Fünfzehntes Kapitel

Reijas Haupt schmiegte sich liebkosend an das weiche Gefieder eines

zahmen Rosenflamingos, den ihr einer der Beni Mossad verehrt hatte. Da

stürmte Saffana in die Samt- und Seidenpracht des Frauengemaches.

„Bi nefsi! Was ich gesehen! O was ich gesehen!“

Reija schickte das rosige Federtier in die Hut einer Matrone ins

Nebenzimmer. „Närrin, plagen dich böse Dschinnen?“

„Die Bibarrambla war voll Menschen. Schon den sechsten Tag kämpfen sie

dort für unsern Glauben. Und nun ist Talavera gekommen! Mitten in die

schreienden Haufen hinein! Auf seinem vergoldeten Stock gestützt, nur

von einem Kaplan begleitet, der das Kreuz trug --“

„O der mutige, fromme Mann!“ freute sich Reija mit.

„Frauen küßten ihm die Füße, das Kleid --“

Da trat Abu Atir ins Gemach, auf der Stirn den Abglanz seelischer

Erhebung. „Allah akbar! Graf Tendilla -- Gott erleuchte sein Herz, wie

er seinen Verstand erleuchtet hat! Graf Tendilla kommt dahergeritten,

begleitet von seinem Hauptmann --“

„Mit dem, der bei uns war? Dem Grafen de Mora?“ Reija zuckte zusammen.

„Mit ihm. O daß du es gesehen hättest! Der Graf hatte die Augen voll

Licht.“

„Mora?“ schnellte Reija wieder ihre brennende Neugierde heraus.

„Nein, der Graf Tendilla. Inmitten der heulenden Menge auf seinem Fuchs

neben Talavera. Auf einmal verstummten die Glocken, das Volk horcht

auf -- und da -- o daß ich es noch einmal sehen könnte! -- da wirft

der Graf seine Scharlachmütze unter die Mauren und ruft: ‚Das ist

mein Kopf! Er gehört euch, wenn ich nicht alles versuche, beim König

Gnade für euch zu erwirken. Legt eure Waffen nieder, geht friedlich

an euer Handwerk und Geschäft!‘ Li amri! Alles riß sich um die Mütze

-- die Waffen sinken zu Boden -- der Graf -- Gott gebe ihm Gärten und

Paläste und tränke seine Herden! -- der Graf läßt durch Reiter eine

Gasse bilden, und nun höre, Reija! Des Grafen Frau und seine zwei

Söhne reiten durch die lebendige Gasse -- und der Graf ruft: ‚Diese

meine Schätze gehören euch als Geisel! Tötet sie, wenn eure Freiheit

angetastet wird!‘ Da heult und jubelt das Volk, und die Beni Mossad

nehmen die Geiseln in Empfang. O wie wirbelt es noch in meinem Kopf --

Ximenes hat man heimlich in die Alhambra geschafft, sie fürchten für

sein Leben.“

„Und der königliche Hauptmann?“ schoß die Neugier wieder von den

schönen Lippen.

„Ach, was soll der Hauptmann uns noch schaden, wenn der Gobernador --

ach, du süße Blüte des Wundergartens Gottes, nun atmen wir auf. Man

sagt, der König sei empört über Ximenes. Aber wie immer, wir wollen

Gott loben, denn er hat ein sichtbares Zeichen gegeben über sein

zweites Damaskus. Er stürzte der Juden Altäre und baute neue auf,

er hat den Mihrab unseres Herzens gestürzt und einen neuen goldnen

errichtet. Sprich: Gott ist der einzige und ewige Gott, zeugt nicht und

ist nicht gezeugt und kein Wesen ist ihm gleich.“

In gläubiger Demut warfen sich die Frauen auf den Gebetsteppich hin und

schlugen mit den Stirnen zu Boden. In langgezogenen Tönen wiederholten

sie das hehre Surenwort. Die schönen Hände Reijas lagen wie gemeißelt

auf dem Untergrund des dunklen Samts.

Der Imam ging. Reija richtete sich schnell auf. Die schwarzen Augen

brannten. „Wie hast du ihn gesehen?“

Granada in Flammen · 第 86 / 190 题