Der Graf erhob sich bestürzt. „Was hast du gehört?“

„Die Liebe verbraucht deine Schwärmerkraft und bringt dich ins Gerede.

Doña Leonore de Uceda verbreitet die unsinnigsten Gerüchte. Du wärst

der Gefangene einer Gefangenen.“

„Das Weib ist Galle von oben bis unten,“ schäumte der Graf.

„Hast du es ihr gegenüber an der nötigen Ritterlichkeit fehlen lassen?

Sie war die Geliebte des Königs und will ihre Vergangenheit geachtet

wissen.“

Der Graf fühlte seine Fibern beben. Wie gern hätte er alles von der

Seele gewälzt, was in dem Königswort gebunden lag. Aber eines durfte

er doch verraten. „Es ist wahr -- ich habe ihr weh getan -- sie hat

ein Auge auf mich geworfen, daß ich’s nur gestehe. Ich aber habe ihr

kühl gedankt, und das scheint ihr nahe gegangen zu sein. Ich dachte sie

längst im liebenden Schutz Castros.“

„Jedenfalls rennt sie jetzt ihre Zunge gegen dich blutig, drum sei auf

der Hut.“

Saffana trat ein. Verwirrt und mit dem heitern Lächeln auf den Lippen,

das ihr so schön stand und das sie besonders zur Schau trug, wenn sie

Hernando de Rojas irgendwo im Hof erblickte. Dieser hatte ihr manche

Kußhand zugeworfen, die sie nicht mit bösen Blicken beantwortet. Nun

stand sie mit über der Brust gefalteten Händen bei der Tür. „Meine

Herrin will dich sprechen, königlicher Hauptmann.“

Don Pedro sah mit Verlegenheit auf den Freund. „Ich bin gleich zurück.“

Und zu Saffana wandte er sich mit scherzhafter Drohung. „Du erwartest

mich da und sprichst kein Wort zu -- diesem.“ Er stellte ihr den Freund

lächelnd vor: „Dies ist ein Doktor aus Salamanca und gefährlich für

dich.“

Kaum war der Graf bei der Tür draußen, stürzte Hernando auf die üppige

Sklavin los. Der Schleier verhüllte nur lose ihr Gesicht wie der

Herbstnebel die Landschaft.

„Ihr habt gehört, man hat Euch das Sprechen verboten. Mir aber, Gott

sei gelobt, nicht. Ihr liebt Eure schöne Herrin?“

Sie legte den Finger auf den Mund und nickte hastig.

„Oh, wenn Ihr doch den häßlichen Schleier entfernen könntet. Ihr müßt

das haben, was der Andalusier Salero nennt, die Gabe der Anmut, der

Lustigkeit, des Gesanges.“

Das Lob machte sie zutraulich; sie hob schnell mit gestrecktem

Finger den Schleier hoch. Die lieblichste Rosenwange duftete dem

Gelehrten entgegen, der in der Abschätzung solcher Werte eine gewiegte

Gelehrtheit bekundete. Ihre schwarzen Feueraugen baten ihn mit nicht

allzu großem Ernst, nur ja nicht näherzutreten. Ihre Schönheit machte

ihn mutig. „Wie schön bist du! Ich möchte von deinen Lippen Liebe

trinken.“ Er wußte, wie leicht man bei den Maurinnen mit Galanterien

vorwärts kam.

Aber da verkrallte sich die kleine Faust in ihr Kleid und sagte: „Da

müßte ich auch dabei sein, gefährlicher Doktor aus Salamanca.“

„Man hat dir das Sprechen verboten,“ lachte Hernando.

„Mohammed hat den Gläubigen auch den Wein verboten, und sieh dir unsere

Kalifen an, Freund der rosenglühenden Schönheiten.“

„Du schlaue Tochter der Palmenhaine,“ lachte er kurzstößig. „Wie kann

man dich erringen?“

Sie legte den Arm mit dem Gelenkring an die leichtgeschwellte Hüfte

und sah den dreisten Christen verführerisch an. „Schaff’ mir die Leber

einer Mücke, den Huf eines Sonnenpferds, den 35. Buchstaben der 38.

