Achtzehntes Kapitel

Jeden Tag ging Graf de Mora, nachdem er sich durch einen Schluck

Valdepeñas gestärkt, nach dem Comaresturm, um sich nach den Wünschen

der Gefangenen zu erkundigen. Der Gang zum Imam war ihm leicht, dort

schienen irdische Wünsche begraben zu sein, und nur glaubenstiefe

Ergebenheit in das gottgesandte Schicksal traf er an. Aber schwer

wurde dem Grafen immer der Gang in das andere Gemach, das den schönen

Mädchenschatz barg. Hier hatte er mit weiblichen Eitelkeitswünschen und

-- mit sich selbst zu kämpfen. Einmal verlangte Reija mehr Spiegel,

ein andermal weichere Teppiche, bald ließ sie den Grafen lange draußen

warten, bis sie sich tief verschleiert hatte, bald beschwerte sie sich

über das Essen, das zuwenig Rosinen enthielt, oder über Langeweile. Abu

Atir durfte eine Stunde mit ihr plaudern. Immer wieder fragte sie mit

einer gewissen Absichtlichkeit nach Eswer Ben Zerragh. Das war für den

Hauptmann der peinlichste Augenblick des Tages. Oft war er versucht,

ihr Herz auf die Probe zu stellen, er wollte ihr vorlügen, morgen

müsse der Abencerrage hängen. Ihr Aufschrei hätte sie verraten. Aber

dann verscheuchte er den grausamen Gedanken. Wenn er dann aus ihrem

Zimmer trat, kam er sich wie besessen vor. Gibt es nicht auch Engel der

Besessenheit? fragte er sich bang.

Reija erschien ihm jeden Tag anders. Ihre Anmut schillerte in

bestrickender Abwechslung. Bald war sie lässig, bald lebendig und

zerfahren, einmal verträumt, dann wieder sangeslustig, den einen Tag

zerknirscht, den andern sprühend wie ein Feuerberg. Und wenn Don Pedro

von ihr ging, fragte er sich: Ist sie die Gefangene oder bin ich der

Gefangene? Reija fühlte gar wohl, welche Macht sie auf ihn ausübte. Und

Saffana, die bei der Herrin schlief, lachte sich den Hals voll über die

schlecht verhehlte Verliebtheit des Ritters. Manchmal verlockte sie die

Herrin, laut zu singen und zu tanzen, damit die Wache draußen den Lärm

dem Grafen melde. Der kam gewöhnlich und erbat sich lächelnd Ruhe. Der

Zweck war erreicht: Reija hatte Herzklopfen.

Winterscharfe Lüfte wehten draußen. Der Schnee der Sierra Nevada

leuchtete in die Krummgassen, Regengüsse klatschten nieder, und der

Genil und der Darro schwollen an.

Das königliche Edikt machte fürchterlichen Ernst. Viele edle Mauren

rüsteten zur Auswanderung, aber die armen Handwerker, Händler und

Bauern bissen in den sauren Apfel. Haufenweise ließen sie sich taufen,

ohne auf Mihrab und Kaaba innerlich zu verzichten. Zu Hause beteten

sie heimlich ihre Suren, mit dem Antlitz nach Mekka gewendet. Kam

einer der Familiares darauf, wurde der Betreffende zuerst streng

verwiesen, dann aber wurde gleich mit der Todesstrafe gedroht.

Scharenweise liefen diejenigen, die sich mit der Taufe nicht abfinden

konnten und auch nicht auswandern wollten, in die Alpujarras, um dort

die Hilfe der Berber abzuwarten. Der Traum beschäftigte eines jeden

Hirn, und groß war die Erwartung. Boabdils Wiederkehr war für sie wie

für die Juden die Messiashoffnung. So entvölkerte sich Granada, und

man munkelte schon, daß sich Banden im Gebirge bildeten -- Monfis

nannte man sie --, die die Absicht hätten, ihre im Glauben bedrängten

Brüder in der Stadt zu befreien. Aus dem Albaycin zogen Karawanen,

beladen mit kostbaren Gütern, die in die neue afrikanische Heimat

wanderten. Jeder Auswanderer mußte zehn Goldgulden zahlen. Langsam

verödeten die Moscheen, in denen die katholischen Altäre eingebaut

wurden, die Kirchen dagegen füllten sich und konnten bald die Menge

der neuen ‚Gläubigen‘ nicht fassen. Letztere lagen vor den Toren auf

den Knien und ließen Segen und Weihrauchwolken über ihre Häupter

gehen, sie beteten Unverstandenes sinnlos nach, während hinter ihnen

die beaufsichtigenden Mönche standen und jede Gebärde überwachten. Die

einzelne Seele hatte ihr Glaubensrecht verloren.

Talavera, der gütigste der Frommen, wollte den Mauren den Weg

zum neuen Glauben erleichtern und ihnen die Bibel ins Arabische

übersetzen. Ximenes hinderte ihn daran. Er nannte dies ‚Perlen vor

die Säue werfen‘ und meinte, das Volk sei durch das Geheimnisvolle und

Unverständliche leichter zu fesseln, als durch bedingungslose Klarheit.

