Die Christin Maria de Calabreña kniete in der Mosala vor einem
Marienbild, das in der alten Mihrabnische hing, wo einst das Licht
arabischer Lampen den Koran bestrahlte. Sie trug ein weißes Kleid, das
ein leuchtender roter Gürtel um die Hüften zusammenschloß und an der
Schulter eine ebensolche Schleife. Ihre Haare wogten über den Nacken
herab, das blasse Gesicht wie ein Ebenholzrahmen umfassend, und ihre
schwermütigen Augen, von den herrlichen Brauen überschattet, suchten
Hilfe in den Augen der heiligen Jungfrau.
Neben ihr stand die weiße Gestalt des Dominikaners, die Blicke auf
den schwarzen Scheitel der Betenden geheftet. Es war eine Stille im
Raum, daß man das Plätschern des Brunnens im Patio des Mexuar hörte.
Der Vikar hatte es für gut befunden, die königliche Jungfrau allein in
der Christenlehre zu unterrichten. „Ich will Euch aus der heidnischen
Nacktheit reißen, wie Ezechiel sagt, will Euch köstlich salben und
bekleiden mit den Gewändern des Glaubens.“
Er ließ nun Maria de Calabreña auf einen arabischen Schemel sitzen,
so daß das Licht der zwei Kerzen vor dem kleinen Hausaltar ihr
Gesicht sanft bestrahlte. Leon sprach langsam, eindringlich, mit
einer etwas heisern Stimme, fast im Flüsterton, den er durch die
Beichtstuhltätigkeit gewohnt war, in ihre Seele. Der starke arabische
Wohlgeruch, mit dem ihre Kleider durchdrängt waren, legte sich fast
beklemmend auf seine Sinne, und er erinnerte sich, gehört zu haben, daß
die Maurinnen durch das Räuchern mit Dufr, einer arabischen Pflanze,
die einen betörenden Duft ausströmt, ihre Wollust aufzustacheln
pflegen. War diese schöne Moriska auch eine von den Eva-Schlangen?
Er sprach ihr von der dreifachen Finsternis des Jonas: Nacht, Meer
und Walfischbauch. Damit verglich er ihren bisherigen Seelen- und
Glaubenszustand. Er entfaltete das Mysterium der Erlösung wieder in
geheimnisvollen Worten, die weder den Weg zu ihrem Herzen noch zu ihrem
Verstand finden konnten. Er wies auf seine eigene Macht hin, die Himmel
öffnen und Höllentore verschließen konnte, auf sein Wort steige in der
Messe der Gottmensch herab in den Leib der Hostie. Das begriff sie
nicht. Aber sie sagte sich, daß sie auch das Wunder der Sternenhoheit,
die Gesetze von Geburt und Tod nicht begreifen könne. Warum sollte
das Wandlungswunder so leicht sein? Er erklärte ihr das Meßopfer, die
Erneuerung der Kreuzigung Christi in unblutiger Form und stellte es
als die Sonne aller geistlichen Übungen hin. Er verglich die Taufe mit
dem fruchtbar machenden Regen und die hehre Lichtgestalt Jesu ließ er
erstehen.
„Ich sehe ihn als einen schönen Jüngling,“ sagte sie in ihrer rührenden
Einfalt.
Da traf sie ein strafender Blick. „Er war ein strenger Richter. Ihr
müßt ihn im Bild des Leidens und der Kreuzigung festhalten.“ Und er
verwarf das Verbot der Bilderverehrung und lenkte ihre Blicke auf das
Marienbild, erzählte von den Wonnen ihrer Anbetung und ihrer Hilfe.
Er sprach von der Beseligung durch die sieben Sakramente, daß diese
eine siebenfache Ausstrahlung einer einzigen Kraft seien. Das alles
wußte der ungeübte Geist des Mädchens nicht zu fassen, es kam zu
unvermittelt an ihren Verstand heran und hatte in der dogmatischen Art
der Belehrung nicht die Kraft, sich in ihr zu verankern. Wenn alles
wie ein Eliasfeuer aus seinem Mund geströmt wäre, hätte sie leichtere
Arbeit gehabt.
