Siebenundzwanzigstes Kapitel

Granada glich in diesen Tagen einem Wespennest. Man wütete und

stach um sich. Über die Stadt fiel der Gifttau der Inquisition. Das

Ketzergericht begann sich über Nacht zu formen. Die Taufe war nicht

unter die Rinde des Unglaubens gedrungen. Da und dort entdeckte man

Rückfälle in maurische Gebetsbräuche, und wo durch die Einziehung von

Hab und Gut ein Gewinn für die Könige und die Kirche feststand, griff

man unbedenklich zu. In Belanglosigkeiten, in unbedacht gesprochnen

Worten wollte man Flüche auf das Christentum entdecken, scheele Blicke

nach der Kirche genügten, um anzuklagen, man zeigte Moriskos an, die

das Chrisam von der Stirn der Täuflinge weggewischt haben sollten,

andere, welche sich weigerten, Schweinefleisch zu essen, Frauen, die

sich mit Henna färbten oder gar zu oft wuschen, was als maurischer

Religionsbrauch aufgefaßt wurde. Eifersucht und Haß trieben ihre

Blüten. Diejenigen, welche bekannten, wurden gegeißelt und zum Tragen

des Schmachgewandes verurteilt, dann ins Gefängnis geworfen. Bis jetzt

hatte man elf Fälle zurechtgehämmert. Pater Leon wollte einen schönen

Auftakt für das Osterfest schaffen. Unter riesigem Zudrang wurde das

Autillo, das kleine Autodafé, in der Moscheekirche auf der Bibarrambla

abgehalten. Mit der spitzen Schmachmitra auf dem Haupt, dem Sanbenito

am Leib, schleppte man die Opfer zur Kirche, wo ihnen inmitten von

Mönchen das Urteil verkündet wurde. Die meisten kamen mit Gebetsstrafen

davon, eine Frau wurde verurteilt, täglich siebzehn Vaterunser,

einhundertdreiundfünfzig Ave-Maria, sechzehn Gloria-Patri und das

Glaubensbekenntnis zu beten. Das Gebet als Strafe! Ein Mann wurde

gegeißelt, da er Christus keine Heilkraft der Seele zuerkennen wollte.

Er wurde mit einem Strick um den Hals vor die Kirche geführt und mit

hundert Hieben bedacht, dann auf einen Esel gesetzt, bis zu den Hüften

entblößt, mit der Mütze auf dem Haupt, durch die Gassen geführt, vom

Volk verhöhnt und angespien. Neben ihm hieb abermals der Gerichtsvogt

mit einem ledernen Strick hundert Streiche auf seinen nackten Rücken.

So wurde ihm der Glaube eingebleut und er selbst mit der Kirche

‚versöhnt‘.

Der Graf de Mora, der mit vielen Granden der Geißelung beiwohnen mußte,

litt innerlich Qualen. In ihm bäumte sich die Empörung gegen die

furchtbare Gewalt auf, die harmlose, einfältige Menschen zu Verbrechern

stempelte.

Die Moriskos verkrochen sich in ihre Häuser. Dort flüsterten sie

einander die Schrecknisse zu, steigerten sie ins Ungeheuerliche und

woben ihre eigene Angst in die der Opfer hinein. So war sie nun da, die

cordobanische Inquisition! Die Häscher schlichen sich in die Häuser

und horchten die Bewohner aus, suchten nach Gebetsteppichen, und der

Schreck warf seine Kreise in die ganze Nachbarschaft. Trotz aller

Schwüre der Verurteilten drang es doch an die Ohren der Leute, mit

welch unheimlicher Umständlichkeit das peinliche Verfahren durchgeführt

wurde, wie man die Beschuldigten ängstigte, indem man ihnen Dinge

vorhielt, die sie nie begangen, wieviel Tränen in den Kerkern vergossen

und welche Martern in der Folterkammer ersonnen wurden. Mit entsetzlich

verstümmelten Gliedmaßen kämen die Gefolterten in die Kerker zurück.

Tag für Tag hing das Schwert über jedem Bürger von Granada. Auch die

Christen verschonte das Gericht nicht. --

Don Pedro de Solar stieg den Weg zur Alhambra hinauf. Sein Inneres war

wie ein ausgetrockneter Schuttbach, und immer wieder stürzten sich böse

Gedanken wie Hyänen auf ihn. Neben ihm schritt Hernando de Rojas, in

derselben Kümmernis verstrickt. „Ich habe dir etwas Schweres zu sagen.