Sure des Korans und den ersten Morgenschrei des Vogels Rokh, dann will

Saffana an deine Liebe glauben.“

Da lachte Hernando hellauf und wollte sie umschlingen. Aber sie

verschloß mit der Hand ihren Mund und murmelte zwischen den Fingern

durch: „Du kommst mir nicht an.“

„So küsse ich die Augen.“

Ihre Zähne blinkten wie die Sterne der Kamomillen. „Wer viel vom Küssen

spricht, ist kein Kußheld.“

Da verstand er sie und schloß mit einem herzhaften Kuß die kecken

Augen. Aber sie mußte ihm die tastende Hand von der Brust wegschieben.

„Nimmer, nimmer, schöner Freund der himmlischen Wolken. Du hast kein

Eidechsenblut, wie ich sehe. Wer Saffana liebt, muß dran leiden und

böser Dschinnen Neid erfahren.“

Aber er brauste auf sie zu und wollte wieder zugreifen.

„Beim Mal des Propheten!“ wehrte sie sich. „Du springst wie ein

Heuschreck an, Doktor von Salamanca.“

„Bist du noch Jungfrau, Zweig des Gadhastrauches?“

Schmollend verzog sie die Lippen. „Ijas der Wohlredende erkannte den

Zustand der Weiber auf den ersten Blick. Er täuschte Gefahr vor, und da

legte die Schwangere im Schreck die Hand auf den Bauch, die Säugende

auf die Brust und die Jungfrau auf den Schoß.“ Sie stand überglüht, die

Hände vor den geschlossenen Schenkeln gefaltet.

„Du mußt mir eine Nacht gewähren, ich will dir Seide und Korallen

geben, du aller Blüten süßester Honig du!“

„Wie kannst du arabisch schmeicheln, Liebhaber der Weisheiten,“

lächelte sie und schob seine zudringliche Hand beiseite. „Aber wenn du

mir auch zweitausend alte Dirhem zahltest, meine Armbeuge wäre kein Tal

des Schlummers für dich. Du bist ein Freund der kurzen Freude, ich aber

will Tränen haben.“

„Ich weine sie dir,“ schwur der Leichtsinnige mit lachenden Augen.

Sie antwortete mit einem verächtlichen Pfiff. „Sieh zu, daß du uns

befreist, dann läßt sich über süße Nächte reden. Weißt du, wie

Al-Atheni singt? „Was ist süßer als des Wahnsinns Stunden, wo die

Mädchen schenken süßen Wein, wo die Sängerinnen wie Gazellen fallen in

den Klang der Saiten ein? Aber was soll das alles? Was hat meine Herrin

getan, daß sie so leiden muß?“

„Du liebst sie?“

„Sie hat den Reiz vom Stamme Sad, den schönen Wuchs vom Stamme Kinan,

ihr Auge ist mondhell, und sie ist weise wie Lokman, liederkundig wie

David und rein wie Mirjam. Wie soll man ein solches Weib nicht lieben?

Aus ihrem Wesen glänzt die sonnendurchstrahlte Wolke, ihre Haut ist

zart wie edelster Samt, ihre Zähne sind geschälte Mandeln, ihr Haar

ist ein schwarzer Strom, der über wohlgerundete Schultern fließt, ihr

Körper aber duftet wie frische Milch. Wie soll man so ein Weib nicht

lieben?“

Nach dieser überschwenglichen Schilderung bekam Hernando Angst um den

Freund. „Sag’, was hältst du von Don Pedro de Solar?“

„Der Graf ist besser als sein Ruf. Er macht helle Augen, wenn er unser

Königskind sieht.“

„Sei verschwiegen, Weib!“ warnte Hernando ernsthaft.

„Ich bin schweigsam wie die Zypresse im Generalife, die einer Königin

Liebe beschützte.“ Dann schob sie schnell den Schleier vor das Gesicht.

„Du bist doch eine Eidechse,“ schmollte sie.

Er stürmte rasch in ihre Lippen hinein, und sie hielt still und ließ

die Glut ihres Blutes in den Kuß überströmen.

Es klopfte. Saffana stellte sich demütig gebückt in die Ecke, als hätte

sie Schläge empfangen.

In der Tür stand der Dominikanerpater Leon. Er suchte den

Schloßhauptmann. Hernando peitschte mit strengen Blicken die Sklavin

hinaus und ging selbst, Don Pedro zu holen.

Unterdessen suchte das prüfende Auge des Mönches das Zimmer ab. Kaum

daß er damit begonnen, trat der Graf ein.

