Nach ein paar Herzschlägen der Schadenfreude eilte Doña Leonore, als
erinnerte sie sich einer frommen Pflicht, vor den kleinen Hausaltar
hin, warf sich dort auf die Knie und schien in Andacht versunken.
Der Vikar wäre nicht der geschulte Weltmann in der Kutte gewesen, wenn
er in der Überrumpelung seines Gemütes steckengeblieben wäre. Bald
begann die kniende lebendige Statue seine Sinne zu beschäftigen. Üppige
schwere Goldflechten, in einem blauseidenen Netz gefangen, senkten
sich auf den bräunlichen Nacken, die Rückenlinie der Knienden fiel
in einer herrlichen Biegung nach den Füßen hinab, und in der ganzen
Gestalt rauschte das erregte Leben. Wiewohl der Pater wußte, daß ihr
Gebet sammlungslos war, wollte er doch kein störendes Willkommwort
hineinwerfen.
Endlich erhob sie sich und warf ihre Erscheinung ins Licht. „Ich bin
da,“ sagte sie mit ihrer bestrickenden Wohllaune. „Euer Ehrwürden haben
doch nach mir verlangt.“
Der dunkelgrüne Taft mit der silbernen Stickerei schimmerte wie eine
Schlangenhaut an ihrem ebenmäßig geformten Leib. Der rote Mantel
darüber, mit rosafarbenem Felbel gefüttert, legte die Farbe der Liebe
in ihr Wesen, und um Hals und Arme gleißte der irdische Reichtum in
Form goldener Reifen. Mit dem Lächeln der Siegerin sahen die zwei
schön gebetteten Samtaugen unter dem Schutz seidener Wimpern auf den
betroffenen Mönch.
Dieser rückte verlegen mit den Schultern hin und her. Wenn diese ein
paar Augenblicke früher gekommen wäre! Ihr wildjagendes Herz hätte
allerlei Argwohn zusammengebraut. „Wohl verlangte ich nach Euch. Aber
zu so später Stunde --?“
„Als ob es für den Mann, der gewohnt ist, stündlich eine neue Seele
einzufangen, auf die Stunde ankäme, in der sich ihm ein Herz ergibt.“
Der Mönch entsann sich eines alten Spruches: Wenn ein Weib lächelnd zu
dir kommt, wende dich ab, wenn du nicht willst, daß deine Rechtlichkeit
in ihrem Lächeln ertrinke.
„Ihr wolltet nach den Teppichen in Santa Clara fragen. Ich bringe Euch
die Antwort selbst. In zwei Monaten werden die Teppiche in der Capilla
Real hängen. Ich habe darüber dem König geschrieben.“
„Ihr -- schreibt dem König?“ fragte der Vikar verwundert. „Ich
dachte --“
Sie senkte die schwarzen Wimpern. „Daß alles vorbei wäre? Es wird
vielleicht wieder seinen Anfang nehmen, ohne daß ein gewisser Pater
die Hände dabei im Spiel zu haben braucht. Beim erstenmal braucht man
geistliche Hilfe, um sein Gewissen zu beruhigen. Das zweitemal handelt
man freier.“
„Und vergißt so den Dank, den man -- aber im Ernst, ich dachte, daß nun
Graf Nuñez de Castro der glückliche Besitzer dieses Herzens --“
„Ach, seine nächtliche Musik wirkt einschläfernd,“ sagte Doña
Leonore gelangweilt. „Und bei Tag droht er mich mit gezierten Reden
auszuhungern.“ Sie sah sich lauernd um. „Es ist doch kein Frauenkleid
in der Nähe? Der Beichtstuhl ist sorgfältig verhüllt. Ganz wie einst.“
Sie lüftete den Vorhang. „Ihr erlaubt einer alten Freundin die
Kühnheit, die hier mehr als einmal die Sorgen ihrer Seele und -- ihres
Herzens abgeladen. Wie lang ist das her? Wartet -- nun wird es sich
bejähren, daß ich das letztemal --“
„Ihr seid in Atem,“ sagte Leon mit zusammengewürgter Kehle. „Die alten
Erinnerungen zu so ungewöhnlicher Stunde --“
„Auch ich möchte so gern alles begraben wissen -- aber der Ort,
wo der Rausch sich zum letztenmal ausgetobt, stimmt nicht zur
