„Pater Leon wird Euch vor dem Taufstein fragen, ob Ihr an Gott,
Christus, an den Heiligen Geist, die heilige katholische Kirche und
an vieles andere noch glauben wollt. Und Ihr müßt bei jeder Frage
antworten: ich glaube.“
Reija fühlte den Hauch eines Bannes auf sich liegen und über ihr Gemüt
senkte sich eine schwere, schwarze Decke. „Weiter, Feta!“
„Pater Leon gießt Euch dreimal Wasser auf die Stirn, salbt Euch mit
Chrisam, hängt Euch ein weißes Tuch um und gibt Euch die Kerze in
die Hand. Den Sinn der Handlung wird Euch Pater Leon später selbst
erklären, denn er hat sich ausbedungen, Euch selbst im Glauben zu
unterrichten.“
Im Herzen Reijas schnürte sich etwas zusammen. „Oh, ich möchte so
gern Talavera haben, den frommen Knecht Gottes, dessen Herz von Güte
überströmt.“
„Ich fühle es Euch nach. Doch auch Pater Leon hat viel Gewalt über das
Herz.“
Reija schwieg bedrückt. Dann sprang sie auf einen eiteln Gedanken über.
„Darf ich den Schleier vor der Taufe abnehmen?“
„Ihr dürft es schon jetzt,“ brannte der Graf lichterloh.
Da löste sie behutsam das Gewebe los, ganz langsam, als wollte sie
vorsichtig ein kostbares Gut enthüllen. Die sonnenwarme Haut drängte
sich ans Licht und bald lag der Edelschnitt ihres Gesichtes vor den
erstaunten Blicken des Grafen. Ihm war, als hätte sich die Madonna
selbst in irgendeinem erneuten Erdenwandel offenbart. Er, der sich
in Tyrannis und Haß gefallen hatte, starrte sie wie ein Gotteswunder
an. In ihrem Blick lag eine keusche Verhaltenheit und doch schienen
im Schmelz dieser Augen geheimnisvolle Versprechungen zu schimmern,
behütet von einer natürlichen Würde. Sie schloß nun die Wimpern über
die vielsagenden Sterne. Die feingezeichneten Lippen preßten sich fest
zusammen, als wollte sie dem bedrängten Gefühl jeden Ausweg verwehren.
Der Widerschein ihrer Innenglut entflammte ihre Wange und Reija wurde
noch reizender durch diesen Zustand der Scham und Verwirrung. Sie
erschien dem Grafen wie eines jener blütenduftenden Gedichte, das
die spielende Phantasie des Arabers in den Augenblicken höchster
Liebesfreude formt.
„Ich darf auf dem Albaycin, in der Alcazaba wieder aus und ein gehen?“
fragte sie, sich gewaltsam aus der Verlegenheit reißend.
„Ihr dürft es.“
„Und noch eines --“ Sie stockte einen Atemzug lang. „Eswer Ben Zerragh
-- was ist mit Eswer Ben Zerragh?“ Sie bemerkte mit Genugtuung, wie der
Name seine Züge zerriß.
„Fragt nicht nach ihm, Doña Reija,“ antwortete der Graf mit beißender
Schärfe. In seinem Gaumen klebte ein bitterer Geschmack und auf seiner
Brust lag es wie Blei.
„Ich muß wissen, ob sie ihn hängen werden.“
„Er wird ewiges Gefängnis bekommen,“ schoß er den Pfeil nach ihr ab.
Da trat sie dicht an ihn heran, daß er den bestrickenden Duft ihres
Fleisches spürte und das heftige Wogen ihrer Brüste hörte. „Du kannst
ihn -- nicht -- frei machen, Feta? Pfui!“ Ihre Augen lauerten wie vor
einem Sprung.
„Seid Ihr von Sinnen?“
Reija schob Saffana kurzerhand aus dem Zimmer. Dann sprudelte sie es
mit gefalteten Händen heraus: „Freund der Sonne! Du mußt ihn frei
machen, Feta! Er ist so ein hübscher Jüngling und hat noch viel zu
leben und zu lieben. Sperr’ einen alten Schaitan statt seiner in die
Zelle. Eswer ist wie ein Gabriel und aus seinem Mund sprüht Zornfeuer.
Sag’, ist er nicht schön?“ Mit jedem Satz rückte sie listig seiner
Eifersucht an den Leib.
Ihre Worte trafen ihn wie Nadelstiche. Er sah ihre Zähne blitzen, sah
die blutvollen, sehnsüchtig gespannten Lippen, und die Gewalt seiner
Leidenschaft zerbrach ihm die Flügel der Gedanken. „Doña Reija -- fragt
mich -- nicht mehr -- nach dem Abencerragen. Sein Name -- ist -- Gift.“
Schmerzhaft stöhnte er es hervor.
In ihr flammte ein Jubel. „Ei, wenn Blicke donnern könnten, man müßte
es bis nach Damaskus hören,“ sagte sie mit einem Lächeln, das ihn noch
mehr reizte. „Doch deshalb bleibt es eben, wie es ist. Eswers Auge ist
drohend wie eine Wetterwolke über der Wüste. Und er schreitet selbst
wie --“
„Lebt wohl, Doña Reija.“ Der Graf verbeugte sich in furchtbarem innern
Aufruhr und schlug heftig die Tür hinter sich zu. Die Leidenschaft
hatte alle Ritterlichkeit in ihm zerschlagen.
Saffana stürzte herein. „Bei Mohammeds Bart! Bi smi allah! Was hast
du mit dem Feta angefangen? Er ging wie ein abgewiesener Panther und
fauchte mich in eine Ecke.“
Reija stand mit hochwogender Brust, die Augen auf die Tür geheftet. Ob
er wiederkommen wird? dachte sie. Sie lauschte hinaus. Als sie keine
Schritte mehr hörte, jauchzte sie auf: „Er liebt mich! Er ist ganz
närrisch vor Liebe! Was stehst und starrst du, Dienerin der Dschinnen?
Er liebt mich, liebt mich! sag’ ich dir -- und ich -- o, o!“ sie zuckte
zusammen, „-- ich soll ihn verderben!“ Der Schmerz warf ihren Leib auf
den Polster hin und ein würgendes Schluchzen erschütterte ihre Glieder.
Saffana stürzte erschreckt zu ihr hin. „Rose, Rose! Als Mohammed zum
erstenmal im Paradies Gott entgegentrat, da fielen die Schweißtropfen
des Propheten auf die Erde und verwandelten sich in Rosen. Oh, auch
deine Tränen, Engel der Erde, werden sich in Blumen verwandeln. Ach,
ich wüßte, wie dir zu helfen wäre.“ Sie lächelte schelmisch in die
Tränen der Herrin hinein und fingerte leise streichelnd durch ihr
gelöstes Haar.