Hernando riß die Augen auf. „Die Welt hat ein Loch bekommen.“

Der Freund errötete wie ein Knabe. „Ich versuchte, in der

Überschwenglichkeit ihrer Sprache etwas Liebes über sie zu sagen. Sei

nachsichtig.“

Aber der Gelehrte konnte es nicht sein. „Das ist nicht die Ausgeburt

arabischer Phantasie, und ich bezweifle, daß dieses Kunstwerk auf

persischer Seide in der Kaaba von Mekka unter den Muallakat hängen

wird. Es ist kein Maß darin, aber Maßlosigkeit ist das Zeichen der

Verliebtheit. Du verglosest langsam und wirst eines Tages jämmerlich zu

Asche werden. Mach’ ein Ende, indem du einen Anfang machst. Du kannst

so dem König nicht weiter dienen.“

„Man dient hier in Granada nicht dem König mehr, sondern Ximenes. Wohin

geht Spanien? Sollten wir es erleben, daß Ximenes Schlachten liefert,

während der Feldherr Gonsalvo den Rosenkranz betet?“

„Es ist in Wahrheit nicht das, was dich flügellahm macht.“ Hernando

warf sich in den Wust arabischer Felle. „Deine Augen leuchten nicht

mehr morgendlich wie die eines Phöbus. Deine Stimme tönt nicht mehr

hell, dein Gehaben ist nicht frei und offen. Gradheraus -- willst du

Doña Reija zum Altar führen? Sie ist die natürliche Tochter eines

Königs. Zugegeben, daß dein Geschlecht sie aufnimmt, aber auf deinen

Kindern haftet der Fluch der Mutter, die nur Neuchristin ist. Überlege

alles, aber dann endlich eine Tat!“

Der Graf raffte sich lächelnd auf. „Worte, Worte! Ich habe Doña

Reija um eine Unterredung gebeten. Ich will sie bitten, daß sie --

auswandert.“

Hernando sprang auf. Dann sprühte ein Gelächter von seinen Lippen.

„Daran glaubst du selbst nicht.“

Verärgert drängte der Graf den Freund zur Tür hinaus. Es kam die

Stunde, da Reija gewöhnlich aus der Stadt in die Alhambra geritten kam.

Nun mußte Saffana jeden Augenblick erscheinen und ihn bitten --

Er brauchte nicht lange zu warten. Die muntere Sklavin rief ihn zu

ihrer Herrin. Er umgürtete sich nach Ritterart und ging in den Turm der

Cautiva.

Schon auf der Treppe empfing ihn der Wohlgeruch arabischer Spezereien.

Eine Tür, dann ein schwerer Vorhang, den Saffana zurückschlug.

In der Mitte des Gemachs stand wie ein Schattenriß die Gestalt Maria

de Calabreñas mit dem Rücken gegen die Kerzenflamme. Der Graf

konnte die abgedunkelte Haut des Antlitzes mit dem geraden Spalt der

festgeschlossenen Lippe und die schwarze Haarkrone sehen. Saffana warf

den Vorhang hinter ihm zu.

„Salam Alaika!“ Die Granatblüte zwischen ihren Zähnen fiel zur Erde.

„Der Engel Israfil behüte den Schritt deines Fußes! Esch chabar? Was

gibt es Neues?“ Sie wies ihm den Schemel an.

Er blieb stehen. Er fühlte, wie das Gewirr der gemusterten Wandflächen

mit ihren verschlungenen Linien, Sternen, Figuren und Ranken und

das Farbenspiel der Decke seine Gedanken abschnitt. Er knetete den

schwarzsamtnen Hut in der Hand und drückte ihn zum Gruß an seine Brust.

„Der Gefangene ist doch wohlauf?“ fragte er.

„Er ersehnt den Tag, da seine Freiheit keine Gefahr mehr für Spanien

bedeutet.“ Es klang müde und kühl.

Der Graf nahm sich ein Herz. „Es ist die Meinung des Grafen Tendilla,

-- daß -- der Gefangene -- mit einer Sklavin sein Auslangen finden

könne.“

Maria de Calabreña sah ihn mit gelindem Schreck an. „Soll das heißen,

daß ich hier nicht mehr kommen und gehen darf?“

Der Graf machte eine jähe Bewegung. „Man -- bittet Euch, die Alhambra

nicht mehr zu betreten.“ Wie schwere Gewichte fiel ein Wort nach dem

andern.

Reija drückte die Hand aufs Herz. „Die Gründe, Feta, die Gründe! Der

Gobernador bittet mich? O welch ein Caballero!“

Der Graf sah ihr Gesicht im Schein der Kerze spöttisch aufblitzen. Eine

glühende Blutwelle schlug über sein selbstquälerisches Herz, bis hinauf

in seinen Hals, wo sie ihm den Atem nahm.