Maria de Calabreña erwartet dich beim Imam. Man hat ihm den Koran

weggenommen. Der Alte ist verzweifelt.“

„Wer hat es gewagt?“ flammte Don Pedro empor.

„Zwei Dominikaner im Auftrag des Leon.“

„Das ist der Hammerschlag des Ximenes!“ Er stürmte auf sein Zimmer.

„Du gehst, höre ich, nicht nach Lanjaron?“

„Der König traut mir nicht mehr. Ich bin dem Befehl des Grafen Tendilla

unterstellt worden, der morgen nach Guejar zieht, das Maurennest

auszuräuchern.“

„Du hast den König und Ximenes furchtbar erzürnt, das vergessen sie dir

nie.“

Der Graf verabschiedete sich von dem Freund und eilte über den Hof nach

dem Turm der Cautiva. Er fand Reija aufgelöst im Schmerz um den Alten,

der bleicher war als sonst, um Jahre gealtert und mit der Schwermut des

Entsagens im Auge. Er kauerte auf dem Gebetsteppich und rief mit Hilfe

des Musabihha, des arabischen Rosenkranzes, die schönen Namen Gottes in

höchster Andacht zum Himmel.

Reija flog dem Geliebten ans Herz. Ihr Mund, vom Salz der Tränen

benetzt, küßte ihn wild. Sie klagte ihm den Einbruch der Dominikaner.

„Oh, Habib meiner Seele! Nun hat er nichts mehr auf der Erde!“

Der Greis wankte aus dem Gebet. „Wo des Ximenes rauhe Hand hintastet,

verdorren die Blumen und versiegt das Wasser. Insch’allah! In alle

Ewigkeit! Feta, du liebst diese hier! Ich weiß alles. Um dieser Liebe

willen, die auch sie für dich hegt, habe ich sie nicht verstoßen. Ich

hätte sie zu den Blinden und Tauben werfen können, die das Gesetz des

Propheten nicht sehen und hören wollen, hätte sie mit dem Atem der Pest

verfluchen können, aber es sträubte sich etwas in mir. Ich habe Sinn

für des andern Gottesweg, Ihr löscht des weisen und sanften Nazareners

Duldersinn aus und setzt an seine Stelle den Verfolgergeist des Hasses.

Wo aber bleibt die unbegrenzte Liebe? Diese Mönche -- haben sie kein

Herz im Leibe?“

Mora schüttelte den Kopf. „Such’ bei Steinen Erbarmen, bei diesen

nicht.“

„Ihr seid arm, Spanier! Ärmer als wir, trotzdem wir kein Recht auf

einen freien Atemzug haben. Gott, dessen Name in aller Ewigkeit groß

ist, wird alles richten. Insch’allah!“

Reija schluchzte ihr Herz aus. „Alle Emire und Walis haben Granada

verlassen. Und du gehst morgen fort -- wir werden ganz ohne Beschützer

sein.“

„Vertrau’ auf Gott. Verlaß den Alkazar nicht -- ich bin bald zurück.“

Der Imam mahnte mit warmer Herzlichkeit: „Es gehen furchtbare

Schrecknisse durchs Land, sagt man, geboren aus den Hirnen dieser

Mönche. Das Kind ist eine Moriska, sie kann leicht in euerm Glauben

straucheln. Allzu stark ist ihres Vaters Art in ihr, noch liegt ihr

Herz in Widersprüchen gefangen. Oh, könnte ich doch beruhigt ins Tal

des Schweigens steigen.“ Er versann sich in düstern Gedanken. „Das

größte Wunder ist der Tod, denn er soll uns Paradiese schaffen. Komm

her, meine Blume von Andalus.“ Er umschlang des Mädchens zarten Leib.

