Der alte Pförtner trat in das Zimmer. „Der Imam ist da.“

„Er möge kommen,“ sagte Ximenes, vom Fenster zurücktretend. Er stellte

für den seltnen Gast einen Stuhl zurecht und ließ seine zwei Mönche

näher an sich rücken.

Die hohe Gestalt Abu Atirs stand auf der Schwelle. Burnus, Turban

und Bart leuchteten wie Schnee, das Gesicht, gesund und wetterbraun,

strafte das Alter Lügen. Sein klares Auge übersah mit einem einzigen

Blick das Trifolium. Nach orientalischem Brauch grüßte er mit über der

Brust verschränkten Armen jeden einzelnen mit dem Friedensgruß seines

Gottes. Dann blieb sein Auge an Ximenes hangen. „Gott schenke dir,

hochwürdigster Faki der Christen, manches Jahr und mache dein Haupt

weise und dein Auge sehend. Friede von ihm, der des Propheten Lehre

erhob über die Welt!“

Ximenes dankte freundlich. Dann hieß er den Gast sich setzen, dessen

blütenreiche Sprache ihm nicht behagte. „Verzeiht, daß wir Euer Alter

bemühten --“

Abu Atir lächelte, daß die unversehrten Zähne leuchteten. Er wußte,

daß man seine Gedanken durchsieben mußte, wenn man mit Ximenes

sprechen wollte. „Es ist das Schicksal vieler Menschen, alt zu werden.

Glücklich, wer mit vergilbtem Gesicht die Sterbesure sprechen hören

kann. Es liegt an dem Menschen, das Alter würdig zu ertragen.“

„Ein gottgefällig Wort,“ sagte Ximenes. „Ihr seid erst kurz hier?“

„Und habe doch Schweres hier erlebt. Soeben sah ich Weiber um ihre

Männer weinen. Bi nefsi! Ihr wißt den Glauben in den Leibern der

Menschen festzunageln.“

„Damit die Seelen folgen können,“ antwortete der Primas gelassen.

Ein Druck seiner großen Wimpern schloß die Augen des Imams. „Nur meine

ich, daß der Mann, der den Glauben in die +Herzen+ knetet, größer

zu nennen ist. Eine Frage: Ihr seid zufrieden mit den neuen Christen?“

„Sie lieben uns noch nicht,“ gestand der Erzbischof freimütig.

„Ihr guten Herren, denen Gott das Licht friedvoller Weisheit schenken

möge, warum macht ihr es den neuen Christen so schwer, euch zu lieben?“

Ximenes wulstete die Lippen. „Wir legen alles, was die Kirche zu

bieten hat, in das Herz der Bekehrten, aber sie schielen trotz aller

Gnadengeschenke des Himmels doch wieder zurück nach der Moschee, aus

der wir sie errettet glaubten.“

„Ihr sagt: errettet? So waren sie darin in Gefahr?“ Der fragende Blick

des Imams war klar wie aus dem Urgrund seiner Seele. „Ich denke, im

alten Glauben hatten sie nichts zu fürchten. Die Furcht lernten sie

erst bei euch. Es war die gemeine Furcht der Seele vor dem Straucheln.

Das überfiel sie nicht im Palmenhain unsrer Moschee. Und Ihr sagt:

gerettet?“

Ximenes’ Feder spielte unaufhörlich auf dem Papier. „Wir retteten sie,

meine ich, aus einem Irrtum. Verzeiht abermals, aber Euer Glaube ist

der Irrtum.“

„Häuft keinen Zorn auf mich, ich meine, es irrt nur einer nicht:

der die Gewalt hat über die Schale eines Granatapfels und über

Sternenbahnen. Und wenn wir Irrende an das glauben, was uns seit Jugend

an selig gemacht, so laß uns in diesem Glauben, den du Irrtum nennst.

Wir lassen ja auch den deinen unberührt.“

„Doch war’s nicht immer so.“ Der Primas lächelte überlegen. „Es liegen

jahrhundertelange Kämpfe hinter Spaniens Gegenwart. Sie erzählen von

erschlagenen Christen.“

„Und von erschlagnen Mauren,“ unterbrach ihn Abu Atir vorsichtig. „Ja,

es waren arge Waffen, mit denen in Andalus gekämpft wurde. Doch nun

sollte die Vernunft das Schwert ziehen. Laßt uns groß kämpfen.“

Ximenes murmelte vor sich hin: ~Tu sic his sis, aliter senitas!~

An meiner Stelle würdest du anders denken! Dann sagte er laut: „Ihr

sprecht gelehrt.“

„Der Glaube ist größer als die Gelehrsamkeit. Sieh, es war vor

vierhundert Jahren ein Mann, der nannte sich Abu Ala, und dieser sagte:

