Der Priester warf die Maske der kühlen Verwunderung um. „Eure eigenen
Worte stempeln ihn dazu.“
„Mei --?“ Das Wort erstickte wie ein Feuerhauch ihre Kehle. Sie griff
nach dem Herzen.
„Ihr habt doch meine Fragen so beantwortet, daß kein Christ mehr
zweifeln kann. Der Graf steht nicht mehr auf dem Boden des reinen
katholischen Glaubens, er ist Häresiarch.“
„Eure -- Fragen -- oh, die Sinne brechen mir -- Eure Fragen? -- Was für
Fragen?“
Der Dominikaner zog umständlich ein Blatt Papier aus einem
Schriftbündel. Davon las er ein paar Antworten zusammenhanglos ab.
„Das -- soll ich -- gesagt haben? Oh, du barmherziger Gott!“
„Seine Haltung gegenüber dem Erzbischof Ximenes läßt Eure Aussage noch
an Wahrheit wachsen. Es ist kaum ein Zweifel mehr möglich. Wißt Ihr,
was Ketzerei bedeutet? Thomas von Aquino lehrt in der Summa theologiä:
Die Ketzerei ist eine Sünde, die nicht nur die Exkommunikation durch
die Kirche erfordert, sondern auch den Ausschluß des Sünders von der
Welt durch den Tod. Bleibt der Ketzer bei seinem Irrtum, dann sorge die
Kirche für das Heil der übrigen Menschheit, indem sie den Sünder durch
ein Exkommunikationsurteil aus ihrem Schoß ausschließt; das übrige aber
überlasse sie dem weltlichen Gericht, damit dieses ihn von dieser Erde
verbanne. Der Tod der von Gott Abgefallenen ist das höchste Glück der
Gerechten.“
Doña Maria warf sich wie eine Rasende vor seine Füße hin. „Mensch,
Mensch, wollt Ihr zum Richter werden über diesen? Er glaubt an Gott,
an Christus, an die heilige Jungfrau -- er hat nie mit den Propheten
übereingestimmt --“
„Das klingt hier auf dem Papier anders. Da habt Ihr es.“
Ihre Augen irrten verloren von Buchstabe zu Buchstabe. „Das habe ich
gesagt? Sie preßte den Kopf in die zitternden Hände. „Das -- ist -- ja
-- nicht -- wahr -- das habe ich nicht gesagt!“ Und wie ein Wimmern
klang es: „Das -- habt -- Ihr gesagt -- Priester --“
Er sah sie mit durchdringendem Blick an. „Doña Maria, überlegt jedes
Wort, Ihr seid im Secreto der Inquisition.“
„Ich weiß -- hier foltert man Sinne, Seelen, Glieder --“
„Nur mit dem eigenen Weh. Die Kirche ist das geduldigste Lamm, aber von
ihrem Pflichtweg kann sie nimmer abirren. Ich verstehe Eure Fürsprache,
aber wenn sie zu weit ginge, müßte man annehmen, daß auch Ihr seine
Anschauungen über Gott, Dreieinigkeit, Mohammed und viele andere Dinge
teilt.“
„Ihr habt eine Liebende vor Euch -- seht meine verweinten Augen -- mein
zerbrochenes Herz -- ich will mich wie der Balsamstrauch verwunden
lassen, um seine Wunde zu heilen mit meinem Blut. Habt Mitleid mit uns
beiden. Seht, ich habe Perlen, Gold, und diese Schrift, ein leeres
Blatt noch, aber es kann Euch Aufschluß geben, wo Schätze meines Vaters
vergraben sind --“ sie reichte ihm das gewichtige Papier hin -- „alles
soll Euch gehören, wenn Ihr uns --“
„Seid Ihr von Sinnen?“ fuhr der Mönch auf. „Bestechung des Inquisitors?
Wer weiß, welch gefährliches Waffenlager neben dem Geldschatz zu finden
ist!“
„Ihr glaubt doch nicht --“ Ihre Augen weiteten sich entsetzt.
