Zwanzigstes Kapitel

Scharenweise wurden die Mauren und Maurinnen vom Altar aus mit

Weihwasser besprengt und die Alguaciles trugen sie in die Listen der

geretteten Seelen ein. Auf eine besondere Feierlichkeit der Handlung

wurde kein Wert mehr gelegt. Man wollte ja nicht Seelen, sondern Zahlen

gewinnen, so und so viele täglich.

Die vornehmen Mauren jedoch wurden sorgfältiger behandelt.

An einem sonnenhellen Wintertag führte der Graf de Mora die schöne

Königstochter zur Taufe. Reija schlug mit jedem Blick neue Wunden

in das Herz Don Pedros. In der Kirche waren noch andere Täuflinge,

Frauen und Ritter aus alten arabischen Geschlechtern. In einer Ecke

stand schmucklos der Taufbrunnen. An den Wänden der Moschee-Kirche

hingen Inquisitionsmützen und Sanbenitos der Ausgesöhnten und mahnten

die Moriskos an künftige Gefahren. In der Mihrabnische stand der

christliche Altar. Noch immer glänzte das Gold aus der Kuppelrundung

herab, doch anstatt des Korans lag das Meßbuch auf dem Tisch des Herrn,

Lichter flammten und nährten die Kraft des Schimmers, an den Wänden

standen die Seitenaltäre mit den rohgeschnitzten Heiligenstatuen,

überladen mit Flitter, Geweben, Blumen und Weihgeschenken. Eine von

alten Weihrauchdämpfen erfüllte Luft drückte auf die bangen Gemüter der

Täuflinge wie der Geist böser Dschinnen.

Die Blicke Reijas wurden von dem rührenden Bilde der Virgen, der

heiligen Gottesmutter, angezogen, die über dem Tabernakel thronte, das

Jesuskind im Arm.

„Das ist deine Mirjam?“ flüsterte sie dem Grafen zu, der mit

vergrolltem Gesicht, noch immer von Eifersuchtsschmerzen gequält, neben

ihr stand.

„Es ist auch Euer Name -- Maria,“ sagte er gepreßt.

„Maria!“ wiederholte sie in leisem, süßem Schauer. „Mirjam und Maria --

ich werde sie oft verwechseln.“

Pater Leon in seiner finstern Stattlichkeit, die das Ornat noch hob,

trat zu dem Taufbecken und nahm die Zeremonie vor, die Reija befangen

über sich ergehen ließ. Manchmal schlug sie die Augen auf, dann traf

sie der Blick dieses feierlich verschlossenen Priesters, dessen Lippen

lateinische Gebete murmelten. Klopfenden Herzens beantwortete sie die

Fragen. Das „Ich glaube“ wollte kaum von ihren Lippen, denn in ihr

bebte die Angst vor dem Zorn des alten Gottes, dem sie, wie sie meinte,

schon durch Worte untreu werden konnte, wenn auch ihr Gefühl bei ihm

war. Willig nahm sie das weiße Tuch und die Kerze aus des Täufers

Hand und schritt damit um den Altar herum. Das fremde Gemurmel des

Dominikaners rauschte wie Regen an ihrem Ohr vorbei. Von Zeit zu Zeit

warf sie einen blitzenden Blick nach dem Grafen, der mit gesenkten

Blicken seitwärts stand, wiewohl jede seiner Fasern nach ihr brannte.

Die Messe begann. Reija tat alles in stumpfer Nachahmung dessen, was

die alten Christen taten, die als Vorbeter vor den Täuflingen knieten.

Sie wußte ja kaum, daß die Messe eine weihevolle Wiederholung des

Opfertodes des Herrn sei, von Menschenhirnen in eine schöne Form

gebracht. Alles erschien ihr wie eine zauberische Zeremonie, deren

Inhalt dunkel und verwirrt war. Doch ihr Ohr öffnete sich den bald

ruhig dahinfließenden, bald erhaben brausenden Gesängen, die von

Mönchs- und Nonnenlippen klangen, und dem gewaltigen Schall der Orgel,

und ihr Herz öffnete sich der rauschenden Sprache des Himmels. Bald war

ihr, als stieße durch die Musik der heiße Wüstenwind und bald wieder

hörte sie Gottes sanfte Stimme daraus tönen, die sie zur kindlichen

Anbetung halb nach Mohammeds Gesetzen, halb in Jesu liebender Gnade

rief. Mit Ergriffenheit gewahrte sie die himmelverzückten Gesichter

der Betenden, und ihr war, als schauerte wirklich in diese andächtigen

Herzen die Dreieinigkeit Gottes hinein, die Mohammed verdammt hatte.