‚Ich staune über die Christen, die glauben, daß Gott hilflos gemartert

wurde, ich staune über die Juden, die glauben, daß Gott am vergossenen

Blut Wohlgefallen habe, ich staune über die Mohammedaner, die auf

Kamelen weite Reisen machen, um einen schwarzen Stein zu küssen. Sie

sind blind für die Wahrheit. Und die Menschen teilen sich in zwei

Gruppen, die einen haben Verstand und keinen Glauben, und die andern

glauben und haben keinen Verstand.‘ So sprach Abu Ala. Ist der Mensch

beneidenswert? Mit all seiner Gelehrsamkeit?“

Ximenes lächelte vergnügt. „Ihr wißt hübsche Dinge zu reden, Imam. Und

deshalb nenne ich dich doch einen gelehrten Mann.“

„Mohammed nannte die Gelehrten die Erben der Propheten.“

„Je nun, dubitat Augustinus. Mohammeds Koran strotzt von Widersprüchen,

denn er ist aus menschlicher Leidenschaft geboren und enthält

Menschensache. Zudem irrte Mohammed bequem. Er durchstöberte das

jüdische Gesetz und nahm sich daraus, was er für seine Sendung

brauchte. Seine klingenden Weisheiten von der Größe Gottes, sind sie

nicht dem fünften Buch Moses entnommen? ‚Es ist kein anderer Gott als

der Gott der Gerechten.‘“

„Wer sagt dir, Faki der Christen, daß diese Weisheit Mohammed allein

erfahren? Aber hinausgeschrien hat er sie in die Welt. Erkennen, was

ist, und sein Erkennen den andern Brüdern sagen. Das hat dein Isa auch

getan. Und wir ehren ihn als Propheten. Laß darüber den Hader begraben

sein. Und hätte ich das Leben von sieben Geiern, wie es dem weisen

Lokman beschieden war, ich könnte nicht anders sagen als: Gott ist groß

und einzig und Mohammed ist sein Prophet.“

„Ihr haltet also von unserm Glauben nicht viel?“ forschte Ximenes mit

lauerndem Blick.

Der Imam strich sich bedächtig den Schneebart, und es war, als wöge

er die Gedanken in seinem Hirn. „Du willst mir in die Seele schauen,

Hochpriester. So blättere ich sie dir freundlich auf wie ein Buch.

Dein Glaube ist schön. Nur haben ihn deine Priester, meine ich, mit

Lehrmeinungen entstellt, die sich mit Gottes Offenbarungen, wie sie

unserm Propheten zuteil wurden, nicht vereinbaren lassen. Die Vernunft,

der engen Schranke des Glaubens entronnen, richtet Unheil an. Doch das

wäre zu ertragen. Nur eines -- verzeih, Gesegneter des Herrn --, mich

dünkt, Ihr haltet nicht viel von Eurem Glauben, Ihr glaubt ihn schwach.“

„Imam -- wie kommt Ihr auf den Gedanken?“ fragte betroffen der Primas.

„Wäre er nicht schwach, wozu dann die Stützen des Dogmas und der

Inquisition?“

Ximenes schwieg einen Augenblick bestürzt. Dann gab er sich eine äußere

Gelassenheit. „Der Glaube ist nicht schwach, aber die Menschen sind es

und sie bedürfen der Stütze.“

„Ehrwürdiger Mann, dem Gott Teppiche unter die Füße und ein warm Kissen

für sein Haupt geben möge, fahre nicht im Zorn auf, der Gott beleidigen

würde, wenn ich dich frage: Die Menschen stützest du mit Dogma und

Inquisition? Und antworte mir sanft wie eine Taube: Sind diese Stützen

nicht eher Peitschen als Säulen?“

Der Erzbischof fühlte eine unbehagliche Hitze über sein Herz fließen.

„Ei, danket Gott, daß Ihr nicht Katholik seid, Maure. Ihr denkt zuviel.

