„Wenn die Dunkelheit einbricht, holt ihn. Jetzt bestünde für dich und
ihn die größte Gefahr,“ flüsterte ihm Reija auf gut spanisch zu.
Vom Velaturm der Alhambra tönte die Sturmglocke. Von den Minars
erschollen die langgezogenen Rufe der Muezzins, die zu den Waffen
riefen. Der Graf wandte sein Roß und warf einen letzten Blick nach dem
Tor zurück, wo eine blaue Seide hinter Steinen verschwand.
Regen rauschte herab. Der Donner prasselte aus dem ziehenden Gewölk,
und Granada versank in Grau und Schleier. Schauerlich hallten die
Glocken und die Muezzinrufe in das dumpfe Getöse des Aufruhrs. In die
Regenwolken hinauf hob sich schwer und träg der Qualm des brennenden
Scheiterhaufens auf der Bibarrambla. Vor den Kirchen lagen hilflose
Gruppen von Moriskos um Mönche geschart, die am Leibe zitterten. Hinter
ihnen ergoß sich der Strom der schreienden Mauren die Gassen hinab.
Der Platz des seltsamen Autodafés ist zum Bersten voll. Wütende Fäuste
drohen nach dem Palast des Ximenes, vor dem der durch den Regen halb
erstickte Qualm seine deckenden Schleier hin und her weht. Die Reiter
des königlichen Hauptmanns pressen sich mit den schwer zu bändigenden
Rossen durch die Menge nach dem Kordon um das Feuer. Unaufhörlich
steigt der psalmodierende Gesang der Bruderschaften wolkenwärts.
Dazwischen die ratternden Stimmen der Rottenwächter, die die Soldaten
zum Widerstand anspornen.
Ximenes steht unerschrocken im Bewußtsein der Heiligkeit seines
Gotteswerkes auf dem Mirador und blickt gelassen auf die
wutschnaubende Menge. Er will den Haß dieser Irrgläubigen gern in Kauf
nehmen, wenn er dafür den heiligen Christenglauben aufzwingen kann. Er
denkt an Torquemada, der das Einhorn auf seinem Tisch stehen hatte, das
die zauberhafte Kraft besaß, Gift in Speisen zu entdecken. Und wenn er
ausritt, umgab er sich mit fünfzig Reitern und zweihundert Fußsoldaten.
Aber er, Ximenes, schwört auf die Leibwache seiner gottgesandten Engel,
und nur der besorgten Königin zuliebe duldet er die kastilischen
Reiter. Vergebens fleht ihn sein getreuer Famulus Ruyz an, in der
Alhambra Schutz zu suchen. „Es schadet einem Kirchenmanne nicht, wenn
er Mut zeigt,“ antwortet Ximenes. „Und einem Staatsmann noch weniger.“
Da steht Graf de Mora vor ihm. „Salzedo ist gefunden. Er dient den
Mauren als Geisel.“
„Wofür?“ braust der Primas auf.
„Für den Koran des Königs.“
„Welch Übermut!“ zischt Ximenes zwischen erblaßten Lippen.
„Ihr habt mir eine Gnade gewährt, ehrwürdigster Herr. Es ist ein
leichtes, Salzedo wiederzubekommen. Wenn es dunkel wird, können wir
tauschen. Gebt den Koran.“
„Das Weib ist ein Teufel!“
„Sie ist eine Maurin.“
„Nehmt den Koran und bringt mir Salzedo. Doch nehmt Euch vor den Mauren
in acht. Mancher ging nach Wolle aus und kam geschoren nach Haus.“
Ein Alguacil trat ein, den schwarzen aufgekrempten Hut in der Hand, die
Stirn verkratzt und blutig, den schwarzen Mantel lose über die Schulter
geworfen. Der weiße Amtsstab hing zerbrochen an seiner Seite. Mit
erhitztem Atem stieß er heraus: „Ein Fang -- wir haben den Mörder des
Collados!“
„Wer ist es?“
„Ein lang gesuchter Ritter aus dem Geschlecht der Abencerragen: Eswer.“
„Eswer?“ fuhr der Graf auf. „Eswer Ben Zerragh? Wirklich?“
„Er ist aus den Bergen zurück und hat sich als Lederhändler verkleidet.