Maria de Calabreña lag mit morgenländischer Ungebundenheit auf dem

Diwan, die Glieder etwas gestrafft, den Oberleib leicht aus den

Hüften gebogen, die schönen Arme wie schlanke Säulen als Stützen nach

rückwärts gesteift. Ihre Augen sahen umflort vor sich hin in den Schoß.

„Warum quält man den alten Mann und -- mich? Was soll ich noch tun?

Ich bin Christin geworden und bete zum Gott der Spanier --“

„Findet Ihr -- Erquickung im neuen Glauben?“ Es war, als schösse er

einen Pfeil nach ihrem Herzen.

„Man will spanische Christen haben, das übrige ist doch gleichgültig.

Fragt den Schmetterling, der gewohnt ist über Blumen zu schaukeln, ob

er sich im kahlen Zimmer wohl fühlt. Leon macht es uns nicht leicht,

an den starren Gesetzen des Glaubens Gefallen zu finden. Aber seid Ihr

dieser Sorge wegen gekommen? Bi nefsi, Ihr seid gütig.“ Sie warf den

Oberleib nach der Ecke hinüber, als wäre sie müde.

Da schleuderte er es wie eine Überlast von sich: „Ihr müßt die Alhambra

verlassen.“

„So will ich’s eben tun -- Bismi allah!“ Sie sagte es mit der trotzigen

Dunkelheit im Ton, die dem Grafen immer alle Sinne nahm. „Wann soll es

geschehen?“

„Morgen -- -- heute -- --“ Don Pedro würgte an den Worten.

Sie durchsprühte sein Gesicht wie ein witternder Wolf. „So schnell will

mich der Graf Tendilla forthaben?“

„Nicht er -- ich selbst will es.“

Wie ein Steinwurf flog es in ihre Brust. „Was hab’ ich getan -- daß Ihr

-- mich so --?“ Sie stockte unter kaum verhaltenen Tränen.

Ihm war, als müßte er sich mit einem Tigersprung an ihre Seite stürzen

und ihre Hände an sich reißen.

„Seid bedankt -- für die Milde -- mit der Ihr -- uns --“ Wieder

schnitten ihr Tränen das Wort entzwei.

Das letzte verzweifelte Wehren brach in ihm zusammen und mit dem

aufgewühlten Schmerz des Scheidenden trat er auf sie zu und ergriff

heftig ihre Hand. „Bevor Ihr geht -- seht mir ins Auge.“

Sie wandte sich um. Ein weher Strahl aus ihrem verschluchzten Auge traf

ihn.

Er brach ins Knie und küßte die heiße Hand des Mädchens mit

schmerzlicher Glut. „Hier -- hier liegt mein wahres Gesicht -- schlagt

mir die Würde aus dem Leib -- ich kann nicht anders -- so, so liebe ich

dich!“

Ihre Hand griff ans Herz. Dort brannte und loderte es wild auf. O

war dies noch dasselbe Herz, das auf Verderben und Trug sann? Was

für Speere zerstachen nun diesen Klumpen Fleisch in ihrem Leib, den

sie Herz nannten? Wandelte sich nicht die Wildnis in ihr zu einem

Garten, in dem ein Meer von duftenden Rosen leuchteten? Speere und

Rosen zugleich? Ach, war das wirklich der Liebe schmerzlich-feierliche

Berührung, die sie aus einer gewohnten Welt emporhob in eine neue, in

der noch jeder Atemzug Bedrückung war? Flog ihr eigener entbundener

Geist nun einer Hölle oder einem Paradiese zu? Tropfte da wirklich der

Liebe schweres Leid aus seiner Seele, die sie bisher verkannt? Und wie

die wilden Bergbäche in den Barrancos überstürzten sich jetzt Gefühle

und Gedanken, und haltlos schien ihr Körper dem Andrang mächtiger

Gewalten zu erliegen. „Feta -- Feta -- nun weiß ich -- daß ich gehen

muß.“

Wie glühender Hagel fielen seine Küsse in ihre zitternden Hände.

„Eure Nähe versengt mich -- geht oder bleibt -- ich bin verloren.“

Erschütternd strömte die Wollust des Schmerzes von seinen Lippen.