Und mich soll es nicht wundern, wenn Ihr bald ganz im Unglauben

erstickt.“

„Sie nennen mich Al-Abdallah, den Diener Gottes. Ich glaube Gott, ohne

ihn zu sehen. Aber ich kann nicht an deine Worte glauben, wiewohl ich

sie höre. Klage mich nicht an, denn sonst müßtest du auch die Wolken

anklagen, weil auch sie nicht bestätigen, was du sagst, sie gehen

unbekümmert ihren Weg, ob du sie schiltst oder lobst. Warum läßt du

Wolken ziehen und Menschen nicht? Nur weil du die Macht über sie nicht

hast. Und siehst du, deine Kirche ist doch nur ein Wort, mit dem du

Unfaßbares fassen willst.“

„Und die deine nicht?“ rief Ximenes mit triumphierendem Auge.

„Gewiß. Aber dann frage ich dich: Warum bekämpfst du uns statt uns die

Hände zu reichen? Nur weil wir es mit dem Propheten halten? Du hältst

es eben mit einem andern Propheten, dem Isa.“

„Das ist nicht Glaube mehr,“ sagte Ximenes verärgert. „Das ist

philosophische Klügelei, wie sie eure Gelehrten großziehen.“

„Wer die Wissenschaft lehrt, hat Ehrfurcht vor Gott, dessen Name die

Geister besingen. Wer in der Wissenschaft streitet, kämpft heilig.

Die Wissenschaft ist der Leuchtturm zum Paradies, der Gefährte in der

Fremde, die Rüstung wider den Feind. Engel berühren die Gelehrten

mit den Flügeln, und durch die Wissenschaft steigt der Diener Gottes

die Stufen zur Güte hinauf. Das Wissen ist der größte Imam. Wer die

Wissenschaft lehrt, dem ist besser als wenn er den Berg Abu Kobeis aus

Gold besäße. Abderrhaman ließ für einen Gelehrten, der aus Fes kam,

dreißig Paläste auf dem Weg vom Meer nach Cordoba bauen. Das Kleid

des Wissens ist aus menschlicher Erfahrung und aus der Furcht Gottes

zusammengesetzt, sagt Abdallah Ben Mesud, und das Schwert der Zunge

soll immer siegen über die Zunge des Schwertes. Aber wem sage ich das?

Sitzt nicht einer vor mir aus dem Reich des Geistes? Möge dir Gott

stets weise Gedanken geben und dich mit ewigem Priestertum belehnen.“

Ximenes mußte Atem schöpfen. „Eure Gedanken stehen auf falschem Grund.

Den wahren Gott habt Ihr mit Eurer Wissenschaft nicht erkannt.“ Seine

Augen blickten den Mohammedaner überlegen an.

„Wer wollte ihn erkennen? Gott ist die Zahl Eins und die Zahl

Unendlich. Summiere sie oder ziehe eine von der andern ab, es bleibt

immer Gott übrig. Aber heißt das, ihn schon erkannt zu haben? Und doch

bleibt uns nichts übrig als uns im Stirnenschweiß um ihn zu bemühen.

Laß mich denn glauben an das heilige Gesetz und an den Propheten.“

„Das sollt Ihr sicherlich,“ antwortete Ximenes überaus freundlich.

„Doch eines -- eines müßt ihr uns doch zugestehen: Unter der

erkaltenden Glut eures Glaubens werdet ihr nie mehr die Erde erobern.

Wir bleiben Sieger.“

„Vielleicht nicht die Erde, aber uns selbst. Das ist mehr. O weiser

christlicher Scheich! Wir suchen doch in unsern Gebeten denselben Gott,

den ihr sucht, und deshalb willst du uns knechten? Nur weil wir den

gemeinsamen Gott mit andern Augen ansehen? Mit unsern, unsern Augen?

Ja -- und euer Siegerrecht, ist es nicht versiegelt im königlichen

Vertrag? Der Herr der Könige erhalte das Leben des weisesten der

Erdenfürsten -- dürfen wir nicht unsere Moscheen und Medrisets

behalten? Haben wir nicht unsere Kadis, die der Herr mit Verstand und

Einsicht segnen möge? Und ist uns nicht -- der Allmächtige stärke das

Königsleben dafür! -- Sprache, Sitte und Tracht verbürgt für immer? Das

soll nicht versiegelt sein von der Treue des Siegers?“

„Es ist -- aber es ist nicht versiegelt, daß wir euch die Stützen

des Glaubens, der ein Irrglauben ist, unversehrt lassen müssen. Eure

Moscheen behaltet, nur bauen wir unsere Altäre in sie hinein --“

Der Imam streckte sich. Seine Hand zitterte auf dem Knotenstock.

„Das -- das willst du -- vor deinem Gott verantworten, christlicher

Scheich?“ Er erschauerte vor dem weiten Gewissen des Seelenhirten.

