„Er darf mit niemand sprechen. Man weiß nicht einmal, wohin sie ihn
geführt haben.“
Reija verkrampfte die Finger in den Polstersamt. „Oh, Gott über den
Wolken und Sternen“ -- ihr Auge füllte sich mit Entsetzen -- „wenn ich
selbst -- ohne es zu wollen -- der fürchterliche Leon -- aber das ist
ja Wahnsinn -- ich habe doch nichts gesagt -- er nichts getan -- es
müßten Engel an der Liebe Gottes verzweifeln, wenn -- o Rojas, Rojas --
das kann nicht sein.“ Sie schrie es in die Luft. „Helft mir -- oh, wenn
ich jetzt mein Elend Leon zu Füßen werfe?“
„Versucht es, aber gebt auf Eure Zunge acht, ein unbesonnenes Wort kann
neues Unheil bringen. Es muß ein Irrtum sein -- er wird sich lösen --“
„Such’ unter den Löwen Erbarmen, bei diesem Priester nicht,“ würgte sie
hervor.
„O Gott, seid vorsichtig -- die Kreaturen Leons lauern an allen Ecken
und Enden. Es geht kein Mensch ungesehen aus einer Gasse in die andere.“
„Ich will zur Königin -- sie ist gut und edel --“
„Über sie triumphiert die Härte des Ximenes. Die arme Majestät von
Spanien versinkt vor der schrecklicheren des Tribunals. Es können nur
Freunde helfen, wenn sie zusammenstehen. Wenn wir ihn befreien könnten,
würde ihn Graf de Orgaz auf seinem Grund und Boden bergen.“
„Und Ihr bedenkt Euch noch, ihn zu retten? Ich lohne es Euch mit Gold.“
Rojas wehrte verletzt ab. „Welcher spanische Reiter wird sich
Freundschaft lohnen lassen? Sie lebt und stirbt mit dem Herzen. Ich
will zu handeln versuchen. Vor allem müssen alle Spuren vertilgt
werden, die auf geringste Ketzerei schließen lassen.“
„Er -- und ein Ketzer?!“ wehrte sie sich gegen den Verdacht.
„Ich muß eilen -- man wird seine Zimmer durchsuchen -- lebt wohl, Doña
Maria, und Gott stärke Euch!“
Als der Gelehrte fort war, sank Reija hilflos zusammen. Saffana hatte
alle Mühe, sie bei Kräften zu erhalten. Auch das Auge der Sklavin
war vertrauert, denn die Zeit der Küsse war vorbei; kaum daß sie von
de Rojas einen flüchtigen Händedruck erhalten hatte. Sie versuchte,
die Herrin zu betten. Aber die Angst um den Geliebten jagte die
Unglückliche von Gemach zu Gemach. Mit ihrer noch ungefestigten Seele
warf sie sich bald auf den Gebetsteppich hin, bald vor dem heiligen
Jakob nieder, dessen Bild ihr der Graf geschenkt. „Auf goldenen
Stühlen sollen die Heiligen sitzen und ihre Fürbitte erleichtert dem
Gebet den Flug zu Gott,“ sagte sie in einer dumpfen Erinnerung an
eine Christenlehre. Dann erschrak sie plötzlich. Heute morgen hatten
alle Blätter im Garten bei völliger Windstille gezittert, und das
war ein arabisches Unheilszeichen. Im Traum hatte sie auch den Vogel
Ghitas um ihr Haupt flattern sehen. Das alles scheuchte sie aus der
Gebetssammlung.
Saffana suchte wieder zu trösten. „Zitternde Blätter -- der Vogel
Ghitas? Was können sie dir antun? Damit soll Gott Unheil künden? Was
würde Abu Atir dazu sagen? Armseliger Gott, der Blätter und Vögel als
Unheilskünder im Sold hält.“
Das ungewisse Schicksal des Imams schleuderte sich nun zum Überfluß
auch noch in Reijas Gemüt. War er glücklich in Salobreña angelangt?
Keiner der Arrieros war zurückgekehrt, ihr Kunde zu geben.
Sie stürmte auf den Mirador hinauf. Zu ihren Füßen lag Granada wie
in die dunklen Schauer einer Gruft versenkt. Die Gerüchte über das
Ketzergericht, die sich überall herumsprachen, vergrößerte ihr Geist
bis zur grausamsten Verzerrung. Saffana eilte der Herrin nach und fand
sie in Zuckungen auf dem Mirador liegend. Sie trug sie ins Zimmer hinab
auf den Diwan. Als der Phosphorstern am Himmel verbleichte, verfiel
Reija in einen bleiernen Schlaf, aus dem es ein schweres Erwachen gab.
Kaum vermochte sie sich aus der Gliederstarre zu lösen. Endlich riß sie
sich aus der Lähmung.
Vor dem Fenster lag blaugoldig der Tag.
„Zu Leon!“ Wie ein Verzweiflungsschrei gellt der Ruf aus ihrer Brust.
Und sie läßt sich kleiden und schmücken, als ginge es zu einem
islamitischen Fest. Die Blicke des Dominikaners haben sie in vielem
wissend gemacht. Sie belädt sich mit kostbaren Perlen und Gold und
steckt die geheimnisvolle, noch im Nichts verborgene Schrift Abu Atirs
zu sich, die den Schatz ihres Vaters im Turm der sieben Stockwerke
enthüllen soll. So bewaffnet will sie dem entgegentreten, der das
Schicksal ihres Freundes wie ein furchtbarer Gott in seinen Händen hält.