Sechzehntes Kapitel

Die Könige zürnten. Granada in Aufruhr! Schon am dritten Tag nach der

Bücherverbrennung kamen staubbedeckte, schweißtriefende Maurenritter

nach Sevilla und schluchzten ihr Leid vor den königlichen Räten aus.

Fernando geriet in Empörung über seinen Primas. Almazan, der königliche

Sekretär, mußte Ximenes zur schriftlichen Äußerung verhalten. Eilboten

brachten das Schreiben nach Granada. Ximenes belächelte hinter den

Alhambramauern die Sorge seines Königs und seiner Königin. Noch am

selben Tage sandte er Ruyz nach Sevilla. Doch dieser, ein schwaches

Stimmrohr seines gewaltigen Herrn, wurde von dem Herrscherpaar ungnädig

entlassen. So ritt denn Ximenes unter starker Bedeckung selbst nach

Sevilla.

Ximenes ist da! Man wollte den König bei der Nachricht erblassen

gesehen haben. Fernando konnte diesen Priester aus der Ferne bis ins

Herz treffen, doch stand er vor ihm, dann schrumpfte das königliche

Licht zu einem Fünklein zusammen.

Isabella glich einer glühenden Pfingstrose. Ihr Unmut knisterte bis in

das steiffaltige Gewand. „O wenn nur der König --“

„Er ist da,“ rief die Herzogin von Najera, in das Zimmer der Gebieterin

stürzend.

Der König verjagte mit einem Blick die Edeldame. Isabella trat mit

geröteten Augen dem Gemahl entgegen. „Ximenes ist da!“

Fernando wehte kühl über sie hinweg: „Er trieb die Mauren zur

Verzweiflung. Bücher verbrennen! Kinder vom Herzen der Mutter --! O

warum hat auch eine gewisse Dame ihm soviel Vertrauen geschenkt? Jetzt

haben wir die Bescherung in Granada. Ein ungesundes Christentum und

noch viel Härteres. Ihr verlort einen guten Beichtvater und gewannt

einen eifernden Erzbischof.“

„Wer ist weitschauend genug?“ klagte Isabella.

Fernando warf seine in Purpur gehüllten Glieder in einen Hochstuhl.

„Daß Könige nicht ihre eigenen Staatsmänner sein können! Nie können sie

Könige aus sich selbst sein!“

Isabella zog Briefe aus einer Schatulle. „Jammerrufe maurischer Fakis!

Und da ein Brief Leons, wo er über die übertriebene Galanterie des

Grafen de Mora Klage führt. Mit welchen Lächerlichkeiten behelligt man

uns? Der Graf sollte vernünftiger sein.“

„Der Graf hielt mir an der Grenze durch zehn Tage eine Festung gegen

den Ansturm der Mauren. Vor Santa Fé säbelte er viele Köpfe nieder. Er

ist für den Orden von Alcantara vorgeschlagen. Doch es gab da eine böse

Vergangenheit seines Vaters.“

„Ist es jener Mora, den die Inquisition verfolgte?“ horchte Isabella

auf.

Der König nickte. „Er dachte zu laut über die Kirche. Doch man ließ ihn

laufen. Des Sohnes Verdienst macht auch vieles gut. Er dient uns mit

Eifer --“

„-- und zieht für Maurinnen den Degen!“ Die empfindliche Königin

warf den Priesterbrief unmutig beiseite. „Ximenes hat sich zuviel

herausgenommen. Man muß ihm vorhalten, daß uns die Doppelkrone

Kastilien-Aragon zur Würde verpflichtet.“

Fernando seufzte. „Wäre ich in Aragonien geblieben, ich hätte mir die

Mühe ersparen können, die Liebe der Kastilier zu erringen.“

Befremdet sah ihn Isabella an. „Und darüber den Ruhm Spaniens zu

vergessen, der dieser Vereinigung Frucht ist! Ihr seid undankbar,

Fernando. Heißt auch Kastilien der Adler, so ist Aragon der Falke. Die

beiden Könige der Lüfte werden sich nicht um den Luftraum streiten.

Aber die Zeit drängt. Ximenes kann jeden Augenblick --“

Der König gab sich ein Ansehen. „Wir werden ihn hören. Entscheidungen

gebären sich dann von selbst.“

Im Saal der Gesandten, dessen Kuppel sich mit den farbigen Gläsern über

der prachtvollen arabischen Kleinkunst erhob, empfing das Königspaar

den angeklagten Primas von Spanien. Die willensstarke Stirn des

Kanzlers trug die Spuren der Ermüdung von der Reise. Dennoch hielt er

sich aufrecht.

