Des Paters Schreibrohr warf ein paar Worte auf das leere Blatt. „Und
Jesus? Wie sprach er über Jesum?“
„Er nannte ihn einen großen Menschen.“
„Aber nicht einen Sohn Gottes?“
„Ich kann mich dessen nicht entsinnen.“
„Er hat ihn also nicht einen Sohn Gottes genannt?“
„Das weiß ich nicht. Ich hörte nur nicht, daß er ihn so genannt hätte.“
„Dann wird er wohl der Meinung sein, daß Jesus nicht der Sohn Gottes
sei.“
„Das hat er nie und nimmer gesagt.“
„Vielleicht doch, und Ihr könnt Euch nur nicht darauf besinnen.“
Sie zuckte die Achseln.
„Er wird also wohl so gesagt haben: ‚Jesus ist ein großer Mensch und
ein Prophet.‘“
„Vielleicht,“ sagte sie, glücklich über den vom Pater selbst gefundenen
Ausweg. Sie ahnte nicht, wie sie nach seinem Herzen plauderte.
„Also sagte er: ‚Jesus ist ein Prophet.‘“
„So sagen es die Mohammedaner, und vielleicht freute sich der Graf
darüber -- ich weiß es wirklich nicht.“
„Also der Graf freute sich darüber, daß die Mohammedaner sagen, Jesus
sei ein großer Prophet.“
„Der Sohn Gottes muß doch auch zugleich ein großer Prophet sein.“
„Der Graf wollte also von der Dreieinigkeit nichts wissen --“
„Das habe ich doch nicht gesagt,“ fuhr sie erschreckt auf.
„Wer wenig oder nicht davon spricht, will wohl davon nichts wissen.
Wohl aber freute sich der Graf darüber, daß die Moslims Jesum für einen
großen Propheten halten.“
„Das sollte ich gesagt haben? Oh, ich bin so ungeschickt im
Spanischen --“
„Ihr habt sehr geschickt die Wahrheit gesagt. Nun liegt des Grafen
inneres Bild klar vor mir.“
Sie faßte das in ihrem Sinne auf und fügte glücklich strahlend dazu:
„Oh, läge es so in Euch, wie es in mir liegt. Der Graf ist ja so
nachsichtig und mild, und läge es an ihm, er würde keinem Mauren ein
Leid antun.“
„Er ist so nachsichtig? Könnte keinem Mauren --?“ Die Worte flogen aufs
Papier.
„Warum nehmt Ihr das alles so groß?“
„Ich möchte eben den Grafen, wie er leibt und lebt, vor mir haben, in
seiner ganzen Nachsichtigkeit -- ja, über die Hostie sprach er nicht
mit Euch?“
„O doch. Daß in einem so unscheinbaren Ding --“
„Sagte er: unscheinbares Ding?“
„So ungefähr. Daß darin soviel Kraft verborgen liege.“
„Er bezweifelte es wohl?“
„Nicht doch. Aber er machte ein so merkwürdiges Gesicht, wenn --“
„Also er nannte die Hostie unscheinbar -- ja, ja, machte ein
merkwürdiges Gesicht dazu -- schüttelte wohl gar den Kopf --“
„O nicht doch -- wie sollte er?“ -- Sie lächelte.
„Besinnt Euch, vielleicht hat er doch einmal --“
„Ja, einmal -- da schüttelte er den Kopf, als ich sagte, so ein kleines
Stück, das gegessen wird, ist der Leib des Herrn.“
„Ganz recht -- da schüttelte er den Kopf -- das unscheinbare Ding --
ich verstehe nun alles.“ Er erhob sich. „Wir wollen das nächste Mal
darüber weiterreden.“
Nun erst war ihr, als läge ein Gewebe um ihr Herz, das beengt darunter
schlug. „Ist heute alles fertig?“ fragte sie, sich erhebend.
„Ja.“
Sie wollte noch sagen, daß sie von nun an über den Willen des Geliebten
nicht mehr in die Christenlehre kommen wollte, aber sie brachte es
nicht heraus. Wenn der Pater nach ihr schicken sollte, dann wollte sie
schon irgendeine Ausflucht suchen.
