Statt aller Antwort fragte Don Pedro: „Du hast viel Glück bei den
Weibern gehabt?“
„Ohne zu prahlen, ich hatte die Schönen von Salamanca, Sevilla,
Barcelona, Toledo -- nein, das ist ja schon halbe Prahlerei. Ei, was
geht dich mein Glück bei den Mädchen an?“
„Ich möchte doch auch einmal eure Paradiese sehen,“ sagte der Graf, mit
dem Finger weich über die samtne Decke streichelnd.
Hernando machte Augen. „Jetzt fürchte ich um die Erdbeständigkeit
Granadas. Don Pedro de Solar fragt nach den Paradiesen an einer Maja
Brust!“
„Schweig oder besser: rede! Stopple ein paar Abenteuer zusammen, wenn
du sie nicht erlebt hast. Deine Tugend ist Wohlredenheit.“
„Hältst du mich für einen geschwätzigen Amadis? Meine Abenteuer
könnte ein ehrsamer Schreiber einem König als lustiges Buch zu Füßen
legen. Man lernt im Schatten der Schulbank von Salamanca mehr als den
Juvenal. Von der stolzen Ines herab, die ihr Schloß durch Feuerwerk
für mich beleuchten ließ, bis zur schönen kupferhaarigen Dolores, die
so wunderbar faul war, daß sie ein Esel darum beneidet hätte, und die
nur Fetzen am Leib hatte statt Seide, habe ich alle Zwischenstufen von
Schönheiten genossen. Und doch rate ich dir, wenn du Vergnügen höher
schätzest als Liebe, so nimm dir eine Maurin in dein Bett. Es sind
weichschenklige Weiber.“
„Bist du bei Sinnen?“ empörte sich Don Pedro.
„Du hast Midashände, darauf fliegen die Maurinnen wie die Hennen aufs
Futter. Sie sind flüchtige Schmetterlinge, eilen von Genuß zu Genuß,
ihr Tag- und Nachtwerk ist küssen, küssen. Auch verstehen sie es, keine
Kinder zu kriegen, denn an diesen könnte deine Liebe einst bitter
leiden. Man sagt ihnen freilich nach, daß sie die Männer bald ermüden
und sich wie Delila ihrer Stärke freuen. Aber was tut’s! Sie schwelgen
an den Tafeln des Lasters, und die Tugenden ihrer Mädchen sind Masken,
die gelüftet eine abgefeimte Dueña zeigen.“
Der Graf ballte die Fäuste. „So kann’s nicht sein, so nicht!“ In der
Angst, sich zu verraten, änderte er den Ton. „Wie erwirbt man so
flüchtige Liebe?“
„Der eine tut’s in Versen, der andere mit Blicken, der dritte greift
keck zu und überrennt ihren Leib. Auch eine Kupplerin kann gute Dienste
tun. Die Mauren schätzen ihre Frauen als Weib, Kind und Dirne ein.
Solch ein Mischmasch ist gerade für die Stunde gut, da dem Christen
der Adam um die Lenden kitzelt. Doch hüte dich, aus einem Zeitvertreib
Ernst zu machen. Die Busenwärme eines braunen Kindes soll dir schwere
Gefühle abschütteln, nicht dich damit beladen. Auch hüte dich vor den
vornehmen Mädchen, sie werten jeden Christenblick wie den eines Piraten
und sind leichter reizbar, durch ihre Fetas verwöhnt, die einigen Sinn
für echte Caballeria haben. Der Zufall hat dir Beweise des maurischen
Rittertums in den Versen dieses Abencerragen in die Hände gespielt. Auf
solche liebeklingende Werbung fällt leicht eine Agarena hinein.“
„Also Maurin und doch nicht.“ In des Grafen Brust kochte es.
„Ich will den Tag mit Henna anstreichen, da ich vor Mora über Maurinnen
sprechen durfte, ohne daß es ihn überlief. Sonderbar -- Hispaniola
verweht -- dafür verteidigst du Maurenmädchen --“
„Eswer Ben Zerragh soll hängen!“ brauste es plötzlich wie ein Zyklon
aus dem Munde des Grafen.