„Ich komme im Auftrag des Primas von Spanien, um den beiden Gefangenen

die Entscheidung abzuverlangen. Taufe oder Auswanderung.“

„Sie werden für keine zu haben sein,“ sagte Mora mit verdüsterter Stirn.

„Dann wird man keine Ausnahme machen können. Man hat es mit Aufrührern

zu tun.“

„Man hat es mit edlen Menschen zu tun.“ Der Graf straffte seine

Gestalt. „Ich sah den Imam die erregten Mauren beschwichtigen, sein

Gebaren war Nachgiebigkeit und Demut, man tut ihm unrecht, wenn man

ihn als Aufrührer behandelt. Wollt Ihr, daß ich Euch zu den Gefangenen

führe?“

Der Priester nickte. Bald darauf standen sie im Zimmer des Imams. Neben

ihm schreckte Reija empor, als sie den Dominikaner sah. Was wollte man

wieder von ihr? Und was sah dieser Mönch so von oben auf sie herab?

„Väterchen, dieser hier will uns verderben,“ flüsterte sie arabisch dem

Imam zu.

Der Santon streichelte über ihre Stirn. „Gott sendet seine Sekina, die

Engel, zu den Gläubigen. Was willst du von uns, du, dessen Antlitz Gott

verherrlichen möge?“

„Das königliche Edikt fordert Eure Entscheidung. Wollt Ihr die Taufe

nehmen?“

Ohne Pathos, nur mit dem Ausdruck innerster Überzeugung sprach Abu

Atir: „Ich kann die Taufe nicht nehmen. Möge dich Gott in deinem, mich

in meinem Glauben stärken. Ich will auswandern, wenn es denn sein muß.“

„Ein Mann von Eurer Geistesstärke hat die Kraft, das Blut der Mauren

und Berber zu erhitzen, und wir wollen nicht wieder Schiffe landen

sehen in Malaga.“

Der Imam lächelte. „Möge Euch Gott die törichte Furcht nehmen. Ich bin

alt, und meine Kräfte schwinden. Ich habe mein Ansehen nur zur Glättung

wilder Herzenswogen gebraucht, nie um Sturm zu entfachen.“

„Ihr kämt in das Land Boabdils. Es ist gefährlich, zum Tiger einen

Tiger zu schicken.“

„Insch’allah! So laß mich denn in Granada bleiben.“

„Aber es werden Euch Mauern umengen --“

„Li amri!“ Abu Atir starrte den Mönch an. „Ich soll -- ewig --?“

„Man will sicher sein vor Euch.“

Reija warf sich schluchzend an die Brust des Greises. „O mein geliebtes

Väterchen!“

Der Imam ließ die Hände langsam über seinen Körper gleiten, hinauf und

hinab, sein Leben zu erfühlen. Dann sagte er weich und demütig: „Laßt

mich -- hier -- mit diesem Kinde --“

„Ihr müßt einen härtern Kerker annehmen.“

Ein jäher Tränenstrom brach aus den Augen Reijas.

„Christen! Warum martert ihr uns?“ würgte sich die Verzweiflung

aus der Brust des Santon. „Was ist denn unser Verbrechen? Weißt

du, Christenpriester, was Gott den Toten nachsagen läßt durch den

Mulakkin, der an seinem Sarge betet? Sohn einer Dienerin Gottes, es

steigen zwei Engel zu dir herab und fragen dich, wer dein Herr sei.

Dann antworte: Gott ist mein Herr. Und sie fragen dich nach deinem

Propheten. Antworte: Mohammed ist der Prophet. Und sie fragen dich über

deinen Glauben. Antworte: Der Glaube Mohammeds ist mein Glaube. Und sie

fragen dich über das Buch der Lebensführung. Antworte: Der Koran ist

es. Und sie fragen dich nach der Kibla, der Richtung deiner Gebete.

Antworte: Die Kaaba zu Mekka ist meine Kibla. Ich habe gelebt und bin

gestorben in dem Bekenntnis, daß nur ein Gott ist und daß Mohammed sein

Gesandter. Und die Engel werden dir zurufen: Schlafe in Frieden. Und

wenn sie den Toten so freudige Botschaft bringen, wie muß das Wort im

lebendigen Herzen hallen! Auf der Wallfahrt des Abschieds hat Mohammed

auf dem Berge Arafa gesprochen: Wer vom Glauben abtrünnig wird, dessen

Werke sind ausgelöscht, und er gehört in dieser und jener Welt zu

den Untergehenden. Es können nicht zwei Schwerter in einer Scheide

ruhen. Wer von dir verlangte, Kündiger des Nasranij-Glaubens, von ihm

abzufallen, was würdest du ihm erwidern?“

„Ich lebe und sterbe im Herrn.“ Dunkeltönig klang es von den

bläulichweißen Mönchslippen.