Der Vikar bemerkte die Verwirrung seines Taufkindes. „Es wird ja
manches wie ein betäubender Donner in Euer Gemüt schlagen, aber habt
Geduld, die reinigende Kraft wird sich später weisen. Ihr seid wie
Paulus den Heiden zum Licht gesetzt.“
Sie fand Mut zu fragen. „Mohammed sagt, derjenige der einer andern
Religion angehört, ist verdammt. Und Ihr sagt so Ähnliches? Wem soll
ich glauben? Du hast Qual in mein Herz geworfen, ehrwürdiger Mann.“
Leon kräuselte die Lippen. „Darüber haben sich fromme Männer ein Leben
lang bemüht und Ihr wollt es auf einmal fassen? Glaubt an meine Worte
und der Weg zu Jesu öffnet sich selbst.“
Maria bekam Mut zur Entgegnung. „Mohammed hat aber auch gesagt, alle,
welche an Gott und den Jüngsten Tag glauben und gute Werke üben, ob
Juden, Christen, Sabäer, sie haben nichts zu fürchten. Heißt das nicht
auf jeden Fall selig werden?“
Der Dominikaner zog die Brauen hoch. „Das ist das faule Kraut der
Duldung. Christus will alle Menschen sein nennen.“
„Mohammed doch auch,“ beharrte Maria in kindlichem Eifer.
Da ging eine Unruhe über das scharfgeschnittene Zelotengesicht. „Wer
sich wehret gegen Christus, kommt nie zu ihm. Ihr könnt nicht von einem
Licht beleuchtet werden, wenn Ihr den Kopf von ihm abwendet. Ihr könnt
nicht bergauf schreiten, wenn Ihr talab gehet. Euer Wille bahnt dem
Glauben den Weg. Es hat sich einer für Euch totgeliebt. Im Tabernakel
liegt er verschlossen.“
„Dort ist -- Christus -- der Herr?“ bröckelte es sich zweifelnd von den
Lippen.
„Das Lamm wohnet unter uns. Die weisesten Kirchenväter wußten das
Geheimnis nicht zu lösen: Christus wahrhaftig in Brot und Wein.“
„Es ist über alle Maßen groß,“ bekannte ihr redlich schlichtes Herz.
„Es wird noch Größeres über Euch kommen. Aber aus dem Saulus ward ein
Paulus. Der Heiland weint um Euch, da Eure Seele nicht zu ihm finden
will. Die Könige des Morgenlandes kamen von weither, um das Kind zu
suchen, und hier will ein Königskind ihn nicht finden, da er so nahe
ist. Hier beim Tabernakel ist der wonnige Hain, wo zu lustwandeln
Seligkeit ist.“
Die blumige Sprache rührte an ihr Herz, sie klang arabisch vertraut.
Sie senkte verlegen das Haupt, daß ihr schwarzes Haar sich wie eine
schöne Decke vor den Blicken des Priesters breitete. „So will ich denn
glauben,“ sagte sie flügellahm. „Und sagt, Herr, warum hat Gott den
Heiland nicht befreit wie Isaak, der auch geopfert werden sollte?“
„Das geschah aus unsagbarer Liebe zur Menschheit. Durch sein Blut hat
Gott der Menschheit den Weg zu sich gewiesen, den Weg der Leiden.“
„So sollen wir viel leiden auf Erden?“ erschrak sie in ihrer kindlichen
Einfalt. „Und Mohammed hat uns viel Freuden hier erlaubt.“
Die unselige Fragerin verstimmte den Vikar. „Freuden der Hölle!
Männerliebe und Genußsucht. Mohammed müßt Ihr schmerzlos entsagen,
denn ein kunstvolles Lügengewebe hat er Euch zusammengesponnen, hat
Dinge aus der heidnischen, christlichen und jüdischen Religion in einen
Topf geworfen und daraus einen Heiltrank gemacht, der in Wahrheit ein
Gifttrank ist. Dazu bemühte er den Erzengel Gabriel vom Himmel herab. O
wie sündhaft handelte der Prophet! Er war ein kurzsichtiger Betrüger,
den jeder Laienbruder eines Bessern hätte belehren können.“
Maria de Calabreña stach das Weh in die beleidigte Seele. Aber sie
schwieg und verarbeitete heimlich den Schmerz um ihren Kinderglauben.