Im übrigen sollten die Mauren nach und nach dazu gebracht werden,

arabische Sprache und arabisches Wesen zu vergessen, und die Kinder

und Kindeskinder würden dann schon gute Christen werden, wenn erst die

Erinnerung an die gewaltigsame Bekehrung verblaßt sein würde.

Auch die milde Behandlung der Mauren durch den Grafen Tendilla fand den

heftigsten Widerstand beim Kanzler. Selbst die königliche Entscheidung

wurde in Streitfällen angesucht, aber sie fiel immer zugunsten des

Erzbischofs aus. Bald begann es in gewissen Kreisen der Granden zu

grollen.

Im Advent hatte die Zahl der getauften Mauren schon fünfzigtausend

erreicht. Gruppenweise wurden sie in die Kirche getrieben und einfach

vom Altar aus mit dem Weihwasser besprengt. Eine besondere religiöse

Belehrung fand man nicht für notwendig. Ximenes ließ Dankmessen

lesen. Gott wurde durch den Kult der Ungläubigen in Granada nicht

mehr beleidigt. Der Großinquisitor Deza jagte durch strenge Edikte

die Moriskos in Angst. Der geringste Rückfall in den alten Glauben

wurde mit der Einziehung von Hab und Gut und mit dem Tragen des

Sanbenitos bestraft. Die alten Sprüche in den Maurenhäusern mußten

entfernt werden. In jeder Gasse mahnten die Statuen von Heiligen an die

Fürbitte, das Bild der Jungfrau grüßte rosenbekränzt an allen Ecken

und Enden, und in den Kirchen leuchtete es hehr, von Seide und Gold

umschimmert, in einem Blumenhain, umlagert von der Schar andächtiger

Christen. Selbst in den Lasterhöhlen und verrufenen Ventas hingen die

Heiligenbilder als Wehrgötzen des Unglücks, und bevor sie sündigten,

beteten die Soldaten des Ximenes zu ihrem Patron. Weihkessel hingen

vor den Türen der Lasterdirnen und wurden mißbraucht. Hatte man

einen Feind, so zeigte man ihn unter Anrufung von Christus und Maria

heimlich einem Familiare an. Es wurde nicht viel untersucht, ob der

Kläger vertrauenswürdig sei, auch wurde er dem Beklagten gar nicht

gegenübergestellt. Es genügte zu hören, daß jemand einen religiösen

Zweifel geäußert hatte, und das peinliche Verhör begann. Von Cordoba

herüber schwirrten Schreckensgerüchte über die Raschheit des heiligen

Offiziums. Über Nacht wurden Beschuldigte aus dem Bett geholt und

in den Inquisitionskerker geworfen. Auch der Flammentod wurde im

Prozeßweg mit einer Schnelligkeit verhängt, als ob das Feuer selbst

nach Nahrung lechzte. Die Übergabe an das weltliche Gericht seitens der

Inquisition war zugleich sicherer Tod. Nicht die Kirche verurteilte

den Angeklagten, sie rettete ihr Gewissen, indem sie ihn dem

weltlichen Richter übergab. Die Reinigung der Seele aber konnte nach

der Mönchskasuistik nur durch die Verbrennung des Leibes geschehen.

Das menschliche Gewissen mußte verstummen unter der fürchterlichen

Aufgeblasenheit des alleinseligmachenden Glaubens, der vernichten

konnte, wo er erlösen sollte. In die blutige Glorie, die die Kirche um

das Haupt der Inquisitoren wob, schimmerte nicht ein einziger reiner

Gottesfunke hinein. Der fanatische Machtgedanke, aus der Dämonie der

eigenen Unfehlbarkeit geboren, warf das gräßlichste Fieber in die Hirne

der Seelenhirten, ein ganzes Volk wurde davon angesteckt und unterwarf

sich dem schrecklichen Reinigungswillen.

Aber noch hatte Granada nicht die volle Auswirkung der

Inquisitionsedikte gespürt, noch klangen nur die Nachrichten von

Cordoba wie schaurige Mären in das Dorado von Andalus herüber. Doch

bald mußte Leon als Bevollmächtigter Luceros daran gehen, die Schrecken

der Inquisition auch in das Herz der Neubekehrten zu werfen.

Don Pedro de Solar hatte sich in eine arabische Chronik vertieft,

die er aus dem Autodafé des Geistes gerettet. Er wollte sich in der

Geschichte des Feindes umsehen, um auch seinen Vorzügen gerecht zu

werden.

Da kam Hernando zu ihm, warf sich auf die fellbedeckte Truhe und

durchschnüffelte die Schrift. „Wieder bei Abderrhaman zu Hause? Du

wirst bald in der Azzarah von Cordoba heimischer sein als in der

Alhambra. Aber eine Nachricht: deine Liebe segelt mit offener Flagge.

Man spricht in den Miradores davon.“

Granada in Flammen · 第 94 / 190 题