Zweiundzwanzigstes Kapitel

Nach ein paar Herzschlägen der Schadenfreude eilte Doña Leonore, als

erinnerte sie sich einer frommen Pflicht, vor den kleinen Hausaltar

hin, warf sich dort auf die Knie und schien in Andacht versunken.

Der Vikar wäre nicht der geschulte Weltmann in der Kutte gewesen, wenn

er in der Überrumpelung seines Gemütes steckengeblieben wäre. Bald

begann die kniende lebendige Statue seine Sinne zu beschäftigen. Üppige

schwere Goldflechten, in einem blauseidenen Netz gefangen, senkten

sich auf den bräunlichen Nacken, die Rückenlinie der Knienden fiel

in einer herrlichen Biegung nach den Füßen hinab, und in der ganzen

Gestalt rauschte das erregte Leben. Wiewohl der Pater wußte, daß ihr

Gebet sammlungslos war, wollte er doch kein störendes Willkommwort

hineinwerfen.

Endlich erhob sie sich und warf ihre Erscheinung ins Licht. „Ich bin

da,“ sagte sie mit ihrer bestrickenden Wohllaune. „Euer Ehrwürden haben

doch nach mir verlangt.“

Der dunkelgrüne Taft mit der silbernen Stickerei schimmerte wie eine

Schlangenhaut an ihrem ebenmäßig geformten Leib. Der rote Mantel

darüber, mit rosafarbenem Felbel gefüttert, legte die Farbe der Liebe

in ihr Wesen, und um Hals und Arme gleißte der irdische Reichtum in

Form goldener Reifen. Mit dem Lächeln der Siegerin sahen die zwei

schön gebetteten Samtaugen unter dem Schutz seidener Wimpern auf den

betroffenen Mönch.

Dieser rückte verlegen mit den Schultern hin und her. Wenn diese ein

paar Augenblicke früher gekommen wäre! Ihr wildjagendes Herz hätte

allerlei Argwohn zusammengebraut. „Wohl verlangte ich nach Euch. Aber

zu so später Stunde --?“

„Als ob es für den Mann, der gewohnt ist, stündlich eine neue Seele

einzufangen, auf die Stunde ankäme, in der sich ihm ein Herz ergibt.“

Der Mönch entsann sich eines alten Spruches: Wenn ein Weib lächelnd zu

dir kommt, wende dich ab, wenn du nicht willst, daß deine Rechtlichkeit

in ihrem Lächeln ertrinke.