Und Leon wühlte immer tiefer ihr Herz auf und sagte endlich, wenn
ihr Gott durch Priestermund das scheinbar Unverständlichste zurufen
würde, sie müßte gehorchen im guten Glauben an die Vollmacht des
Stellvertreters Gottes. „Gedanken und Taten eines Priesters leitet
Gott. Ihr werdet es erfahren. Ihr müßt recht oft zu mir kommen, macht
Euch nicht selten wie der Stern Kanopus, jeden Tag um diese Stunde bin
ich für Euch zu sprechen. Und wo Kreuze stehen, werft Euch nieder, ein
jedes wird Euch zum Altar werden; jedes Gebet wird Euch ein goldener
Apfel in silberner Schale sein. Eure Worte werden Engel wie Rosen
aus Eurem Mund nehmen und in Kränze flechten wie bei der heiligen
Rosalinde.“
Das gefiel Reija wieder, denn es klang wieder arabisch anmutig. Und es
troff noch in ihrem Herzen nach, als Leon fragte: „Habt Ihr noch etwas
auf dem Herzen?“
Aus dem Gewoge ihrer Gedanken hob sie einen heraus, der sie
unvermittelt überfiel. „Ihr nennt Maria Mutter Gottes. Wer war dann die
Großmutter Gottes?“
Der Dominikaner rümpfte die Nase über die arge Scholastikerin. „Er
hatte keine, wiewohl natürlich eine Mutter der Gottesmutter da war.
Aber Maria wurde im Geiste beschattet.“
„O lieber, guter Pater, ich fasse das nicht,“ gestand sie aus der
Unschuld ihres Denkens heraus. „Es liegt zuviel in mir, was der Koran
mir gegeben, das muß deine Lehre erst wegräumen. Hab’ Nachsicht mit
mir.“ Und es schossen ihr beinahe die Tränen in die Augen.
Da drängte seine Hand nach ihrem Antlitz, als wollte er ihr Naß
trocknen. Doch er besann sich. „Ihr müßt erst aus der Nacht Eures
Gemüts heraus, aus der Verblendung des Irrglaubens, es müssen die
Wurzeln des alten Glaubens absterben, und auch Euer häusliches Leben
soll alle Spuren auslöschen, die nach rückwärts weisen. Auch die
alten morschen Hüllen der Puppen zerfallen, wenn der Schmetterling
herausfliegt. Ihr müßt nur bereuen, was Ihr gesündigt. Und dazu ist
der Beichtstuhl geschaffen.“ Und er erklärte ihr die Wesenheiten der
Beichte.
Doña Maria erschrak heftig. Ein Mittler und Stellvertreter zwischen ihr
und Gott! Was sie insgeheim durchdacht und durchwühlt, sollte sie einem
fremden Mann anvertrauen? +Einem+ vielleicht --? Es stach in ihr
Herz. Sie dachte ein Wimpernzucken lang an einen Mann. Gott möge ihm
gnädig sein, ach ja, ihm könnte sie vielleicht --
„O wundersame Macht des Beichtstuhls!“ riß Leon ihre Gedanken entzwei.
„Bezwungen von der Nähe Gottes, wirft der sündige Mensch aus dem
Trieb der bereuenden Seele die letzten Bedenken ab, und um des
Glaubens willen klagt er sich an. O reinigende Kraft der Reue! Wenn
die Muselmänner bereuen, zerreißen sie ihre Kleider, wir aber unser
Herz. Katharina von Siena beichtete täglich, wie erst muß Euer Leben
von Sündenlast beschwert sein. Im Heilandsgebet heißt es: Vergib uns
unsere Schuld! Dann muß sie eben auch da sein, in Worten, Gedanken,
Taten. Drum tötet die Angst, sagt mir jeden Tag, was Euch bedrückt,
doch verheimlicht nichts, denn verschwiegene Sünden geißeln das Gemüt.
Auch was Ihr über andre wißt, ladet es ab vor dem verschwiegenen
Priesterherzen.“ Damit warf er die erste Angel der Inquisition nach ihr
aus. „Ihr müßt auch die Gottesspeise im Abendmahl zu Euch nehmen. Sie
ist die Speise für die Seele. Durch den Adamsapfel wurde die Menschheit
zerstreut, durch das himmlische Brot und den Wein wurde sie wieder zu
einem einzigen Leib gemacht. Wir alle sind eines Leibes -- ein Leib,
versteht Ihr?“
Nein, das verstand sie auch nicht.