„Noch eins,“ sagte Leon. „Sprecht mit keinem Menschen über das, was wir
heute gesprochen, auch mit dem Grafen nicht.“
Angstbedrückt drängte sie nach der Tür. Altarschauer und Kerzengeruch
woben in ihrem Herzen einen engenden Schleier zusammen! Nur heim! In
die Alcazaba! Dort wartete das Glück, die Freude, das Leben, die Liebe!
Sie schlüpfte wie ein ungeduldiges Kätzchen aus der Mosala in den
rosigen Abend hinein.
Pater Leon ging zum Tisch und prüfte noch einmal die Aussagen dieser
ahnungslosen Klägerin. So hatte sie das Wild selbst in seinen Pfeil
getrieben. Er brauchte eigentlich den zweiten Zeugen nicht mehr, aber
es war doch gut, ihn für alle Fälle bereitzuhalten, wenn die Angaben
der Maria de Calabreña dem heiligen Tribunal nicht genügen sollten.
Aber sie mußten aus diesem Mund, der sonst nur Liebe atmete, doppelt
schwer wiegen. Sorgfältig setzte er die einzelnen Punkte zur Anklage
zusammen. Gleich darauf griffen seine Gedanken in die feurigen Bilder
eines doppelten Besitzes: Leonore de Uceda und Maria de Calabreña.
Die erstere war ihm sicher, die langsame Besitzergreifung des
zweiten Schöpfungswunders wollte er mit den grausamen Waffen seiner
Belagerungskunst durchsetzen. Drohend hing wohl über seinem Haupt
das Schwert des Inquisitionsedikts, das verführende Inquisitoren
auspeitschte. Aber bis zu dieser Anklage gegen ihn durch Doña Maria
durfte es überhaupt nicht kommen. Er wußte Mittel, an denen ein solcher
Verzweiflungsschrei zerbrach.
Für den Augenblick war Dringenderes zu tun. „Ruft Morlanes, den
Carcelero des heiligen Offiziums,“ befahl er einem der Soldaten vor der
Tür.
Bald darauf erschien der Vorsteher der geheimen Kerker. „Es sollen sich
morgen um die achte Stunde bei mir einfinden: Pater Miguel und Diego,
die beiden Konsulatoren des heiligen Gerichts und die drei Alguaciles.
Dann um neun Uhr der Fiskal Don Juan de Collades.“ Der Vogt tappte
hinaus.
Der Inquisitor fühlte den Schweiß der Erregung über die Stirn fließen.
Klänge und Bilder wirbelten durch sein Gemüt. Es war doch keine
Kleinigkeit, dieses Lügengebäude der Anklage zu errichten, wenn er auch
wußte, daß er damit der Kirche und dem König einen Dienst erwies. Der
Graf hatte sich gegen die Majestät des Herrscherpaares noch nicht so
weit vergangen, daß man ihn gerechterweise unschädlich machen konnte.
Die Kirche und deren Diener waren beleidigt worden, aber noch war
der Glaube selbst unberührt geblieben. Der Ketzer war bisher noch
nicht bewiesen. Jetzt aber, durch den Mund der glaubwürdigsten Zeugin
überführt, konnte man den Strick um seinen Hals werfen, man konnte
das aus ihm machen, was man wollte, um den gefährlichen Gläubigen zu
vernichten: einen Ketzer. Der Dominikaner brachte mit dem Ketzer noch
einen zweiten, persönlichen Feind zu Fall: den Rivalen. Dafür taugten
auch die Waffen der Hölle. Dieser Graf durfte nicht glücklicher werden
als er. Zum erstenmal spürte er wahrhaftig den bohrenden Schmerz
der Eifersucht, und dieser führte die angefaulte Seele folgerichtig
den Weg zur Vernichtung. Diese wunderbare, von Liebesleben erfüllte
Mädchenbrust durfte nicht einem andern dienen.
Weit öffnete er das Fenster. Die buhlerisch linde Nacht griff an sein
Gemüt und ließ es im Vorschauer künftiger Wonnen erbeben. Der Mond
behing die schlafende Stadt mit silbernen Geschmeiden.