„Nicht ihn verderben, aber sie, die Rivalin, die nach ihm dürstet. Sie
wird meines Elends vor ihrem alten Gott spotten. Glaubst du wirklich,
daß sie ihren Propheten vergessen kann? Daß sich nicht heimlich in
den Rosenkranz der Jungfrau ihre verfluchten Suren hineinschleichen?
Oh, du kennst die Hartnäckigkeit der Maurinnen nicht! Zu denken, daß
sie mir die Lust gönnt, meinen Verlust über einen andern Liebhaber zu
verschmerzen! Ihr aufgeopfert werden! Ich tauge nicht zum Liebesleid,
das frommen Seelen so gut steht. Mir steht Wiedervergeltung besser,
und auf meiner Stirn glüht Vanganza, die Rache! Drum höre, Don Juan
-- Maria de Calabreña ist Neuchristin. Es wird dir leicht sein, ihr
eine Falle zu stellen, ihr einen Rückfall nachzuweisen, sie als
Abtrünnige hinzustellen, und sind keine Beweise da, erfindet man
welche. Wozu habt ihr eure Familiares, die bestochenen Schergen? Wozu
das heimliche Verfahren und die peinlichen Fragen, das Kreuzverhör und
die Tortur? Man raunt, man sagt, man flüstert, nennt das Kind nicht
beim rechten Namen, deutet an, spricht von Gerüchten, webt ein Netz von
Verdächtigungen zusammen. Ei, die kleinen Werkzeuge der üblen Nachrede,
sind sie dir unbekannt? Man munkelt und dreht Worte hin und her, bis
sie ihren Inhalt verändern. Worte sind Würmer, sie zernagen heimlich
die Frucht. Es ist ja so leicht, eine Maurin schuldig zu machen. Sie
spielt maurische Lieder, badet sich zu oft, tanzt die Zambrah -- ach,
welche Waffen hast du in der Hand, die unschuldigste Seele schuldig
zu machen! Mann der entsetzlichen Macht, gebrauche sie, und dir winkt
köstlicher Lohn!“
Der Mönch erschauerte. „Unselige! Sie fälschlich des Abfalls zeihen?
Wie soll ich vor dem Thron Gottes stehen?“
„Mit der Verzeihung der Liebenden im Herzen! Dann wird Gott mit sich
reden lassen.“ Sie ward ihres Frevels nicht einmal inne. „Es würde
wie Bethesdaflut über mich fließen, wenn ich hörte, daß sie aufgehört
hat, sein alles zu sein. Ich kann ihn nicht an ihrer Seite sehen, kann
nicht, kann nicht. Juan -- hilf, hilf -- du kennst den Preis!“ Sie
zwang die Lippen aufeinander und schloß die Wimpern.
Leons Gesicht verzerrte sich im Kampf zwischen Gier und Rechtlichkeit.
„Weib, du forderst Furchtbares -- zu deinem zerbrochenen Herzen ein
zweites, drittes, viertes -- o Himmel und Hölle!“
Der berauschende Geruch ihres Leibes warf Glut und Brand in seine
Sinne, als sie jetzt dicht an ihn herantrat. „Du wehrst dich, Juan
-- aber du wirst dich nicht wehren, wenn du an die Nächte denkst in
Cordoba --“
„Eva -- Eva! Du stehst an den Pforten des Teufels!“
„Und doch will ich dir den Himmel erschließen -- und mich dann reuevoll
in Dornen wälzen wie die heilige Passidea von Siena.“
„Und ich soll zum Judas werden -- soll sie foltern -- den schönen Leib?
Oh, sie darf ihre Sichel an den Sonnenstrahl hängen und Wasser im Sieb
tragen -- so rein ist dieses Weib -- und ich soll --?“
Ihre Augen schossen Pfeile der Wollust ab, und die blutroten Lippen
ließen die Zähne wie drohende Waffen spielen. Der Strom ihrer
Leidenschaft trat aus den Ufern. „Mönch -- du wirst mich rächen! Sag’
-- wie war das mit deinem Ordensgründer? Seine Mutter träumte, daß sie
einen Hund mit einer Fackel im Maul gebären sollte.“
„Ja -- man deutete es als die Treue und die Erleuchtung.“
„Das Volk weiß es anders. Die Hunde sind die Dominikaner, denn sie
beißen scharf, und mit der Fackel entzünden sie die Scheiterhaufen. Übe
dein rächendes Amt! Räche mich, und dieser Leib -- ist wieder dein!“
Ihr Haupt schlug an seine Brust, und das zerstörte Haar, das die Netze
gesprengt hatte, duftete in seine Zerschlagenheit.