„Ein leeres Blatt -- sonderbar -- wo liegt der Schlüssel zu dem
Geheimnis?“
„Ich allein besitze ihn.“
„Dann werdet Ihr wohl bekennen müssen.“
„Sobald Don Pedro frei ist.“
„Wir haben Mittel, Euch zu zwingen,“ sagte Leon, bedenklich den Kopf
schüttelnd.
Sie rang verzweifelt die Hände. „Oh, ewiger Erbarmer! Hör’ mich, rette
mich! Was hat er denn getan?“ Sie rutschte auf den Knien zu ihrem
Peiniger hin.
„Er hat den wahren Christenmenschen verleugnet.“
„Wann hätte er ihn verleugnet? Er hat mich gelehrt, Christus zu lieben.
Oh, wie mußte er sich Mühe geben, daß ich alles verstand. Wie sträubte
ich mich zuerst gegen die unbekannte Lehre, die mein ganzes Denken
umwarf.“
„Ihr sträubtet Euch?“ horchte der Dominikaner auf.
„War es verwunderlich? Und er hatte doch soviel Nachsicht mit mir.
Ach, guter, ehrwürdiger Pater -- er weiß, daß ich ihn ins Gefängnis
gebracht?“
„Nein, er wird es auch nie erfahren. Niemals erfährt der Beschuldigte
den Namen seines Anklägers.“
„O fürchterliches Gericht! Und das im Namen des barmherzigen Propheten
Isa?“
Wieder hob Leon den Kopf. „Ihr nennt Jesus einen Propheten? Und Isa? O
über Euer altes, noch immer irrgläubiges Wesen!“
Maria zerriß sich in der Verzweiflung die Haut der Arme mit den
Fingernägeln. „Was peinigt Ihr mich denn? Ich hab’ Euch doch nichts
getan. Oh, wie war ich glücklich im alten Glauben --“
„So seid Ihr jetzt unglücklich im Christentum? Das kann doch nur der
sein, der nicht darin feststehen will, der ängstlich hinüberschielt
nach den alten Säulen, die längst geborsten sein sollten.“
„Es waren Säulen, die mich stützen konnten -- ach, Pater, Pater --,
ich habe keine Stütze mehr, wenn Ihr mir Don Pedro de Solar von meinem
Herzen reißt.“
„Ihr habt Christus den Herrn, den getreuen Freund, an ihn klammert
Euch!“
„Ich fasse ihn nicht -- so nicht, wie Ihr ihn mir gezeigt.“ Sie klagte
es mit völlig zerrissenem Herzen und unter Tränen. „Ach, ich bin ja ein
Samenkorn, vom Sturm auf fremden Boden verweht -- laßt mich doch nur
erst Wurzel fassen.“
„Könnt Ihr auch Maria, die heilige Jungfrau, nicht begreifen?“
„Sie ist groß und gütig -- aber sie kann mir ja doch nicht helfen, ihn
zu befreien.“
Des Mönches Feder hielt die Worte rasch auf einem Papier fest.
„Weder Christus und Maria können Euch helfen? Ein schweres Wort, ein
entsetzlich gewichtiges Wort, Doña Maria. Und die Heiligen?“
„Kenne ich doch kaum ihre Namen.“
„Ihr kennt kaum ihre Namen -- das hättet Ihr nicht sagen sollen, Doña
Maria.“ Das Schreibrohr kratzte.
„Ich weiß ja nicht mehr, was ich sagen darf, was nicht. Ihr zermartert
mir den Kopf -- das Herz --.“ Sie fiel wie gebrochen zusammen.
„Richtet Euch auf -- an mir!“ Mit der Hast jagender Sinnlichkeit
lechzte er es heraus. „Ich will Euch den wahren Glauben lehren.“ Seine
Blicke glühten verstohlen nach ihrer Brust.
Auf den Knien liegend, tastete sie mit der Hand nach seiner weißen
Kutte. „Ich kann nicht glauben an die christliche Liebe, die so viele
Unschuldige in den Kerker wirft. Oh, bei meines Vaters teuerm Leben --
laßt mich wieder zurück in den Glauben Mohammeds --“