Totengräberarbeit. Man durchwühlt sein Herz, ob nicht noch ein Restchen
Leben in der Leiche seines Glücks ist.“ Sie schmeichelte selbstgefällig
ihre Glieder in einen schweren Stuhl. „Warum habt Ihr eigentlich damals
dem König den Sieg über mich so leicht gemacht? Dem Sieger so willig
den Platz geräumt?“
„Doña Leonore -- dies alles -- jetzt --?“ Pater Leon saß an dem
Betpult, wo früher Maria de Calabreña gekniet hatte. „Es ist doch alles
vorbei, seit der König mir den Schatz genommen.“
„Genommen? Ihr verwechselt die Begriffe.“ Die lilienweißen Zähne
malmten die Worte in Unmut. „Gesteh doch, amigo, in diesem Beichtstuhl
lag damals schon ein anderes Geschöpf deiner Freude -- Ena de Isla --,
ach, deine Augen trüben sich in der Nachtrauer um die schöne, früh
gestorbene Jungfrau. Hättest du ihr frühes Ende geahnt, du hättest mich
vielleicht gar in Gnaden wieder aufgenommen, wenn ich auch mittlerweile
in einem Königsbett gelegen bin. Dein Schweigen setzt das Siegel
unter mein Wort. Du hast Ena de Isla geliebt -- und wer -- wer“ --
sie spannte mit den Augen den Bogen nach ihm -- „wer ist jetzt an der
Reihe?“
Der Vikar riß den Oberleib zurück. „Leonore! Es ist wahr, Ena war mir
ein herber Verlust, aber es war schmerzvoller, eine Leonore de Uceda an
einen König zu verlieren. Diesem Grab winkt keine Auferstehung.“
„Und doch habt Ihr mich selbst begraben.“
„Ich wollte dem König dienen, weil sich alle seine Fibern nach Eurer
Schönheit spannten.“
„Haha!“ lachte sie schrill. „Dein Herz war nicht immer ein Altar
Gottes. Du großer Sünder in Liebe! Berechnung war der Vater deines
Gefühls. Meine Erhöhung sollte Euch zum königlichen Beichtvater
erheben. Und als Ihr Euch getäuscht saht, ließet Ihr den König und --
mich fahren. Du hast pfundweise Ehrgeiz in deine Liebe verflochten.
Und ich Törin malte mir so schön das Vergnügen aus, in einer einzigen
Nacht aus den Armen des Königs in die seines Beichtvaters zu schlüpfen.
Vorbei, vorbei! Soll ich mein Herz noch mehr aus dem Mund treten
lassen?“ Sie zog in Qual die Schultern zusammen.
Nun fand der Priester den alten vertrauten Ton wieder. „Leonore -- du
zerstichst mein Herz. Höre das eine: Als ich vernahm, daß dich der
König freigeben wolle, hüpfte mein Herz wie ein Lämmlein. Und nun --
der König wird dich wieder aufnehmen.“
„Und wenn ich dieser Laune nicht gehorchen will? Herrscherrechte haben
beim Körper des Weibes ihre Grenzen.“
„Solche Launen straft der König mit Landesverweisung,“ sagte Leon
warnend.
„Wenn ich wüßte, daß ein gewisser Mann die Verbannung mit mir teilen
würde, so würde ich sie ertragen.“ Ihre halb geöffneten Finger spielten
unruhig in der Luft. Die Möglichkeit der Wiederkehr frohbeschwingter
Tage und Nächte machte das Mönchsherz taumeln. „Leonore -- was weckst
du Hoffnungen in mir --?“
„Oh -- ich will verdient werden, Don Juan de Leon.“ Sie rückte schnell
aus dem glühenden Bereich seiner Hände. „Ich fiel dir einmal zu
leicht in den Schoß. Ich möchte ein zweites Mal die Gewißheit haben,
daß ich dir nicht wieder herausfalle. Und darum bitte ich um eine
Paktschließung.“ Sie stand auf und warf scheue Blicke nach der heiligen
Jungfrau. Ihre religiöse Furcht, echt spanisch auferzogen, begann in
ihr zu rumoren.
Der Vikar half ihr auf seine Weise. „Wir können hier leicht überrascht
werden. Auch gibt es Eide, die gehalten werden müssen und die doch den
Altar scheuen.“