Die Könige zürnten. Granada in Aufruhr! Schon am dritten Tag nach der
Bücherverbrennung kamen staubbedeckte, schweißtriefende Maurenritter
nach Sevilla und schluchzten ihr Leid vor den königlichen Räten aus.
Fernando geriet in Empörung über seinen Primas. Almazan, der königliche
Sekretär, mußte Ximenes zur schriftlichen Äußerung verhalten. Eilboten
brachten das Schreiben nach Granada. Ximenes belächelte hinter den
Alhambramauern die Sorge seines Königs und seiner Königin. Noch am
selben Tage sandte er Ruyz nach Sevilla. Doch dieser, ein schwaches
Stimmrohr seines gewaltigen Herrn, wurde von dem Herrscherpaar ungnädig
entlassen. So ritt denn Ximenes unter starker Bedeckung selbst nach
Sevilla.
Ximenes ist da! Man wollte den König bei der Nachricht erblassen
gesehen haben. Fernando konnte diesen Priester aus der Ferne bis ins
Herz treffen, doch stand er vor ihm, dann schrumpfte das königliche
Licht zu einem Fünklein zusammen.
Isabella glich einer glühenden Pfingstrose. Ihr Unmut knisterte bis in
das steiffaltige Gewand. „O wenn nur der König --“
„Er ist da,“ rief die Herzogin von Najera, in das Zimmer der Gebieterin
stürzend.
Der König verjagte mit einem Blick die Edeldame. Isabella trat mit
geröteten Augen dem Gemahl entgegen. „Ximenes ist da!“
Fernando wehte kühl über sie hinweg: „Er trieb die Mauren zur
Verzweiflung. Bücher verbrennen! Kinder vom Herzen der Mutter --! O
warum hat auch eine gewisse Dame ihm soviel Vertrauen geschenkt? Jetzt
haben wir die Bescherung in Granada. Ein ungesundes Christentum und
noch viel Härteres. Ihr verlort einen guten Beichtvater und gewannt
einen eifernden Erzbischof.“
„Wer ist weitschauend genug?“ klagte Isabella.
Fernando warf seine in Purpur gehüllten Glieder in einen Hochstuhl.
„Daß Könige nicht ihre eigenen Staatsmänner sein können! Nie können sie
Könige aus sich selbst sein!“
Isabella zog Briefe aus einer Schatulle. „Jammerrufe maurischer Fakis!
Und da ein Brief Leons, wo er über die übertriebene Galanterie des
Grafen de Mora Klage führt. Mit welchen Lächerlichkeiten behelligt man
uns? Der Graf sollte vernünftiger sein.“
„Der Graf hielt mir an der Grenze durch zehn Tage eine Festung gegen
den Ansturm der Mauren. Vor Santa Fé säbelte er viele Köpfe nieder. Er
ist für den Orden von Alcantara vorgeschlagen. Doch es gab da eine böse
Vergangenheit seines Vaters.“
„Ist es jener Mora, den die Inquisition verfolgte?“ horchte Isabella
auf.
Der König nickte. „Er dachte zu laut über die Kirche. Doch man ließ ihn
laufen. Des Sohnes Verdienst macht auch vieles gut. Er dient uns mit
Eifer --“
„-- und zieht für Maurinnen den Degen!“ Die empfindliche Königin
warf den Priesterbrief unmutig beiseite. „Ximenes hat sich zuviel
herausgenommen. Man muß ihm vorhalten, daß uns die Doppelkrone
Kastilien-Aragon zur Würde verpflichtet.“
Fernando seufzte. „Wäre ich in Aragonien geblieben, ich hätte mir die
Mühe ersparen können, die Liebe der Kastilier zu erringen.“
Befremdet sah ihn Isabella an. „Und darüber den Ruhm Spaniens zu
vergessen, der dieser Vereinigung Frucht ist! Ihr seid undankbar,
Fernando. Heißt auch Kastilien der Adler, so ist Aragon der Falke. Die
beiden Könige der Lüfte werden sich nicht um den Luftraum streiten.
Aber die Zeit drängt. Ximenes kann jeden Augenblick --“
Der König gab sich ein Ansehen. „Wir werden ihn hören. Entscheidungen
gebären sich dann von selbst.“
Im Saal der Gesandten, dessen Kuppel sich mit den farbigen Gläsern über
der prachtvollen arabischen Kleinkunst erhob, empfing das Königspaar
den angeklagten Primas von Spanien. Die willensstarke Stirn des
Kanzlers trug die Spuren der Ermüdung von der Reise. Dennoch hielt er
sich aufrecht.
