„Den Grafen de Mora?“ Sie las der Herrin alle Wünsche aus den Augen.
„Ach, er saß wie ein Beduine im Sattel und seine Augen leuchteten. Er
ist wie ein König, den das Wüstenvolk wählt.“
„Er gefiel dir also?“ schürfte Reija tiefer in das Herz der Sklavin.
Saffana schlug die Hände über der Brust zusammen, was ihre Bewunderung
ausdrücken sollte. „Oh! Oh! Aber die Moriskos sagen, er schaue kein
Weib an.“
Reija lachte gereizt. „Die Moriskos sind dumm. Sie werden noch einen
christlichen Heiligen aus ihm machen, mit einem Kranz auf dem Haupt,
stehend im Kirchenwinkel. Wie dumm! Als ob man es nicht besser wüßte!“
„Freilich -- damals hat er dir in die Augen gesehen! O bei den Pforten
des Paradieses, hat der Mensch Augen! Man wäre versucht, in der
Verwirrung ein Lamm in der Küche samt dem Fell zu braten. Und wie
gefällt er dir, Tau der Wüste?“
Reija wollte schon sagen: wie der siebente Stern der Plejaden. Aber
sie zügelte ihre Zunge. Noch brauchte sie keine Vertraute. Es war so
schön, eine Heimlichkeit im Herzen hin und her zu rollen wie einen
Ball. „Komm in den Sahat, das Bad ist noch nicht fertig.“
Gleich darauf saß Reija zwischen den Säulen auf der Hofschaukel. Aber
ihr Wesen schien zerfahren. „Weißt du, was ein Traum ist?“ fragte sie
die Sklavin.
„Der Gesandte eines guten oder eines bösen Dschin. O hattest du heute
einen, du Quelle Salsabil des Paradieses?“
„Ich sah einen Ritter auf schwarzem Roß durch die Vega reiten, um ihn
herum aber sah ich Flammen.“
„Eswer war’s, bi nefsi! Der Schöne, der As-Saffah, der Blutvergießer.“
„Nein, es war ein Mogavar, ein christlicher Ritter, denn er hatte das
Kreuz auf dem Mantel. Sein Pferd stolperte und fiel -- da erwachte ich
und schwere Moschusdüfte hingen um meine Sinne.“
„Bei dem Glanz des Glaubens, dann muß es der Feta gewesen sein.“
„Aber was soll die Flamme um ihn?“
„Das Zeichen seiner Liebeskraft.“
Reija schüttelte heftig den Kopf. „Der Taggedanke erscheint im Traum.
Ich habe nie an den Mogavar gedacht, denn ich muß ihn hassen, wiewohl
-- sage, Saffana, muß man einen Menschen auch dann hassen, wenn er
einem den Koran gebracht?“
Da platzte Saffanas natürlicher Einfall heraus: „Einen solchen Menschen
möchte ich lieben, du Rose der glücklichen Insel, und möchte von Gott
für ihn erflehen: Dauernd sei sein Ruhm, wie ein Phönix lebend, auch
wenn er stirbt.“
Reijas Augen schlossen sich im Genießen der Worte. Dann sagte sie
rasch: „Du schwatzest wie eine Schwalbe.“ Nach einigen Augenblicken der
Nachdenklichkeit stürmte sie einen neuen Gedanken heraus: „Ob er mir
den Abencerragen bringen wird? Eswer ist jung und schön. Er ist wohl
schöner als der Graf.“
„Eswer ist schöner als der Graf,“ wiederholte gehorsam das Echo. Aber
das schlaue Mädchen blinzelte in die Seele der Herrin, um das Rätsel
ihres Gefühls zu lösen.
„Der Graf ist doch noch schöner als Eswer,“ schlug Reija lichterloh
zurück.
Da zuckte Saffana die Achseln. „Schade! Er ist ein Christ. Aber ich
segne die Gedanken meiner Schems, der Sonne.“
Noria, die Schiefrückige rief zum Bad.
In dem kostbaren Morgengemach, wo zwei Riesenspiegel im Licht der
Kerzen blinkten, Felle, Tücher, Decken und Polster zur Schwelgelust und
Behaglichkeit einluden und der Wohlgeruch von Myrrhe und Storax aus
silbernen Pfannen stieg, ließ sich Reija entkleiden.
