Einundzwanzigstes Kapitel

Die Christin Maria de Calabreña kniete in der Mosala vor einem

Marienbild, das in der alten Mihrabnische hing, wo einst das Licht

arabischer Lampen den Koran bestrahlte. Sie trug ein weißes Kleid, das

ein leuchtender roter Gürtel um die Hüften zusammenschloß und an der

Schulter eine ebensolche Schleife. Ihre Haare wogten über den Nacken

herab, das blasse Gesicht wie ein Ebenholzrahmen umfassend, und ihre

schwermütigen Augen, von den herrlichen Brauen überschattet, suchten

Hilfe in den Augen der heiligen Jungfrau.

Neben ihr stand die weiße Gestalt des Dominikaners, die Blicke auf

den schwarzen Scheitel der Betenden geheftet. Es war eine Stille im

Raum, daß man das Plätschern des Brunnens im Patio des Mexuar hörte.

Der Vikar hatte es für gut befunden, die königliche Jungfrau allein in

der Christenlehre zu unterrichten. „Ich will Euch aus der heidnischen

Nacktheit reißen, wie Ezechiel sagt, will Euch köstlich salben und

bekleiden mit den Gewändern des Glaubens.“

Er ließ nun Maria de Calabreña auf einen arabischen Schemel sitzen,

so daß das Licht der zwei Kerzen vor dem kleinen Hausaltar ihr

Gesicht sanft bestrahlte. Leon sprach langsam, eindringlich, mit

einer etwas heisern Stimme, fast im Flüsterton, den er durch die

Beichtstuhltätigkeit gewohnt war, in ihre Seele. Der starke arabische

Wohlgeruch, mit dem ihre Kleider durchdrängt waren, legte sich fast

beklemmend auf seine Sinne, und er erinnerte sich, gehört zu haben, daß

die Maurinnen durch das Räuchern mit Dufr, einer arabischen Pflanze,

die einen betörenden Duft ausströmt, ihre Wollust aufzustacheln

pflegen. War diese schöne Moriska auch eine von den Eva-Schlangen?

Er sprach ihr von der dreifachen Finsternis des Jonas: Nacht, Meer

und Walfischbauch. Damit verglich er ihren bisherigen Seelen- und

Glaubenszustand. Er entfaltete das Mysterium der Erlösung wieder in

geheimnisvollen Worten, die weder den Weg zu ihrem Herzen noch zu ihrem

Verstand finden konnten. Er wies auf seine eigene Macht hin, die Himmel

öffnen und Höllentore verschließen konnte, auf sein Wort steige in der

Messe der Gottmensch herab in den Leib der Hostie. Das begriff sie

nicht. Aber sie sagte sich, daß sie auch das Wunder der Sternenhoheit,

die Gesetze von Geburt und Tod nicht begreifen könne. Warum sollte

das Wandlungswunder so leicht sein? Er erklärte ihr das Meßopfer, die

Erneuerung der Kreuzigung Christi in unblutiger Form und stellte es

als die Sonne aller geistlichen Übungen hin. Er verglich die Taufe mit

dem fruchtbar machenden Regen und die hehre Lichtgestalt Jesu ließ er

erstehen.

„Ich sehe ihn als einen schönen Jüngling,“ sagte sie in ihrer rührenden

Einfalt.

Da traf sie ein strafender Blick. „Er war ein strenger Richter. Ihr

müßt ihn im Bild des Leidens und der Kreuzigung festhalten.“ Und er

verwarf das Verbot der Bilderverehrung und lenkte ihre Blicke auf das

Marienbild, erzählte von den Wonnen ihrer Anbetung und ihrer Hilfe.

Er sprach von der Beseligung durch die sieben Sakramente, daß diese

eine siebenfache Ausstrahlung einer einzigen Kraft seien. Das alles

wußte der ungeübte Geist des Mädchens nicht zu fassen, es kam zu

unvermittelt an ihren Verstand heran und hatte in der dogmatischen Art

der Belehrung nicht die Kraft, sich in ihr zu verankern. Wenn alles

wie ein Eliasfeuer aus seinem Mund geströmt wäre, hätte sie leichtere

Arbeit gehabt.

