Sie hob ihm das Kinn empor. „Pedro, Pedro -- nun bist du traurig
geworden. Oh, wie lieb’ ich dich -- und doch weiß ich, du wirst mich
verfluchen --“
„Werda, Rose!“ schmeichelte er sich in ihr Spitzengewebe hinein.
Reija dachte an die bevorstehende Flucht des Imams. Bald mußte es der
Graf erfahren -- und dann -- sie seufzte in sich hinein.
Er nahm ihre Hand. Ihre Haut hatte den Samthauch der Purpurrosen,
leise, besänftigend strich er darüber hin. „Reija, wenn ich heimkehre,
soll alles, alles geordnet werden. Die Aufsage des Königsdienstes, die
Bewirtschaftung von Mora, die Reise nach den Kanarischen Inseln --“
Sie wollte aufjubeln -- aber im nächsten Augenblick lief schon wieder
der böse Schatten über ihre Stirn. „O meine Träume! Und wenn uns das
Brautbett zum Grab wird?“
„Du holde Angst! Was soll uns drohen? Der König sah mich gestern
freundlicher als sonst an, als er in den Marstall kam. Ungnade wird
sich in Gnade verwandeln, bringe ich ihm das Reis der Tapferkeit heim.
Und wenn alle mich verdammen, hier ist der Himmel, zu dem Engel mir
die Wege weisen.“
Ihre trauererfüllte Schönheit lag halb hingestreckt in den weichen
Kissen, halb von seinen Armen umfangen, und er schlürfte jeden Reiz an
ihr wie ein Geschenk Gottes ein. Dann sagte er, von einem plötzlichen
düstern Gedanken gepackt: „Und wenn ein Maurenpfeil den Weg zu meinem
Herzen findet --“
Jäh taumelte sie auf. „Du darfst nicht fallen. Mein Gebet ist dein
Schutzengel.“
„Und wenn die Wellen deines Gebets nicht bis zum Erbarmer schlagen?“
„Oh, ich kann so innig beten,“ versuchte sie sich aus der eigenen Angst
zu retten.
Er lag wie festgeschmiedet an ihrem Herzen. „So halte ich dich --
oh, sieh mir in die Augen -- es bleibt nur eines noch -- des Glückes
Erfüllung und Krönung --“
Es überlief sie, und ihre Wimpern zuckten wie im glühenden Traum. Die
Ahnung des Weibesdämmerns kam über sie. Und sie sagte langsam und
leise: „Dein Wille -- kröne -- unsere Liebe -- Gott wird die Stunde
segnen.“
„Und kehre ich nicht wieder, soll das Pfand dieser Liebe die Erinnerung
an den sein, den du liebst --“
Sie sprang mit glühenden Augen auf. „Komm, wir wollen die Nacht über
die Helle des Tages erheben. Freund der Freude und der Liebe, ich will
den Zambra tanzen.“
Ihr lockender Mund, von seinen Küssen schon völlig aufgeschlossen,
warf sich auf, als sehnte er sich dem zerstörenden Brand entgegen, er
glich dem Purpurkelch, den Mannesliebe füllen sollte. Sie warf neue
Duftkräuter in die Vasen und versperrte die Tür. Dann drängte sie den
Geliebten hinter den Vorhang einer kleinen Nische zurück. „Hier harre
-- und wenn ich rufe, öffne den Vorhang.“ Sie schlüpfte in die große
Diwannische und ließ den Scharlachvorhang herab.
Don Pedro spürte die Flammen in seinen Fibern züngeln. Oh, was barg
dieses herrliche Gefäß Gottes! Dunkel und Licht in wunderbarem
Wechsel, eine brandende See und den Frieden einer Sternennacht.
Eines drängte sich ihm auf: der neue Glaube in ihr war nur ein
aufgepfropftes Reis, sie selbst blieb eine echte Agarena, eine Tochter
der islamitischen Offenbarung, und die Genien ihres Volkes trugen sie
leichtbeschwingt über alle Härten des Lebens hinweg. Warum schonte
man nicht ihre Blumenhaftigkeit, sondern schlug mit der harten
Bußgeißel einen schönen Gedanken Gottes entzwei? Warum stieß man
seine Schenkerhand zurück und entweihte seine Gabe? Nein, sie sollte
nie mehr in die gnadenlose Sphäre dieses Dominikaners treten, der
ihr Wesen spaltete. Welcher Glaube der bessere? Was kümmert es den
Liebenden! Fragt das Feuer, welches Holz das bessere ist, wenn es mit
Macht ins Haus fährt? Den Sturm, welcher Widerstand der schwächere,
das Meer, ob die Küste es aushält, an die es brandet? Oh, ich will ihr
auf der aufblühenden Insel maurische Gemächer bauen, nach denen ihr
Heimweh verlangen wird, und des Morgenlandes Kostbarkeiten sollen sie
schmücken. Sie ist schön wie die Lilie von Damaskus, wie die Rose von
Yemen --
In den Sturm seiner Schwärmerei wehte ein süß-klagender Ton wie aus der
Sternenhöhe -- ein paar Klänge auf den Saiten der Anafine -- dann das
Geräusch des Vorhangs -- und nun schlug Don Pedro den seinen auf.
