„Ich muß dich retten. Ich will in die Alpujarras, wo die Monfis sich
sammeln. Ich wiegle sie auf --“
„Seele der Blumen -- bist du auf die Irrwurz --?“
„Dein Elend schrei ich ihnen ins Herz. Abu Atir ist gefangen! Könnt
ihr’s dulden? Die Tage Boabdils sollen wiederkommen, wenn wir nur
einig sind. Ich wecke den wilden Löwen in ihnen, ich führe sie in den
steinernen Palmenwald ihrer Moscheen, ich lasse die Scheichs heilige
Kampfworte im Namen Boabdils sprechen. Der Herr, der den Pferden
Mohammeds Windesflügel gab, wird auch meinen Worten Flügel geben. Die
Granadiner verdorren ohne dich wie die Frucht ohne Regen. Der Jude
Pereres wird mir Geld geben, ich schiffe mich nach Tanger ein, rufe den
Kampfzorn der Berber an.“
Abu Atir umschlang mit bebenden Händen ihren Leib. „Blume von Andalus
-- mit diesen Händen willst du Ketten -- welch ein Dschin ist in dich
gefahren? Du meine Hossané!“
„Mit dem Feuer meines Herzens zünde ich die Gedanken der Rache in
ihnen an. Und das Leid um die Glaubensbrüder wird einen Riesenbrand
entfachen, der die Berge und Täler in ein einziges Feuermeer verwandeln
soll.“
Der Alte koste ihr gelöstes Haar. „Du flammender Wille -- du Riesin an
Tugend, Gazelle an Leib, was für Kräfte traust du dir zu? Den Glauben
der Nasranije erheucheln? Weißt du nicht, daß du verloren bist, wenn
du entdeckt wirst? Daß sie dich in den Sanbenito stecken, auf dem Esel
durch die Straßen jagen?“
Ihre Züge spannten sich unerschrocken. Und ihre Augen starrten
plötzlich in sich hinein. „Ghadban der Dichter hat den Kalifen
Hadschadsch durch Wohlredenheit besiegt, so daß er ihn aus dem Kerker
laufen ließ. Oh, was müssen das für goldtönende Worte gewesen sein!
Ich will die Saiten meiner Anafine stimmen, daß ich ihn -- Ximenes --
Leon -- oder besser --“ Sie hielt wie unter der Spannung ihres Innern
die Gedanken an, um sie dann aufs neue durcheinander zu wühlen. „Es
ist erst ein Saatkorn in mir -- es muß keimen -- zur Blüte werden.
Es ist nichts Kleines unter der Sonne. Aus einem verirrten Kamel
bei der Quelle Semsem entstand Mekka. Warum soll nicht aus einem
Gedankenfunken eines Königskindes sich Granada entzünden?“
„Du Herd wilder Wünsche,“ bebte der Imam. „Gib mir die Hand. Die
Priester werden dich mit Dingen locken, die einem Weib gefährlich
werden können. Wer soll als Christin für dich sorgen? Die Mauren
wandern aus -- die Beni Mossad, Hamet Zeli, Chalad Ben Temin, alle die
glaubensstarken, treuen Gefährten und Freunde, soweit sie nicht in die
Alpujarras geflüchtet sind. Die Moriskos? Welcher von ihnen soll seinen
Schutz --“
„Das Morgen wird mit glühendem Sturmbrausen kommen -- ich bin bei dir!
Ist das nicht himmlischer Trost? Und ich darf frei gehen und Pläne
spinnen und langsam die Äste zusammentragen für den granadinischen
Brand.“
Der Greis sah sie bang-fragend an. „Was in diesen Augen glüht -- oh, es
ist nicht das Feuer deines Vaters -- es ist die Leidenschaftlichkeit
deiner Mutter --“
„Meine Mutter!“ Reija schauerte zusammen. Ihre Gedanken griffen zurück.
Das Stammeln an dem Mutterherzen war ihr nicht mehr in Erinnerung. Sie
hörte oft von ihr sprechen, aber aus den Schilderungen ragte das Wesen
der Mutter nicht mit der Weihe einer lebendigen Heiligen in ihr Leben.