Der Vikar bemerkte die Verwirrung seines Taufkindes. „Es wird ja

manches wie ein betäubender Donner in Euer Gemüt schlagen, aber habt

Geduld, die reinigende Kraft wird sich später weisen. Ihr seid wie

Paulus den Heiden zum Licht gesetzt.“

Sie fand Mut zu fragen. „Mohammed sagt, derjenige der einer andern

Religion angehört, ist verdammt. Und Ihr sagt so Ähnliches? Wem soll

ich glauben? Du hast Qual in mein Herz geworfen, ehrwürdiger Mann.“

Leon kräuselte die Lippen. „Darüber haben sich fromme Männer ein Leben

lang bemüht und Ihr wollt es auf einmal fassen? Glaubt an meine Worte

und der Weg zu Jesu öffnet sich selbst.“

Maria bekam Mut zur Entgegnung. „Mohammed hat aber auch gesagt, alle,

welche an Gott und den Jüngsten Tag glauben und gute Werke üben, ob

Juden, Christen, Sabäer, sie haben nichts zu fürchten. Heißt das nicht

auf jeden Fall selig werden?“

Der Dominikaner zog die Brauen hoch. „Das ist das faule Kraut der

Duldung. Christus will alle Menschen sein nennen.“

„Mohammed doch auch,“ beharrte Maria in kindlichem Eifer.

Da ging eine Unruhe über das scharfgeschnittene Zelotengesicht. „Wer

sich wehret gegen Christus, kommt nie zu ihm. Ihr könnt nicht von einem

Licht beleuchtet werden, wenn Ihr den Kopf von ihm abwendet. Ihr könnt

nicht bergauf schreiten, wenn Ihr talab gehet. Euer Wille bahnt dem

Glauben den Weg. Es hat sich einer für Euch totgeliebt. Im Tabernakel

liegt er verschlossen.“

„Dort ist -- Christus -- der Herr?“ bröckelte es sich zweifelnd von den

Lippen.

„Das Lamm wohnet unter uns. Die weisesten Kirchenväter wußten das

Geheimnis nicht zu lösen: Christus wahrhaftig in Brot und Wein.“

„Es ist über alle Maßen groß,“ bekannte ihr redlich schlichtes Herz.

„Es wird noch Größeres über Euch kommen. Aber aus dem Saulus ward ein

Paulus. Der Heiland weint um Euch, da Eure Seele nicht zu ihm finden

will. Die Könige des Morgenlandes kamen von weither, um das Kind zu

suchen, und hier will ein Königskind ihn nicht finden, da er so nahe

ist. Hier beim Tabernakel ist der wonnige Hain, wo zu lustwandeln

Seligkeit ist.“

Die blumige Sprache rührte an ihr Herz, sie klang arabisch vertraut.

Sie senkte verlegen das Haupt, daß ihr schwarzes Haar sich wie eine

schöne Decke vor den Blicken des Priesters breitete. „So will ich denn

glauben,“ sagte sie flügellahm. „Und sagt, Herr, warum hat Gott den

Heiland nicht befreit wie Isaak, der auch geopfert werden sollte?“

„Das geschah aus unsagbarer Liebe zur Menschheit. Durch sein Blut hat

Gott der Menschheit den Weg zu sich gewiesen, den Weg der Leiden.“

„So sollen wir viel leiden auf Erden?“ erschrak sie in ihrer kindlichen

Einfalt. „Und Mohammed hat uns viel Freuden hier erlaubt.“

Die unselige Fragerin verstimmte den Vikar. „Freuden der Hölle!

Männerliebe und Genußsucht. Mohammed müßt Ihr schmerzlos entsagen,

denn ein kunstvolles Lügengewebe hat er Euch zusammengesponnen, hat

Dinge aus der heidnischen, christlichen und jüdischen Religion in einen

Topf geworfen und daraus einen Heiltrank gemacht, der in Wahrheit ein

Gifttrank ist. Dazu bemühte er den Erzengel Gabriel vom Himmel herab. O

wie sündhaft handelte der Prophet! Er war ein kurzsichtiger Betrüger,

den jeder Laienbruder eines Bessern hätte belehren können.“

Maria de Calabreña stach das Weh in die beleidigte Seele. Aber sie

schwieg und verarbeitete heimlich den Schmerz um ihren Kinderglauben.

