Über die Kaktus- und Aloehecken der Landhäuser strichen die
balsamischen Düfte der aufgewühlten Frühlingserde. Das Licht in den
engen Gassen wurde klarer und goldener, der Darro brauste jugendlicher
am Hang der Alhambra vorbei, in der Vega keimte die junge Saat auf und
an den vergitterten Fenstern des Albaycin prangten die ersten Blumen.
An einem goldblitzenden Morgen ging es wie ein Lauffeuer durch die
Stadt: Eswer Ben Zerragh ist entsprungen. Der Gobernador fluchte. Man
untersuchte das Gefängnis, man vernahm alle Wachsoldaten ein, nur den
einen nicht, der entflohen war. In die Gebirge wurden Streifscharen
geschickt -- ohne Erfolg. In die Barrancos der Alpujarras wagte man
sich nicht, da die Monfis zu zahlreich waren. Um so gewisser war es,
daß sich der entsprungene Maurenfürst in dieses Retiro geflüchtet.
Das Herrscherpaar wurde erwartet. Die Königin wollte die ‚bekehrte‘
Stadt in ihrem neuen Glaubenskleid sehen. Ximenes ritt ohne Bedeckung
durch die Gassen. Das stählerne Gemüt des Kanzlers glaubte sich
gottgeborgen. Der Erzbischof Talavera versank neben ihm in ein
wesenloses Nichts. Pater Leon, der scharfe Seelenreiniger und
-peiniger, ernannte seine theologischen und weltlichen Beisitzer
und bald wurden neue Edikte des geheimen Gerichts in den Gassen
ausgerufen und es war zu hören, daß eine Unzahl von Handlungen und
Unterlassungen durch das heilige Gericht geahndet werden würden:
Hexerei, Gotteslästerungen, das Anrufen von Teufeln, das Bezweifeln
von Glaubensartikeln, das Beschimpfen und Beschädigen von Kruzifixen,
das Verführen von Frauen im Beichtstuhl, die Vernachlässigung der
Anzeigepflicht von Ketzern und vieles andere, was ein teuflischer
Erfindungsgeist spitzfindig ausgeklügelt. An den Wochentagen zogen die
Familiares mit Trompeten und Trommeln unter Anführung des höchsten
Alguacil durch die Gassen, und auf den Plätzen wurde das Edikt
verlesen. Binnen sechs Tagen mußten die Anzeigen über jene Personen
erstattet sein, die sich eines der bezeichneten Vergehen schuldig
gemacht hatten. Den Denunzianten wurde völlige Verschwiegenheit
zugesichert. Selbst dem Beschuldigten sollte ihr Name nicht genannt
werden.
Die Moriskos erschraken vor dieser gräßlichen Rechtsprechung. Wer
einen Feind hatte, war ihm wehrlos ausgeliefert. Jeder Haß konnte
sich durch die Tür der Inquisition Luft machen, wer einen anderen
schädigen wollte, brauchte nur eine falsche Anzeige erstatten und man
schenkte ihm Glauben. Niemand war mehr seines Eigentums, seines Lebens
sicher. Schrecklicher noch als die aufrechten kastilischen Soldaten
des Königs trat jetzt das Gespenst des furchtbaren Gerichts, dessen
Vorschauer schon vor Wochen aus Cordoba herübergestrichen waren, unter
die bebenden Moriskos. Sie, die kaum eine flüchtige Berührung mit den
Dogmen der Kirche hatten und noch unsicher in den Riten herumtappten,
konnten jeden Augenblick wegen einer angeblichen Übertretung gepackt
werden. Wohl versprach man gelinde Strafen, aber man wußte, was man
von spanischen Versprechungen zu halten hatte. Man zitterte um seine
kärgliche Habe und vor der bevorstehenden Schmach, verspottet und
beschimpft im Sanbenito jahrelang unter den Christen wandeln zu müssen.
Alles zog sich furchtsam in die Häuser zurück, wo man wenigstens
flüsternd das Leid von der Seele wälzen und dem alten Glauben
nachtrauern konnte.