„Die Welt blickt nach Granada,“ sagte der König mit streng verfurchtem
Gesicht. „Man wird Könige anklagen, die nicht die Kraft besaßen,
gegebene Gesetze aufrechtzuerhalten. Strenge ist gut, aber Milde ist
besser. Die Mitte zwischen beiden ist des Weisen Weg. Ihr habt Euch,
ohne die Krone zu befragen, für die Strenge entschieden, die den
Aufruhr in die Gassen warf. Glaubt Ihr damit den Menschen einen Dienst
zu tun?“
„Wenn nicht den Menschen, dann Gott!“ Unter den eisgrauen buschigen
Brauen verdunkelten sich die kühlen Augen. „Meine Könige sind ungnädig.
Und ich versteh’ es. Sonst sprangen, wenn ich kam, die Türen von selbst
auf, nun mußte ich im Vorsaal harren, bis sich die Könige meiner
erinnern. Ich bin der Alte geblieben. Tagelang floh mich der Schlaf,
damit meine Könige besser schlafen können.“
Die Sorge traf der Königin ins Herz. „Was wir hörten, mußte uns
schmerzen,“ sagte sie weich.
„Ihr sollt auch mich hören, nicht nur die Beleidigten, die ihre
Sicherheit hinter Gesetzen mißbrauchen.“
„Wir haben heilige Verträge mit den Mauren abgeschlossen vor sieben
Jahren,“ sagte der König. „Sie müssen gehalten werden. Wir haben
gelobt, ihren Glauben nicht anzutasten -- und Ihr verbrennt die Bücher
ihres Glaubens!“
„Des Irrglaubens, Hoheit!“ Es sprang wie lebendiges Feuer von des
Kanzlers Lippen. „Davon war doch im Vertrag nicht die Rede. Was gut an
ihrem Glauben ist, soll gelten, doch die Spreu mußte ins Feuer. Wie
sollte das anders geschehen? Der Koran ist der Irrtümer voll. Soll ich
blätter- und satzweise ausreißen, was verführt? Dann lieber gleich
das Gute mit ins Feuer, es bleibt von selbst am Leben, weil es gut.
Und die Sündenverherrlichung arabischer Dichter, ihre Anbetung des
goldenen Kalbs, des Frauenleibs und der Lust an dem Genuß irdischer
Güter, das alles sollte aufbewahrt bleiben? Als ein Zeugnis der Unkraft
christlicher Seelenhirten, die es duldeten, daß solche lockende Fanale
der Nachwelt leuchteten? Warum rief man mich nach Granada? Wollte man
mich nur von Toledo weghaben? Oder wollte man den Mann mit herberen
Medizinen in mir sehen? Ich sehe, man muß im Königsdienst den Lohn in
der eigenen Tat erblicken.“
„Ihr sprecht kühn,“ sagte Fernando erblassend.
Der unerschrockene Priester, dem unter dem Feuer seiner Herzenssache
alle Müdigkeit schwand, reckte den abgemagerten Leib. „Man muß auch
Könige mahnen, wenn sie im Gotteseifer lässig werden. Oder gedenkt Ihr,
ohne Hilfe der Kirche zu regieren? Ich will’s nicht glauben, daß Ihr
Euch eines so erprobten Rates entäußern könntet. Was Könige mit Händen
bauen, baut in Wahrheit der kirchliche Geist um des Glaubens willen.
Wer freier denkt, taugt nicht zum Herrscher.“ Und mit einem halb wehen
Vorwurf in der Stimme fuhr er fort: „Und was ich tat, tat ich für meine
Könige und den Glauben. Hätte ich noch lang’ gezögert, die Renegaten
hätten sich vermehrt und ihre Kinder hätten den Geist Mohammeds
fortgepflanzt.“
„Ihr überschätzt die Gefahr,“ sagte der König. „Die Mauren sind treu --“
„Wie lange noch wird dieser Schleier vor Euren Augen liegen? Gefährlich
sind sie. Sie schicken nachts ihre Schiffe an die afrikanische Küste,
ja, man spricht davon, daß Boabdil gewillt sei, den alten Boden
wieder zu betreten. Laßt ihn hier landen, und um Spaniens Ruhe ist’s
geschehen. Eine Tochter des Königs wiegelt das Volk auf --“
„Ein Mädchen?“ Die Königin fuhr empor. „Ist es die, von der Leon --?“
„Um sie wirbeln Freude, Verehrung, Hoffnung einen gefährlichen Tanz.
Reija erscheint dem Volk wie ein Vermächtnis des Maurenkönigs. Sein
ebenso gefährlicher Wegberater ist der Imam Abu Osmin Atir, unter
dessen Schutz die Königstochter steht. Über Granada zieht sich ein
Gewölk zusammen, wenn Ihr nicht mit rascher Tat klaren Himmel schafft.
