„So hast du es schon getan?“ flammte er in ihre Verwirrung.
„Nein!“ erklang es mit verzweifelter Wehr. Und abermals barg sie das
glutübergossene Gesicht unter dem schwarzen Wald von Haaren in ihre
Hände.
Er atmete auf. „Wenn du dich ganz deinem Gott nähern willst -- und das
willst du doch -- so ertöte überhaupt die Liebe in dir.“
„Bei Gott und dem Propheten --“ erschrak sie heftig. „Verzeih -- die
Gewohnheit -- bei Gott und den Heiligen! Das -- kann -- ich -- nicht.“
„Brennend und qualvoll ist die Liebe zu einem Mann, bei den Schmerzen
wirst du die Freuden vergessen, die dir die Umarmung bereitet. Deiner
Kinder Leid wird das deine sein --“
Das Blut schnellte ihr in die Wangen. In ihrer rührenden Wehrlosigkeit
erschien sie ihm wie ein Seraph. „Fühlst du schon die Kümmernis,
liebe Seele?“ wühlte er aufs neue in ihrer Wirrnis herum. „Entsage
dem stürmischen Meer der Welt und ziehe dich in einen heiligen Hain
zurück, wo die Stimmen des Lebens sanfter schwingen und die Einkehr
der Seele leichter ist als im Lärm des Tages. Dort sind die Wälle der
Unschuld errichtet, dort versammeln sich um dich die gleichgesinnten
Schwestern und helfen dir, Leid zu tragen und Freude zu empfinden. In
dem Augenblick, da du die Klosterschwelle überschreitest, verschwindet
die äußere Welt und eine innere öffnet sich dir, es naht Jesus mit
den Heiligen und spendet dir stündlich unsagbare Wonnen. Nicht ein
Grab ist es, in das du steigst, Paradiesesstille und himmlischer Glanz
überfluten deine Seele im Gebet. Ich wüßte dir hier ein Nonnenkloster
zu ‚Unserer Frauen Ängsten‘, wo du alle Liebesängste vergäßest.
Liebliche Schwestern triffst du dort, für die Beichte würde ich sorgen.
Überlege es, Tochter der Welt, die du dann Braut Christi werden
würdest.“
Maria de Calabreña hörte Worte rauschen, deren schwerwiegenden Inhalt
sie nur mühsam begriff. Aber sie sah die traurigen Gestalten der
schmucklosen Nonnen in ihren weltfremden Gewändern durch die Gassen
von Granada wandeln und das Herz krampfte sich zusammen und wehrte
sich mit der ganzen Kraft seiner Liebesfreudigkeit gegen die Lockung.
Beinahe hätte sie laut aufgelacht, als sie sich vorstellte, wie sie
im schwarzen Nonnenkleid, das Gebetbuch in der Hand, nach der Kirche
wandelte. Aber sie spürte den zunehmenden Druck dieser mahnenden
Priesterhand, der fast zu schmerzen anfing, und so stöhnte sie leise
vor sich hin: „Nonne -- Nonne -- ich fass’ das nicht -- Braut Christi?
So sind diese Nonnen alle Bräute Christi?“
„Das sind sie in der Tat.“
„Aber dann hat ja der Herr Jesu tausendmal mehr Bräute, als ein Kalif
Frauen hat.“ Sie staunte aus ihrer ganzen Ehrlichkeit heraus.
Der Vikar hatte Mühe, ihr die Geistigkeit dieses Brautverhältnisses
zu erklären. Nimmer konnte sie das traurige Schicksal dieser ewigen
Brautschaft begreifen, der keine Hochzeit folgen konnte. „Ach -- ich
kann nicht -- Nonne werden -- weil --“ und übermächtig wogte es aus
ihrer Brust: „Ich liebe zu heiß!“
„Das unreine Feuer der Liebenden hat niemals genug und verzehrt am
Ende die Liebenden selbst. O schmerzensvolle Liebe! Das Herz des
Beichtvaters schlägt in väterlicher Liebe zu dem Beichtkind, und was
dieses betrübt, betrübt auch ihn. Ihr habt Euer Agnus Dei -- küßt Ihr
es oft?“
„Ich drücke es am Abend immer an die Lippen.“ Ihre Stimme klang brüchig.
„Gebt -- daß auch meine Lippe sich daran erfreut.“ Er neigte sich zu
ihrem Busen herab und küßte das Wachsscheibchen im goldnen Gehäuse.
Seine Sinne schlürften den herben Hauch ihrer Brust und sein Mund
sog lang an der Stelle, die ihre Lippen allabendlich berührten, und
seine Vorstellungskraft weidete sich an dem Bild, daß er durch diese
Berührung mittelbar ihren eigenen Kuß empfände. Maria erschauerte bis
ins Mark, als sie seinen Kopf, seine Haare, die Tonsur so nahe an ihrem
Busen spürte. War denn das wirklich Christenpriesterart? Es wurde erst
wieder Licht vor ihr, als sich das Haupt von ihr hob. Wie eisigkalte
Ströme rann es durch ihr Hirn.
Ein paar dürftige Sündlein bröckelten sich von ihrem Herzen ab, dann
erklang wieder des Dominikaners fremdes Gemurmel, seine Hand machte
das Kreuzzeichen über sie und dann konnte sie sich erheben. Er gab
ihr als Buße einige Gebete auf und befahl ihr, keinem Menschen ein
Sterbenswörtlein von allem, was sie im Beichtstuhl gesprochen und
gehört, zu sagen. Durch eine Handauflegung auf ihren schleierbedeckten
Scheitel entließ er sie.