„Ist Schönheit wirklich Glück? Wohl hat El Bakali, der Hirte der

Erkennenden, gesagt, Liebe und Schönheit hätten mit einander einen Bund

geschlossen, daß sie sich nie trennen würden. Nicht nur Glück, auch

ein Übermaß von Leid entspringt aus ihr, Haß und Streit wurzeln in

ihr, Völker lagen sich ihretwegen in den Haaren, Sorgen windet sie um

der Liebenden Haupt, sie macht aus Weibern Männer, aus Männern Weiber

und verträgt keinen Dritten in ihrem Bund. Und doch ist sie eine süße

Unruhe des Lebens, ein seliger Schmerz, ein zartes Leid. Sieh, ich kann

dir deinen Ritter nicht nehmen, Reija, drum halte fest an ihm. Gott

ist in dir und über dir, du entgehst ihm nicht, aber er wird deinen

Pfad nicht zum Feuerweg machen, wenn du auch im Gebet vor der süßen

Mirjam liegst. Glauben heißt am Ende gut sein.“ Er wandte sich an den

Grafen. „Du wirst eine harte Sache haben mit den Mauren in Guejar.

Himmelragende Felsen müßt ihr stürmen, zwischen den Talwänden werden

die christlichen Ritter fallen wie Ratten und stromweis wird ihr Blut

fließen.“ Sein Auge erglänzte in alter Kampffreude und sein Bart schien

ein Flammenbusch zu sein.

Der Graf drückte ihm die Hand. „Abu Atir, ich wollte solche Feinde

haben wie Euch, dann wäre das Leben schön, denn es läge offen vor mir

da. Lebt wohl -- ich muß tun, was Königspflicht mir gebeut. Ist dieses

letzte getan, soll vieles anders werden.“

Da drängte Reija an sein Herz. „Komm heute abend in die Alcazaba. Ich

will Abschied von dir nehmen vor dem Kampf.“ Sie sah mit glühenden

Wangen zu Boden.

Unendliches Glück erhellte das Auge des Grafen. Mit zärtlicher

Liebkosung begleitete sie den Geliebten die Treppe hinab. Dann

kehrte sie zu Abu Atir zurück. „Rüste dich, Väterchen, zum letzten

Schritt,“ flüsterte sie ihm hastig zu. „Ich habe alles vorbereitet.“

Ihr Auge bekam einen schillernden Glanz. „Wenn morgen die Truppen nach

Guejar ziehen, ist die Stadt von Soldaten entblößt. Die Wali Beni

Mossad werden mit fünf Pferden in der morgigen Nacht beim Mühlentor

halten. Die Wache bei deinem Zimmer wird durch drei andalusische

Maultiertreiber überwältigt, die sich noch bei Tag in die Alhambra

einschleichen. Spanischer Mantel und andalusische Mütze sind für dich

bereit, man wird dich für einen Gelehrten halten. In Begleitung der

drei Arrieros gelangst du bis zum Mühlentor, wo die Pferde warten. Von

dort reitet ihr über Padul nach Salobreña ans Meer. Ein Schiff trägt

dich nach Maghreb zu meinem Vater.“

Der Greis hatte starr-staunend gehorcht. „O Gott -- wenn ein Schatten

des Argwohns auf dich --“

„Ich weiß von nichts und schlafe ruhig in der Alcazaba.“

„Und du kommst nach? Nach Salobreña?“

„Nein. Mein Geschick ist mit dem meines Feta verknüpft. Ich will ihn

beschwören, mit mir nach den Kanarischen Inseln zu fliehen, oder es

blüht in Frankreich für uns eine neue Heimat. Nur fort von hier! Der

Boden brennt mir unter den Füßen. Nimmer will ich des Grafen Herz

täuschen, unsere gemeinsame Kette bricht nur der Tod.“

„Oh, Engel mit dem Schwert des Geistes und der Liebe! So weih’ ich

dich für dein Liebeswerk, das du mir und jenem tust. Mögen dich Gottes

Seraphim behüten. Hör’ mich an: Geheimnisvoll naht sich morgen gerade

die Nacht Kadir, in der der ungeschaffene Koran aus dem siebenten

Himmel in den Himmel des Mondes gebracht wurde, um vom Engel Gabriel

behütet zu werden. Diese Nacht ist immer von großen Geschehnissen

erfüllt, darum glaube ich an ein gutes Gelingen. Ich will dir ein

Geheimnis anvertrauen, das mir dein Vater nur in höchster Not

preiszugeben befahl. Die Not ist da und du bist sein Kind. Im Turm

der sieben Stockwerke in der Alhambra unter dem Getäfel einer Nische

im obersten Zimmer, wo der Türmer haust, hatte Boabdil eine Kerze

verwahrt, die so hergerichtet ist, daß deren Wachs, am untern Ende

angezündet und auf das Pergament getropft, das sich in meinen Händen

befindet, eine Schrift auftauchen läßt, welche besagt, wo der letzte

granadinische Schatz des Königs in Granada verborgen ist. Von diesem

darf ich für dich nehmen, soviel ich will. Hier hast du das Pergament.“

Er schnitt in einer verborgenen Rockfalte eine Naht auf und zog ein

zusammengefaltetes Pergament heraus.

