sie nach der alten Weise
lechzte, die ihr Leben einst freundlich behütet hatte.
Umsonst fragte sie nach dem Schicksal Don Pedros de Solar. Und
sie fragte bei Gott an, was sie denn mit ihrer übergroßen Liebe
verschuldet, um so leiden zu müssen. Es blieb still in der unsichtbaren
Höhe. Und da hatte sie Mühe, ihre Sinne zu bewahren.
Ein dunkler Abend nach einem hilflos verjammerten Tag. Schweißgequält
liegt Doña Maria auf dem Lager. Sie versucht sich wieder Gott zu
nähern. „Vor deinem Willen ist meine Einfalt ein schwaches, krankes
Ding. Reiche mir den Wein der Erquickung, laß deine Engel ins Horn
stoßen, daß sie die schrecken, die an ihm und mir sündigen.“ Von
Wahnvorstellungen gepackt, warf sie den Kopf empor. „Ich sehe Schilde,
funkelnde Schwerter -- Gottes goldne Engel steigen herab -- Engel --
Engel --“
Da knarrte die Tür. Vor der Gefangenen stand der Vikar Pater Leon.
Marias Verzückung verlosch wie die Flamme unter dem Wassersturz. Mit
weit aufgerissenen Augen starrte sie den Herrn über ihr Schicksal an.
„Die barmherzige Kirche schickt Euch den Friedensgruß des Apostels.
Ängstigt Euch nicht, Doña Maria.“ Er setzte sich zu ihr auf den Rand
des Bettes. „Wollt Ihr nicht beichten?“
Wie gelähmt saß sie da, alles Denken in ihr mußte erst in Fluß kommen.
„Ob Ihr beichten wollt?“
„Mann -- o Mann Gottes -- was hab’ ich denn begangen?“ quälte sie ihr
Leid heraus.
„Mein Amt ist schwer, Doña Maria. Der Inquisitor lebt von seinem
glaubenstreuen Herzen. Ich mußte so handeln nach Euern ketzerischen
Worten, die wie Gift von Eurem Munde tropften. Noch ist die Anklage
nicht aufgesetzt. Bittet Euern guten Engel, daß er Euer Gewissen
stärke und Euch ruhevoll in die Arme der Kirche zurückführe.“ Und er
berührte ihre verschluchzte Schönheit mit seinen versuchenden Blicken,
unter denen sie zusammenzuckte. Schwer ging sein Atem. Der natürliche
Wohlgeruch ihrer Haare schlug in seine Sinne, und die Angst, die
in ihrem zarten Busen furchtbare Wellen warf, machte sie ihm noch
begehrenswerter. Dieses Alleinsein mit ihr brach seine Vorsätze der
Gerechtigkeit entzwei. Über Schläfe und Ohr hingen ihr die verwirrten
Strähnen herab, und immer wieder durchschauerte Leon der Duft von
Fleisch und Sünde, der von ihrer goldbraunen Haut ausging. In dieser
Mönchsbrust fieberte die auf den Sprung gestellte Leidenschaft. Nur ein
Rest von anerzogener Geistlichkeit hemmte noch das Tier in ihm. Zudem
war er vor zwei Tagen in den Armen der bezwungenen Leonore de Uceda
gelegen, die ihr Wort eingelöst. Sie hatten zusammen ein Liebesmahl
gefeiert, das keinem christlichen Agape geglichen hatte. Noch schlugen
die Wogen der durchtaumelten Stunden an sein Herz, und er mußte erst
darin Raum schaffen für den neuen Reiz der Sinne. Hier empfand er eine
Gegensätzlichkeit kostbarster Art. Nach dem goldnen Blond des verküßten
Hauptes lockte dieses nachtschwarze Haar mit ganz anderer Gewalt. Es
erschien ihm wie ein magisches Netz, von dämonischen Kräften gewebt und
bestimmt, ihn in Versuchung zu führen. Aber er gab sich nicht die Mühe,
schon dem Gedanken dieser Versuchung zu widerstehen. Sammelnd ließ er
die Blicke über die Schönheiten ihres Körpers gleiten.
„Wenn ich unwissentlich Böses begangen, wenn ich gestrauchelt im neuen
Glauben, so verzeiht mir doch!“ klang ihr rührendes Bitten in seine
verruchten Gedanken. „Der König hat doch befohlen, uns Moriskos zu
schonen --“
„Und hat diese Schonung selbst nur ungern geübt. Er hat in Malaga die
Moriskos, die in ihren alten Glauben zurückgefallen waren, verbrennen
lassen.“