Da griff sich Hernando an die Stirn. „Ah! -- Es ist am Tage! Deine
Wange in Glut! Der hilfsbereite Degen! Eswer soll hängen! Der Blitz
zündete und traf! O ich blinder Maulwurf!“
Graf de Mora saß auf einer Truhe, das Kinn in die Hand gestützt.
Er wußte, daß ihm der Freund das Geheimnis entreißen würde, und im
Grunde wollte er es auch. Die Beladenheit seines Herzens drängte
nach Mitteilung. Und Rojas war der Treuesten einer, zugleich geübt
in Galanterie, beredsam, geschickt, alles in allem ein brauchbarer
Helfer in einer Sache, die des Grafen Herz in ein Chaos zu verwandeln
im Begriffe war. Nur ein Knabe hätte jetzt noch an Ausflucht denken
können. „Sie ist schön,“ sagte Mora, und es klang wie ein offenes
Bekenntnis.
Hernando zuckte die Achseln. „Die Mauren vergleichen sie freilich mit
Canopus, dem seltenen Stern. Du müßtest sie unverschleiert sehen.“
„Ich habe sie gesehen,“ stürzte Don Pedro glücklich heraus. „Ihr Wert
ist größer als der ihres Schleiers. O Hernando, was rätst du mir?“
Rojas mußte sich zuerst sammeln. Es kam zu unerwartet. „Gebe mir
Gott den richtigen Augenblicksverstand, damit ich nicht daneben
sinne. Deine Lage ist heikel, wenn du diese Schönheit ernst nimmst.
Du bist königlicher Hauptmann, erster Soldat des Gobernadors, hast
Kriegsverdienste, bist Grande, kannst ohne Genehmigung des Königs
nicht vor das Gericht gestellt werden, stehst bedeckten Hauptes vor
dem König, dein Platz bei den Cortes ist hinter den Prälaten -- das
alles macht dich groß, aber es hindert dich, frei zu handeln. Ximenes
bereitet Schläge gegen die Mauren vor, und du sollst mithelfen --“
„Er wird nicht über mein Herz schreiten dürfen,“ sagte Don Pedro
erregt. „Ich war ein Leben lang auf falscher Fährte. Diese Mauren sind
in ihrem Glauben ebenso stark wie wir. Tendilla, Talavera, Osuna, Orgaz
beugen sich vor der Kraft ihrer Überzeugung. Ich stürmte blindlings an
ihr vorbei, nahm gedankenlos hin, was mir die Überlieferung als eine
Selbstverständlichkeit hinlegte.“
„Über deinem Haupt hängt eine Wolke,“ mahnte der Freund. „Flieh, ehe
ihr Donner dich vernichtet.“
„Es gibt Wolken, denen der Mensch nicht entfliehen kann. Sie eilen zu
schnell.“
„Schwer wird man deine Wandlung verstehen. Du standest an der Spitze
der Maurenhasser. Wer hat ihn zum sanften Schäfer gemacht? wird man
fragen. Auf jeden Fall hüte dich, deine Wandlung vor den Augen der
Familiares zu zeigen. Die Liebe einer Maurin ist ein gefährliches
Himmelsgeschenk. Aber im Grunde bist du ein fallendes Blatt, vom Sturm
an die Schöne herangeweht, du atmest ihre bestrickende Nähe und siehst
vielleicht noch nicht die Netze, die dir gestellt sind.“
Eswer wird in neun Tagen frei sein! Der Lockton schwang an des Grafen
Ohr. Und die Augen, die Zähne, die sie dabei zeigte! O ihre Schönheit
warf glühende Bälle nach ihm und er vermochte kaum klar zu denken.
Doch plötzlich sprang es ihn an. „Du kennst die Geschichte des
Abencerragen, Hernando. Er hat in Notwehr gehandelt, als er damals den
Schergen verwundet -- doch nun hat er freilich einen Alguacil getötet.
Vielleicht auch aus Notwehr. Und wenn nicht -- ein kastilischer Ritter
hätte nicht viel anders gehandelt, wenn er einen Landsmann von Feinden
bedroht gesehen hätte.“
Der Freund lächelte. „Du suchst schon nach Entschuldigungen. Trefflich!
