Ein von Dünsten umhangener Mond warf sein spärliches Licht über die
Höfe der Alhambra, durch die Maria de Calabreña zum Dominikaner ging.
Saffana begleitete sie wie immer. Sie mußte in einer Galerie warten,
bis die Herrin wiederkam.
Die schöne Alberca, der Teich des Myrtenhofes, lag wie ein
geisterhafter Spiegel im halben Licht. Die schlanken Säulen und
Galerien an den Seiten des Hofes waren wie traumhafte Gebilde zu
schauen und Maria glaubte dahinter das Liebesseufzen schöner Frauen
zu hören. Hier hatte wohl ihr Vater dem Saitenspiel der Sängerinnen
gelauscht, hier lasen die Dichter ihre sprachschönen Gesänge, während
der Springbrunnen in die Melodie der Verse seine silbernen Klänge warf,
hier schritten edle Abencerragenfürsten, Alijaren und Azis huldigend
vor den König hin, der sie am Eingang des Comaresturmes begrüßte, und
hier wurden die Bahren der vornehmen Toten aufgestellt, daß sie das
Volk beweinen konnte.
Rätselhaft vermummte Mönchsgestalten glitten im matterleuchteten
Patio del Mexuar wortlos an ihr vorbei. Sie schienen von
Inquisitionsgeschäften zu kommen und äugten mißtrauisch nach der
vornehmen Dame. Schwarze, verdächtige Gestalten huschten an den
Hufeisenbogen vorüber und verschwanden im Dunkel des Atriums. Maria
fröstelte. Sie stieg die Treppe zur Mosala hinauf.
Pater Leon hatte eben das gepfefferte Grisado, das spanische Ragout,
mit malagischem Edelwein verdaut.
Da meldete man ihm Maria de Calabreña. Die Agarena stand vor ihm. Auf
ihrer Stirn schimmerte unverkennbar das Siegel des Glückes. Der Pater
witterte in den Born ihrer Gefühle hinab. Es mußte etwas geschehen
sein. Glich sie nicht einer Tochter Zions, von der Jesaja sagt, daß sie
mit aufgerichtetem Hals und geschminktem Gesicht einhergehe und hatte
köstliche Schuhe an ihren Füßen, Gebräm und Bisamäpfel, Spiegel und
Ketten? Gelassen lud er sie in den schweren Hochstuhl zum Sitzen ein.
Ihr erster Blick fiel auf ein auffällig vor ihrem Sitz an der Wand
hängendes Bild der heiligen Therese, die in Verzückung auf dem Boden
lag, während ein kleiner Liebesengel nach ihr zielte. Es war in
heidnischer Auffassung gemalt, nicht frei von Sinnlichkeit und der
Mönch hatte es absichtlich dahingehängt. Er erzählte ihr von der
Gebetsinbrunst der Heiligen, die sich nackt vor die Stufen des Altars
geworfen, um in ihrer fleckenlosen Körperreinheit sich dem Herrn Jesus
geistig zu vermählen.
Die Scham floß Maria in die Wangen. Und der Vikar lenkte rasch ab. Er
sprach ihr von den Engeln, die ihr ja aus dem Koran bekannt waren.
Er erklärte ihr die neunfache Einteilung der Engelchöre, legte ihr
das Walten des Überwinderengels Michael, des Wanderengels Raphael und
des Verkünderengels Gabriel dar, und Maria entschied sich für den
erzgepanzerten, schwertführenden Michael, der das Böse erschlug. Ihre
Augen leuchteten im Gedenken ihres geliebten Ritters, der in ihrer
schnell schwingenden Phantasie Engelgestalt annahm.
„Ihr möchtet wohl so einen Michael als Schutzengel haben?“ fragte er
mit einem kaum verhaltenen Lächeln.
„Und schön muß er sein,“ gestand sie in kindlicher Unbefangenheit.
„Als ob Schönheit die Wesenheit eines Schutzengels wäre!“ sagte er
verweisend.
„Aber die Kraft, die Stattlichkeit!“ verteidigte Maria den Engel ihrer
Gedanken.
„Die Reinheit vor allem,“ belehrte sie der Mönch. „Ein schöner Engel
mag leicht die Gestalt Luzifers haben.“
„O ich dachte mir diesen finster und häßlich.“
„Sein Äußeres borgt er vom Licht. Es laufen viele irdische Engel herum,
die innerlich den Geist der Finsternis tragen. Sagt, wollt Ihr heute
nicht beichten?“
Sie erschrak. „Gott der Erhabene! Heute?“ Was sollte eine Sünde in
ihrem Glück?