„So laß mich auch so sagen,“ bat der Imam herzinnig. „Bismi allah!“

„Dann müßte ich auch dem Teufel seine Besessenheit lassen,“ hieb der

Dominikaner mitleidlos drein. „Euer Glaube ist ein Wahn.“

„Und der Eure? Es kann alles Wahn sein, was Menschen treiben. Sei

duldsam, grausamer Mahner, dem Gott gnädig sein möge!“

Pater Leon wandte sich mit einer raschen Bewegung an das verschleierte

Königskind. „Wollt Ihr dasselbe Schicksal leiden?“

Reijas Augen durchstachen das Herz des fremden Priesters, wie damals

bei dem Kampf um den Koran. Wie wildes Feuer spürte sie es durch das

Blut rasen. Einen Herzschlag lang wehrte sie sich gegen das Anstürmen

der beschwörenden Mächte, die sie zur Besinnung drängten, dann warf

sie alle Bedenken wie Asche von sich, und mit ihrer rührenden dunklen

Stimme, in der die verhaltene Angst zitterte, antwortete sie: „Ich will

-- versuchen -- die Taufe anzunehmen.“ Ihr Kopf sank auf die Brust,

ihre Glieder lösten sich, und sie mußte sich an den stützenden Arm des

Grafen lehnen.

Abu Atir glaubte in seinem Leib das Blut erstarren zu fühlen. Langsam,

als müßte er erst eine Lähmung der Muskeln und Sehnen überwinden,

kehrte er sich zu seinem Schützling, und mühsam suchte sein Hirn

Begriffe zu gestalten. Sein Prophetenbart zitterte, der nächste

Augenblick konnte den Greis umwerfen.

Don Pedros Arm half auch hier; so stand er, der eiserne Hüter, wie

ein Samariter zwischen zwei bedrängten Menschen. An das Meer seiner

Gefühle wagte sich sein Verstand nicht heran aus Angst, es könnte ihn

überfluten. Doch schwangen wie sonntägliche Orgelklänge in seinem Ohr

die entscheidenden Worte des Mädchens.

Man hörte den Regen rauschen und die Abendglocken klingen. Pater Leon

trat ans Fenster und bekreuzte sich. Dann kam er zurück und reichte

Reija die Hand. „Welch ein Augenblick unsäglicher Gottesgnade! Ich will

selbst die Taufe an Euch vornehmen. Ihr werdet Marias Stimme hören,

und Eure Zukunft wird durchströmt sein vom Segen des Herrn. Seid Ihr

getauft, so soll Euern Schritt aus dem Gefängnis nichts mehr hemmen.“

Reija kämpfte mit sich. „Gottes Wohlgefallen mit dir, Faki der

Christen! Mein Nährvater ist alt. Laß mich hier an seiner Seite

weilen, ich will seine Schritte stützen, vielleicht fließt aus dem

Brunnen meines neuen Wesens auch eine Welle in sein Herz, und Ihr habt

dann statt einer Seele zwei gewonnen.“

„Ich will mit dem Grafen Tendilla sprechen,“ sagte Leon tiefbewegt.

„Man wird wohl die Gnade üben, dem Imam das bisherige Gefängnis zu

belassen, nur mit Rücksicht auf Euern Taufentschluß.“

Don Pedro de Solar trat an das Mädchen heran. „Habt Dank für diese

Wandlung. Gestattet mir, daß ich Euch selbst zur Kirche geleite.“

Sie nickte mit klopfendem Herzen. Kein Blick auf ihn verriet die

Bewegung in ihr. „Laßt mich jetzt eine Stunde allein mit Abu Atir.“

Der Graf verließ mit dem Dominikaner das Zimmer.

Pater Leon verzog die Lippe kostend wie ein Feinschmecker, der den

ersten Biß in einen köstlichen Pfirsich tut. Würdelos betete er

flüsternd das Salve Regina vor sich hin.

Granada in Flammen · 第 95 / 190 题