Bei San Isidoro, man muß an Wunder glauben, der Wolf ist zum Lamm
bekehrt. Und das alles aus den Feuergründen eines Weiberauges! Pedro,
Pedro, du hast lange den schönen Blitzen widerstanden, aber nun treffen
sie dich um so unbarmherziger. Das Weib rächt sich durch ein Weib. Sei
auf der Hut! Es laufen so schöne Majas in Granada herum, daß dir um
dein Herz nicht bange zu sein braucht. Aber laß diesen wahnwitzigen
Gedanken fallen: eine maurische Königstochter!“
„So gilt das Edle weniger als die billige Ware einer Liebesnacht?
Hernando, nun kenne ich dich nicht mehr. Alfonso der Sechste war es,
der eine maurische Fürstentochter zur Gattin erhob, vor maurischen
Schönheiten senkten christliche Ritter einst ihren galanten Degen --
o geh, geh, du hast deine Zeit in Salamanca an schlechte Weisheit
verschwendet. Die Erde wird nicht aus der Achse fallen, wenn ein Gott
zwischen zwei Religionen Versöhnung predigt.“
„So weit bist du schon, Pedro? Und mit solchen Gedanken willst du als
königlicher Hauptmann die Rattenwinkel der Empörung säubern?“
„Weg mit dem Amt, das mir das Herz beengt!“ flammte der Graf auf.
„Du -- den Degen niederlegen -- in die Hände des Königs? Dieses Königs?“
„Soll ich nicht prüfen dürfen, wo das hartbedrängte Volk geirrt? Man
sollte die Mauren doch auch mit den Waffen des Geistes besiegen können,
des Geistes, den Spanien in seinen Hochschulen großzieht.“ Mora begann
fremdartig zu schwärmen. „Du hättest sie sehen sollen, wie sie sich
wehrte und zur Heldin wurde. Möge kalt wägender Verstand hier unheilige
Glut erklügeln, ich glaube dem Feuer aus diesem reinen Mund.“
„Du dampfst wie kochender Wein! Ich will nüchtern bleiben. Noch ist
nichts geschehen, als daß dein schwer zündbares Herz endlich Feuer
fing. Aber man fliegt nicht ungestraft mit wächsernen Flügeln einer
Sonne zu. Männer, die nie geliebt, wirft die Liebe um so leichter um.
Mach’ doch um Christi willen keinen heiligen Altar aus deinem Gefühl.
Leb’ wohl!“ Er klirrte in die Kühle des Korridors hinaus und ließ den
Grafen in einem Gewoge selig-unseliger Bedrängnisse zurück.
Hernando hatte recht, es war noch nichts geschehen. Aber dieses
herzaufwühlende Gefühl, daß etwas geschehen könnte! Der Graf ließ sich
davon überrieseln. Er stand beim Fenster. Der Moderduft des Herbstes
drang aus dem Garten des Generalifes in seine Sinne. Fern schimmerte
der Schnee des Picacho de Veleta, tief unten rauschte leise der Darro.
Bald mußte er mit gelben Regenfluten daherbrausen --
Der Graf spannte das Auge nach der Darrostraße. Eine Dame ritt daher,
gefolgt von Rittern. Leonore de Uceda! Welch schmachtenden Blick
warf sie herauf! Der Graf zog sich in den Schatten zurück. Dieses
liebebettelnde Abenteuerweib kam zur Unzeit in seine Gedanken geritten.
Er schüttelte das Bild von seiner Seele, denn es wog zu leicht und
wurde von keiner Tugend geziert.
Dumpf läuteten die Glocken. Es mochte wieder ein Auflauf im Gange
sein. Don Pedro durfte bis zum Abend ruhen. Er drückte das Haupt in
die arabischen Diwanpolster. Eswer wird in neun Tagen frei sein! klang
es wieder an sein Ohr. Und seine Müdigkeit zerriß. Er wird nicht frei
sein! tobte der Trotz in ihm. Er ist dein Liebhaber, schöne Gazelle der
Agarenos! Und ich werde nicht die Torheit begehen -- ei, was für eine
Torheit? Ach, Gedanken sind Würmer, die am Mark des Menschen zehren.
So drohte sein Gemüt in den Niederungen des Zweifels und der Eifersucht
zu ersticken.