Der Pater schob ungeduldig die Lippen hin und her. „Ihr scheint ein
weiblicher Gideon zu sein, der dreimal bewiesen haben will, bevor er
glaubt. Das Abendmahl ist die Wegzehrung für den irdischen Pilger,
Ihr müßt danach greifen.“ Ein Bild nach dem andern legte er vor sie
hin. Aber ihr sonst für Redebilder so empfängliches Gemüt konnte damit
nichts anfangen. Sie war gedankenmüde geworden. Ihre Finger nestelten
an ihrem Halsschmuck: ein goldnes Krüglein hing an einer Kette. „Was
ist das?“ forschte der Mönch.
„Ein Wassertropfen aus dem Semsem, dem heiligen Brunnen von Mekka, ein
unschuldig Hamalet.“
Pater Leon nahm es an sich. „Nimmer darf dies Euer Schutz sein.“ Er
holte aus einer Schatulle ein Wachsscheibchen hervor, das Agnus Dei
vorstellend. „Dies ist das Lamm Gottes, Herr Jesus, vom Papst geweiht.
Es wird Euer Herz vor wilden Flammen behüten.“ Er nahm den Flüsterton
der Beichte an. „Sagt, ist Euer Herz nicht verwirrt durch eine --
gewisse Liebe? Ein Taufkind muß rein in die Christenlehre kommen. Gott
sucht die Sünden der Väter an den Kindern heim, es könnte sein, daß Ihr
an Eures Vaters sündiger Lust leidet.“
Maria erbebte in der Tiefe ihres Herzens. Des Vaters Sünde? Was für
eine? Und sollte sie dem Manne etwas verraten, was kaum wie ein Keim in
ihr lag? Sie hatte als Maurin ihr Auge zu einem Christenritter erhoben.
Aber nun war sie doch Christin -- wenigstens in den Augen des Mönches
-- und nun war wohl die Sünde getilgt -- oder bestand sie erst recht?
Da sie sich doch innerlich als Mohammedanerin fühlte? Ihr Gewissen
geriet in Anfechtung.
„Ihr verbergt mir etwas,“ sagte der geübte Seelenerschließer.
Sie blickte noch verwirrter. „Euer Auge starrt mir ja auf den Grund
meines Herzens. O wie soll ich Arme -- hört -- es war einmal, daß ich
Sehnsucht hatte -- nach einem maurischen Ritter -- aber er ist gefangen
und im Elend.“
„Das tilgt aus Eurem Herzen mit brennender Liebe zum Heiland. Es war
eine Jungfrau, Lucia hieß sie. Sie wurde von einem heidnischen Ritter
bedrängt, der danach begehrte, ihre schönen Augen zu küssen. Da riß
sie sich die Augen aus und sandte sie ihm, auf daß er habe, was er
begehrte. Tut auch so.“
Wie ein Donnerschlag ging das Wort über ihr Gemüt. „Meine Augen --?“
Sie bedeckte sie in Angst.
„Es liegt noch viel Eitelkeit in Euch, Doña Maria. Euer Körper duftet
balsamisch, das ist maurische Art. Erstickt sie.“
„Ei, die Araber haben ein schönes Bild gehabt: Der Balsam sei aus den
Tränen des Christkindes auf der Flucht nach Ägypten hervorgesprossen.“
„Fürwahr, ein schönes Bild, aber aus mohammedanischer Phantasie geboren
und darum verwerflich. Pflegt es nicht weiter. Auch Euern Körper pflegt
christlich durch Kasteiung und Buße. Die Maurinnen hängen an Schönheit,
Tand, Perlen, Bädern --“
Die Freude an diesen Dingen lachte aus ihren Augen. „Ach ja, die Bäder
sind wohlig und weich --“
„Im Bad kann Segen und Unheil liegen. Aus dem Bad der Bathseba
entsprang die Sünde, im Susannabad triumphierte die Tugend.“ Und er
erzählte ihr die biblischen Legenden und warnte sie vor dem Teufel, der
in allerlei Gestalt vor den Menschen hintrete. „Da war eine Nonne voll
Keuschheit, Anna de Nativité, der erschien der Teufel in der Gestalt
des Gekreuzigten, und er befreite seinen rechten Arm und wollte damit
die Nonne umfangen. Da kniete sie schnell nieder, betete heiß und
inbrünstig, und der Zauber schwand dahin.“
Maria erbebte. „So muß ich vor jedem Kreuz in Ängsten beten, denn es
könnte der Teufel oben hangen?“
Der Pater lächelte. „Wer will, erkennt den Teufel selbst in der
heiligen Maske. Das eigene Gewissen zeigt ihn an. Morgen sollt Ihr im
Beichtstuhl knien.“ Er wies auf die hölzerne Nische an einer Wand. Er
gab ihr in einfachster Form die Weisungen zum Empfang des Sakramentes
der Buße. Dann legte er ihr sanft die Hand aufs Haupt, und seine Finger
berührten länger, als es für das heilige Zeichen notwendig war, ihren
Scheitel. Er spürte, wie das schwarze Haar unter seinen Fingern brannte
und wie die Funken in sein Blut schlugen.
