Scharenweise wurden die Mauren und Maurinnen vom Altar aus mit
Weihwasser besprengt und die Alguaciles trugen sie in die Listen der
geretteten Seelen ein. Auf eine besondere Feierlichkeit der Handlung
wurde kein Wert mehr gelegt. Man wollte ja nicht Seelen, sondern Zahlen
gewinnen, so und so viele täglich.
Die vornehmen Mauren jedoch wurden sorgfältiger behandelt.
An einem sonnenhellen Wintertag führte der Graf de Mora die schöne
Königstochter zur Taufe. Reija schlug mit jedem Blick neue Wunden
in das Herz Don Pedros. In der Kirche waren noch andere Täuflinge,
Frauen und Ritter aus alten arabischen Geschlechtern. In einer Ecke
stand schmucklos der Taufbrunnen. An den Wänden der Moschee-Kirche
hingen Inquisitionsmützen und Sanbenitos der Ausgesöhnten und mahnten
die Moriskos an künftige Gefahren. In der Mihrabnische stand der
christliche Altar. Noch immer glänzte das Gold aus der Kuppelrundung
herab, doch anstatt des Korans lag das Meßbuch auf dem Tisch des Herrn,
Lichter flammten und nährten die Kraft des Schimmers, an den Wänden
standen die Seitenaltäre mit den rohgeschnitzten Heiligenstatuen,
überladen mit Flitter, Geweben, Blumen und Weihgeschenken. Eine von
alten Weihrauchdämpfen erfüllte Luft drückte auf die bangen Gemüter der
Täuflinge wie der Geist böser Dschinnen.
Die Blicke Reijas wurden von dem rührenden Bilde der Virgen, der
heiligen Gottesmutter, angezogen, die über dem Tabernakel thronte, das
Jesuskind im Arm.
„Das ist deine Mirjam?“ flüsterte sie dem Grafen zu, der mit
vergrolltem Gesicht, noch immer von Eifersuchtsschmerzen gequält, neben
ihr stand.
„Es ist auch Euer Name -- Maria,“ sagte er gepreßt.
„Maria!“ wiederholte sie in leisem, süßem Schauer. „Mirjam und Maria --
ich werde sie oft verwechseln.“
Pater Leon in seiner finstern Stattlichkeit, die das Ornat noch hob,
trat zu dem Taufbecken und nahm die Zeremonie vor, die Reija befangen
über sich ergehen ließ. Manchmal schlug sie die Augen auf, dann traf
sie der Blick dieses feierlich verschlossenen Priesters, dessen Lippen
lateinische Gebete murmelten. Klopfenden Herzens beantwortete sie die
Fragen. Das „Ich glaube“ wollte kaum von ihren Lippen, denn in ihr
bebte die Angst vor dem Zorn des alten Gottes, dem sie, wie sie meinte,
schon durch Worte untreu werden konnte, wenn auch ihr Gefühl bei ihm
war. Willig nahm sie das weiße Tuch und die Kerze aus des Täufers
Hand und schritt damit um den Altar herum. Das fremde Gemurmel des
Dominikaners rauschte wie Regen an ihrem Ohr vorbei. Von Zeit zu Zeit
warf sie einen blitzenden Blick nach dem Grafen, der mit gesenkten
Blicken seitwärts stand, wiewohl jede seiner Fasern nach ihr brannte.
Die Messe begann. Reija tat alles in stumpfer Nachahmung dessen, was
die alten Christen taten, die als Vorbeter vor den Täuflingen knieten.
Sie wußte ja kaum, daß die Messe eine weihevolle Wiederholung des
Opfertodes des Herrn sei, von Menschenhirnen in eine schöne Form
gebracht. Alles erschien ihr wie eine zauberische Zeremonie, deren
Inhalt dunkel und verwirrt war. Doch ihr Ohr öffnete sich den bald
ruhig dahinfließenden, bald erhaben brausenden Gesängen, die von
Mönchs- und Nonnenlippen klangen, und dem gewaltigen Schall der Orgel,
und ihr Herz öffnete sich der rauschenden Sprache des Himmels. Bald war
ihr, als stieße durch die Musik der heiße Wüstenwind und bald wieder
hörte sie Gottes sanfte Stimme daraus tönen, die sie zur kindlichen
Anbetung halb nach Mohammeds Gesetzen, halb in Jesu liebender Gnade
rief. Mit Ergriffenheit gewahrte sie die himmelverzückten Gesichter
der Betenden, und ihr war, als schauerte wirklich in diese andächtigen
Herzen die Dreieinigkeit Gottes hinein, die Mohammed verdammt hatte.