Da schnellten seine Hände nach dem Feuergewoge ihrer Brüste. „Wehe --
wehe! Der Taumelbecher in der Hand der babylonischen Hure! In seiner
Hefe sitzt der Tod! Das Judasrad der Hölle über mich! Jonas! Hiob!
Menschen der Not! Eure Gebete her! Du hast mich mit Wogen umgeben, o
Herr -- ich versinke --“
Sein ganzer Mensch wollte grausig lichterloh verbrennen -- da taumelte
er aus der Wollust. Seine Blicke hatten den Gekreuzigten getroffen. Er
riß den in Rache und Lust glühenden Frauenkörper aus der heiligen Nähe
der Gottheit, schleifte ihn, daß die Seide rauschte, durch die geheime
Tür in den dunklen Gang, der in die Cuarto de Machuca führte. Und hier,
von Finsternis und Stille behütet, schlugen die höllischen Flammen aufs
neue auf.
Aber Leonore wand sich aus den Polypenarmen seiner tierischen Brunst.
„Nimmer -- Hyäne! Ich beiße dir die Finger ab -- du sollst den Preis
nicht früher haben, bis -- bis -- das Lamm geschlachtet vor mir liegt.
Schwöre!“
Er krümmte sich wie ein Wurm vor ihr. „Entsetzliche! Meine Taten --
eingegriffelt -- im Buch der Siegel -- am Jüngsten Gericht --“
„Schwöre!“ tönte die unerbittliche Stimme. Und der Feuerhauch des
Vampirs raste über den Scheitel des Mönches.
Da winselte er es in ihre Hand wie ein geschlagenes Tier: „Ich --
schwöre --“
Sie jauchzte in Rachelust. „Ah! Vaya! Bruder Nimmersatt -- so lieb ich
dich!“ Sie biß ihre Zähne in seine Lippen, daß er aufschrie. Dann warf
sie seinen Kopf von ihrem Busen weg. Und ein Dräuen tönte dumpf an sein
Ohr: „Eins darfst du nimmer fordern. Ich muß den andern auch haben.
Dich und ihn! Er ist so schön! Verschwenderisch hat ihn die schenkende
Natur mit den Gaben des Körpers und der Seele bedacht, und das Atmen
an seinem Munde muß Verzückung sein. Aber ich bin ja so reich an Liebe
und Wollust, und was für dich bleibt, ist nicht ein kärglicher Rest
brünstigen Gewährens, sondern ein in seinen Armen gelerntes kostbares
Verschenken. Hab’ Geduld und zähme bis dahin deine Sinne.“ Sie drückte
sanft seinen verkämpften Leib an die Wand. Dann stieß sie die Tür zur
Mosala auf. Der Kerzenschein brachte den Besessenen zur Vernunft. In
wunderbarer Reinheit erstrahlte das Antlitz der Virgen, der heiligen
Jungfrau, über dem Altar.
Leon keuchte schweißnaß dorthin und warf sich in ein verzweifeltes
Gebet, doch zwischen den Sätzen hörte er die Posaune des Weltgerichts
dröhnen. Vor seinen Augen verschloß ihm Gottes Seraph die Pforte des
Paradieses. Weit gähnte der von Lohen erfüllte Abgrund der Hölle.
Er rieb sich die Augen -- Leonore de Uceda war nicht mehr da. Sie
mußte weggeschlichen sein, während er in Gebetwogen mit Gott und dem
Satan rang. Lilith bist du! sann er in das Dunkel der Tür. Lilith
mußte Männer verderben -- du auch! Und er hüllte ihre Gestalt in
die scharlachnen Gewänder der Hölle. Ich soll Helfer sein auf ihrem
Racheweg? Ist der Preis hoch genug? Seine kalten Augen stachen ins
Leere. Überlege, Juan! Wenn du durch die Waffen der List zwei Opfer --
Von Grausen gepackt, schleppte er seinen Leib vom Altar weg. Plötzlich
fuhr wie ein Blitz das Augustinuswort in seine Aufgewühltheit: Ein
Augenblick der Lust schafft eine Ewigkeit an Pein. Sein ganzes
menschliches Gefüge klaffte. Ist nicht der Teufel gerade nach dem
Heiligsten auf der Jagd? Ei, Antoniusqualen bleiben keinem Priester
erspart.
Auf dem Tisch lagen Inquisitionsakten. Seine Einbildungskraft zauberte
ihm eine Anklageschrift vor seine Blicke, und sein Geist schrieb mit
Glutbuchstaben einen Namen aufs Papier: Maria de Calabreña.
Ein kalter Schauer durchrieselte sein Mark. „Niemals, du Untier!“
wimmerte er in sich hinein. Zerbrich an dir selbst, mordende Wollust!
Ich töte diesen Engel nicht. Und er, der Beichtiger, sehnte sich nach
der Wiedertaufe in Christi reinem Geist und nach dem Sünderstuhl, um zu
bereuen.