Doña Maria aber erschauerte unter der Berührung. Noch nie hatte eines
fremden Mannes Hand ihr Haar berührt. Und dieser durfte es tun? Sie
konnte sich kaum erheben, vom Gewicht der Stunde bedrückt.
Der Dominikaner entließ sie mit einer stummen Verbeugung, sein Blick
verfolgte sie bis zur Tür, erfreute sich an ihrem Schreiten, das so
stolz war wie das einer Edelantilope.
Doña Maria atmete auf, als sie die dunkle Tür hinter sich wußte. Des
Priesters Worte wühlten in ihrem Busen, und in der Seele bedrückt, ging
sie aus der Mosala. Im Hofwinkel kauerte Saffana und fror. Sie warf
der Herrin die Capa über die Schulter. „Was hast du von ihm gehört,
Liebling der Engel?“
Doña Maria zog die Schultern zusammen. „Bei uns ist alles hell und
licht. Aber hier liegt Kreuz, Tod, Sündenschuld, Entsagung, Reue
ausgestreut auf dem Erdenweg. Vom Paradies hat er kein Wort gesprochen.“
Die Sklavin machte traurige Augen. „Ach was, zwischen Dornen blühen
doch auch Rosen,“ sagte sie mit dem Willen, sich und die Herrin zu
erheitern.
In der Mosala schritt der Dominikaner in Unruhe auf und ab. Sein Hirn
war durch die tägliche Beicht- und Bekehrungsarbeit ermüdet, doch
diese Christenlehre empfand er als eine Art Erfrischung. Er sah in
sich. Hatte er wirklich eine verirrte Seele getröstet? War er mehr
freundschaftlich als väterlich gewesen? Er wollte sich selbst nicht
täuschen. Die Wellen, die in der Nähe dieses Mädchens um seine Sinne
gingen, spürte er jetzt noch angenehm rauschen. Die Rose, deren Duft
er soeben eingesogen, war gewiß kostbar. Hatte er sie nicht zuviel
geschreckt? War diese Bekehrungsart die richtige? In diesem Falle ja,
sagte er sich. Angst macht oft gefügig.
Er zündete mehrere Kerzen an. Der Lichtschein fiel auf allerhand
kirchliches Gerät. Heiligenbilder lehnten an der Wand, für Kirchen
bestimmt, auf dem Tisch lagen die Marterwerkzeuge Christi, ein paar
Kruzifixe, zwei Monstranzen, aus der palästinischen Ferne herbeigeholte
Reliquien, die Kirchenväter, die Vulgata und die heilige Legende des
Dominikus. Pater Leon schlug das Hohelied auf. Aber er hatte nicht
lang Freude daran. Von der Wand lächelte ihn die heilige Agatha an.
Doch beim Bestarren des Bildes ging ihr keusches Leben unter und es
blieb nichts übrig als die abgeschnittene Brust. Ein anderes Bild
stürmte auf ihn ein: Hatte nicht der heilige Dominikus an der Brust der
Muttergottes die Milch getrunken? Gab es nicht eine heilige Lidwina von
Schidam, in deren Busen sich der ganze Vorgang der Milchentwicklung wie
in der Brust Mariens wiederholt hatte?
