Vierundzwanzigstes Kapitel

Ein von Dünsten umhangener Mond warf sein spärliches Licht über die

Höfe der Alhambra, durch die Maria de Calabreña zum Dominikaner ging.

Saffana begleitete sie wie immer. Sie mußte in einer Galerie warten,

bis die Herrin wiederkam.

Die schöne Alberca, der Teich des Myrtenhofes, lag wie ein

geisterhafter Spiegel im halben Licht. Die schlanken Säulen und

Galerien an den Seiten des Hofes waren wie traumhafte Gebilde zu

schauen und Maria glaubte dahinter das Liebesseufzen schöner Frauen

zu hören. Hier hatte wohl ihr Vater dem Saitenspiel der Sängerinnen

gelauscht, hier lasen die Dichter ihre sprachschönen Gesänge, während

der Springbrunnen in die Melodie der Verse seine silbernen Klänge warf,

hier schritten edle Abencerragenfürsten, Alijaren und Azis huldigend

vor den König hin, der sie am Eingang des Comaresturmes begrüßte, und

hier wurden die Bahren der vornehmen Toten aufgestellt, daß sie das

Volk beweinen konnte.

Rätselhaft vermummte Mönchsgestalten glitten im matterleuchteten

Patio del Mexuar wortlos an ihr vorbei. Sie schienen von

Inquisitionsgeschäften zu kommen und äugten mißtrauisch nach der

vornehmen Dame. Schwarze, verdächtige Gestalten huschten an den

Hufeisenbogen vorüber und verschwanden im Dunkel des Atriums. Maria

fröstelte. Sie stieg die Treppe zur Mosala hinauf.

Pater Leon hatte eben das gepfefferte Grisado, das spanische Ragout,

mit malagischem Edelwein verdaut.

Da meldete man ihm Maria de Calabreña. Die Agarena stand vor ihm. Auf

ihrer Stirn schimmerte unverkennbar das Siegel des Glückes. Der Pater

witterte in den Born ihrer Gefühle hinab. Es mußte etwas geschehen

sein. Glich sie nicht einer Tochter Zions, von der Jesaja sagt, daß sie

mit aufgerichtetem Hals und geschminktem Gesicht einhergehe und hatte

köstliche Schuhe an ihren Füßen, Gebräm und Bisamäpfel, Spiegel und

Ketten? Gelassen lud er sie in den schweren Hochstuhl zum Sitzen ein.

Ihr erster Blick fiel auf ein auffällig vor ihrem Sitz an der Wand

hängendes Bild der heiligen Therese, die in Verzückung auf dem Boden

lag, während ein kleiner Liebesengel nach ihr zielte. Es war in

heidnischer Auffassung gemalt, nicht frei von Sinnlichkeit und der

Mönch hatte es absichtlich dahingehängt. Er erzählte ihr von der

Gebetsinbrunst der Heiligen, die sich nackt vor die Stufen des Altars

geworfen, um in ihrer fleckenlosen Körperreinheit sich dem Herrn Jesus

geistig zu vermählen.

Die Scham floß Maria in die Wangen. Und der Vikar lenkte rasch ab. Er

sprach ihr von den Engeln, die ihr ja aus dem Koran bekannt waren.

Er erklärte ihr die neunfache Einteilung der Engelchöre, legte ihr

das Walten des Überwinderengels Michael, des Wanderengels Raphael und

des Verkünderengels Gabriel dar, und Maria entschied sich für den

erzgepanzerten, schwertführenden Michael, der das Böse erschlug. Ihre

Augen leuchteten im Gedenken ihres geliebten Ritters, der in ihrer

schnell schwingenden Phantasie Engelgestalt annahm.

„Ihr möchtet wohl so einen Michael als Schutzengel haben?“ fragte er

mit einem kaum verhaltenen Lächeln.

„Und schön muß er sein,“ gestand sie in kindlicher Unbefangenheit.

„Als ob Schönheit die Wesenheit eines Schutzengels wäre!“ sagte er

verweisend.

„Aber die Kraft, die Stattlichkeit!“ verteidigte Maria den Engel ihrer

Gedanken.

„Die Reinheit vor allem,“ belehrte sie der Mönch. „Ein schöner Engel

mag leicht die Gestalt Luzifers haben.“

„O ich dachte mir diesen finster und häßlich.“

„Sein Äußeres borgt er vom Licht. Es laufen viele irdische Engel herum,

die innerlich den Geist der Finsternis tragen. Sagt, wollt Ihr heute

nicht beichten?“

Sie erschrak. „Gott der Erhabene! Heute?“ Was sollte eine Sünde in

ihrem Glück?