„Ihr wolltet nach den Teppichen in Santa Clara fragen. Ich bringe Euch

die Antwort selbst. In zwei Monaten werden die Teppiche in der Capilla

Real hängen. Ich habe darüber dem König geschrieben.“

„Ihr -- schreibt dem König?“ fragte der Vikar verwundert. „Ich

dachte --“

Sie senkte die schwarzen Wimpern. „Daß alles vorbei wäre? Es wird

vielleicht wieder seinen Anfang nehmen, ohne daß ein gewisser Pater

die Hände dabei im Spiel zu haben braucht. Beim erstenmal braucht man

geistliche Hilfe, um sein Gewissen zu beruhigen. Das zweitemal handelt

man freier.“

„Und vergißt so den Dank, den man -- aber im Ernst, ich dachte, daß nun

Graf Nuñez de Castro der glückliche Besitzer dieses Herzens --“

„Ach, seine nächtliche Musik wirkt einschläfernd,“ sagte Doña

Leonore gelangweilt. „Und bei Tag droht er mich mit gezierten Reden

auszuhungern.“ Sie sah sich lauernd um. „Es ist doch kein Frauenkleid

in der Nähe? Der Beichtstuhl ist sorgfältig verhüllt. Ganz wie einst.“

Sie lüftete den Vorhang. „Ihr erlaubt einer alten Freundin die

Kühnheit, die hier mehr als einmal die Sorgen ihrer Seele und -- ihres

Herzens abgeladen. Wie lang ist das her? Wartet -- nun wird es sich

bejähren, daß ich das letztemal --“

„Ihr seid in Atem,“ sagte Leon mit zusammengewürgter Kehle. „Die alten

Erinnerungen zu so ungewöhnlicher Stunde --“

„Auch ich möchte so gern alles begraben wissen -- aber der Ort,

wo der Rausch sich zum letztenmal ausgetobt, stimmt nicht zur

Totengräberarbeit. Man durchwühlt sein Herz, ob nicht noch ein Restchen

Leben in der Leiche seines Glücks ist.“ Sie schmeichelte selbstgefällig

ihre Glieder in einen schweren Stuhl. „Warum habt Ihr eigentlich damals

dem König den Sieg über mich so leicht gemacht? Dem Sieger so willig

den Platz geräumt?“

„Doña Leonore -- dies alles -- jetzt --?“ Pater Leon saß an dem

Betpult, wo früher Maria de Calabreña gekniet hatte. „Es ist doch alles

vorbei, seit der König mir den Schatz genommen.“

„Genommen? Ihr verwechselt die Begriffe.“ Die lilienweißen Zähne

malmten die Worte in Unmut. „Gesteh doch, amigo, in diesem Beichtstuhl

lag damals schon ein anderes Geschöpf deiner Freude -- Ena de Isla --,

ach, deine Augen trüben sich in der Nachtrauer um die schöne, früh

gestorbene Jungfrau. Hättest du ihr frühes Ende geahnt, du hättest mich

vielleicht gar in Gnaden wieder aufgenommen, wenn ich auch mittlerweile

in einem Königsbett gelegen bin. Dein Schweigen setzt das Siegel

unter mein Wort. Du hast Ena de Isla geliebt -- und wer -- wer“ --

sie spannte mit den Augen den Bogen nach ihm -- „wer ist jetzt an der

Reihe?“

Der Vikar riß den Oberleib zurück. „Leonore! Es ist wahr, Ena war mir

ein herber Verlust, aber es war schmerzvoller, eine Leonore de Uceda an

einen König zu verlieren. Diesem Grab winkt keine Auferstehung.“

„Und doch habt Ihr mich selbst begraben.“

„Ich wollte dem König dienen, weil sich alle seine Fibern nach Eurer

Schönheit spannten.“

„Haha!“ lachte sie schrill. „Dein Herz war nicht immer ein Altar

Gottes. Du großer Sünder in Liebe! Berechnung war der Vater deines

Gefühls. Meine Erhöhung sollte Euch zum königlichen Beichtvater

erheben. Und als Ihr Euch getäuscht saht, ließet Ihr den König und --

mich fahren. Du hast pfundweise Ehrgeiz in deine Liebe verflochten.

Und ich Törin malte mir so schön das Vergnügen aus, in einer einzigen

Nacht aus den Armen des Königs in die seines Beichtvaters zu schlüpfen.

Vorbei, vorbei! Soll ich mein Herz noch mehr aus dem Mund treten

lassen?“ Sie zog in Qual die Schultern zusammen.

Nun fand der Priester den alten vertrauten Ton wieder. „Leonore -- du

zerstichst mein Herz. Höre das eine: Als ich vernahm, daß dich der

König freigeben wolle, hüpfte mein Herz wie ein Lämmlein. Und nun --

der König wird dich wieder aufnehmen.“

„Und wenn ich dieser Laune nicht gehorchen will? Herrscherrechte haben

beim Körper des Weibes ihre Grenzen.“

„Solche Launen straft der König mit Landesverweisung,“ sagte Leon

warnend.

„Wenn ich wüßte, daß ein gewisser Mann die Verbannung mit mir teilen

würde, so würde ich sie ertragen.“ Ihre halb geöffneten Finger spielten

unruhig in der Luft. Die Möglichkeit der Wiederkehr frohbeschwingter

Tage und Nächte machte das Mönchsherz taumeln. „Leonore -- was weckst

du Hoffnungen in mir --?“

„Oh -- ich will verdient werden, Don Juan de Leon.“ Sie rückte schnell

aus dem glühenden Bereich seiner Hände. „Ich fiel dir einmal zu

leicht in den Schoß. Ich möchte ein zweites Mal die Gewißheit haben,

daß ich dir nicht wieder herausfalle. Und darum bitte ich um eine

Paktschließung.“ Sie stand auf und warf scheue Blicke nach der heiligen

Jungfrau. Ihre religiöse Furcht, echt spanisch auferzogen, begann in

ihr zu rumoren.

Der Vikar half ihr auf seine Weise. „Wir können hier leicht überrascht

werden. Auch gibt es Eide, die gehalten werden müssen und die doch den

Altar scheuen.“

Granada in Flammen · 第 102 / 190 题