Welch unreine Gedanken schwirrten da durch sein Haupt? Wer stieß ihn in
die wild aufschlagenden Flammen? Hier ging doch kein Potipharatem, der
verpestete! Saß hier nicht vor wenigen Augenblicken ein unschuldsvolles
Kind, eingesponnen in die Worte seiner heiligenden Kraft? Strömte
von dieser Reinheit der betörende Zauber aus, der seine Sinne
durcheinanderwarf und sie mit lockenden Bildern fütterte? Er begann
heftig zu zittern. Und wieder dachte er an die heilige Theresa, die
einen Wohlgeruch ausströmte, der jeden betörend traf, der sie mit der
Hand berührte. Und sein Geist umklammerte hilfesuchend die Gestalt
seines großen Ordensbruders Thomas von Aquino, den seine Feinde durch
ein schönes Weib verführen wollten, das er durch einen glühenden Span
aus dem Zimmer jagte. Einen solchen Brand wollte er das nächste Mal
entfachen, wenn ihm der Böse wieder das Weib mit den großen dunklen
Augen und dem zweifelnden Herzen schickte. Er hätte sie doch einem
andern Priester zuweisen sollen. Aber dazu war ja noch immer Zeit.
Er erschrak vor sich selbst. War das nicht alles verwandt mit der
babylonischen Hure, der Weltlust auf dem siebenfach gehörnten Tier?
Noch immer wollte er es sich nicht eingestehen, daß sein eigener
unreiner Geist die Luft verpestete, daß er, er selbst, aus Granada die
Hure von Ninive machen wollte.
Wie sie sich wehrte gegen den neuen Glauben! Sein Gedanke flog abermals
zur schönen Schülerin zurück. Sie ist noch zu jung! Wie traurig sie
manchmal blickte, wenn sie etwas nicht fassen konnte. Und ihrer Augen
Glut! Und diese sollte wirklich noch nicht geliebt haben? Ging nicht
Magdalena an ihren schönen Augen zugrunde? Aber dann freilich durch ihr
Herz zur Buße.
Seine Finger griffen nach dem Talisman, den er ihr abgenommen. Wie
oft mögen ihre Lippen an dem Krüglein geruht haben! Und wie unter
der magischen Kraft dieses Gedankens hob er langsam das Gold zu den
eigenen Lippen -- aber noch vor dem Kuß warf er es mit einer zornigen
Bewegung auf den Tisch. „Weiche von mir, Satan!“ schrie er laut auf.
Und er glaubte aus seinem Mund den Schwefeldampf des entweichenden
Höllenfürsten rauchen zu sehen. Der Widersacher geht nicht nur wie ein
brüllender Löwe um, sondern auch in der Form zärtlicher Jungfrauen. Ich
will wachsam sein und ihn betrügen.
In einer Nische, durch einen schweren Vorhang verdeckt, stand der
Schrank, in welchem die Akten der Inquisition verwahrt waren, bevor
sie nach Cordoba gingen. Nur Leon hatte den Schlüssel dazu. Er zog die
Papiere hervor, in denen Unsummen von Klagen, Leiden, Weh und Lüge
zusammengestoppelt lagen. Dann lagen hier die königlichen Edikte, die
Inquisitionsbriefe, die Prozesse von Granada, die Listen über die
Familiares, die Angebereien und vieles andere. Überall glühte am Schluß
der Richtername Lucero, Inquisitor von Cordoba. Dieser furchtbare
Priester, dessen Devise lautete: wir zählen unsere Opfer nicht, wir
wägen sie -- freute sich doch, wenn die Zahl der Gewogenen mit jedem
Tag wuchs. Und er wappnete sich mit dem Panzer irdischer Gerechtigkeit,
dem Schild des Glaubens, dem Helm der Buße und dem Schwert des Gebetes.
Nur den Mantel der Gnade breitete er über keine Tat.
Pater Leon wollte eben die Tabelle der granadinischen Gütereinziehung
hervorziehen -- da klopfte es.
Als sich die Tür öffnete, spürte der Mönch eine Blutwelle zum Herzen
steigen.
Leonore de Uceda grüßte mit verführerischem Lächeln den erschreckten
Dominikaner. „Der Name des Herrn sei gelobt, und sein Segen komme über
seine Diener!“ Und sie tauchte die feinen Finger in das Weihwasser bei
der Tür.