Reijas Haupt schmiegte sich liebkosend an das weiche Gefieder eines
zahmen Rosenflamingos, den ihr einer der Beni Mossad verehrt hatte. Da
stürmte Saffana in die Samt- und Seidenpracht des Frauengemaches.
„Bi nefsi! Was ich gesehen! O was ich gesehen!“
Reija schickte das rosige Federtier in die Hut einer Matrone ins
Nebenzimmer. „Närrin, plagen dich böse Dschinnen?“
„Die Bibarrambla war voll Menschen. Schon den sechsten Tag kämpfen sie
dort für unsern Glauben. Und nun ist Talavera gekommen! Mitten in die
schreienden Haufen hinein! Auf seinem vergoldeten Stock gestützt, nur
von einem Kaplan begleitet, der das Kreuz trug --“
„O der mutige, fromme Mann!“ freute sich Reija mit.
„Frauen küßten ihm die Füße, das Kleid --“
Da trat Abu Atir ins Gemach, auf der Stirn den Abglanz seelischer
Erhebung. „Allah akbar! Graf Tendilla -- Gott erleuchte sein Herz, wie
er seinen Verstand erleuchtet hat! Graf Tendilla kommt dahergeritten,
begleitet von seinem Hauptmann --“
„Mit dem, der bei uns war? Dem Grafen de Mora?“ Reija zuckte zusammen.
„Mit ihm. O daß du es gesehen hättest! Der Graf hatte die Augen voll
Licht.“
„Mora?“ schnellte Reija wieder ihre brennende Neugierde heraus.
„Nein, der Graf Tendilla. Inmitten der heulenden Menge auf seinem Fuchs
neben Talavera. Auf einmal verstummten die Glocken, das Volk horcht
auf -- und da -- o daß ich es noch einmal sehen könnte! -- da wirft
der Graf seine Scharlachmütze unter die Mauren und ruft: ‚Das ist
mein Kopf! Er gehört euch, wenn ich nicht alles versuche, beim König
Gnade für euch zu erwirken. Legt eure Waffen nieder, geht friedlich
an euer Handwerk und Geschäft!‘ Li amri! Alles riß sich um die Mütze
-- die Waffen sinken zu Boden -- der Graf -- Gott gebe ihm Gärten und
Paläste und tränke seine Herden! -- der Graf läßt durch Reiter eine
Gasse bilden, und nun höre, Reija! Des Grafen Frau und seine zwei
Söhne reiten durch die lebendige Gasse -- und der Graf ruft: ‚Diese
meine Schätze gehören euch als Geisel! Tötet sie, wenn eure Freiheit
angetastet wird!‘ Da heult und jubelt das Volk, und die Beni Mossad
nehmen die Geiseln in Empfang. O wie wirbelt es noch in meinem Kopf --
Ximenes hat man heimlich in die Alhambra geschafft, sie fürchten für
sein Leben.“
„Und der königliche Hauptmann?“ schoß die Neugier wieder von den
schönen Lippen.
„Ach, was soll der Hauptmann uns noch schaden, wenn der Gobernador --
ach, du süße Blüte des Wundergartens Gottes, nun atmen wir auf. Man
sagt, der König sei empört über Ximenes. Aber wie immer, wir wollen
Gott loben, denn er hat ein sichtbares Zeichen gegeben über sein
zweites Damaskus. Er stürzte der Juden Altäre und baute neue auf,
er hat den Mihrab unseres Herzens gestürzt und einen neuen goldnen
errichtet. Sprich: Gott ist der einzige und ewige Gott, zeugt nicht und
ist nicht gezeugt und kein Wesen ist ihm gleich.“
In gläubiger Demut warfen sich die Frauen auf den Gebetsteppich hin und
schlugen mit den Stirnen zu Boden. In langgezogenen Tönen wiederholten
sie das hehre Surenwort. Die schönen Hände Reijas lagen wie gemeißelt
auf dem Untergrund des dunklen Samts.
Der Imam ging. Reija richtete sich schnell auf. Die schwarzen Augen
brannten. „Wie hast du ihn gesehen?“