Jeden Tag ging Graf de Mora, nachdem er sich durch einen Schluck
Valdepeñas gestärkt, nach dem Comaresturm, um sich nach den Wünschen
der Gefangenen zu erkundigen. Der Gang zum Imam war ihm leicht, dort
schienen irdische Wünsche begraben zu sein, und nur glaubenstiefe
Ergebenheit in das gottgesandte Schicksal traf er an. Aber schwer
wurde dem Grafen immer der Gang in das andere Gemach, das den schönen
Mädchenschatz barg. Hier hatte er mit weiblichen Eitelkeitswünschen und
-- mit sich selbst zu kämpfen. Einmal verlangte Reija mehr Spiegel,
ein andermal weichere Teppiche, bald ließ sie den Grafen lange draußen
warten, bis sie sich tief verschleiert hatte, bald beschwerte sie sich
über das Essen, das zuwenig Rosinen enthielt, oder über Langeweile. Abu
Atir durfte eine Stunde mit ihr plaudern. Immer wieder fragte sie mit
einer gewissen Absichtlichkeit nach Eswer Ben Zerragh. Das war für den
Hauptmann der peinlichste Augenblick des Tages. Oft war er versucht,
ihr Herz auf die Probe zu stellen, er wollte ihr vorlügen, morgen
müsse der Abencerrage hängen. Ihr Aufschrei hätte sie verraten. Aber
dann verscheuchte er den grausamen Gedanken. Wenn er dann aus ihrem
Zimmer trat, kam er sich wie besessen vor. Gibt es nicht auch Engel der
Besessenheit? fragte er sich bang.
Reija erschien ihm jeden Tag anders. Ihre Anmut schillerte in
bestrickender Abwechslung. Bald war sie lässig, bald lebendig und
zerfahren, einmal verträumt, dann wieder sangeslustig, den einen Tag
zerknirscht, den andern sprühend wie ein Feuerberg. Und wenn Don Pedro
von ihr ging, fragte er sich: Ist sie die Gefangene oder bin ich der
Gefangene? Reija fühlte gar wohl, welche Macht sie auf ihn ausübte. Und
Saffana, die bei der Herrin schlief, lachte sich den Hals voll über die
schlecht verhehlte Verliebtheit des Ritters. Manchmal verlockte sie die
Herrin, laut zu singen und zu tanzen, damit die Wache draußen den Lärm
dem Grafen melde. Der kam gewöhnlich und erbat sich lächelnd Ruhe. Der
Zweck war erreicht: Reija hatte Herzklopfen.
Winterscharfe Lüfte wehten draußen. Der Schnee der Sierra Nevada
leuchtete in die Krummgassen, Regengüsse klatschten nieder, und der
Genil und der Darro schwollen an.
Das königliche Edikt machte fürchterlichen Ernst. Viele edle Mauren
rüsteten zur Auswanderung, aber die armen Handwerker, Händler und
Bauern bissen in den sauren Apfel. Haufenweise ließen sie sich taufen,
ohne auf Mihrab und Kaaba innerlich zu verzichten. Zu Hause beteten
sie heimlich ihre Suren, mit dem Antlitz nach Mekka gewendet. Kam
einer der Familiares darauf, wurde der Betreffende zuerst streng
verwiesen, dann aber wurde gleich mit der Todesstrafe gedroht.
Scharenweise liefen diejenigen, die sich mit der Taufe nicht abfinden
konnten und auch nicht auswandern wollten, in die Alpujarras, um dort
die Hilfe der Berber abzuwarten. Der Traum beschäftigte eines jeden
Hirn, und groß war die Erwartung. Boabdils Wiederkehr war für sie wie
für die Juden die Messiashoffnung. So entvölkerte sich Granada, und
man munkelte schon, daß sich Banden im Gebirge bildeten -- Monfis
nannte man sie --, die die Absicht hätten, ihre im Glauben bedrängten
Brüder in der Stadt zu befreien. Aus dem Albaycin zogen Karawanen,
beladen mit kostbaren Gütern, die in die neue afrikanische Heimat
wanderten. Jeder Auswanderer mußte zehn Goldgulden zahlen. Langsam
verödeten die Moscheen, in denen die katholischen Altäre eingebaut
wurden, die Kirchen dagegen füllten sich und konnten bald die Menge
der neuen ‚Gläubigen‘ nicht fassen. Letztere lagen vor den Toren auf
den Knien und ließen Segen und Weihrauchwolken über ihre Häupter
gehen, sie beteten Unverstandenes sinnlos nach, während hinter ihnen
die beaufsichtigenden Mönche standen und jede Gebärde überwachten. Die
einzelne Seele hatte ihr Glaubensrecht verloren.
Talavera, der gütigste der Frommen, wollte den Mauren den Weg
zum neuen Glauben erleichtern und ihnen die Bibel ins Arabische
übersetzen. Ximenes hinderte ihn daran. Er nannte dies ‚Perlen vor
die Säue werfen‘ und meinte, das Volk sei durch das Geheimnisvolle und
Unverständliche leichter zu fesseln, als durch bedingungslose Klarheit.