Die Könige kamen, begrüßt von der Moriskomenge, der man die
Begeisterung in die Seele gedroht hatte. Vom Leid verdunkelte Mienen,
freudlose Augen, verhärmte Wangen -- fürwahr, die Königin hatte nicht
viel mehr erwartet. Sie warf während des Eintritts beziehungsvolle
Blicke nach Ximenes, um dessen Herz der Eisenpanzer der Härte lag.
„Was für eine Stadt!“ entfuhr es ihren Lippen. „Das Volk scheint nicht
glücklich.“
Der Erzbischof zuckte mit keiner Wimper. „Der einheitliche Glaube ist
da.“
„Er ist mit Leid erkauft worden. Verzweifelte Klagen drangen über die
Schwelle meines Gemachs. Man erwartet alles von meiner Gegenwart.“
„Wenn diese Gegenwart auch nur ein Haar von dem verrücken sollte, was
meine starke Hand erbaut, dann wäre der heilige Eifer umsonst gewesen.“
Er sah die Königin mit einem bezwingenden Blick an.
„Hat die Inquisition Arbeit bekommen?“ fragte Isabella.
„Es ist möglich, daß zu Ostern Scheiterhaufen brennen.“
Die Königin erschrak. „Die Eile wird das Volk rasend machen. Meint Ihr
nicht, daß die Barmherzigkeit größer sei als die Gerechtigkeit?“
„Man wird barmherzig sein und oft nur Güter einziehen, wo die
Verbrennung angebracht wäre.“
„Große Seelen wachsen durch die Bedrückung. Die Moriskos haben große
Seelen. Sollen sie uns noch gefährlicher werden?“
„Dann vollenden kastilische Reiter das, was wir begonnen,“ entschied
der kriegerische Hohepriester. -- -- --
Der Graf de Mora hatte den Weg in die Alcazaba gefunden, wo nun Reija
mit ihren Sklavinnen ihr junges Glück durchsann. In seinem Gewissen
hämmerte die Schuld. Der Abencerrage war vogelfrei. Der Gewinn war
durch ein schuldbeladnes Gewissen teuer erkauft worden. Reija wußte
nicht, wohin sich der Maure gewandt. Aber der Graf schalt sich einen
Toren, weil er die Flucht seines Rivalen selbst begünstigt. Dann
verscheuchten wieder die Liebesbeteuerungen des Mädchens alle Wolken.
Als das Glaubensedikt kam, grübelte sich Reija mit ihrem beweglichen
Verstand so gut es gehen wollte, in die Heilslehren hinein, nur
bemerkte Don Pedro de Solar an ihr ein verdunkeltes Wesen, wenn sie von
den Dogmen sprach. Dann machte er sich selbst Gedanken, wie sie oft
den Menschen in den Stunden farbloser Dämmerung zu überfallen pflegen.
Hell brannten die Kerzen im dufterfüllten Gemach der Königstochter.
Don Pedro saß neben ihr. Der Wohlgeruch ihrer Glieder wallte um das
Gemüt des Liebenden. Er hörte ihren Mund so gern tönen. Sie sprach
ihr Spanisch mit vielen arabischen Wörtern untermischt, betonte die
Endsilben länger, als es im Andalusischen üblich war, wodurch etwas
Singendes in ihre Rede kam, das dem Grafen gar wohl gefiel. Auch das R
rollte sie scharf heraus, was ihr eine entzückende Herbheit gab.
Don Pedro schenkte ihr einen Ring mit einem großen Saphir.
Ihre Augen strahlten voll Eitelkeit. „O Liebster, wie weißt du zu
schenken! Ich habe nie etwas Schöneres gesehen als diesen Ring.“
„Ich doch,“ lächelte er beglückt. „Die Hand, die ihn jetzt trägt.“
Reija schmeichelte sich an seine Brust heran. „O mein Feta! Weißt du,
was mir noch zum Glück fehlt? Abu Atir soll frei sein!“ Es schlich nur
so zwischen den Lippen heraus.