Hatten sie Lehre und Glaube also doch berührt? Sie erbebte. Sollte

sie nie und nimmer vor Christus als Gott auf den Knien liegen können?

Nimmer die schöne Mutter des Menschen- und Gottessohnes --?

Da hefteten sich ihre Augen auf das Muttergottesbild. Die rührende,

kindliche Haltung des Jesusknaben, der zärtliche Blick der Mutter,

deren Geschichte sie aus dem Koran gar wohl kannte, ihre würdige

Haltung und Heiligkeit gaben der Neugetauften zu denken. Das

Verbot Mohammeds, Bilder zu verehren, ja die Gottheit auch nur zu

verbildlichen, erschien ihr nun etwas hart. Vor diesem halb lächelnden,

halb tröstenden Mutterantlitz könnte sie, wenn es sein mußte,

sicherlich in einem stammelnden Gebet liegen, über dessen Inhalt sie

sich jedoch noch nicht im klaren war. Sie stellte sie sich wie eine Art

Schutzengel vor, und daß sie fortan ihren Namen tragen sollte, erhob

sie nicht wenig über ihre menschliche Nichtswürdigkeit.

Nun sah sie die weihevollen Gebärden des Dominikaners vor dem Altar.

Die Wandlung setzte ein. Was schwebte da in des Priesters Händen zur

Höhe empor? Ein kreisrundes Blättchen -- und alles fiel aufs Knie und

der Gesang schwieg -- dann über des Opfernden Kopf ein funkelnder Kelch

-- sie erschauerte vor der Erhabenheit des Bildes. Dann vernahm sie

deutlich die Priesterworte: ~Domine, non sum dignus~ -- diese

klangen in ihrem Herzen bis zum Ende der Messe nach.

Als dann der bläuliche süße Duft des Weihrauches durch die Halle

schwebte, die Hostie in der flimmernden Sonne der Monstranz über

dem Haupt des Dominikaners hing, ihren Glanz nach allen Richtungen

verschwendend, und das Meßglöckchen feinstimmig in die lautlose Stille

tönte, ging ein wundersames Rühren durch das zarte Mädchenherz. Ihr

Gemüt war von einer seltsamen Schwere umsponnen, als sie sich von den

Knien erhob und nach der Kirchentür schritt, hinter der der helle

Tag sein Licht verströmte. Dort warteten viele Christenritter und

Damen. Alle staunten ihre Schönheit an. Ein Gemisch von Schwermut und

Heiterkeit wob sich auf ihrem Antlitz zur Harmonie zusammen und ihre

Augen waren wie die Fühler einer blütenhaft reinen Seele. Ein jeder

nahm sich nach seiner Neigung ein Stück von ihrer Schönheit in sein

Herz. Der eine bewunderte das Haar, der andere die Augen, dieser die

Gestalt, jener den Rhythmus ihrer Bewegungen, und manch einer sah

sehnsüchtig dem Schreiten des zarten Fußes nach. Sicherlich wollte

man von nun an noch häufiger in die Kirche gehen, um diese herrliche

Moriska beten zu sehen. Alle beneideten den Grafen de Mora um das

Glück, sie aus der Kirche führen zu dürfen. Doch die spanischen Damen

in ihren schwarzseidenen Gewändern musterten neidvoll die schöne

Agarena. Die Sonne ihrer Schönheit strahlte siegend über den Reiz aller.

Nun war sie aufgenommen in dem großen heiligen Bund. Der Graf

versuchte, die Wesenswandlung in ihrem Gesicht zu lesen. Unter dem

schwarzen Gewölk ihres Haares leuchtete ihre Stirn wie ein blasser

Mond, ihre Augen waren wie nach innen gerichtet und er mußte erst vor

sie hintreten, um ihr den Arm zu bieten. Wortlos schritt sie an seiner

Seite durch die traurige Winteröde der Höfe, zwischen entlaubten Bäumen

und vergilbten Rasen nach dem Turm der Cautiva. Hinter den beiden ging

mit kaum erträglicher Züchtigkeit Saffana, die mitgetauft worden war.