„Die Welt blickt nach Granada,“ sagte der König mit streng verfurchtem

Gesicht. „Man wird Könige anklagen, die nicht die Kraft besaßen,

gegebene Gesetze aufrechtzuerhalten. Strenge ist gut, aber Milde ist

besser. Die Mitte zwischen beiden ist des Weisen Weg. Ihr habt Euch,

ohne die Krone zu befragen, für die Strenge entschieden, die den

Aufruhr in die Gassen warf. Glaubt Ihr damit den Menschen einen Dienst

zu tun?“

„Wenn nicht den Menschen, dann Gott!“ Unter den eisgrauen buschigen

Brauen verdunkelten sich die kühlen Augen. „Meine Könige sind ungnädig.

Und ich versteh’ es. Sonst sprangen, wenn ich kam, die Türen von selbst

auf, nun mußte ich im Vorsaal harren, bis sich die Könige meiner

erinnern. Ich bin der Alte geblieben. Tagelang floh mich der Schlaf,

damit meine Könige besser schlafen können.“

Die Sorge traf der Königin ins Herz. „Was wir hörten, mußte uns

schmerzen,“ sagte sie weich.

„Ihr sollt auch mich hören, nicht nur die Beleidigten, die ihre

Sicherheit hinter Gesetzen mißbrauchen.“

„Wir haben heilige Verträge mit den Mauren abgeschlossen vor sieben

Jahren,“ sagte der König. „Sie müssen gehalten werden. Wir haben

gelobt, ihren Glauben nicht anzutasten -- und Ihr verbrennt die Bücher

ihres Glaubens!“

„Des Irrglaubens, Hoheit!“ Es sprang wie lebendiges Feuer von des

Kanzlers Lippen. „Davon war doch im Vertrag nicht die Rede. Was gut an

ihrem Glauben ist, soll gelten, doch die Spreu mußte ins Feuer. Wie

sollte das anders geschehen? Der Koran ist der Irrtümer voll. Soll ich

blätter- und satzweise ausreißen, was verführt? Dann lieber gleich

das Gute mit ins Feuer, es bleibt von selbst am Leben, weil es gut.

Und die Sündenverherrlichung arabischer Dichter, ihre Anbetung des

goldenen Kalbs, des Frauenleibs und der Lust an dem Genuß irdischer

Güter, das alles sollte aufbewahrt bleiben? Als ein Zeugnis der Unkraft

christlicher Seelenhirten, die es duldeten, daß solche lockende Fanale

der Nachwelt leuchteten? Warum rief man mich nach Granada? Wollte man

mich nur von Toledo weghaben? Oder wollte man den Mann mit herberen

Medizinen in mir sehen? Ich sehe, man muß im Königsdienst den Lohn in

der eigenen Tat erblicken.“

„Ihr sprecht kühn,“ sagte Fernando erblassend.

Der unerschrockene Priester, dem unter dem Feuer seiner Herzenssache

alle Müdigkeit schwand, reckte den abgemagerten Leib. „Man muß auch

Könige mahnen, wenn sie im Gotteseifer lässig werden. Oder gedenkt Ihr,

ohne Hilfe der Kirche zu regieren? Ich will’s nicht glauben, daß Ihr

Euch eines so erprobten Rates entäußern könntet. Was Könige mit Händen

bauen, baut in Wahrheit der kirchliche Geist um des Glaubens willen.

Wer freier denkt, taugt nicht zum Herrscher.“ Und mit einem halb wehen

Vorwurf in der Stimme fuhr er fort: „Und was ich tat, tat ich für meine

Könige und den Glauben. Hätte ich noch lang’ gezögert, die Renegaten

hätten sich vermehrt und ihre Kinder hätten den Geist Mohammeds

fortgepflanzt.“

„Ihr überschätzt die Gefahr,“ sagte der König. „Die Mauren sind treu --“

„Wie lange noch wird dieser Schleier vor Euren Augen liegen? Gefährlich

sind sie. Sie schicken nachts ihre Schiffe an die afrikanische Küste,

ja, man spricht davon, daß Boabdil gewillt sei, den alten Boden

wieder zu betreten. Laßt ihn hier landen, und um Spaniens Ruhe ist’s

geschehen. Eine Tochter des Königs wiegelt das Volk auf --“

„Ein Mädchen?“ Die Königin fuhr empor. „Ist es die, von der Leon --?“

„Um sie wirbeln Freude, Verehrung, Hoffnung einen gefährlichen Tanz.

Reija erscheint dem Volk wie ein Vermächtnis des Maurenkönigs. Sein

ebenso gefährlicher Wegberater ist der Imam Abu Osmin Atir, unter

dessen Schutz die Königstochter steht. Über Granada zieht sich ein

Gewölk zusammen, wenn Ihr nicht mit rascher Tat klaren Himmel schafft.