„Hinter dem glücklichen Menschen lauert gewöhnlich ein Teufel. Seid Ihr

Euch keines Fehltritts bewußt?“ Seine Augen schärften sich.

Maria erschrak abermals. Warum zerstörte dieser Sündensucher ihre reine

Freude? Wohin lauerten seine Worte? Lag, was sie behütet wissen wollte,

schon leuchtend auf ihrem Gesicht? Sie blickte schnell dunkel, als

wollte sie damit alle natürliche Glut in sich löschen.

Aber der Dominikaner ließ sich nicht täuschen. Er erklärte dem Mädchen

das schöne Geheimnis der Lossprechung und die reinigende Kraft der

Kommunion. „Wer die Gottesspeise unwürdig empfängt, mißbraucht auch

alle andern Guttaten des Lebens. Die unwürdige Kommunion ist ein

zweiter Judaskuß auf die Lippe des Heilands.“

Reija bekam Angst. Und der Mönch erfühlte diese aus ihren Augen.

„Ihr könnt ohne kirchliche Förmlichkeit Euer Herz erleichtern.“ Mit

der Kraft seiner Blicke führte er sie zum Beichtstuhl, wo er sich

zuerst niedersetzte und sie dann an seiner Seite knien ließ. Mit der

bedeutsamen Gebärde des besorgten Mittlers ergriff er ihre Hand und

hielt sie fest in der seinen, als wollte er die Wellen ihres Blutes

ertasten. Wohlige Schauer liefen über seinen Rücken, als er diese

feingepflegten Finger, die noch den Duft des Moschus ausströmten,

berührte, er fühlte, wie die Wärme ihres Fleisches einen Teil ihrer

Wohligkeit an seine kalte Haut abgab. Nun rührte er an ihr Gewissen:

„Laß die selige Macht des Bekenntnisses auf dich einwirken, liebe

Seele. Gib dich willig dem Einzigen hin, der gütigen Herzens Gott

vertritt. Neugefegt werde die Tenne deines Herzens, auf ihr sei nur

mehr Platz für das reine Korn.“ Er murmelte lateinisch den Segen über

ihr Haupt. „Bekenne -- bekenne --“ drängte er, die Augen auf ihren

schwarzen Scheitel gerichtet.

„Ich habe nichts zu bekennen, als daß --“ Sie stockte und schnellte

dann inbrünstig aus ihrem Herzen: „-- als daß ich liebe.“

Da lag es offen, was er geahnt. Aber es klang so süß, dieses Geständnis

von den noch kußheißen Mädchenlippen, so herausgejubelt aus der Tiefe,

als wäre es keine Sünde, sondern heiliges Erleben. Ihm war, als wehte

ihn der warme Duft ihres Liebesherzens an. „Wen liebst du?“ fragte er

eindringlicher. Der Weg der Peinigung war beschritten.

„Einen Ritter -- Feta --“ gestand sie beengt.

„Wer ist es?“

„Don Pedro de Solar Graf de Mora.“ Und mit rührender Eitelkeit fügte

sie noch rasch hinzu: „Ist er nicht schön?“

Der Mönch spürte böse Zuckungen in seinem Leib. „Die Natur hat dir das

Recht zur Liebe gegeben. Aber es ist die Frage, wie du liebst.“

„Das verstehe ich nicht,“ antwortete sie purpurrot.

„Es gibt eine Liebe, die sich an verführerischen Bildern der Seele

ergötzt und in wilden Wünschen lodert, die sich unter furchtbaren

Seufzern selbst verbrennt.“ Und er drückte im Erzittern der eigenen

Glieder ihre Hand. „Ist die reine Jungfräulichkeit in dir erloschen und

bläst der Teufel seine Backen gegen dich auf?“

„Nein!“ entfuhr es ihr in der Wildheit der Abwehr solcher Gedanken.

Der Pater bedrängte abermals den keuschen Schwung ihrer Seele. „Du bist

selbst ein Kind einer Liebe, die bei uns sündig heißt.“

Sie entriß ihm jäh die Hand. „Mutter -- Vater! O laßt sie mir heilig

sein.“

„Es wäre nicht unmöglich,“ fuhr er unerbittlich fort, „daß sich die

Sünden der Väter in dir mit neuem Leben füllen. Hast du nie das

Verlangen gehabt, diesen Mann an dein Herz zu reißen und in seinen

Küssen zu vergehen?“

„Ja!“ gestand sie aus ihrem hellkeuschen Verlangen leise heraus.

„Und deinen Leib an den seinen zu drücken in aufschreiender Lust?“ Sein

Atem dampfte gegen ihr Gesicht.

Granada in Flammen · 第 109 / 190 题