„Er muß sich unter Blumen am Wasser der Träumerei hingeben.“
„Das will ich nicht.“
„Was willst du also, unwilliges Labsal meines Auges?“ lachte sie.
„An deiner Seite weilen, du bist mir Blume, Wasser, Einsamkeit und
Traum.“ Er verwühlte sich in ihre Seide.
„O du ungeduldiger Liebling der guten Dschinnen! So wirst du ein
besserer Liebhaber als Dichter werden!“
„Mag’s drum sein!“ brach er in hellen Jubel aus. „Du bist mein,
mein! Und die Welt lacht im freundlichsten Schein! In deinem frühern
Leben war das Frauenherz eine Ware, ein Geschenk, ein liebenswerter
Gegenstand, aber keine Perle, um die man ringt. Als Christin erst hast
du deinen Wert erhalten.“ Er sah ihre umflorten Augen. „Was hast du,
Rose von Andalus?“
Sie schmeichelte ihren vertrauerten Kopf an seine Brust. „Nenn mich so.
Werda heißt sie auf maurisch. Deine Werda will ich sein. Sieh, ich bin
aufgewachsen im maurischen Wesen und will nicht ganz vergessen, was mir
einst teuer war. Und wenn ich in Sitten und im Glauben strauchle, hilf
mir mit deiner Liebe auf -- richte nicht gleich -- hab’ Mitleid mit
mir.“
Er drückte ihre zarten Glieder an sich. „Nicht siebenmal, sondern
siebenmal siebzigmal will ich dir verzeihen, wenn deine Gedanken
wanken, ich will Verteidiger deiner Schwäche, nicht ihr Stürmer sein.
Ist mir doch, als müßten deines Jugendgottes Kräfte herrlich gewesen
sein, da sie soviel Reinheit und Tugend schaffen und bewahren konnten.
Aber sieh, du bist herausgehoben aus der zweifelhaften Gnade deines
Allah und brauchst nicht mehr bekennen: Ich bin Mohammeds! Der Gruß
deiner frühern Schwestern ist ein scheuer Gruß und deiner frühern
Brüder Blick zum Himmel ist dunkel. Der Christenglaube erglänzt im
Nimbus über ganz Spanien. Wie arm wärst du gewesen, hättest du das
Schicksal maurischer Frauen erfahren. Hingeopfert zu werden der
Laune eines Mannes, verhandelt zu werden an den Meistbietenden, der
dich selbstherrlich ins Brautbett zerrt, um bald darauf eine zweite,
dritte hineinzubetten. Heilig ist uns die Frau und heilig bist du mir.
Im Licht des neuen Glaubens badest du deine Seele, sprichst durch
des Priesters Vermittlung mit Gott, hast Schwestern, Brüder, die in
gleicher Andacht dem Höchsten dienen, dein Gemüt erlabt der süße Gesang
der Chöre, Heilige hast du als Fürsprecher vor dem Thron, hast Maria,
die Jungfrau voller Gnaden im Bilde nah, und in Demut wandelst du
zwischen gleichgesinnten Menschen zur Kirche.“
Aber sie warf sich in der Aufgewühltheit ihrer Gefühle an sein Herz.
„Ach, ich will ja so gern glauben -- um deinetwillen -- aber ich flehe
dich an -- hasse mein Volk nicht!“
Er glühte es mit feierlichem Schwur auf die Lippen: „In deiner Liebe
begrub ich längst meinen Haß.“
„Und willst mir helfen, das Los meiner Mauren zu lindern?“ Ihre
Augen rückten bang von ihm weg. Ihr war, als träfe sie jetzt eine
Enttäuschung.
„Ich will meine schwache Kraft in den Dienst der Liebe stellen.“
„So stärke Gott der Erhabene diese Kraft!“ rief sie beseligt aus. Und
im Drang, die Gunst des Augenblicks zu benützen, flüsterte sie: „Es
schmachten so viele Unglückliche in den Kerkern -- sie verzehren sich
nach Freiheit und Licht -- sie wollen auswandern -- Eswer Ben Zerragh
ist darunter --“
Der Name fiel wie Eis in die Glut seines Herzens. „Reija! Hier unter
den ersten Schauern der Liebe schwöre mir, daß dieser Name dir nicht
teuer ist.“
Sie wehrte sich mit leuchtenden Augen. „Der Name ist mir teuer. Die
Abencerragen halfen meinem Vater auf den Thron. Doch der Mann, der den
Namen trägt -- er liebt mich, aber ich -- liebe ihn nicht.“ Wie eine
schöne, schwere Brautgabe legte sie es vor seine Eifersucht hin. „Den
Reichtum meines Herzens dürfen nicht zwei teilen, denn was ich gebe,
bin ich selbst, meine Art, mein königliches Blut. Wie sollte ich zwei
damit beglücken können!“
Noch glaubte er diesen beschwörenden Blicken nicht. Zu heftig loderte
die Eifersucht in ihm. Da drängte sie weiter: „Ich will ihn nicht
sehen, wenn er frei ist. Er soll entkommen, wohin er will, nur nicht in
meine Nähe. Triffst du ihn in Granada, sei er dir verfallen. Ich will
ihm schreiben, er möge nie gegen die Spanier kämpfen. Und du --“ ihr
heißer Blick wurde lauernd -- „du läßt den Zettel hineinschmuggeln --
und ich sorge dafür, daß eines Nachts die Wache unter dem Velaturm ein
verkleideter maurischer Soldat hält, der für gewisse Dinge kein Auge
hat.“
„Bist du wahnwitzig?“ fuhr der Graf in die Höhe.