Und Leon wühlte immer tiefer ihr Herz auf und sagte endlich, wenn

ihr Gott durch Priestermund das scheinbar Unverständlichste zurufen

würde, sie müßte gehorchen im guten Glauben an die Vollmacht des

Stellvertreters Gottes. „Gedanken und Taten eines Priesters leitet

Gott. Ihr werdet es erfahren. Ihr müßt recht oft zu mir kommen, macht

Euch nicht selten wie der Stern Kanopus, jeden Tag um diese Stunde bin

ich für Euch zu sprechen. Und wo Kreuze stehen, werft Euch nieder, ein

jedes wird Euch zum Altar werden; jedes Gebet wird Euch ein goldener

Apfel in silberner Schale sein. Eure Worte werden Engel wie Rosen

aus Eurem Mund nehmen und in Kränze flechten wie bei der heiligen

Rosalinde.“

Das gefiel Reija wieder, denn es klang wieder arabisch anmutig. Und es

troff noch in ihrem Herzen nach, als Leon fragte: „Habt Ihr noch etwas

auf dem Herzen?“

Aus dem Gewoge ihrer Gedanken hob sie einen heraus, der sie

unvermittelt überfiel. „Ihr nennt Maria Mutter Gottes. Wer war dann die

Großmutter Gottes?“

Der Dominikaner rümpfte die Nase über die arge Scholastikerin. „Er

hatte keine, wiewohl natürlich eine Mutter der Gottesmutter da war.

Aber Maria wurde im Geiste beschattet.“

„O lieber, guter Pater, ich fasse das nicht,“ gestand sie aus der

Unschuld ihres Denkens heraus. „Es liegt zuviel in mir, was der Koran

mir gegeben, das muß deine Lehre erst wegräumen. Hab’ Nachsicht mit

mir.“ Und es schossen ihr beinahe die Tränen in die Augen.

Da drängte seine Hand nach ihrem Antlitz, als wollte er ihr Naß

trocknen. Doch er besann sich. „Ihr müßt erst aus der Nacht Eures

Gemüts heraus, aus der Verblendung des Irrglaubens, es müssen die

Wurzeln des alten Glaubens absterben, und auch Euer häusliches Leben

soll alle Spuren auslöschen, die nach rückwärts weisen. Auch die

alten morschen Hüllen der Puppen zerfallen, wenn der Schmetterling

herausfliegt. Ihr müßt nur bereuen, was Ihr gesündigt. Und dazu ist

der Beichtstuhl geschaffen.“ Und er erklärte ihr die Wesenheiten der

Beichte.

Doña Maria erschrak heftig. Ein Mittler und Stellvertreter zwischen ihr

und Gott! Was sie insgeheim durchdacht und durchwühlt, sollte sie einem

fremden Mann anvertrauen? +Einem+ vielleicht --? Es stach in ihr

Herz. Sie dachte ein Wimpernzucken lang an einen Mann. Gott möge ihm

gnädig sein, ach ja, ihm könnte sie vielleicht --

„O wundersame Macht des Beichtstuhls!“ riß Leon ihre Gedanken entzwei.

„Bezwungen von der Nähe Gottes, wirft der sündige Mensch aus dem

Trieb der bereuenden Seele die letzten Bedenken ab, und um des

Glaubens willen klagt er sich an. O reinigende Kraft der Reue! Wenn

die Muselmänner bereuen, zerreißen sie ihre Kleider, wir aber unser

Herz. Katharina von Siena beichtete täglich, wie erst muß Euer Leben

von Sündenlast beschwert sein. Im Heilandsgebet heißt es: Vergib uns

unsere Schuld! Dann muß sie eben auch da sein, in Worten, Gedanken,

Taten. Drum tötet die Angst, sagt mir jeden Tag, was Euch bedrückt,

doch verheimlicht nichts, denn verschwiegene Sünden geißeln das Gemüt.

Auch was Ihr über andre wißt, ladet es ab vor dem verschwiegenen

Priesterherzen.“ Damit warf er die erste Angel der Inquisition nach ihr

aus. „Ihr müßt auch die Gottesspeise im Abendmahl zu Euch nehmen. Sie

ist die Speise für die Seele. Durch den Adamsapfel wurde die Menschheit

zerstreut, durch das himmlische Brot und den Wein wurde sie wieder zu

einem einzigen Leib gemacht. Wir alle sind eines Leibes -- ein Leib,

versteht Ihr?“

Nein, das verstand sie auch nicht.

