Neunundzwanzigstes Kapitel

Leid und Glück durchbebten zwei Herzen. Die Lippen Reijas flammten wie

Sonnenpurpurstreifen und sogen die Küsse des Geliebten wie Honig ein.

Unter der gewölbten Stuckdecke entfalteten sich die Wunder des

orientalischen Prunkes. Tief herabhängende Pendentifs, schimmernd

in Gold, Rot und Blau, teilten den Raum in heimliche Nischen, die

mit Geweben und Teppichen erfüllt waren, an den Wänden funkelten im

Kerzenlicht die bis zur Gürtelhöhe aufsteigenden Azulejos, über die

sich das bunteste Arabeskenornament, vermischt mit Koraninschriften,

ausbreitete. In einer der Nischen, verdeckt durch einen teilweise

aufgeschlagenen Vorhang, stand der kostbare Diwan des Königskindes,

ein von Überhängen und Kissen bedeckter Pfühl, aus dem die Harmonie

persischer Farbenmuster leuchtete. Aus flachen Kupferschalen dampfte

der Duft von Kräutern, der dazu beitrug, die sinnliche Stimmung des

grottenähnlichen Gemaches zu erhöhen. Die Sklavinnen liefen hin und

her und trugen die kaum berührten Speisen ab, die sie erst kurz

vorher auf dem zierlichen Tischchen hergerichtet; nur die Manzanilla

blieb in den funkelnden Gläsern, und der Krug wurde neu gefüllt.

Reija ließ den purpurnen Vorhang nieder -- es war das Zeichen, daß

sich die Sklavinnen entfernen sollten. In der Nische dufteten Rosen

in blumenähnlichen Kelchen, von den Pendentifs hingen buntfarbige,

schimmernde Seidenbänder herab, die bei jedem Luftzug wie feine

Schleier wehten. Die Phantasie hatte kaum mehr Spielraum für den Flug

in ein Märchenreich, denn jeder Traum schien hier Wirklichkeit geworden

zu sein.

Rosablühende Seide rauschte um Reijas schöne Glieder, der

buntgestickte, schleierartige Kschar umhüllte duftig ihre schwarze

Haarpracht, die Mantilla lag malerisch geschwungen über den Schultern

und reichte bis zu den Knien, die Sandelholzschuhe aber bedeckten die

feingefesselten Füße. So wiegte sie ihre Glieder vor dem Geliebten,

während der Hauch der laulinden Südnacht vom Fenster herüberstrich.

Don Pedro de Solar ließ seine Gedanken schwärmen. „Die Perle an

der Decke des Lieblingsgemaches Abderrhamans in der Az-Sahara und

der goldne Schwan im Brunnenteich fehlen noch, um das arabische

Märchenreich erstehen zu lassen. Aber die Favoritin des Kalifen kann

nicht schöner gewesen sein als die Perle meines Herzens, die diesen

Raum schmückt.“ Er sah ihr tief in das schwarze Auge. „Ich sehe

Schleier, wo keine sein sollen.“

Reija drückte sich wie frierend an seine Brust. „Als ich vorhin in den

Sahat blickte, sah ich einen roten Mond, von Dünsten umhangen.“

„Hirngebilde!“ lachte der Graf. „Der Abschied ängstigt dich, der

keiner ist. Ich vertraue der Tapferkeit meines Herzens, der Schärfe

meiner Toledanerklinge, der Geschicklichkeit meines Armes und über

alles Irdische hinweg dem Schutz der heiligen Jungfrau, die deinen

Namen führt.“

Sie zuckte zusammen, denn sie mußte an Pater Leon denken. Dann schob

sie ein paar Zuckerstänglein in den Mund. „Ich war beim Vikar -- wir

haben viel von dir gesprochen --“

Der Graf setzte den Wein von den Lippen. „Wie kommt mein Name in die

Christenlehre?“

Reija zog verlegen die Schultern hin und her. „Er fragte nach dir

-- ich soll es nicht sagen -- und doch beengt es mir die Brust. Wir

sprachen über den Glauben, wie sehr du ihn ehrst. Und er schrieb sich

manches deiner Worte auf.“

Granada in Flammen · 第 126 / 190 题