Im übrigen sollten die Mauren nach und nach dazu gebracht werden,
arabische Sprache und arabisches Wesen zu vergessen, und die Kinder
und Kindeskinder würden dann schon gute Christen werden, wenn erst die
Erinnerung an die gewaltigsame Bekehrung verblaßt sein würde.
Auch die milde Behandlung der Mauren durch den Grafen Tendilla fand den
heftigsten Widerstand beim Kanzler. Selbst die königliche Entscheidung
wurde in Streitfällen angesucht, aber sie fiel immer zugunsten des
Erzbischofs aus. Bald begann es in gewissen Kreisen der Granden zu
grollen.
Im Advent hatte die Zahl der getauften Mauren schon fünfzigtausend
erreicht. Gruppenweise wurden sie in die Kirche getrieben und einfach
vom Altar aus mit dem Weihwasser besprengt. Eine besondere religiöse
Belehrung fand man nicht für notwendig. Ximenes ließ Dankmessen
lesen. Gott wurde durch den Kult der Ungläubigen in Granada nicht
mehr beleidigt. Der Großinquisitor Deza jagte durch strenge Edikte
die Moriskos in Angst. Der geringste Rückfall in den alten Glauben
wurde mit der Einziehung von Hab und Gut und mit dem Tragen des
Sanbenitos bestraft. Die alten Sprüche in den Maurenhäusern mußten
entfernt werden. In jeder Gasse mahnten die Statuen von Heiligen an die
Fürbitte, das Bild der Jungfrau grüßte rosenbekränzt an allen Ecken
und Enden, und in den Kirchen leuchtete es hehr, von Seide und Gold
umschimmert, in einem Blumenhain, umlagert von der Schar andächtiger
Christen. Selbst in den Lasterhöhlen und verrufenen Ventas hingen die
Heiligenbilder als Wehrgötzen des Unglücks, und bevor sie sündigten,
beteten die Soldaten des Ximenes zu ihrem Patron. Weihkessel hingen
vor den Türen der Lasterdirnen und wurden mißbraucht. Hatte man
einen Feind, so zeigte man ihn unter Anrufung von Christus und Maria
heimlich einem Familiare an. Es wurde nicht viel untersucht, ob der
Kläger vertrauenswürdig sei, auch wurde er dem Beklagten gar nicht
gegenübergestellt. Es genügte zu hören, daß jemand einen religiösen
Zweifel geäußert hatte, und das peinliche Verhör begann. Von Cordoba
herüber schwirrten Schreckensgerüchte über die Raschheit des heiligen
Offiziums. Über Nacht wurden Beschuldigte aus dem Bett geholt und
in den Inquisitionskerker geworfen. Auch der Flammentod wurde im
Prozeßweg mit einer Schnelligkeit verhängt, als ob das Feuer selbst
nach Nahrung lechzte. Die Übergabe an das weltliche Gericht seitens der
Inquisition war zugleich sicherer Tod. Nicht die Kirche verurteilte
den Angeklagten, sie rettete ihr Gewissen, indem sie ihn dem
weltlichen Richter übergab. Die Reinigung der Seele aber konnte nach
der Mönchskasuistik nur durch die Verbrennung des Leibes geschehen.
Das menschliche Gewissen mußte verstummen unter der fürchterlichen
Aufgeblasenheit des alleinseligmachenden Glaubens, der vernichten
konnte, wo er erlösen sollte. In die blutige Glorie, die die Kirche um
das Haupt der Inquisitoren wob, schimmerte nicht ein einziger reiner
Gottesfunke hinein. Der fanatische Machtgedanke, aus der Dämonie der
eigenen Unfehlbarkeit geboren, warf das gräßlichste Fieber in die Hirne
der Seelenhirten, ein ganzes Volk wurde davon angesteckt und unterwarf
sich dem schrecklichen Reinigungswillen.
Aber noch hatte Granada nicht die volle Auswirkung der
Inquisitionsedikte gespürt, noch klangen nur die Nachrichten von
Cordoba wie schaurige Mären in das Dorado von Andalus herüber. Doch
bald mußte Leon als Bevollmächtigter Luceros daran gehen, die Schrecken
der Inquisition auch in das Herz der Neubekehrten zu werfen.
Don Pedro de Solar hatte sich in eine arabische Chronik vertieft,
die er aus dem Autodafé des Geistes gerettet. Er wollte sich in der
Geschichte des Feindes umsehen, um auch seinen Vorzügen gerecht zu
werden.
Da kam Hernando zu ihm, warf sich auf die fellbedeckte Truhe und
durchschnüffelte die Schrift. „Wieder bei Abderrhaman zu Hause? Du
wirst bald in der Azzarah von Cordoba heimischer sein als in der
Alhambra. Aber eine Nachricht: deine Liebe segelt mit offener Flagge.
Man spricht in den Miradores davon.“