Hatten sie Lehre und Glaube also doch berührt? Sie erbebte. Sollte
sie nie und nimmer vor Christus als Gott auf den Knien liegen können?
Nimmer die schöne Mutter des Menschen- und Gottessohnes --?
Da hefteten sich ihre Augen auf das Muttergottesbild. Die rührende,
kindliche Haltung des Jesusknaben, der zärtliche Blick der Mutter,
deren Geschichte sie aus dem Koran gar wohl kannte, ihre würdige
Haltung und Heiligkeit gaben der Neugetauften zu denken. Das
Verbot Mohammeds, Bilder zu verehren, ja die Gottheit auch nur zu
verbildlichen, erschien ihr nun etwas hart. Vor diesem halb lächelnden,
halb tröstenden Mutterantlitz könnte sie, wenn es sein mußte,
sicherlich in einem stammelnden Gebet liegen, über dessen Inhalt sie
sich jedoch noch nicht im klaren war. Sie stellte sie sich wie eine Art
Schutzengel vor, und daß sie fortan ihren Namen tragen sollte, erhob
sie nicht wenig über ihre menschliche Nichtswürdigkeit.
Nun sah sie die weihevollen Gebärden des Dominikaners vor dem Altar.
Die Wandlung setzte ein. Was schwebte da in des Priesters Händen zur
Höhe empor? Ein kreisrundes Blättchen -- und alles fiel aufs Knie und
der Gesang schwieg -- dann über des Opfernden Kopf ein funkelnder Kelch
-- sie erschauerte vor der Erhabenheit des Bildes. Dann vernahm sie
deutlich die Priesterworte: ~Domine, non sum dignus~ -- diese
klangen in ihrem Herzen bis zum Ende der Messe nach.
Als dann der bläuliche süße Duft des Weihrauches durch die Halle
schwebte, die Hostie in der flimmernden Sonne der Monstranz über
dem Haupt des Dominikaners hing, ihren Glanz nach allen Richtungen
verschwendend, und das Meßglöckchen feinstimmig in die lautlose Stille
tönte, ging ein wundersames Rühren durch das zarte Mädchenherz. Ihr
Gemüt war von einer seltsamen Schwere umsponnen, als sie sich von den
Knien erhob und nach der Kirchentür schritt, hinter der der helle
Tag sein Licht verströmte. Dort warteten viele Christenritter und
Damen. Alle staunten ihre Schönheit an. Ein Gemisch von Schwermut und
Heiterkeit wob sich auf ihrem Antlitz zur Harmonie zusammen und ihre
Augen waren wie die Fühler einer blütenhaft reinen Seele. Ein jeder
nahm sich nach seiner Neigung ein Stück von ihrer Schönheit in sein
Herz. Der eine bewunderte das Haar, der andere die Augen, dieser die
Gestalt, jener den Rhythmus ihrer Bewegungen, und manch einer sah
sehnsüchtig dem Schreiten des zarten Fußes nach. Sicherlich wollte
man von nun an noch häufiger in die Kirche gehen, um diese herrliche
Moriska beten zu sehen. Alle beneideten den Grafen de Mora um das
Glück, sie aus der Kirche führen zu dürfen. Doch die spanischen Damen
in ihren schwarzseidenen Gewändern musterten neidvoll die schöne
Agarena. Die Sonne ihrer Schönheit strahlte siegend über den Reiz aller.
Nun war sie aufgenommen in dem großen heiligen Bund. Der Graf
versuchte, die Wesenswandlung in ihrem Gesicht zu lesen. Unter dem
schwarzen Gewölk ihres Haares leuchtete ihre Stirn wie ein blasser
Mond, ihre Augen waren wie nach innen gerichtet und er mußte erst vor
sie hintreten, um ihr den Arm zu bieten. Wortlos schritt sie an seiner
Seite durch die traurige Winteröde der Höfe, zwischen entlaubten Bäumen
und vergilbten Rasen nach dem Turm der Cautiva. Hinter den beiden ging
mit kaum erträglicher Züchtigkeit Saffana, die mitgetauft worden war.