Sein Dolch traf den Collados.“
„Wir fahnden lang nach ihm,“ berichtete der Graf. „Ihr habt ihn
dingfest gemacht?“
„Er liegt gefesselt in der Kirche gegenüber. Wir werden Mühe haben,
den Fang vor den wütenden Mauren zu verbergen. Man hat nichts bei ihm
gefunden als diese drei losen Zettel.“
Der Graf las die kufische Schrift. Es schienen Verse zu sein, die Worte
Mond, Kamel, Mädchen, Gazelle wiederholten sich, und dann ein Wort, das
wie ein Lanzenstich in das Herz des Hauptmanns traf: Reija. Er steckte
die Zettel zu sich.
„Ist Graf Tendilla noch immer nicht von Loja zurück?“ fragte Ximenes.
„Wir haben Reiter geschickt, ihn zur Eile anzuspornen.“
Draußen brandet neues Getöse an die Mauern des Palastes. Rauchschwaden
breiten wehende Schleier über das Meer von Burnussen, aus dem jetzt
ein schwüler Gesang aufsteigt, der den schaurigen Hall der Glocken
übertäubt, ein aufwühlendes Kampflied, das von Adlerfreiheit und
Christenschädeln singt.
Der Regen läßt nach und über der Vega lichtet sich das Gewölk. Bald
darauf blauen Flecken am Firmament.
Stunde auf Stunde verrann. Immer wieder qualmte der Scheiterhaufen. Die
Schätze aus den Kalifenbibliotheken von Cordoba und Sevilla, vor zwei
Jahrhunderten nach Granada gebracht, gingen in Rauch auf. Da und dort
wurde ein allzu stürmischer Maure in Ketten gelegt, dann schwoll das
Geheul zum Orkan an.
Als es Abend wurde, ritt der Graf de Mora mit dem sorgfältig verpackten
Koran nach dem Albaycin. Vor der Alcazaba hält er. Bis an die Zähne
bewaffnete Mauren führen ihn in den Sahat. In der Ecke des großen,
blumenduftenden Hofes unter einem reich ornamentierten Hufeisenbogen
lagern Frauen unter einer Ampel, die ihr milchiges Licht über
buntfarbige Polsterüppigkeit gießt. Schleier und Tücher fallen über die
Gesichter, als man den königlichen Hauptmann erschaut.
Eine der Frauen schnellt empor. Mit gespannten Gliedern steht sie da.
So äugt das Wild in die Richtung der Gefahr. Dann hebt ein wunderbares
Schreiten an. Jeder Schritt schneidet dem Spanier ins Herz. Er trägt
dem Mädchen das heilige Buch entgegen. Ein Aufzucken geht durch ihren
Leib, die gelbe Seide knistert.
„Hier ist der Koran, gebt mir Salzedo,“ sagt der Graf kurz und stammelt
noch ein paar arabische Höflichkeitsworte dazu.
Reijas blitzende Augen brannten in sein Herz. In ihrem Haar blutete
eine Rose. Sie nestelte sie los und reichte sie dem Grafen. „Dank, daß
du dein Wort gehalten. Gottes Segnungen an dir seien wie die Sterne
am Himmel.“ Sie hielt mit leuchtenden Augen nach arabischer Sitte den
Koran hoch über ihrem Haupt, als Zeichen der Verehrung.
Der Graf dankte, die Rose in den Händen drehend, mit schmerzlich
verzogener Lippe. Der ganze schwüle Atem des Gartens schlug ihm in die
Sinne.
Reija winkte Saffana herbei, der sie etwas zuflüsterte. Die Sklavin
eilte ins Haus und kehrte gleich darauf mit dem zähneklappernden
Salzedo zurück, der froh aufschaute, als er den spanischen Hauptmann
erblickte.
„Wir werden ihn in ein maurisches Kleid stecken,“ sagte Reija, „und
ihm einen falschen Bart geben. Dann mag er sich durch die Hinterpforte
durchschlagen.“
Der befangene Graf wollte seinen Dank dem Imam sagen, doch Reija
erklärte, sie werde ihm den Dank übermitteln. Dann trat sie plötzlich
ganz nahe an den Ritter heran, daß er das Wogen ihrer zarten Brüste zu
hören meinte. „Ihr habt bei euch den Sid Eswer Ben Zerragh gefangen. Er
muß frei sein.“ Es klang bittend und doch wieder gebieterisch.
