Vierzehntes Kapitel

Die Nacht glühte. Mit dem Aufgebot der letzten Kräfte hielten Wachen

und Mönche dem Ansturm der empörten Mauren stand. Mit Armbrüsten,

Steinen, Messern und Knüppeln bewaffnet, drohte das Volk Sturm zu

laufen gegen die lebendige Mauer der Bedränger. Ximenes schlief nicht,

sondern wandelte mit seinem Freunde Ruyz über die Gänge, bald in

Gottesgespräche vertieft, bald auf das Branden des erregten Meeres

draußen horchend.

Das Autodafé des Geistes ist vorbei. Über dem Platz lagert der Druck

der Rauchschwaden und beißt in Nase und Mund. Pater Leon schätzt die

verbrannten Bücher auf mehrere Hunderttausend. Alles, was die Omajaden

durch drei Jahrhunderte aus den Gärten der griechischen und römischen

Wissenschaft zusammengetragen und durchgearbeitet hatten, die vielen

Kommentare über ihren Liebling Aristoteles, die Schriften seines

Auslegers Averroes, die phantasiebeschwingten Verse der ungezählten

Dichter, in denen die Schlachtenfreude der Beduinensöhne, die Verehrung

der urheimatlichen Wüste und die sinnliche Glutenkraft des liebenden

Arabers poetische Triumphe feierten -- alles war in einen Haufen Asche

versunken.

Mit einem Schimmer von Hoffnung im Herzen begrüßten die Christen das

erste Zwielicht über den Dächern der Stadt. Der Morgen schickte seinen

bleichen Gruß über die Vega, die kahlen Berge im Westen erschimmerten

in gelblich fahlem Licht.

Um den Imam im Alkazar versammelten sich in den ersten Morgenstunden

vierzig maurische Räte. Man wollte alles aufs Spiel setzen. Die

Waffenschmiede sollten ihre Waffen gegen Bescheinigungen hergeben,

die Festungsmauern des Albaycin sollten mit einem Wehrgang versehen

und verstärkt werden, die Vega wollte man des Korns berauben, die

Mühlen in Beschlag nehmen. In allen Einzelheiten ward der Aufstand

besprochen, der kriegsmäßig nach alter Maurenart auf allen bedrohten

Punkten des alten Königreichs Granada ausbrechen sollte. Nach Sevilla

ritt ein vornehmer Maurenritter, um die Beschwer vor dem Königspaar

niederzulegen.

Da tönten die Fanfaren vom Velaturm. Graf Tendilla kommt! Die Burnusse

wirbeln durcheinander. Nun kann Rettung kommen, wenn der einsichtige

Gobernador das Kommando übernimmt.

Im Lichtwogen des Morgens traben die verstaubten Reiter des Grafen

Tendilla, die drei Streiftage hinter sich haben, in die Stadt. Der

Graf de Mora berichtet ihm über die Vorgänge, während sie nach der

Bibarrambla ziehen, wo Mönch und Soldat aufatmen. Ablösung kommt!

Goldig erhebt sich der Tag über der Sierra Nevada, und die Häuser

erglänzen unter einem seidenen Herbsthimmel. Aus den Patios steigt

der betäubende Duft sterbensmüder Rosen, der wieder von den Gerüchen

schwitzender Leiber, arabischen Räucherwerks, von Moder und Rauch

verdrängt wird.

Ximenes empfängt den Grafen. Die Köpfe geraten aneinander. Tendilla

spricht für Milde und Nachsicht, der Erzbischof ruft die Strenge seines

Gottesphantoms an und weist auf entfernte Himmelsziele. Da beginnt des

Gobernadors Gerechtigkeitssinn, bisher nüchtern und erdfest, zu wanken.

Auch er liegt bald im Bann des großen mitleidlosen Geisteskämpfers.

Mit seinem prächtigen Gefolge reitet der Gobernador durch die Gassen.

Er besänftigt die Mauren und verlangt ihren Führer zu sprechen.

Man ruft ihm zu, der Führer sei das beleidigte Recht. Doch endlich

weisen ihn einige an Abu Atir. Eben steigt dieser mit seinen Rittern

und Gelehrten aus dem Albaycin herab, um Ximenes anzuflehen, die

starre Hand für den Frieden zu öffnen. Graf Tendilla reitet ihm

entgegen, und die Männer begrüßen einander herzlich. Abu Atir bittet

um die Herausgabe der Elcheskinder. Doch der Graf ist außerstande,

Versprechungen zu geben. Er spürt den unsichtbaren Druck der

Inquisition hinter sich. Jedes seiner Worte ist ein Geben und Nehmen

zugleich. „Liefert wenigstens eure Waffen ab,“ rät er wohlmeinend dem

Imam.

„Gott, dessen Name Ehre und Friede ist, soll mein Zeuge sein: wir geben

die Waffen, wenn du uns die Kinder gibst. Die Tränen der Mütter müssen

gestillt werden, denn sie sind heilig.“

„Es geht Ximenes um den Glauben!“

„Insch’allah! Auch uns, Sid! Aber unser Glaube will nur +sein+,

der deine will vernichten. Heißt das Glaube?“ Der Imam hat ausgeweinte

Augen, sein Gesicht ist fahl, die Züge sind schlaff und müde. „Ich

weiß, Ximenes hat geschworen, die Mauren in alle Winde zu wehen, und

wenn es an die Gedärme gehen sollte. Aber in uns ist Gottes Glut,

ihr könnt wühlen in unsern Gedärmen, Christ ist Christ, und Maure ist

Maure. Sieh doch, Sidi, kommt ein Christ in unser Haus, schlägt das

Feuer des Herdes doppelt hoch vor Freude über den Gast, und er schläft

sicher bei uns. Kommt ein Maure zu euch, dann wissen wir nicht, ob er

wiederkehrt. Das will Gott nicht so haben.“

Vor das Mitleid des Grafen schiebt sich ein Riegel, die beschworene

Pflicht gegenüber König und Inquisition. „Vorerst nur die Waffen weg!“

mahnt er wieder.

„Nur erst die Kinder zurück!“ beharrt der Imam auf seinem Recht. Und

sie reiten unversöhnt auseinander.

Don Pedro de Solar wird abgelöst und sehnt sich nach Schlaf und Ruhe.

Im Heimreiten hört er auf einem Platz wieder das Inquisitionsedikt

verlesen. Mauren und Ketzer! Der Graf wirft sie in einen Topf. Spanien

muß davon gesäubert werden. Leon versteht sein Handwerk. Aber im

gleichen Augenblick preßt sich das Herz des Grafen zusammen. Er liebt

Menschen, die gerade und scharf gehen wie eine Toledaner Klinge; aber

von diesem Priester wußte er, daß er auch den Schleichweg des Heuchlers

ging. Man sagte ihm nach, daß er gern überrede, besonders die Frauen.

Und warum konnte dieser Priester nie lächeln? Warum schreckte seiner

Augen Glut mehr, als zu wärmen?

Hernando de Rojas, die Jagdmütze auf dem Haupt, erwartete schon

den Grafen in seinem Lieblingsgemach. „Du mußt müde sein wie ein

Schlachtpferd. Wir wollen nachmittags über manches sprechen.“

Granada in Flammen · 第 82 / 190 题