Maria de Calabreña hatte das Gefühl, als schritte sie qualvoll aus
einer großen Gefahr heraus und doch wußte sie sich nicht zu sagen,
wovor sie Angst empfand. Von Bängnis durchwühlt, wankte sie die Treppe
hinab.
Der Dominikaner zuckte zusammen, als sich die Tür hinter ihr schloß.
Er, der arme Priester, stand da allabendlich einem königlich-stolzen
Mädchen gegenüber. Ein Sündenhauch wehte über seinen Leib. Das gestand
er sich ein. Und er schauderte einen Augenblick vor der Sünde wider
den Heiligen Geist, vor der Übertretung des kirchlichen Gebotes und
der Sittlichkeit zurück. Hier war er wenigstens noch nicht Verräter
an seinem Gott geworden. Aber da verdrängte ein anderes Bild seine
kämpfenden Gedanken.
Leonores zauberischer Liebreiz, von den Flammen der Leidenschaft
erhöht, stellte sich im Geist neben die zarte Schönheit der
Moriska. Wie lag hier alles noch verknospet, was dort schon in
beglückender Reife Wonnen spendete! Wie behütete das Maurenkind seine
Jungfräulichkeit mit dem natürlichen Panzer ihrer Tugend, während dort
ein ausschweifendes Schenken und Sündigen zweite Natur geworden war. Ob
diese braune Königstochter je so weit kommen konnte? Aber fließt nicht
des Vaters Lüsteblut in ihren Adern? Dann war sie doch einmal zum Fall
reif.
Er bebte am ganzen Leib. In die brennende Urtiefe des Lebens, in das
Wesen des Doppelrätsels Mann und Weib schwang sich sein brünstiger
Wille hinab. Ohne dieses Verlangen, das seine Kirche ein Sündenwerk
nannte, glaubte er nicht ganz Mensch sein zu können. Sollte er die Qual
der Ausgeschlossenheit vom Irdisch-Menschlichen leiden? Ach, schwer
drückte das Joch der Tiergebundenheit auf ihn. Keine heilige Anwandlung
hatte er mehr, sein viehisches Gelüste riß ihn aus dem Himmel, den
er mit seinen Gedanken schon schändete. Das Wunder der Zeugung alles
Lebens griff mit schrecklichen Armen nach ihm und raunte ihm zu: Auch
du entgehst mir nicht, aber du fassest mich mit deinem verfluchten
Geist.
Pater Leon wog in seinem Geiste die beiden Schönheitsgebilde ab. Dort
besaß er schon -- hier konnte er bald besitzen. Es mußte köstlich
sein, um diesen jungfräulichen Leib zu ringen, und er hatte gewichtige
Helfer bei dieser langsamen Belagerung: die entweihten Dogmen und die
Glaubensmittel seiner Religion. Was sein unreiner Sinn berührte, fiel
aus der Höhe der Würde hinab in die Tiefe der Gemeinheit. Christen-
und Priestertum versanken in seinen sündigen Wünschen und aufstieg
der tierische Mensch. Der entheiligte Gott sollte ihm helfen, seine
Gelüste zu befriedigen. Er hatte nicht den Zauber der Verführungskunst,
der sonst liebenswürdigen Naturen zur Verfügung steht, die durch ihr
Wesen selbst verführen. Er konnte nicht die Schmeichelrede des Alltags,
die tändelnde Sprache des Majo, des galanten Liebhabers führen, nicht
die werbende Zärtlichkeit des Schwärmers gebrauchen. Aber er hatte
die unheimlichen Fallen und Requisiten der einschüchternden Kirche in
Händen. Er hatte einst Leonore de Uceda damit bezwungen, er konnte --
Sein Hirn geriet in furchtbaren Brand. Vor seinen Augen kreisten
farbige Ringe und in seinen Ohren knisterte es wie Funkengestöber der
Hölle. Skrupellos, beinahe mit dem Abgrund des Verderbers liebäugelnd,
vergrub er seine Gedanken in lodernde Bilder der Wollust. Eines vor
allem bestürmte seinen Sinn. Er wollte demnächst -- die Mittel hatte er
dazu -- die schönen Füße Marias de Calabreña nackt sehen. Er krümmte
sich in süßer Qual. Ein Wort des heiligen Augustinus stahl sich als
Trost in seine Seele: ~O felix culpa!~ Ohne Adams Schuld wäre
keine Erlösung gewesen.
Folgerichtig aber glitt nun sein Geist in einen furchtbaren Haß hinein,
der ihn zur unerbittlichen Verdammung zwang. Einen Namen schleuderte
dieser Teufel mitten in sein Dürsten: Don Pedro de Solar! Das Ungeheuer
Eifersucht hakte seine Tatzen in seine Brust. Es gefiel ihm, die Würde
des Ritters zu zertrümmern. In dem Degen, den der Ritter zwischen sie
und ihn gelegt hatte, sah er das trennende Werkzeug zwischen Mann und
Mann. Er konnte dem Grafen unmöglich die Blüte gönnen, nach der sein
eigener Wille dürstete. Was forderte Leonore de Uceda? Die Vernichtung
der Rivalin? Ei, er wollte sich ein anderes Ziel setzen. Und sollte
sein Wollen des Teufels sein, er mußte versuchen, um dieser Perle
willen die Muschel zu zerbrechen, die sie für ihn verschloß.
Wie von Dämonen gepeitscht, jagte er sein Judasgewissen aus einer Hölle
in die andere.