Doch nun schwang eine neue Saite in ihrer Seele. Sie sollte den Glauben
der Mutter kennenlernen. Eine Neugier gebar sich in ihr, zu erfahren,
wie ihre Mutter zu Gott betete. Es erfaßte sie gleichsam eine Lust, an
den heiligen Geheimnissen der Christenheit naschen zu dürfen, ohne ganz
in ihnen aufzugehen. Stark schwang ihre Seele im alten Glauben, dem sie
unwandelbare Treue bewahren wollte, und sie stellte sich diesen äußern
Wechsel bei Aufrechthaltung der innern Glaubenskraft rührend leicht
vor. „Meine Mutter hat fest an den christlichen Gott geglaubt?“ fragte
sie scheu-ehrfürchtig.
Der Imam nickte. „Der duldende Geist Boabdils nahm keinen Anstand
daran. Es hatten ja viele Maurenfürsten christliche Frauen.“
„Und -- du?“ Sie fühlte zaghaft in die Seele des väterlichen Herzens.
„Du würdest -- keine Duldung üben -- wenn ich --“ Sie stockte verlegen.
In des Alten Antlitz lag die vornehme Ruhe des Weisen. „Was ein Mensch
mit reiner Seele glaubt, ist vor diesem und jenem Gott heilig. Ich
könnte nie anders glauben als: Es ist kein Gott außer Gott. Aber wie
sollte ich dich verdammen, wenn du einmal -- ach, es ist ja nicht
auszudenken -- o du Taube der Ziergärten -- Mondschein der Sommernacht
du -- sieh doch, ihm, der die schwarze Ameise auf dem schwarzen Stein
in schwarzer Nacht entdeckt, ihm bleibt nichts verborgen, und er wird
auch die Winkel deines Herzens durchschauen --“
„Und wird sehen, wie treu ich ihm bin! Mein Herz wird ein Sieb sein,
durch das die christlichen Lehren rinnen werden, und es wird kein Satz
darin zurückbleiben.“
Der Diener des Gotteswortes legte die Hand auf ihr Haupt, und warm und
väterlich flossen die Lehren von seinem Mund in das abschiednehmende
Herz. „Sieh, Reija, es gibt einen alten arabischen Stamm der Fekariten,
dem gab Gott Trug zum Geleite, und es hieß von ihm: Trau keinem
Fekariten die Kamele, denn sicher kannst du sein, daß eines fehle. So
halte es mit dem Trug der Christen. Sie werden auf ihre Weise sorgen,
daß dein Vertrauen zusammenbricht. Sei wachsam wie der Hahn, den der
Morgen nicht überraschen darf. Nahe dich nicht dem Fluß, wenn er
austritt, und dem Menschen, wenn er böse wird. Aber merke auch: Böses
wird nicht durch Böses ausgelöscht, denn wenn du zwei Feuer anzündest,
löscht keins das andre aus. Entreiße dich der Knechtschaft des
unsichtbaren Feuers, das Liebe heißt, denn es kann dich verbrennen.“
Die Wache trat ein. „Die Zeit ist da,“ seufzte Reija mit überströmenden
Augen. Und sie nahm Abschied von dem Geleiter ihrer Wege.
In ihrem Gemach schickte sie die harrende Saffana nach dem königlichen
Hauptmann, sie wolle ihn sprechen. Dann kauerte sie sich in einen
Winkel. Und nun strömte wie Regen die Fülle der Gedanken über sie. Ein
leiser Schauer überfiel sie, als sie die Tragweite ihrer Handlungsweise
überdachte. Ihr Leben mußte fortan eine ununterbrochene Verstellung
sein, und es stiegen Zweifel in ihr auf, ob sie diesem trügerischen
Spiel gewachsen sein würde. Aber lange konnte die Maske nicht getragen
werden. Wenn der Frühling den Schnee in der Sierra Nevada fraß, waren
die Wege in den Alpujarras wieder gangbar, und das Befreiungswerk
konnte beginnen. In der Höhle von Cañor fand sich die erste
Zufluchtsstätte. Von dort aus konnte man ins Horn des Aufruhrs stoßen.