Plötzlich blieb Reija stehen. Mit einer auffälligen Wehmut im Ton sagte
sie: „Maria heiße ich nun für alle -- Maria Calabreña -- auch für dich,
Feta.“
„Gefällt es Euch nicht so?“
Sie nickte. Aber kein Strahl der Freude leuchtete aus ihrem Auge.
War ihr altes Wesen nicht eine unaufhörliche Betätigung aller frohen
Sinne gewesen? War die Welt um sie nicht farbig und klingend? Das neue
Wesen schien ihr von Grabgeläute umklungen und von den Schranken einer
strengen Sittlichkeitslehre eingeengt, ein Leben in Demut stand ihr
bevor, sie mußte jede Gebärde in ihrer Gewalt haben, um nicht die Tiefe
ihres ursprünglichen Glaubens aufzudecken. Wer würde ihr in diesem
Doppelleben beistehen?
Da schlug die Stimme ihres eisigen Begleiters an ihr Ohr. „Ihr sollt am
Abend die erste Christenlehre durch Pater Leon empfangen. Saffana wird
Euch nach der Vesper in die Mosala führen, in die alte Königsmoschee
der Alhambra. Dort werdet Ihr wahrscheinlich andere Frauen treffen.“
Sie nickte abermals unbewegt. Dann fragte sie hastig: „Was heißt das:
~Domine non sum dignus~?“
Der in der Messe gar wohlbewanderte Graf erklärte ihr die Anfangsworte
der Kommunion. Sie sah ergriffen zu Boden. „Ja -- ich bin nicht würdig
-- daß der Herr eingeht unter mein Dach. Die Engel wissen es, wann ich
es sein werde. Wann sehe ich dich wieder, Feta?“ Sie errötete leicht.
„Ich will besser -- Eure Nähe meiden.“ Jedes Wort verursachte ihm
heftigen Schmerz.
„Tu das,“ sagte sie unmutig. „Deine Hüterschaft ist ja für mich zu
Ende. Du warst ein milder Wächter. Schenke deine Güte auch weiter
meinem Nährvater.“
Sie waren an der Schwelle der Cautiva angelangt. „Bismi allah! Im Namen
Gottes! Dein Weg sei gesegnet.“ Sie schritt, ohne sich umzusehen, an
den Wachen vorbei die Treppe hinauf.
Don Pedro de Solar wußte nicht, wie er den Weg zur Torre de las Damas
fand. In ihm brach eine Welt zusammen. Er fühlte, wie dieses Mädchen
mit ihm spielte und daß es sich an seiner Leidenschaft weidete. Enger
denn je wob sich um ihn das Netz zusammen, trotz diesem Abschied, der
ja doch keiner war. Die selbstgeschaffene Qual träufelte einen süßen
Schmerz in seine Brust und er stöhnte sich den schwächlichen Trost zu:
„Sie liebt Eswer nicht! Und wenn! Ist er nicht ungefährlich hinter
Kerkermauern? Aber dennoch: er wird wie eine lebendige Leiche zwischen
ihr und mir stehen. Am besten sie nicht wiedersehen!“ tobte es in ihm.
Aber wohin sich flüchten? Hispaniola brannte vor seinen Augen. Doch er
löschte das Bild aus. Ich entrinn’ ihr nicht! Mit dieser verzweifelten
Feststellung wandelte er den Weg zum Garten des Generalifes hinauf, in
die kalte Wintereinsamkeit.
Maria aber, die schöne Moriska, stand vor dem Väterchen. „Christin!“
Mit gebrochener Stimme empfing er sie. „Ich rufe nicht die Ungnade von
Gott, Engel und Prophet auf dich herab! Der Herr sieht das Verborgene
in dir, die Welt mag das Unverborgene bestaunen.“
Sie fiel ihm um den Hals. „Für dich, Väterchen!“ Sie schloß die Tür,
schob die Truhe vor sie hin, holte den Gebetsteppich hervor, wusch
sich Hände und Füße, warf sich mit hochklopfender Brust nieder und
räumte in inniger, alter Gottessehnsucht alles von der Seele, was ihr
soeben ein neuer Glaube als furchtbare Last aufgelegt. Und mit jedem
Koranvers hüpfte ihr Herz dem Urewigen entgegen und sie versank in die
Wonnen der ursprünglichen Gottgebundenheit.