Und da stand sie nun, festschenklig, zartlendig, mit ihrem Palmenwuchs,
keusch wie Ur-Eva, mit braunrosigen, wogenden Hügeln, zwischen denen
die Furche süßer Ahnung dämmerte, die bronzeschimmernde Haut faltenlos
gespannt, der Leib von dem prachtvollen Kopf gekrönt, dessen Haar,
sich nun langsam aus dem Goldschmuck lösend, in Wellen über Schultern
und Brüste floß. Sie spiegelte ihren Körper im Schreiten und ihr Gang
war wie das Wiegen der Zypressen, wenn der Wind in ihre Leiber greift.
Die leicht aufgeworfenen Lippen waren halb geöffnet, als versuchten
sie an erträumten Süßigkeiten zu naschen, und wie Mandelkerne blinkten
dahinter die regelmäßig gesetzten Zähne. Ihr Mund glich einem
Blumenkelch, angefüllt mit Honig, der überfließen mußte, wenn sich ein
glücklicher Falter nahte.
Über das marmorne Badebecken senkten sich die Blätter zweier Palmen,
ihr Schattendach sollte an die Wohligkeit arabischer Oasen erinnern,
wo der erquickende Quell fließt. Reija stieg in das warme, klare
Wasser, das in sanften Wellen um ihre Hüften spielte. Sie schöpfte es
mit den Händen und warf es kirrend wie ein Kind auf ihre schimmernden
Brüste, von wo es wie Silberperlen niedertropfte. Dann zerpflückte
Saffana einen Rosenstrauß und ließ die Blätter über den Leib der Herrin
fallen. Mit versuchenden Schwimmstößen trieb diese ihren erregten
Körper vorwärts, legte sich auf den Rücken und ließ sich im Wasser von
Saffanas Armen tragen. Alles an ihr sprühte Leben und Freude. Ihr Blut
rauschte von sinnlichen Strömen, die aus Arabiens Gluten entsprangen,
ihre Lippen waren in süßer Not zusammengepreßt, die Augen geschlossen.
Nun öffnete sie die feinen Stacheln der Wimpern. Das Glutauge sog mit
natürlicher Gefallsucht die Spiegelung ihres Körpers ein. Jeder Nerv an
ihr bebte.
„Du bist Selwan, die Liebesmuschel,“ sagte Saffana schmeichelnd.
„Was ist es mit ihr?“
„Sie ist schön wie nichts auf der Erde. Wer sie findet, muß sie ins
Wasser werfen, dann rauscht es auf und man bereitet aus dem Schaum den
Liebestrank, dem niemand widerstehen kann.“
Das große Auge lächelte. „Es gibt keinen Liebestrank als den Kuß vom
Mund des Geliebten. Das sagt Ibn Ammar, der Vezier und Dichter. Die
Salben!“ Sie stieg aus dem Bad. Der erhitzte Körper strömte eine
fleischlich duftende Glut aus. Saffana rieb ihn mit wohlriechenden
Salben ein, kämmte das Haar aus und legte es in die Fessel eines
goldschimmernden Stirnreifs. Dann hing sie ihr das Amulett mit den
fünf Fingern um und griff nach der Anafine. Sie spielte ein zartes
Muwaschaha, ein Hirtenlied aus den Alpujarras.
Reija lag wohlig hingestreckt auf dem Diwan. Sie sann vor sich hin: Haß
zur Rechten, Liebe zur Linken, mein Herz ratlos dazwischen, denn es
möchte küssen und strafen in einem Atemzug. Welcher Engel weist mir den
Weg aus dem Irrsal? Sie riß der Sklavin das Instrument aus der Hand.
„Das Gewand!“
Eia! Sie ist verliebt! stellte Saffanas Spürsinn fest. Das Bad hat sie
erhitzt. Man sollte ihr jetzt einen Mann geben können. „Haif aleh!“ Sie
legte Hülle auf Hülle über die geschwellten Glieder, während die Herrin
ein jemenitisches Liebeslied summte.
Aus den Häusern des Albaycin tropften maurische Lautenklänge in das
stille Singen. Reija stieg auf den Schemel unter dem Fenster. Ein
sternbesäter Himmel spannte sich über die Alhambra, die wie eine
Riesensphinx dalag.