Der Pater schob ungeduldig die Lippen hin und her. „Ihr scheint ein

weiblicher Gideon zu sein, der dreimal bewiesen haben will, bevor er

glaubt. Das Abendmahl ist die Wegzehrung für den irdischen Pilger,

Ihr müßt danach greifen.“ Ein Bild nach dem andern legte er vor sie

hin. Aber ihr sonst für Redebilder so empfängliches Gemüt konnte damit

nichts anfangen. Sie war gedankenmüde geworden. Ihre Finger nestelten

an ihrem Halsschmuck: ein goldnes Krüglein hing an einer Kette. „Was

ist das?“ forschte der Mönch.

„Ein Wassertropfen aus dem Semsem, dem heiligen Brunnen von Mekka, ein

unschuldig Hamalet.“

Pater Leon nahm es an sich. „Nimmer darf dies Euer Schutz sein.“ Er

holte aus einer Schatulle ein Wachsscheibchen hervor, das Agnus Dei

vorstellend. „Dies ist das Lamm Gottes, Herr Jesus, vom Papst geweiht.

Es wird Euer Herz vor wilden Flammen behüten.“ Er nahm den Flüsterton

der Beichte an. „Sagt, ist Euer Herz nicht verwirrt durch eine --

gewisse Liebe? Ein Taufkind muß rein in die Christenlehre kommen. Gott

sucht die Sünden der Väter an den Kindern heim, es könnte sein, daß Ihr

an Eures Vaters sündiger Lust leidet.“

Maria erbebte in der Tiefe ihres Herzens. Des Vaters Sünde? Was für

eine? Und sollte sie dem Manne etwas verraten, was kaum wie ein Keim in

ihr lag? Sie hatte als Maurin ihr Auge zu einem Christenritter erhoben.

Aber nun war sie doch Christin -- wenigstens in den Augen des Mönches

-- und nun war wohl die Sünde getilgt -- oder bestand sie erst recht?

Da sie sich doch innerlich als Mohammedanerin fühlte? Ihr Gewissen

geriet in Anfechtung.

„Ihr verbergt mir etwas,“ sagte der geübte Seelenerschließer.

Sie blickte noch verwirrter. „Euer Auge starrt mir ja auf den Grund

meines Herzens. O wie soll ich Arme -- hört -- es war einmal, daß ich

Sehnsucht hatte -- nach einem maurischen Ritter -- aber er ist gefangen

und im Elend.“

„Das tilgt aus Eurem Herzen mit brennender Liebe zum Heiland. Es war

eine Jungfrau, Lucia hieß sie. Sie wurde von einem heidnischen Ritter

bedrängt, der danach begehrte, ihre schönen Augen zu küssen. Da riß

sie sich die Augen aus und sandte sie ihm, auf daß er habe, was er

begehrte. Tut auch so.“

Wie ein Donnerschlag ging das Wort über ihr Gemüt. „Meine Augen --?“

Sie bedeckte sie in Angst.

