Die Nacht glühte. Mit dem Aufgebot der letzten Kräfte hielten Wachen
und Mönche dem Ansturm der empörten Mauren stand. Mit Armbrüsten,
Steinen, Messern und Knüppeln bewaffnet, drohte das Volk Sturm zu
laufen gegen die lebendige Mauer der Bedränger. Ximenes schlief nicht,
sondern wandelte mit seinem Freunde Ruyz über die Gänge, bald in
Gottesgespräche vertieft, bald auf das Branden des erregten Meeres
draußen horchend.
Das Autodafé des Geistes ist vorbei. Über dem Platz lagert der Druck
der Rauchschwaden und beißt in Nase und Mund. Pater Leon schätzt die
verbrannten Bücher auf mehrere Hunderttausend. Alles, was die Omajaden
durch drei Jahrhunderte aus den Gärten der griechischen und römischen
Wissenschaft zusammengetragen und durchgearbeitet hatten, die vielen
Kommentare über ihren Liebling Aristoteles, die Schriften seines
Auslegers Averroes, die phantasiebeschwingten Verse der ungezählten
Dichter, in denen die Schlachtenfreude der Beduinensöhne, die Verehrung
der urheimatlichen Wüste und die sinnliche Glutenkraft des liebenden
Arabers poetische Triumphe feierten -- alles war in einen Haufen Asche
versunken.
Mit einem Schimmer von Hoffnung im Herzen begrüßten die Christen das
erste Zwielicht über den Dächern der Stadt. Der Morgen schickte seinen
bleichen Gruß über die Vega, die kahlen Berge im Westen erschimmerten
in gelblich fahlem Licht.
Um den Imam im Alkazar versammelten sich in den ersten Morgenstunden
vierzig maurische Räte. Man wollte alles aufs Spiel setzen. Die
Waffenschmiede sollten ihre Waffen gegen Bescheinigungen hergeben,
die Festungsmauern des Albaycin sollten mit einem Wehrgang versehen
und verstärkt werden, die Vega wollte man des Korns berauben, die
Mühlen in Beschlag nehmen. In allen Einzelheiten ward der Aufstand
besprochen, der kriegsmäßig nach alter Maurenart auf allen bedrohten
Punkten des alten Königreichs Granada ausbrechen sollte. Nach Sevilla
ritt ein vornehmer Maurenritter, um die Beschwer vor dem Königspaar
niederzulegen.
Da tönten die Fanfaren vom Velaturm. Graf Tendilla kommt! Die Burnusse
wirbeln durcheinander. Nun kann Rettung kommen, wenn der einsichtige
Gobernador das Kommando übernimmt.
Im Lichtwogen des Morgens traben die verstaubten Reiter des Grafen
Tendilla, die drei Streiftage hinter sich haben, in die Stadt. Der
Graf de Mora berichtet ihm über die Vorgänge, während sie nach der
Bibarrambla ziehen, wo Mönch und Soldat aufatmen. Ablösung kommt!
Goldig erhebt sich der Tag über der Sierra Nevada, und die Häuser
erglänzen unter einem seidenen Herbsthimmel. Aus den Patios steigt
der betäubende Duft sterbensmüder Rosen, der wieder von den Gerüchen
schwitzender Leiber, arabischen Räucherwerks, von Moder und Rauch
verdrängt wird.
Ximenes empfängt den Grafen. Die Köpfe geraten aneinander. Tendilla
spricht für Milde und Nachsicht, der Erzbischof ruft die Strenge seines
Gottesphantoms an und weist auf entfernte Himmelsziele. Da beginnt des
Gobernadors Gerechtigkeitssinn, bisher nüchtern und erdfest, zu wanken.
Auch er liegt bald im Bann des großen mitleidlosen Geisteskämpfers.
Mit seinem prächtigen Gefolge reitet der Gobernador durch die Gassen.
Er besänftigt die Mauren und verlangt ihren Führer zu sprechen.
Man ruft ihm zu, der Führer sei das beleidigte Recht. Doch endlich
weisen ihn einige an Abu Atir. Eben steigt dieser mit seinen Rittern
und Gelehrten aus dem Albaycin herab, um Ximenes anzuflehen, die
starre Hand für den Frieden zu öffnen. Graf Tendilla reitet ihm
entgegen, und die Männer begrüßen einander herzlich. Abu Atir bittet
um die Herausgabe der Elcheskinder. Doch der Graf ist außerstande,
Versprechungen zu geben. Er spürt den unsichtbaren Druck der
Inquisition hinter sich. Jedes seiner Worte ist ein Geben und Nehmen
zugleich. „Liefert wenigstens eure Waffen ab,“ rät er wohlmeinend dem
Imam.
„Gott, dessen Name Ehre und Friede ist, soll mein Zeuge sein: wir geben
die Waffen, wenn du uns die Kinder gibst. Die Tränen der Mütter müssen
gestillt werden, denn sie sind heilig.“
„Es geht Ximenes um den Glauben!“
„Insch’allah! Auch uns, Sid! Aber unser Glaube will nur +sein+,
der deine will vernichten. Heißt das Glaube?“ Der Imam hat ausgeweinte
Augen, sein Gesicht ist fahl, die Züge sind schlaff und müde. „Ich
weiß, Ximenes hat geschworen, die Mauren in alle Winde zu wehen, und
wenn es an die Gedärme gehen sollte. Aber in uns ist Gottes Glut,
ihr könnt wühlen in unsern Gedärmen, Christ ist Christ, und Maure ist
Maure. Sieh doch, Sidi, kommt ein Christ in unser Haus, schlägt das
Feuer des Herdes doppelt hoch vor Freude über den Gast, und er schläft
sicher bei uns. Kommt ein Maure zu euch, dann wissen wir nicht, ob er
wiederkehrt. Das will Gott nicht so haben.“
Vor das Mitleid des Grafen schiebt sich ein Riegel, die beschworene
Pflicht gegenüber König und Inquisition. „Vorerst nur die Waffen weg!“
mahnt er wieder.
„Nur erst die Kinder zurück!“ beharrt der Imam auf seinem Recht. Und
sie reiten unversöhnt auseinander.
Don Pedro de Solar wird abgelöst und sehnt sich nach Schlaf und Ruhe.
Im Heimreiten hört er auf einem Platz wieder das Inquisitionsedikt
verlesen. Mauren und Ketzer! Der Graf wirft sie in einen Topf. Spanien
muß davon gesäubert werden. Leon versteht sein Handwerk. Aber im
gleichen Augenblick preßt sich das Herz des Grafen zusammen. Er liebt
Menschen, die gerade und scharf gehen wie eine Toledaner Klinge; aber
von diesem Priester wußte er, daß er auch den Schleichweg des Heuchlers
ging. Man sagte ihm nach, daß er gern überrede, besonders die Frauen.
Und warum konnte dieser Priester nie lächeln? Warum schreckte seiner
Augen Glut mehr, als zu wärmen?
Hernando de Rojas, die Jagdmütze auf dem Haupt, erwartete schon
den Grafen in seinem Lieblingsgemach. „Du mußt müde sein wie ein
Schlachtpferd. Wir wollen nachmittags über manches sprechen.“