Der Ton schnitt in des Grafen Herz. Was glaubte dieses halbe Kind von
ihm? Sprach man so mit einem königlichen Hauptmann? Und was ging sie
überhaupt dieser Jüngling an? Ein Mörder, der seinen Christenhaß mit
blutigem Messer bestätigte! „Ihr seid nicht bei Sinnen, Doña Reija. Wir
fahndeten schon lang nach dem Abencerragen.“
„Gib ihm Gelegenheit, sich frei zu machen. Wer will, findet Wege. Kommt
das Glück gegangen, laß es nicht uneingefangen.“ Das halb drohende,
halb bittende Auge leuchtete wie ein schöner Stern aus der Wolke des
Schleiers.
Graf de Mora glaubte sein Herz knistern zu hören. Er dankte Gott
heimlich, daß dieses Antlitz vor ihm verborgen blieb. Aber im nächsten
Augenblick entsann er sich der Verse des Abencerragen. Erklang nicht
hell darin der Name Reija? Da ward ihm eines zur Gewißheit: Die beiden
Herzen schlugen füreinander. In seiner Brust siedete der Trotz. „Ihr
werdet diesen Jüngling nimmer sehen, denn er wird gerichtet werden.“
„Du wirst Eswer freilassen. Gott der Erhabene, dem Ehre und Preis sei
immerdar, wird dich dafür segnen.“
„Ich werde ihn nicht freilassen, denn dann wäre ich selbst schuldig.“
„Du wirst ihn freilassen und wirst nicht schuldig sein. Die Alpujarras
haben viele Schluchten und Höhlen. Und die Mauren sind treu.“
An die Brust des Grafen schlugen glühende Wogen, von Trotz, Liebe und
Eifersucht zusammengejagt. Er spürte, wie sein ganzer Körper unter
dem Ansturm fremder Mächte zu zittern begann. Er wollte von dieser
flammenden Stelle eilen und konnte doch keinen Fuß bewegen. Wie mit
unzerreißbaren Fäden fühlte er sich mit der Säule verbunden, an der
sich sein Leib stützte. „Lebt wohl, Doña Reija,“ löste es sich endlich
gequält von seinem Munde.
„In neun Tagen wird Eswer Ben Zerragh frei sein,“ lächelte Reija. Durch
den Schleier blinkten die kleinen weißen Zähne. Ihre Worte schlugen wie
ein scharfer Hammer an sein Inneres, und er mußte sich mit aller Gewalt
aus dem Bann reißen.
„Er wird nicht frei sein,“ trotzte er bebend. „Lebt wohl!“ Er stampfte
durch den Patio nach dem Tor, wo die Knechte seiner harrten. Sein
ganzer Mensch war in heftigem Aufruhr. Er glaubte hinter der Mauer des
Palastes ein jäh abschnellendes Lachen zu hören. Sein erster Gedanke,
als die tobenden Gefühle verebbten, war: Ich wollte, sie wäre mir
widerwärtig wie der Carrasco, die Stechpalme. Aber sie hat Augen --
Augen! Die Steinfliesen unter seinen Reiterstiefeln tanzten, die Wände
wankten, und die Nacht ringelte sich vor seinen Blicken zu glühenden
Kreisen zusammen. Hatte er keine denkklare Stirn mehr? Ei, sie hat das
an sich, was die Andalusier Amago nennen, ein drohendes: Nimm dich in
acht! Der wie zum Sprung gespannte Leib, die lauernden Augen, die halb
geöffneten Lippen, hinter denen die Zähne drohten -- alles Amago!
Er wußte nicht, wie er seinen Zelter bestieg, wie er die gaffende,
gärende Menge durchritt.
In der Alcazaba wachte ein erregtes Mädchenherz die ganze Nacht über
dem Koran. Reija las sich die Augen müde an den Paradiesessuren. Neben
ihr schlief Saffana. Das Königskind spürte Flammen neben sich lecken,
aber sie loderten aus den schönen Augen des spanischen Feta. Was wollte
der Feind mitten in den Suren? Immer wieder drängte er sich zwischen
den heiligen Sätzen durch und zerbrach den mühsam abgerungenen Sinn der
Prophetengesetze.
Lange noch lag Reijas schwarzes Haupt andachtslos über den Koran
gebeugt. Bis sie aufschreckte und durch das Säulenfenster nach dem
Stück Himmel sah. Zu ihren Häupten erblaßte der Schweif des Skorpions,
des Unglückssterns.