Ihre Finger zitterten heißerregt an seinem Hals hinauf. „Pedro -- mein
Pedro. Hast du mir nicht versprochen, die Leiden meines Volkes zu
mildern? Ach, wie könntest du mich lieben, wenn du in der ersten Stunde
des Glückes den Wunsch deines Mädchens verwirfst! Du liebst mich nicht
-- liebst -- mich -- nicht --“
Ihre Tränen perlten auf seiner Hand. Und Don Pedro, der einst
Weibertränen als listige Maurenwaffen verlacht hatte, brannten diese
kostbaren Perlen wie Feuer ins Gebein. Mitleid, der Liebe so nah
verwandt, stieg in ihm auf. Aber konnte er die Tat vor seinem Gewissen
verantworten? Und wenn er ihr alles selbst überließe? Ihrer weiblichen
List das Schicksal des Gefangenen auslieferte? Wenn er kein Helfer,
sondern nur ein Blinder, Tauber wäre? Und hatte nicht der König
selbst Verträge gebrochen? Warum sollte des Königs Untertan nicht das
Unrecht wieder gutmachen, das an den Mauren begangen wurde? War diese
Befreiungstat nicht eine schwache Wiedervergeltung gegenüber dem großen
Volksleid der Auswanderung und der gewaltsamen Bekehrung? Wenn dieser
eine flüchtete, blieb nicht noch tausendfach schweres Unrecht zurück?
In diesen Augenblicken seligster Hingebung an sein Mädchen, wo alles,
was die Geliebte forderte, mit dem Nimbus der Gerechtigkeit umstrahlt
war, umnebelte die Liebe alle seine Begriffe, sie verwischte ihre
Grenzen und taghell leuchtete nur die Nacht in den geliebten Augen.
So rang sie ihm ein Versprechen nach dem andern aus der Brust,
schmückte ihre List mit hundert süßen Zutaten aus und handelte ihm
endlich die Zusage ab, daß in jener gefährlichen Nacht unter dem
Turmfenster Eswers nur die Wache stehen würde, die dem Herzen Reijas
angenehm war. Völlig berauscht von dem abenteuerlichen Sinn seines
Mädchens, der dem seinen nah verwandt war, erschien ihm der Plan
beinahe gerecht.
Aufatmend löste sich Reija von ihm los. „Unsere Liebe scheue noch
den Tag und die Menschen, bis die Zeit ruhiger geworden. Komm morgen
um diese Stunde wieder. Ich will dir Lieder singen und unsere Leila
tanzen, wie sie die Beduinenmädchen am Feuer springen. Pater Leon
wartet auf mich --“
„Du gehst zu ihm?“ Jeder Männername durchzuckte ihn mit dem Stachel der
Eifersucht.
„Ich muß. Ich sehe Jesus, Maria, Heilige und Propheten in
freundlicherem Licht. Deine Gottesmutter ist süß, und das Leben aus dem
Tod des Nazareners fängt an, einen Sinn für mich zu bekommen. Und weil
du an Maria glaubst, will ich’s auch tun.“
„O unser Glaube ist schön,“ schwärmte er, „und er kann dem Reinen
Wonnen öffnen, wie er dem Sünder Höllenqualen erschließt. Aber wie
könntest du sündigen, du selbst ein Engel Gottes?“
„Nur in allzu großer Liebe zu dir, Pedro!“ Sie drängte ihn sanft zum
Vorhang, zur Tür und hinaus in die Nacht.
Und gleich darauf weinte sie am Herzen Saffanas ihr junges Glück aus.
Die muntere Sklavin schluchzte hell mit und lachte dann unter Tränen.
„Kismet! Kismet! Er war ein Nimr, ein grimmer Panther. Aber nun klingen
dir seine Worte lieblich wie das Getrappel der schönen Gazellen an der
Tränke. Kismet alles!“
Reijas Gedanken stürmten in einen ambraduftenden Traum hinein, in
dem der Name Don Pedro de Solar wie schwingende Morgenröte in ihr
halbbetäubtes Ohr klang.