Seine Hilflosigkeit gab ihr Stärke. Sie entzog ihm langsam die bebenden

Finger. „Was -- hast du getan? Auf dem Triebsand einer flüchtigen

Liebe willst du --? o Gott mit den neunundneuzig Namen -- die Ehre des

Königskindes -- in den Staub -- flieht mich, denn ich fürchte Unheil.“

„Fliehen -- bleiben -- das Unheil kommt!“

„So bleib!“ Aus dem Überschwang des vollrauschenden Glücks klang es in

sein Ohr. Und ihre Hand fiel wie segnend auf seinen Scheitel.

Aus den Schlingen des Schmerzes riß er seinen wunden Menschen und

warf ihn an ihre Brust. Gewaltig wie ein Rolandstreiter den Feind

umarmt, zog er das Mädchen an sich, daß die aufgebrochene Rosenblüte

ihres Mundes vor ihm lag. Dürstend sog sie die Glut seiner Küsse ein.

Unbehilfliche Liebesworte drängten sich erschütternd in das wilde Geben

und Nehmen. „Gott -- was hab’ ich -- getan? Wer wird mich vor mir

selber retten?“ keuchte ihr zuckender Mund.

Aber der Graf jubelte auf: „So trotz’ ich tausend Maurenschwertern! Ich

habe eine Christenbraut!“

Über das mittönende Gemüt des Mädchens lief ein Schatten. War ihr

Christentum nicht nur Schein und Maske? Trotzte nicht eine ganze

Glaubenswelt in ihr gegen das innere Erleben des Christengottes? Wußte

sie denn überhaupt, was sich im Wirbel in ihr drehte? Flog nicht eben

erst ihr Liebestraum wie ein junger Adler aus dem Horst und lag nicht

erst das neue Luftmeer vor ihm, in dem er heimisch werden sollte?

Sollte sie die Sonnenlichter des neuen Glücks durch die Wolken ihrer

zweifelnden Gedanken trüben? Zerstören, was sich kaum als lichter

Tempelbau aus ihrer Seele hob? Christin! „In Gottes dreimal geheiligtem

Namen!“ stammelte sie überselig. „Liebster -- Feta du -- Feta der Sonne

-- war es dein, unser Gott, der den Haß an der Liebe zerschellte? Ach,

haßte ich dich denn je, du Heißgeliebter? Nein, Unglück ließ mein Glück

keimen -- Insch’allah!“

„Und ich haßte, als ich dich sah, auch deinen Gott nicht mehr,“ sagte

er bewegt.

„Geliebter! Hast du mir Liebe geraubt? Gegeben? Habe ich sie mir

genommen? Dir gegeben? Quillt sie aus meinem, deinem Herzen? O welch

ein Wirrsal ist sie!“

„In meinen Armen ein Königskind!“ brach aufs neue der Jubel aus seiner

Seele. „Nimmer darf mein Geschlecht ein Königsblut verdammen, und mein

Adelsbrief ist gewichtig vor dem König, meine Verdienste stützen, was

auch ohne sie schon Wert besitzt.“

„O mein Herz! Du Spiegel der Höflinge, der Tapfern Tapferster, du

Stürmer in der Schlacht -- aber bei den Müttern der Gläubigen! Ich

will kein Königskind mehr sein! Deine Geliebte will ich sein -- deine

Taube, Rose, dein Schmetterling -- gib mir die Liebesnamen deines und

meines Volkes.“

„Engel des Herrgotts bist du mir!“ Er küßte ihre Wimpern, die wie

eine zarte Palisadenwehr ihre Augen schützten, und das schwarze Haar,

aus dem der warme Hauch balsamischer Südnächte stieg. Und dann nannte

er sie wieder bei dem alten Namen, der ihm durch der Liebe Erwachen

geheiligter erschien: „Reija!“

Bei diesem Klang rauschte ihr Inneres wie eine Feuergarbe auf. „Nenn

mich immer so,“ bat sie rührend. „Ach, wieviel hab’ ich dir zu

vertrauen, Freund meines Herzens!“

Und er zog in Überseligkeit seine Verse heraus, die der Freund

gescholten. Reija machte große Augen und las sie verzückt. Aber auch

sie rümpfte ein wenig die Nase über den verliebten Dichter. „Weißt du,

Habib, mein Freund, deine Bilder sind zuwenig maurisch. Du mußt die

Zähne der Geliebten mit Hagelschloßen vergleichen, ihre Wangen mit

Rosenwasser, ihr Auge mit Narzissensternen, das Schönheitsmal auf ihrer

Wange mit der Ameise, die nach dem Honig des Mundes schleicht.“

„O Meisterin des Worts! Belehre mich mit Blick und Lippe,“ bat er innig.

„Weißt du, was Ibn Chaldun der Dichter sagt? Wer Verse machen will,

lebe der Einsamkeit.“

Granada in Flammen · 第 107 / 190 题