Gebt mir neue Vollmacht. Ihr seht finster. Königin, Ihr habt stets
meinem Rat williger das Ohr geliehen -- o sprecht für mich!“
Isabella nahm den flehenden Blick ihres treuen Ratgebers wie ein
Geschenk in sich auf. „Euer Rat ist ein zweischneidiges Schwert,
Ximenes. Es kann Mauren und Christen verwunden. Du willst bekehren,
aber wer bürgt mir für die Herzen der neuen Christen?“
„Die Inquisition!“ sagte der Kanzler gedämpft.
„Ihr könnt sie mit ihr zur christlichen Gebärde zwingen, ihr Denken
aber bleibt unberührt.“
Der Primas schüttelte den Kopf. „Die Inquisition wird auch Gedanken
überwachen.“
„Ei, soll jeder Gedanke in meinem Königreich zur Qual für den Denker
werden? Weh uns, wenn wir zuviel täten! Wenn das vergossene Blut uns
anklagen sollte. Leon ist allzu streng --“
„Und wenn sich an der Milde die Stärke des fremden Geistes nährt?
Nachgiebig sein, heißt hier dem Glaubensfeind Teppiche unter die Füße
legen, daß er sich nicht an Härten stößt. O hört die Stimme der
Kirche --“
„Ihr seid der Fordernde, nicht die Kirche.“ Auf des Königs Stirn
flammte der Unwille. „Ich weiß, was hinter Euern Wünschen lauert:
die Austreibung der Mauren, die Vernichtung unsäglichen Fleißes, die
Verelendigung des Bodens. Du schneidest dem Spanier ins Fleisch,
drängst du die Mauren übers Meer.“
„Ihr irrt. Es müssen die fleißigen Katalonier heran.“
„Und mein Gewissen? Die sorgenvoll durchwachten Nächte?“ bebte der
König.
„Die Kirche wird vor Gott verantworten, was ein Königsgewissen sich
nicht zu verantworten getraut. Euch erhebe der Gedanke, daß es besser
ist, tausend Irrgläubige zu opfern, als sich ein einzig Lamm von ihnen
stehlen zu lassen. Wäre ich König, mein feierliches Erbe müßte lauten:
Wer nach mir kommt, verfolge Mauren und Ketzer.“
„Mensch, Priester, wo fass’ ich Euch?“ Fernando geriet in Bedrängnis.
„Eure Kirche ist eine Macht, die Grenzen sprengen könnte, die sie jetzt
noch von der Königsmacht trennen. Ihre Stärke könnte meine Schwäche
werden. Ihr habt eine Armee von Gläubigen hinter Euch, ein Wink, und
sie marschieren nach Eurem Ziel, getrieben von dem Glauben, den Ihr
schürt. Es könnte sein, daß dann Euer König einsam bliebe. Drum gib
mir deine Hand, Priester, daß du bei deinen Opfern auch an mich denkst.“
Ximenes reichte dem König die verwelkte, blutleere Hand. „Ihr herrscht
nur mit der Kirche, doch auch die Kirche nur mit Euch.“ Und mit leiser
Vertrautheit näherte er sich den Königen. „Hat Euch nicht Torquemada
die Verfolgung des Irrglaubens mit einem heiligen Eid auf die Seele
gebunden? Liegt es nicht verbrieft in der Geheimschatulle zu Toledo?“
Fernando wollte aufstöhnen, doch bezwang er sich. „Genug davon. Wenn
ich den Granadinern alles nehme und neuen Aufruhr in die Herzen werfe,
bürgt Ihr mir für den Erfolg?“
Ximenes’ Gesicht verzog sich zu einem hämischen Lächeln. „Soll, was
spanischer Geist ersonnen, was sich an Cordoba, Sevilla und Toledo
bewährt, in Granada scheitern? Die Tat ersticke den königlichen
Zweifel. Diese Mauren haben grübelnde Köpfe, ihre Kalifen haben die
Wissenschaft und Spekulation geschult, und über ihren kriegerischen
Geist brauche ich Euch nichts zu sagen. Sie sind alle gefährlich, doch
der gefährlichste -- gebt mir freie Hand für den Imam Abu Atir, die
Seele des Aufruhrs.“
„Ihr wollt ihn verhaften?“ fuhr die Königin auf.
Ximenes verschob die Lippen, als malmte er etwas zwischen den Zähnen.
Fernando aber zog ungehalten die Brauen hoch. „Es gärt in den Städten,
der unzufriedene Adel könnte die Maurenverwirrung benutzen, sein
Schwert zu klopfen.“
„Stellt mein Ansehen vor dem Adel und den Mauren wieder her, und ich
halte beide nieder. Die Lästersucht hat scharfe Zungen, ganz Andalusien
weiß, daß ich in Ungnade gefallen. Man erhebe mich, sonst bürge ich
nicht --“