Fernando starrte den Schrecklichen an. „Ihr -- habt --?“

„Um sie zur Empörung zu reizen, verbrannte ich die Bücher und riß die

Kinder von den Müttern. Die Aufgereizten mußten zu den Waffen greifen,

man mußte sie zum Aufruhr treiben, um sie ins Unrecht zu setzen, denn

einem Empörer hält man keine Verträge mehr, weil er selbst den Vertrag,

den friedlichen, gebrochen.“

Der König mußte sich fassen. „Bei Gott und Santiago! Das ist furchtbar.

Dies auszusinnen, mußte erst ein Priester kommen. Ich brauche Zeit,

dies alles zu überdenken.“

„O handelt, handelt!“ stürzte Ximenes hervor. „Der Augenblick, das

größte Werk der Christenheit zu tun, ist da. Wer ihn versäumt, klagt

sich selbst vor Gott an. Man stelle die Mauren unter die Anklage des

Hochverrats und der Vertragsverletzung, und im gleichen Atemzug wartet

man mit Gnade auf, gibt den Empörern die Möglichkeit zur einzigen

Rettung: Entweder Auswanderung oder Taufe! Der Maure hängt an seinem

Granada, ich verpfände meinen Kopf, der größte Teil bleibt hier und

fällt unserm Glauben zu.“

Die Gesichter der Könige waren in Blässe getaucht. Das gewaltige Werk

dieses staatsmännischen Kopfes stand wie ein Koloß vor ihnen und sie

wagten nicht, seine Größe zu ermessen.

Ximenes hielt die Seelen der schon halb bezwungenen Könige fest in

seinen Händen. „Denkt an die Juden, die wir vertrieben! Es lag damals

nicht anders.“

Der König zuckte zusammen. Vor seinem Geiste schwebte ein Erinnern

an die dunkelste Zeit der Herrschaft. Er sah die spanischen Juden

auf den Knien liegen und er hörte die Silberlinge, die sie ihm

für die Zurücknahme des Vertreibungsediktes anboten, im großen

Sammelbeutel klirren. Dreißigtausend Dukaten lagen dann wohlgezählt

auf dem Marmortisch des Audienzsaales. Schon wollte Fernando um des

Riesenschatzes willen Gnade üben -- da warf sich der glaubenswütige

Torquemada mit dem Kruzifix in der Hand vor den König hin: „Judas hat

Jesus um dreißig Silberlinge verkauft, Eure königliche Hoheit wollen

ihn neuerlich um dreißigtausend verkaufen.“ Und er warf das Kruzifix

auf den Tisch. Das weckte den König. Er ließ das Geld unberührt und

achthunderttausend Juden mußten auswandern, ihr Vermögen fiel dem

Kronschatz anheim. Die Erinnerung griff an das Königsherz. Ximenes

mußte es aufs neue durchwühlen.

„Die Welt muß der Stimme gehorchen, die von Nazareth kam. Will mein

König auf den Ruhm verzichten, Europa von den Irrgläubigen gereinigt zu

haben? Und zudem --“ seine Stimme wurde bohrendes Geflüster -- „Spanien

braucht Geld, und es ist aus den Mauren herauszupressen. Macht Euch zu

Freunden des ungerechten Mammons. Die Mauren sollen Glauben und Geld

lassen.“

Der König fühlte, wie sein Gewissen pochte. Er sehnte sich nach der

Schirmerhand der Kirche. „Laßt Messen lesen für die Not unseres

Herzens! Wie sollen wir anders können, wenn der erste Priester des

Reiches unsere Tat auf sich nimmt! Verfaßt das Edikt: Taufe oder

Auswanderung!“

„Taufe oder Auswanderung!“ Mit glänzendem Auge wiederholte es die

leicht gewonnene Königin.