Aber allmählich beruhigte sich sein aufgeregtes Blut. Neuerlich
schlichen des Teufels Lockungen an sein Hirn heran. Noch wehte der
Duft ihres Leibes in dem Raum. Bist du ein Holzklotz? schrie er seinen
reuigen Menschen an. Ob doch alle, die wie ich mit loderndem Leib an
den Käfigstangen schütteln, das Beben des Blutes so beschwichtigen
wie ich? Habe ich die Weihen deshalb erhalten, um ein Leben lang im
Kampf mit meinem Gewissen zu liegen? Warum hat mir Gott das Tier im
Leib gegeben? Nur daß ich es verleugne? Daß ich es töte? Du sollst
nicht töten! So will ich auch das Tier in mir nicht töten. Mit dieser
spitzbübischen Kasuistik schwang er seinen Geist in unsündige Regionen.
Sein Glaube an die Erdgebundenheit des Priesters lehnte sich gegen das
Aszetentum auf, er fühlte sich im Recht des Stärkeren, und beinahe
hätte er in der Geistlichkeit und Wohlanständigkeit die Falle des
Teufels erblickt. Er fluchte nicht mehr dem Adam in sich. Er war ja
doch als Mensch Gottes Kreatur. Er hatte einen Atem, also mußte er Luft
schöpfen, ein Auge, so mußte er Weltschönheit schauen, einen Mund, also
mußte er essen und sprechen, und jedes Organ mußte in gottgewollter
Bestimmung erhalten werden. Zeugung aber ist Schöpfung! Wie konnte die
Kirche sich darum herumschleichen? Wie Ausnahmsmenschen großzüchten,
die das eherne Gesetz schändeten? Mußte das Weib vom Priester verachtet
werden, wiewohl es den Liebesgedanken Gottes auf der Stirn trug? Was
so glühend nach neuem schöpferischen Leben rang, sollte von dem großen
Schöpfer verdammt sein? Hier irrte die Kirche! Das hämmerte nun wie ein
Wille Gottes in den Pulsen des Dominikaners. Und so warf er den letzten
Trumpf hin: Auch das Fleisch ihres Leibes ist kostbare Gottesfrucht --
genieße sie!
Er atmete auf. So aber gefiel er dem Teufelchen, das schon in einem
Winkel lauerte.
Der Mond stand hoch vor dem Fenster. In seinem bleichen Licht lag
ruhevoll das sterbende Granada. Der Vikar verspürte Lust, einen
nächtlichen Gang durch die Höfe der Alhambra zu machen. Jeder Schritt
an den Wachen vorbei geschah ohne Argwohn. So schritt er denn durch die
Adventnacht an der Pracht versunkener Maurengröße vorbei, hörte das
Plätschern der Brunnen und sah das Mondlicht im springenden Strahl wie
einen Irrwisch tanzen. Und plötzlich stand er vor dem Turm der Cautiva.
Dort schlief sie wohl jetzt -- die schöne --
Wieder brandete eine feurige Welle an sein Herz. O was war das
nur? Rannte alles, was Weib hieß, heute Sturm gegen sein Inneres?
Nein, tausendmal nein! Hier wollte er sich vor des Adams irdischer
Not bewahren, hier brauchte er keine Blutwallung in wollüstig
durchträumten Nächten zu unterdrücken und kein Büßergewand würde ihn
hier in Knechtschaft schlagen. Er brauchte nicht Verräter an seinem
Gott zu sein. Lang sann er zu dem Ajimezfenster hinauf, hinter dem
jetzt vielleicht ein keuscher Traum um eine holde Stirn spielte.
Mit einem jähen Ruck wandte er sich vom Turm weg. Schritt dann im
silberwogenden Licht nach dem Generalife, wo sich geisterhaft die
Zypresse aus der Gartenpracht erhob, die einst der sündigen Liebe einer
maurischen Königin Schutz gab. Der Mönch konnte nicht weiterwandeln.
Überall warf ihm eine dämonische Macht Bilder der Sünde entgegen. Von
Belialsschatten verfolgt, taumelte er heim.
In der Mosala warf er das Hemd ab, damit die härene Kutte seinen Leib
zersteche. Er wollte prickelnde Qualen leiden. Dann griff er nach
einem Büchlein, das ihm die Mutter geschenkt: die Marienklage des
Gonzalo de Berceo von San Millan. In das mystische Verzücken und in
die übersinnlichen Gesichte warf er seinen verstöhnten Geist. Er rief
Maria, die heilige Jungfrau, an und dachte mit aufgewühlten Sinnen an
die andere Maria. Und mit hetzendem Atem griff er nach der klingenden
Blütenpracht des Salomonischen Hochliedes.