„Hinter dem glücklichen Menschen lauert gewöhnlich ein Teufel. Seid Ihr
Euch keines Fehltritts bewußt?“ Seine Augen schärften sich.
Maria erschrak abermals. Warum zerstörte dieser Sündensucher ihre reine
Freude? Wohin lauerten seine Worte? Lag, was sie behütet wissen wollte,
schon leuchtend auf ihrem Gesicht? Sie blickte schnell dunkel, als
wollte sie damit alle natürliche Glut in sich löschen.
Aber der Dominikaner ließ sich nicht täuschen. Er erklärte dem Mädchen
das schöne Geheimnis der Lossprechung und die reinigende Kraft der
Kommunion. „Wer die Gottesspeise unwürdig empfängt, mißbraucht auch
alle andern Guttaten des Lebens. Die unwürdige Kommunion ist ein
zweiter Judaskuß auf die Lippe des Heilands.“
Reija bekam Angst. Und der Mönch erfühlte diese aus ihren Augen.
„Ihr könnt ohne kirchliche Förmlichkeit Euer Herz erleichtern.“ Mit
der Kraft seiner Blicke führte er sie zum Beichtstuhl, wo er sich
zuerst niedersetzte und sie dann an seiner Seite knien ließ. Mit der
bedeutsamen Gebärde des besorgten Mittlers ergriff er ihre Hand und
hielt sie fest in der seinen, als wollte er die Wellen ihres Blutes
ertasten. Wohlige Schauer liefen über seinen Rücken, als er diese
feingepflegten Finger, die noch den Duft des Moschus ausströmten,
berührte, er fühlte, wie die Wärme ihres Fleisches einen Teil ihrer
Wohligkeit an seine kalte Haut abgab. Nun rührte er an ihr Gewissen:
„Laß die selige Macht des Bekenntnisses auf dich einwirken, liebe
Seele. Gib dich willig dem Einzigen hin, der gütigen Herzens Gott
vertritt. Neugefegt werde die Tenne deines Herzens, auf ihr sei nur
mehr Platz für das reine Korn.“ Er murmelte lateinisch den Segen über
ihr Haupt. „Bekenne -- bekenne --“ drängte er, die Augen auf ihren
schwarzen Scheitel gerichtet.
„Ich habe nichts zu bekennen, als daß --“ Sie stockte und schnellte
dann inbrünstig aus ihrem Herzen: „-- als daß ich liebe.“
Da lag es offen, was er geahnt. Aber es klang so süß, dieses Geständnis
von den noch kußheißen Mädchenlippen, so herausgejubelt aus der Tiefe,
als wäre es keine Sünde, sondern heiliges Erleben. Ihm war, als wehte
ihn der warme Duft ihres Liebesherzens an. „Wen liebst du?“ fragte er
eindringlicher. Der Weg der Peinigung war beschritten.
„Einen Ritter -- Feta --“ gestand sie beengt.
„Wer ist es?“
„Don Pedro de Solar Graf de Mora.“ Und mit rührender Eitelkeit fügte
sie noch rasch hinzu: „Ist er nicht schön?“
Der Mönch spürte böse Zuckungen in seinem Leib. „Die Natur hat dir das
Recht zur Liebe gegeben. Aber es ist die Frage, wie du liebst.“
„Das verstehe ich nicht,“ antwortete sie purpurrot.
„Es gibt eine Liebe, die sich an verführerischen Bildern der Seele
ergötzt und in wilden Wünschen lodert, die sich unter furchtbaren
Seufzern selbst verbrennt.“ Und er drückte im Erzittern der eigenen
Glieder ihre Hand. „Ist die reine Jungfräulichkeit in dir erloschen und
bläst der Teufel seine Backen gegen dich auf?“
„Nein!“ entfuhr es ihr in der Wildheit der Abwehr solcher Gedanken.
Der Pater bedrängte abermals den keuschen Schwung ihrer Seele. „Du bist
selbst ein Kind einer Liebe, die bei uns sündig heißt.“
Sie entriß ihm jäh die Hand. „Mutter -- Vater! O laßt sie mir heilig
sein.“
„Es wäre nicht unmöglich,“ fuhr er unerbittlich fort, „daß sich die
Sünden der Väter in dir mit neuem Leben füllen. Hast du nie das
Verlangen gehabt, diesen Mann an dein Herz zu reißen und in seinen
Küssen zu vergehen?“
„Ja!“ gestand sie aus ihrem hellkeuschen Verlangen leise heraus.
„Und deinen Leib an den seinen zu drücken in aufschreiender Lust?“ Sein
Atem dampfte gegen ihr Gesicht.