Plötzlich blieb Reija stehen. Mit einer auffälligen Wehmut im Ton sagte

sie: „Maria heiße ich nun für alle -- Maria Calabreña -- auch für dich,

Feta.“

„Gefällt es Euch nicht so?“

Sie nickte. Aber kein Strahl der Freude leuchtete aus ihrem Auge.

War ihr altes Wesen nicht eine unaufhörliche Betätigung aller frohen

Sinne gewesen? War die Welt um sie nicht farbig und klingend? Das neue

Wesen schien ihr von Grabgeläute umklungen und von den Schranken einer

strengen Sittlichkeitslehre eingeengt, ein Leben in Demut stand ihr

bevor, sie mußte jede Gebärde in ihrer Gewalt haben, um nicht die Tiefe

ihres ursprünglichen Glaubens aufzudecken. Wer würde ihr in diesem

Doppelleben beistehen?

Da schlug die Stimme ihres eisigen Begleiters an ihr Ohr. „Ihr sollt am

Abend die erste Christenlehre durch Pater Leon empfangen. Saffana wird

Euch nach der Vesper in die Mosala führen, in die alte Königsmoschee

der Alhambra. Dort werdet Ihr wahrscheinlich andere Frauen treffen.“

Sie nickte abermals unbewegt. Dann fragte sie hastig: „Was heißt das:

~Domine non sum dignus~?“

Der in der Messe gar wohlbewanderte Graf erklärte ihr die Anfangsworte

der Kommunion. Sie sah ergriffen zu Boden. „Ja -- ich bin nicht würdig

-- daß der Herr eingeht unter mein Dach. Die Engel wissen es, wann ich

es sein werde. Wann sehe ich dich wieder, Feta?“ Sie errötete leicht.

„Ich will besser -- Eure Nähe meiden.“ Jedes Wort verursachte ihm

heftigen Schmerz.

„Tu das,“ sagte sie unmutig. „Deine Hüterschaft ist ja für mich zu

Ende. Du warst ein milder Wächter. Schenke deine Güte auch weiter

meinem Nährvater.“

Sie waren an der Schwelle der Cautiva angelangt. „Bismi allah! Im Namen

Gottes! Dein Weg sei gesegnet.“ Sie schritt, ohne sich umzusehen, an

den Wachen vorbei die Treppe hinauf.

Don Pedro de Solar wußte nicht, wie er den Weg zur Torre de las Damas

fand. In ihm brach eine Welt zusammen. Er fühlte, wie dieses Mädchen

mit ihm spielte und daß es sich an seiner Leidenschaft weidete. Enger

denn je wob sich um ihn das Netz zusammen, trotz diesem Abschied, der

ja doch keiner war. Die selbstgeschaffene Qual träufelte einen süßen

Schmerz in seine Brust und er stöhnte sich den schwächlichen Trost zu:

„Sie liebt Eswer nicht! Und wenn! Ist er nicht ungefährlich hinter

Kerkermauern? Aber dennoch: er wird wie eine lebendige Leiche zwischen

ihr und mir stehen. Am besten sie nicht wiedersehen!“ tobte es in ihm.

Aber wohin sich flüchten? Hispaniola brannte vor seinen Augen. Doch er

löschte das Bild aus. Ich entrinn’ ihr nicht! Mit dieser verzweifelten

Feststellung wandelte er den Weg zum Garten des Generalifes hinauf, in

die kalte Wintereinsamkeit.

Maria aber, die schöne Moriska, stand vor dem Väterchen. „Christin!“

Mit gebrochener Stimme empfing er sie. „Ich rufe nicht die Ungnade von

Gott, Engel und Prophet auf dich herab! Der Herr sieht das Verborgene

in dir, die Welt mag das Unverborgene bestaunen.“

Sie fiel ihm um den Hals. „Für dich, Väterchen!“ Sie schloß die Tür,

schob die Truhe vor sie hin, holte den Gebetsteppich hervor, wusch

sich Hände und Füße, warf sich mit hochklopfender Brust nieder und

räumte in inniger, alter Gottessehnsucht alles von der Seele, was ihr

soeben ein neuer Glaube als furchtbare Last aufgelegt. Und mit jedem

Koranvers hüpfte ihr Herz dem Urewigen entgegen und sie versank in die

Wonnen der ursprünglichen Gottgebundenheit.

Granada in Flammen · 第 100 / 190 题