„Es liegt noch viel Eitelkeit in Euch, Doña Maria. Euer Körper duftet

balsamisch, das ist maurische Art. Erstickt sie.“

„Ei, die Araber haben ein schönes Bild gehabt: Der Balsam sei aus den

Tränen des Christkindes auf der Flucht nach Ägypten hervorgesprossen.“

„Fürwahr, ein schönes Bild, aber aus mohammedanischer Phantasie geboren

und darum verwerflich. Pflegt es nicht weiter. Auch Euern Körper pflegt

christlich durch Kasteiung und Buße. Die Maurinnen hängen an Schönheit,

Tand, Perlen, Bädern --“

Die Freude an diesen Dingen lachte aus ihren Augen. „Ach ja, die Bäder

sind wohlig und weich --“

„Im Bad kann Segen und Unheil liegen. Aus dem Bad der Bathseba

entsprang die Sünde, im Susannabad triumphierte die Tugend.“ Und er

erzählte ihr die biblischen Legenden und warnte sie vor dem Teufel, der

in allerlei Gestalt vor den Menschen hintrete. „Da war eine Nonne voll

Keuschheit, Anna de Nativité, der erschien der Teufel in der Gestalt

des Gekreuzigten, und er befreite seinen rechten Arm und wollte damit

die Nonne umfangen. Da kniete sie schnell nieder, betete heiß und

inbrünstig, und der Zauber schwand dahin.“

Maria erbebte. „So muß ich vor jedem Kreuz in Ängsten beten, denn es

könnte der Teufel oben hangen?“

Der Pater lächelte. „Wer will, erkennt den Teufel selbst in der

heiligen Maske. Das eigene Gewissen zeigt ihn an. Morgen sollt Ihr im

Beichtstuhl knien.“ Er wies auf die hölzerne Nische an einer Wand. Er

gab ihr in einfachster Form die Weisungen zum Empfang des Sakramentes

der Buße. Dann legte er ihr sanft die Hand aufs Haupt, und seine Finger

berührten länger, als es für das heilige Zeichen notwendig war, ihren

Scheitel. Er spürte, wie das schwarze Haar unter seinen Fingern brannte

und wie die Funken in sein Blut schlugen.

Doña Maria aber erschauerte unter der Berührung. Noch nie hatte eines

fremden Mannes Hand ihr Haar berührt. Und dieser durfte es tun? Sie

konnte sich kaum erheben, vom Gewicht der Stunde bedrückt.

Der Dominikaner entließ sie mit einer stummen Verbeugung, sein Blick

verfolgte sie bis zur Tür, erfreute sich an ihrem Schreiten, das so

stolz war wie das einer Edelantilope.

Doña Maria atmete auf, als sie die dunkle Tür hinter sich wußte. Des

Priesters Worte wühlten in ihrem Busen, und in der Seele bedrückt, ging

sie aus der Mosala. Im Hofwinkel kauerte Saffana und fror. Sie warf

der Herrin die Capa über die Schulter. „Was hast du von ihm gehört,

Liebling der Engel?“

Doña Maria zog die Schultern zusammen. „Bei uns ist alles hell und

licht. Aber hier liegt Kreuz, Tod, Sündenschuld, Entsagung, Reue

ausgestreut auf dem Erdenweg. Vom Paradies hat er kein Wort gesprochen.“

Die Sklavin machte traurige Augen. „Ach was, zwischen Dornen blühen

doch auch Rosen,“ sagte sie mit dem Willen, sich und die Herrin zu

erheitern.

In der Mosala schritt der Dominikaner in Unruhe auf und ab. Sein Hirn

war durch die tägliche Beicht- und Bekehrungsarbeit ermüdet, doch

diese Christenlehre empfand er als eine Art Erfrischung. Er sah in

sich. Hatte er wirklich eine verirrte Seele getröstet? War er mehr

freundschaftlich als väterlich gewesen? Er wollte sich selbst nicht

täuschen. Die Wellen, die in der Nähe dieses Mädchens um seine Sinne

gingen, spürte er jetzt noch angenehm rauschen. Die Rose, deren Duft

er soeben eingesogen, war gewiß kostbar. Hatte er sie nicht zuviel

geschreckt? War diese Bekehrungsart die richtige? In diesem Falle ja,

sagte er sich. Angst macht oft gefügig.

Er zündete mehrere Kerzen an. Der Lichtschein fiel auf allerhand

kirchliches Gerät. Heiligenbilder lehnten an der Wand, für Kirchen

bestimmt, auf dem Tisch lagen die Marterwerkzeuge Christi, ein paar

Kruzifixe, zwei Monstranzen, aus der palästinischen Ferne herbeigeholte

Reliquien, die Kirchenväter, die Vulgata und die heilige Legende des

Dominikus. Pater Leon schlug das Hohelied auf. Aber er hatte nicht

lang Freude daran. Von der Wand lächelte ihn die heilige Agatha an.

Doch beim Bestarren des Bildes ging ihr keusches Leben unter und es

blieb nichts übrig als die abgeschnittene Brust. Ein anderes Bild

stürmte auf ihn ein: Hatte nicht der heilige Dominikus an der Brust der

Muttergottes die Milch getrunken? Gab es nicht eine heilige Lidwina von

Schidam, in deren Busen sich der ganze Vorgang der Milchentwicklung wie

in der Brust Mariens wiederholt hatte?

