„Der ganze Priesterstand ist in mir verletzt worden. Wenn’s dabei
bleibt, wächst der Granden Stolz, der Mut der kühlen Denker. Weh Euch,
weh uns! Kirchen und Klöster werden zu Ruinen und über Priesterleichen
geht der Weg zur Macht.“
„Ihr malt grell, Ximenes,“ sagte Fernando unbeirrt.
„O viel zu blaß ist das Gemälde der Zerstörung. Wollt Ihr ein zweites
Bild? Die Kirche auf der Seite der Granden? Rittertum und Geistlichkeit
haben den Koloß geschmiedet, der langsam die Mauren zermalmte. Doch
der Koloß kann sich, wenn’s sein muß, auch nach einer andern Richtung
wenden. Im Rat der Cortes gilt meine Stimme noch.“
Der König stand bleich unter dem Drohwort des Kanzlers. Dann schnellte
er los: „Isabella! Was ist Freund, was Feind an diesem Hof? Weiß ich,
ob, was die Zunge spricht, auch im Herzen geboren? Was heut uns dankt,
dankt morgen einem andern.“
Ximenes stand betroffen von dem jäh ausbrechenden Königsschmerz.
Da trat die Königin zu dem greisen Freund. Sie fand ihre Stärke
wieder. „Ihr seid ein spanischer Priester, die sind im Kirchenamt so
hart erzogen wie im Kriegsdienst. Das ist vielleicht ein Gotenerbe.
Drum drängt das Kämpferherz den Gottesmann in Euch zurück. Wir
brauchen solche Schwertpriester, um den Spanier glücklich zu wissen.
Ximenes, wir haben nichts zu wählen, nichts zu fürchten --“ Und in
Gedanken setzte sie hinzu: als dich, Ximenes! Doch sie sprach ein
zuversichtliches Wort. „Ihr sollt Vollmachten haben. Formuliert sie.“
Ximenes atmete auf. „So hört: die Verträge mit den Mauren können
unbedenklich für nichtig erklärt werden.“
Fernando starrte den kühlen Forderer an. „Seid Ihr von Sinnen? An
meinem Namen klebt das Recht. Es war ein anderer Fernando, den sie den
Heiligen heißen, der mit den Mauren im Kampf lag, doch es war sein
Stolz, daß er Verträge hielt. Die Gerechtigkeit umschimmert seinen
Königsadel. Soll die Geschichte sagen, daß ein späterer Fernando
Verträge brach?“
Um die Mundwinkel des Kanzlers legte sich ein Zug unerbittlicher
Schärfe. Die Augendeckel gingen langsam auf und ab. „Das Gewissen der
spanischen Könige war nicht immer rein, dünkt mich. Ein Alfonso war
es, der einen maurischen Königssohn vertrieb, bei dem er kurz vorher
selbst Schutz gefunden vor seinen Feinden. Empfindliche Menschen
nennen dies Undankbarkeit. König Pedro ermordete mit eigner Hand den
Maurenfürsten, der als Gast bei ihm lag. Und hätte der Cid sich mit der
geraden Treuherzigkeit den Lorbeer um das Haupt gewunden?“
Zornig schnitt ihm Fernando das Wort ab. „Soll der Enkel nachahmen, was
die Ahnen gesündigt?“
Da rückte der Erzbischof mit gesenkter Stimme an das Gewissen seines
Herrn heran: „Und hat dieser Enkel das eroberte Malaga vertragsrichtig
behandelt? Schrien nicht Mauren am Marterpfahl, durchstochen von
spanischen Ritterlanzen? Wurden nicht zwölf Juden mit Schilfrohren zu
Tode gepeitscht? Nicht zwölftausend Mauren als Sklaven verkauft und
alles, was maurisch betete, vertrieben? Und das Geschenk von vierzig
maurischen Mädchen für die Königin von Neapel?“
„Mahnst du mich daran, daß Priester deinesgleichen meine Ratgeber
waren?“ stürmte der König grimmig auf den Primas ein. „Die Zeiten sind
vorüber. Fortan soll der Maure an mich glauben können.“
„Er tut es, indem er sich empört,“ lächelte der Erzbischof überlegen.
„Hat ein solches Volk nicht das Recht auf Einhaltung der Verträge
verwirkt?“
„Wer trieb sie zur Empörung? Verletzte ihre Rechte?“
Da richtete Ximenes den Asketenleib auf und sein Auge sprühte Triumph.
„Und wer sagt Euch, Hoheit, daß dies nicht mit Vorbedacht geschehen?“