„Noch eines,“ sagte Ximenes. Und sein Blick lauerte in die Herzen

der Könige. „Wenn man den Auswanderern den Geleitbrief bis an die

afrikanische Küste gäbe, dann wäre Gelegenheit, sich ihrer -- nach der

Ausschiffung auf rasche Weise zu entledigen. Man macht sie nieder --“

„Seid Ihr von Sinnen?“ schnellte die entsetzte Königin empor.

Fernando aber durchbohrte den schrecklichen Ratgeber mit einem

furchtbaren Blick. „Ist das ein Priestergedanke oder --?“

„Der Herzog von Medina-Sidonia riet es. Er hat mehr Klugheit als Herz.“

„Und Ihr gebt Euch zum Anwalt dieser Klugheit her? Dann soll das Herz

bei Königen zu finden sein. Nie wird das geschehen, was Ihr sinnt. Der

Maure baue auf ein Königswort.“

Ximenes’ Herz rollte sich zusammen. So mußte er eben mit dem kleinern

Erfolg zufrieden sein. Seine Neider konnten wenigstens nicht mehr mit

der königlichen Ungnade triumphieren. Er reckte und streckte sich.

„Unser Gebet ist: Christi Geist komme und belebe die Mauren. Spanien

ein Volk, ein Land. Nicht Freiheit, sondern Reinheit des Glaubens!

Zu Hirten setzte Gott die Bischöfe ein, vertraut also dem einen, der

Euch die Herde vermehren hilft und die räudigen Schafe ausstößt.

Glaubt mir, der Kirche Geist kennt keine Schwäche, alle natürlichen

Erschütterungen, die Prüfungen Gottes, wird er überwinden. Straucheln

wir auch, wir erheben uns wieder und setzen gewaltiger unsern Weg fort.

Niemand wird das Geheimnis unserer Macht lösen können, denn wer könnte

Gott enträtseln?“ Er verneigte sich vor den Königen. Diese küßten dem

ersten Diener Gottes die Hand.

„Ihr sollt morgen das Hochamt zelebrieren,“ sagte die Königin. „Dann

kehrt nach Granada zurück. Wir folgen bald.“

Draußen erwartete den Kirchenfürsten der getreue Ruyz. Aus dem

strahlenden Gesicht seines Herrn las er den Sieg einer geistigen

Schlacht.

Ximenes ließ sich beim Großinquisitor Deza ankündigen. Der Primas, der

noch vor zwei Jahren die Strenge der Inquisition verurteilt hatte, ging

jetzt in ihr auf. Er stand mit seinem Kanzleramt nicht im Getriebe des

Tribunals, er war nicht im Supremo, dem höchsten Rat des Gerichts in

Toledo, aber er bediente sich seiner Macht zur Stärkung der eigenen.

Die bewegende Kraft ging von ihm aus. Er trat infolge seiner hohen

geistlichen Stellung mehr vor das Volk als der in den Geheimzimmern

wirkende Großinquisitor. Von Deza kannte man nur den Namen und die

Auswirkung seiner Gesetze; Ximenes konnte man ins Auge sehen und konnte

seine Tatkraft bewundern.

Er ließ sich nun über den Guadalquivir zum Kartäuserkloster in Triana

rudern. Dort wohnte Deza. Schon von weitem hörte man den zahmen Löwen

brüllen, den der Großinquisitor selbst bei der Messe zu seinen Füßen

liegen hatte. Sie traten in die klösterliche Zwingburg. Über einem

Torbogen wehte die Fahne des heiligen Tribunals mit dem grünen Kreuz,

das aus einer Krone wuchs, von Schwert und Ölzweig flankiert. Scheue,

dunkle Mönchsgestalten schlichen die Mauer entlang. Irgendwo hörte man

leises Wimmern, wie vom Winde verweht. Ein Schauer rieselte dem jungen

Pater Ruyz durchs Mark. Er wußte, daß unter ihm die Folterkammer des

Ketzergerichts lag.

Granada in Flammen · 第 91 / 190 题