Gebt mir neue Vollmacht. Ihr seht finster. Königin, Ihr habt stets

meinem Rat williger das Ohr geliehen -- o sprecht für mich!“

Isabella nahm den flehenden Blick ihres treuen Ratgebers wie ein

Geschenk in sich auf. „Euer Rat ist ein zweischneidiges Schwert,

Ximenes. Es kann Mauren und Christen verwunden. Du willst bekehren,

aber wer bürgt mir für die Herzen der neuen Christen?“

„Die Inquisition!“ sagte der Kanzler gedämpft.

„Ihr könnt sie mit ihr zur christlichen Gebärde zwingen, ihr Denken

aber bleibt unberührt.“

Der Primas schüttelte den Kopf. „Die Inquisition wird auch Gedanken

überwachen.“

„Ei, soll jeder Gedanke in meinem Königreich zur Qual für den Denker

werden? Weh uns, wenn wir zuviel täten! Wenn das vergossene Blut uns

anklagen sollte. Leon ist allzu streng --“

„Und wenn sich an der Milde die Stärke des fremden Geistes nährt?

Nachgiebig sein, heißt hier dem Glaubensfeind Teppiche unter die Füße

legen, daß er sich nicht an Härten stößt. O hört die Stimme der

Kirche --“

„Ihr seid der Fordernde, nicht die Kirche.“ Auf des Königs Stirn

flammte der Unwille. „Ich weiß, was hinter Euern Wünschen lauert:

die Austreibung der Mauren, die Vernichtung unsäglichen Fleißes, die

Verelendigung des Bodens. Du schneidest dem Spanier ins Fleisch,

drängst du die Mauren übers Meer.“

„Ihr irrt. Es müssen die fleißigen Katalonier heran.“

„Und mein Gewissen? Die sorgenvoll durchwachten Nächte?“ bebte der

König.

„Die Kirche wird vor Gott verantworten, was ein Königsgewissen sich

nicht zu verantworten getraut. Euch erhebe der Gedanke, daß es besser

ist, tausend Irrgläubige zu opfern, als sich ein einzig Lamm von ihnen

stehlen zu lassen. Wäre ich König, mein feierliches Erbe müßte lauten:

Wer nach mir kommt, verfolge Mauren und Ketzer.“

„Mensch, Priester, wo fass’ ich Euch?“ Fernando geriet in Bedrängnis.

„Eure Kirche ist eine Macht, die Grenzen sprengen könnte, die sie jetzt

noch von der Königsmacht trennen. Ihre Stärke könnte meine Schwäche

werden. Ihr habt eine Armee von Gläubigen hinter Euch, ein Wink, und

sie marschieren nach Eurem Ziel, getrieben von dem Glauben, den Ihr

schürt. Es könnte sein, daß dann Euer König einsam bliebe. Drum gib

mir deine Hand, Priester, daß du bei deinen Opfern auch an mich denkst.“

Ximenes reichte dem König die verwelkte, blutleere Hand. „Ihr herrscht

nur mit der Kirche, doch auch die Kirche nur mit Euch.“ Und mit leiser

Vertrautheit näherte er sich den Königen. „Hat Euch nicht Torquemada

die Verfolgung des Irrglaubens mit einem heiligen Eid auf die Seele

gebunden? Liegt es nicht verbrieft in der Geheimschatulle zu Toledo?“

Fernando wollte aufstöhnen, doch bezwang er sich. „Genug davon. Wenn

ich den Granadinern alles nehme und neuen Aufruhr in die Herzen werfe,

bürgt Ihr mir für den Erfolg?“

Ximenes’ Gesicht verzog sich zu einem hämischen Lächeln. „Soll, was

spanischer Geist ersonnen, was sich an Cordoba, Sevilla und Toledo

bewährt, in Granada scheitern? Die Tat ersticke den königlichen

Zweifel. Diese Mauren haben grübelnde Köpfe, ihre Kalifen haben die

Wissenschaft und Spekulation geschult, und über ihren kriegerischen

Geist brauche ich Euch nichts zu sagen. Sie sind alle gefährlich, doch

der gefährlichste -- gebt mir freie Hand für den Imam Abu Atir, die

Seele des Aufruhrs.“

„Ihr wollt ihn verhaften?“ fuhr die Königin auf.

Ximenes verschob die Lippen, als malmte er etwas zwischen den Zähnen.

Fernando aber zog ungehalten die Brauen hoch. „Es gärt in den Städten,

der unzufriedene Adel könnte die Maurenverwirrung benutzen, sein

Schwert zu klopfen.“

„Stellt mein Ansehen vor dem Adel und den Mauren wieder her, und ich

halte beide nieder. Die Lästersucht hat scharfe Zungen, ganz Andalusien

weiß, daß ich in Ungnade gefallen. Man erhebe mich, sonst bürge ich

nicht --“

Granada in Flammen · 第 89 / 190 题