Welch unreine Gedanken schwirrten da durch sein Haupt? Wer stieß ihn in

die wild aufschlagenden Flammen? Hier ging doch kein Potipharatem, der

verpestete! Saß hier nicht vor wenigen Augenblicken ein unschuldsvolles

Kind, eingesponnen in die Worte seiner heiligenden Kraft? Strömte

von dieser Reinheit der betörende Zauber aus, der seine Sinne

durcheinanderwarf und sie mit lockenden Bildern fütterte? Er begann

heftig zu zittern. Und wieder dachte er an die heilige Theresa, die

einen Wohlgeruch ausströmte, der jeden betörend traf, der sie mit der

Hand berührte. Und sein Geist umklammerte hilfesuchend die Gestalt

seines großen Ordensbruders Thomas von Aquino, den seine Feinde durch

ein schönes Weib verführen wollten, das er durch einen glühenden Span

aus dem Zimmer jagte. Einen solchen Brand wollte er das nächste Mal

entfachen, wenn ihm der Böse wieder das Weib mit den großen dunklen

Augen und dem zweifelnden Herzen schickte. Er hätte sie doch einem

andern Priester zuweisen sollen. Aber dazu war ja noch immer Zeit.

Er erschrak vor sich selbst. War das nicht alles verwandt mit der

babylonischen Hure, der Weltlust auf dem siebenfach gehörnten Tier?

Noch immer wollte er es sich nicht eingestehen, daß sein eigener

unreiner Geist die Luft verpestete, daß er, er selbst, aus Granada die

Hure von Ninive machen wollte.

Wie sie sich wehrte gegen den neuen Glauben! Sein Gedanke flog abermals

zur schönen Schülerin zurück. Sie ist noch zu jung! Wie traurig sie

manchmal blickte, wenn sie etwas nicht fassen konnte. Und ihrer Augen

Glut! Und diese sollte wirklich noch nicht geliebt haben? Ging nicht

Magdalena an ihren schönen Augen zugrunde? Aber dann freilich durch ihr

Herz zur Buße.

Seine Finger griffen nach dem Talisman, den er ihr abgenommen. Wie

oft mögen ihre Lippen an dem Krüglein geruht haben! Und wie unter

der magischen Kraft dieses Gedankens hob er langsam das Gold zu den

eigenen Lippen -- aber noch vor dem Kuß warf er es mit einer zornigen

Bewegung auf den Tisch. „Weiche von mir, Satan!“ schrie er laut auf.

Und er glaubte aus seinem Mund den Schwefeldampf des entweichenden

Höllenfürsten rauchen zu sehen. Der Widersacher geht nicht nur wie ein

brüllender Löwe um, sondern auch in der Form zärtlicher Jungfrauen. Ich

will wachsam sein und ihn betrügen.

In einer Nische, durch einen schweren Vorhang verdeckt, stand der

Schrank, in welchem die Akten der Inquisition verwahrt waren, bevor

sie nach Cordoba gingen. Nur Leon hatte den Schlüssel dazu. Er zog die

Papiere hervor, in denen Unsummen von Klagen, Leiden, Weh und Lüge

zusammengestoppelt lagen. Dann lagen hier die königlichen Edikte, die

Inquisitionsbriefe, die Prozesse von Granada, die Listen über die

Familiares, die Angebereien und vieles andere. Überall glühte am Schluß

der Richtername Lucero, Inquisitor von Cordoba. Dieser furchtbare

Priester, dessen Devise lautete: wir zählen unsere Opfer nicht, wir

wägen sie -- freute sich doch, wenn die Zahl der Gewogenen mit jedem

Tag wuchs. Und er wappnete sich mit dem Panzer irdischer Gerechtigkeit,

dem Schild des Glaubens, dem Helm der Buße und dem Schwert des Gebetes.

Nur den Mantel der Gnade breitete er über keine Tat.

Pater Leon wollte eben die Tabelle der granadinischen Gütereinziehung

hervorziehen -- da klopfte es.

Als sich die Tür öffnete, spürte der Mönch eine Blutwelle zum Herzen

steigen.

Leonore de Uceda grüßte mit verführerischem Lächeln den erschreckten

Dominikaner. „Der Name des Herrn sei gelobt, und sein Segen komme über

seine Diener!“ Und sie tauchte die feinen Finger in das Weihwasser bei

der Tür.

Granada in Flammen · 第 101 / 190 题