Mit höchstem Staunen griff Reija nach dem Blatt. „Ich will’s benützen,

wenn die Not am höchsten.“ Sie steckte es zu sich. „Tausend Dank,

Väterchen!“

„Gib alles, was du an Geld hast, dem Wali Sareb in Verwahrung. Er

ist ein treuer Prophetenknecht. Für mich genügt das nackte Leben. In

Salobreña warten Gelder auf mich. Du mußt gehen?“

„Die Arrieros sind für die dritte Stunde heute bestellt. Sie bekommen

Ausrüstung und Waffen. Dein getreuer Malik Ben Hossaim hilft mir bei

allem. Er ist schlau, verwegen und vorsichtig. Leb’ wohl, Väterchen!“

Sie warf sich die schwarze Mantilla um, zog den Schleier vor und

huschte aus dem Turm. Unten wartete Saffana.

Der Frühling begann seine Wunder leise zu entfalten. Mild fächelte die

Luft, rosenrote Mandelblüten dufteten von den Hängen, die Blütenstände

der Aloestauden prangten wie Tempelleuchter, der Maulbeerbaum und die

Granate gingen auf, auf den Hügeln schimmerte der Wein dem großen

Blühen entgegen. In der Calle de Gomeres warteten die Maultiere.

Durch die engen Gassen der Antequeruela drückten sich verängstigte

Moriskengestalten an ihr vorbei, alle Gesichter erregt und bleich unter

dem Eindruck des Autillos. Der übliche Gassenlärm war verstummt. Züge

von Mönchen und Nonnen, alle unheimlich verhüllt wie Boten des Todes,

schlängelten sich zur Alhambra hinauf, lebendige dunkle Girlanden im

frühlingsjungen Grün des Berges. Von Zeit zu Zeit tönte durch die

Gassen ein weher Ruf, man wußte nicht woher, irgendeine Brust stöhnte

wohl ihr Leid in die glühende Sonne. Reija ritt gesenkten Hauptes, von

den Wogen ihrer Gedanken bedrängt, durch die geängstigte Stadt, die

in wenigen Stunden ihre andalusisch-maurische Fröhlichkeit eingebüßt

hatte, gebrochen durch die Posaunentöne des Jüngsten Gerichts.

„Höre, Saffana! Du läufst heute abend in der Alcazaba herum, soviel du

willst. Nur in meinem Zimmer laß dich nicht sehen. Rüste mir das Bad

und fülle alle Räuchervasen.“

„Werda, Werda, du willst dich schmücken, als ginge es zum Liebesfest.“

„Rosen vergiß mir nicht und flatternde Seidenbänder. Morgen zieht

mein Bräutigam in den Kampf. Aber die Monfis sind aus Helden

zusammengesetzt, sie werden aus den Christenleibern den Staub der

Verwesung machen.“ Ihr Auge, schwarz wie ein Nachthimmel, glühte für

den Ruhm der alten Glaubensbrüder. „Was hältst du von den Christen und

ihrer Kirche?“

Saffana schüttelte den Kopf. „Ich kann’s nicht begreifen, was diese

Fakis tun. Sie zwingen uns, ihre goldenen Bilder anzubeten, sie rufen

uns mit Glocken zum Gebet, ihre Predigten hallen von Verboten und

Sünden. Und was soll der Wein in ihrem Kelche? Die Fakis deuten es mit

Blut. Ich kann’s nicht glauben. Aber es gibt so schöne Ritter unter

den Spaniern --“ ihr Auge belebte sich rasch -- „man möchte so gern in

ihren Armen liegen und ihren Götzendienst vergessen.“

Reija hörte nicht mehr auf ihr leichtes Geschwätz. Ihre Gedanken

verfingen sich im Netz der eigenen Liebe. Und in ihrem Geiste loderte

der ersehnte Abend in Flammen des Prophetenparadieses.

Granada in Flammen · 第 123 / 190 题