Leid und Glück durchbebten zwei Herzen. Die Lippen Reijas flammten wie
Sonnenpurpurstreifen und sogen die Küsse des Geliebten wie Honig ein.
Unter der gewölbten Stuckdecke entfalteten sich die Wunder des
orientalischen Prunkes. Tief herabhängende Pendentifs, schimmernd
in Gold, Rot und Blau, teilten den Raum in heimliche Nischen, die
mit Geweben und Teppichen erfüllt waren, an den Wänden funkelten im
Kerzenlicht die bis zur Gürtelhöhe aufsteigenden Azulejos, über die
sich das bunteste Arabeskenornament, vermischt mit Koraninschriften,
ausbreitete. In einer der Nischen, verdeckt durch einen teilweise
aufgeschlagenen Vorhang, stand der kostbare Diwan des Königskindes,
ein von Überhängen und Kissen bedeckter Pfühl, aus dem die Harmonie
persischer Farbenmuster leuchtete. Aus flachen Kupferschalen dampfte
der Duft von Kräutern, der dazu beitrug, die sinnliche Stimmung des
grottenähnlichen Gemaches zu erhöhen. Die Sklavinnen liefen hin und
her und trugen die kaum berührten Speisen ab, die sie erst kurz
vorher auf dem zierlichen Tischchen hergerichtet; nur die Manzanilla
blieb in den funkelnden Gläsern, und der Krug wurde neu gefüllt.
Reija ließ den purpurnen Vorhang nieder -- es war das Zeichen, daß
sich die Sklavinnen entfernen sollten. In der Nische dufteten Rosen
in blumenähnlichen Kelchen, von den Pendentifs hingen buntfarbige,
schimmernde Seidenbänder herab, die bei jedem Luftzug wie feine
Schleier wehten. Die Phantasie hatte kaum mehr Spielraum für den Flug
in ein Märchenreich, denn jeder Traum schien hier Wirklichkeit geworden
zu sein.
Rosablühende Seide rauschte um Reijas schöne Glieder, der
buntgestickte, schleierartige Kschar umhüllte duftig ihre schwarze
Haarpracht, die Mantilla lag malerisch geschwungen über den Schultern
und reichte bis zu den Knien, die Sandelholzschuhe aber bedeckten die
feingefesselten Füße. So wiegte sie ihre Glieder vor dem Geliebten,
während der Hauch der laulinden Südnacht vom Fenster herüberstrich.
Don Pedro de Solar ließ seine Gedanken schwärmen. „Die Perle an
der Decke des Lieblingsgemaches Abderrhamans in der Az-Sahara und
der goldne Schwan im Brunnenteich fehlen noch, um das arabische
Märchenreich erstehen zu lassen. Aber die Favoritin des Kalifen kann
nicht schöner gewesen sein als die Perle meines Herzens, die diesen
Raum schmückt.“ Er sah ihr tief in das schwarze Auge. „Ich sehe
Schleier, wo keine sein sollen.“
Reija drückte sich wie frierend an seine Brust. „Als ich vorhin in den
Sahat blickte, sah ich einen roten Mond, von Dünsten umhangen.“
„Hirngebilde!“ lachte der Graf. „Der Abschied ängstigt dich, der
keiner ist. Ich vertraue der Tapferkeit meines Herzens, der Schärfe
meiner Toledanerklinge, der Geschicklichkeit meines Armes und über
alles Irdische hinweg dem Schutz der heiligen Jungfrau, die deinen
Namen führt.“
Sie zuckte zusammen, denn sie mußte an Pater Leon denken. Dann schob
sie ein paar Zuckerstänglein in den Mund. „Ich war beim Vikar -- wir
haben viel von dir gesprochen --“
Der Graf setzte den Wein von den Lippen. „Wie kommt mein Name in die
Christenlehre?“
Reija zog verlegen die Schultern hin und her. „Er fragte nach dir
-- ich soll es nicht sagen -- und doch beengt es mir die Brust. Wir
sprachen über den Glauben, wie sehr du ihn ehrst. Und er schrieb sich
manches deiner Worte auf.“