Oder man konnte auf Schleichwegen ans Meer fliehen -- hinüberschiffen
-- den Vater wiedersehen -- und doch -- lauerte nicht die eifersüchtige
Morayna, die Gattin Boabdils, auf ihre Wiederkehr? Also dort und hier
Verderben! Ihre Gedanken überstürzten sich. Wenn sie sich vor die
Königin hinwürfe? Isabella, sagte man, habe Mitleid mit den bekehrten
Frauen. Aber vor allem mußte doch der Feta -- dieser Don Pedro de
Solar --
Aus ihrem Innern stieg es wie Raubtierpranken herauf. Ein süßer,
ziehender Schmerz verbreitete sich in ihrem Blut, und sie wußte dafür
keine Gründe anzugeben. Sie überdachte des Grafen vornehmes Gehaben,
seine männliche Schönheit, die Wandlung in seinem Wesen seit jenem Tag,
da er sie vor den Händen des Priesters beschützt. Oh, was hatte damals
für ein Feuer in seinen Augen geglüht! Und dann die kargen Fragen und
Antworten, die ihm die Brust --
Ein heißer Hauch beengte ihre Kehle. Sie begann ihre Glieder in
Wohligkeit zu strecken, und ihre Muskeln und Nerven spielten. Sie
entsann sich mancher Worte des Grafen, und sie klangen jetzt in ihr
wieder, als wären sie vom Tau überrieselt. Waren nicht Wellen der
Fröhlichkeit durch sein Wesen gegangen, als er von ihrem Entschluß
der Taufe hörte? Ihr weiblicher Scharfsinn ahnte die hier schon kaum
mehr verborgenen Zusammenhänge. Sie sprang auf und wiegte ihre Glieder
in langsamem Schreiten, selbstgefällig, mit natürlicher Eitelkeit.
Sie freute sich kindisch, daß sie von nun an auch ihr Antlitz
unverschleiert zeigen durfte, wie es die reizenden Kastilierinnen
trugen, die auf den Rossen stolz saßen oder auf den Miradores ihre
dunklen Augen spielen ließen.
Da tönten draußen die herrischen Schritte. Don Pedro de Solar stand auf
der Schwelle. Hinter ihm schlüpfte Saffana herein.
Reija warf schnell den Schleier vor das Gesicht, bog ihre Gestalt sanft
in die Polster hin und verschränkte in natürlicher Selbstgefälligkeit
die Arme.
„Ihr habt mich rufen lassen?“ durchbrach der Graf mühsam seine
Verwirrung.
„Du bist mir böse, Feta?“ fragte sie lächelnd, ohne ihre Glieder aus
der Lässigkeit zu lösen.
„Es macht mir immer Freude, Euch zu dienen.“
„Ich soll morgen zur Taufe gehen. Ich will meine Chilaa, mein
Ehrenkleid, tragen. Man muß wohl das Kreuz machen, wenn man die Kirche
betritt? So?“ Sie fuhr ungelenk mit den Fingern über die Brust.
„Dreimal müßt Ihr Euch bekreuzen.“ Er zeigte es ihr.
„Ich werde dort schöne Bilder sehen und den goldnen -- oh, wie heißt
das große Gefäß?“
„Kelch? Monstranz? Ihr werdet alles schauen. Zuvor wird Euch der
Priester das Salz auf die Zunge legen, das Zeichen der christlichen
Weisheit. Der Priester wird den bösen Feind in Euch beschwören --“
„Ich habe einen bösen Feind in mir? Oh, so durfte mich doch kein Mensch
bisher lieben.“ Ein berückender Blick fiel aus den großen Augen auf ihn.
„Es +ist+ -- Evas Sünde, die von Euch genommen werden soll,“ sagte
der Graf betreten.