Inmitten des von Licht überfluteten Raumes stand die blühende Schönheit
in ihrer fast nackten Gliederpracht, die sich von der brennenden Röte
des Vorhangs in statuenhaften Umrissen abhob. Über dem rosigbraun
getönten Fleisch lag nur ein grünlicher dünner Flor, der die samtne
Haut durchschimmern ließ. In dem schwarzen Haar leuchteten Perlen und
Rosen, um die Stirn spannte sich ein goldner Reif, von blutroten Rosen
geschmückt, auch zwischen den blinkenden Zähnen flammte das Blumenrot
auf, es blutete am Gürtel, an der Brust und an den Schultern. So
schien sie selbst ein sich nach der Sonne verzehrender Rosenstrauch zu
sein. An den Hand- und Fußgelenken blinkten edelsteinbesetzte Spangen,
die bei jeder Bewegung rot und grün blitzten. Nun aber stand sie
reglos mit bloßen Füßen, den Blick gesenkt, die Beine zum ersehnten
Tanz gespannt wie schöne Säulen, auf ihrem Antlitz leichter Sinn und
geheimes Weh zu schöner Harmonie gepaart.
Die Rose entfiel ihrer Lippe. Sie begann leise, wie klagend, zu
singen, als triebe ihr Liebesschmerz in namenlose Fernen hinaus.
Leicht deuteten ihre Arme und ihr Oberkörper diesen sehnsüchtigen Zug
an, wiegend und biegend, rhythmenlos, nur einer innern Eingebung des
Liebesgefühls folgend, schien plötzlich ihr ganzes Wesen zu singen, als
löste es sich in den Geheimnissen der Musik völlig auf. Arabische Worte
tönten, bald feierlich getragen, bald schnellend und spitz klingend wie
durch die Luft sausende Messer, und immer drängender wurde die Bewegung
des Leibes, sie hob sich aus der ursprünglichen Stellung heraus und
schwebte auf den Fußspitzen in eine Ecke, wo sie sich zusammenkauerte,
dann wieder den Knäuel ihres Körpers löste und wirbelflink in die Mitte
des Zimmers trieb. Von den Stacheln beginnender Wollust angefeuert,
schnellte sie ihren Leib nach vorn und rückwärts, der Schleier flog
in die Luft, umwirbelte aufs neue im kreisenden Spiel ihren Rumpf,
und nach einem blitzschnellen Taumel um die eigene Achse blieb
sie mit verzückten Blicken, die Arme weit von sich gestreckt, auf
straffgespannten Beinen stehen. Vor ihr auf dem Boden lag der Schleier.
Ihre Brust wogte im Sturm der Gefühle, der Lenden braune Pracht ging
im Atem mit, und der Schwung um die Hüfte war herrlicher anzusehen als
der Bogenschwung maurischer Hallen. Don Pedro erschauerte -- vor ihm
lagen dunkle Matten der Wollust -- Flammen wühlten in seinem Gebein
-- er umfing den sanft gebognen Pantherleib. Vor seinen Blicken liegt
das süße Lächeln, geboren aus dem Mysterium der Sinne, leuchten die
schwarzen Augen, nur halb mehr geschützt von den Edelwimpern, und im
Verlangen öffnet sich die Glut ihres Purpurmundes. Don Pedro streckt
ihren von dem Brand der Sinne schon halb versengten Leib in seiner
ganzen Schönheit in den knisternden Samt.
Willig trägt sie ihm ihr Feuer entgegen. Ihre braunen Arme werden zu
sehnsüchtigen Klammern. Haare, Nacken, Augen, Lippen, Schultern, Brust
und Glieder erschließen ihm Geheimnisse von unerhörter Pracht, bis
Gedanken und Sein in ein unsagbar süßes Nichts zerfließen.
Zitternd umfängt er sie im Weh des Abschieds noch einmal, bevor sie die
Schleier um ihre Schönheit legt.
„Nun wirst du fern sein“ -- schluchzt sie schmerzvoll --, „der Mond
der Liebe erlischt -- aber gepriesen sei Gott, der auch das Ferne nah
macht.“
„Gepriesen sei er fürwahr,“ antwortete Don Pedro.
„Du wirst als Ghaliba heimkehren, als Sieger.“
Ihre letzten Küsse rissen seinen Schmerz noch einmal auf.
Endlich fand er die Kraft zum Scheiden. Ihre Blicke der Liebe schrien
nach einem letzten Trostwort. Und als sie seinen Schritt draußen
verhallen hörte, warf sie sich in die Polster und stöhnte sich in die
aufgewühlten Haare hinein, die noch feucht von seinen Küssen waren. Die
Nachschauer der hochzeitlichen Süße durchfuhren ihren wie im Fieber
ringenden Leib.
Sie nahm taumelnd das Tesbih, den morgenländischen Rosenkranz, mit den
neunundneunzig medinischen Kugeln zur Hand und versuchte, die schönen
Namen Gottes in Andacht herunterzusagen. Aber die wilde Stunde des
Leids zerbrach ihren Gebetswillen.