Wie von Staub erstickt kam es aus seinem Munde: „Glaubensrecht --

Sittenrecht, Urteilsrecht -- alles papierne Dinge -- und Eure Taten

sollten das Papier zerreißen dürfen -- das Papier in der königlichen

Truhe? O Ihr meint es nicht ernst.“

„So muß ich dir, Imam, weitere Proben dieses Ernstes geben. Auch die

geistige Quelle eures Irrglaubens muß verstopft werden.“

„Irrglauben! Irrglauben! Ich sage dir schon: Auch du irrst! Wir alle

irren. Wenn der Beduine in der Wüste zieht, wenn Sonnenglut und

Sand sein Auge blenden, dann zweifelt er oft an der Richtigkeit des

Karawanenwegs, aber der Irrende vertraut dem ewigen Lenker aller

Karawanen, bis ihm die Oase lächelt. Die Oase ist Gott, wir irren und

finden doch zu ihm, nur jeder auf seine Weise. Der Irrtum dauert nun

schon an die tausend Jahre, und wir sollen nun Erkenner der Wahrheit

heißen, weil ein Christ es will? Ist dein Wille Gott? Er ist eine

Anmaßung.“

„Imam!“ Der Gleichmut des Kirchenfürsten begann zu wanken. „Du

verkennst Gottes Offenbarung sehr. Wir müssen für unsern Glauben

kämpfen.“

„So hast du Angst, ihn zu verlieren? Der wahre Glaube beharrt und läßt

andere beharren. Was Irrtum ist, fällt nicht durch Kampf, sondern durch

eigene Erkenntnis ab. Aber der Bach wächst zum Strom aus, ich sehe es.

Zuerst war bei euch ein Kinderglaube da, dann ein wirklicher Glaube,

dann ein Kämpfen für den Glauben und endlich ein Morden für ihn. Was

soll noch werden? Hast du mich noch etwas zu fragen?“

„Aus Euch spricht ein arger Kläger. Aber des Übels Urgrund liegt in

euren Büchern.“

„Unsre Bücher?“ Die Augen des Alten leuchteten wie brennende Fackeln.

„Sie können Freunde des Menschen werden,“ sagte Ximenes, „aber auch

seine gefährlichsten Verderber, denn sie führen wie böse Geister in

Zweifel und Irre. Nur ein sorgsam wachender Geist vermag ihre Güte und

ihre Schädlichkeit zu unterscheiden. Wo die Quelle trüb rinnt, muß sie

verstopft werden, sonst verseucht sie das gesunde Wasser. Ihr müßt uns

erlauben, Spreu und Weizen zu sondern.“

Abu Atir griff sich an die Stirn. „Du, den Gott mit Balsam behandeln

möge -- ich verstehe dich nicht recht --, du willst --?“

„Euch aufhelfen aus eurem Irrglauben, euch liebevoll ans Herz ziehen

mit der Liebe Jesu, euch zu demütigen Kindern Gottes machen, den euer

befangener Sinn noch nicht erkannt hat, und eure Weisheit gründen auf

die Dreieinigkeit Gottes.“

„Es ist nur ein Gott und nichts außer ihm!“ sprang der Feuerglaube aus

des Alten Brust, auf der sich die Hände falteten in ehrlichem Bekennen.

Und es war, als bliese aus seinem Antlitz die heilige Flamme des Korans

selbst. „Und wenn die Erde jetzt in ihren Festen erzitterte und die

Gestirne zu wogen anfingen: es ist nur ein Gott und nichts außer ihm.

Gepriesen sei die Kraft, die allen Propheten ward. Auch Isa war ein

Prophet, aber nicht Gottes Sohn, denn Gott hat keinen Sohn gezeugt,

und Isa selbst hat gesagt: niemand ist gut als der einzige Gott! Der

einzige Gott! Isa hat wie Mohammed dem Juden gegeben, was des Juden

war, und sich genommen, was Gutes bei ihnen war. Seine Botschaft war

Licht und Freude und Bestätigung der Thora in vielem. Er hat den alten

Gott neu geschaut, wie Mohammed ihn neu geschaut hat, sie waren beide

groß, aber der Prophet von Mekka hat sich nicht Sohn Gottes genannt,

sondern nur Diener, und war so demütig wie Isa, und hat sich nicht in

eine bleiche Hostie einschließen lassen, dünn wie Frauenflor, sondern

war und hat nur sein wollen der Knecht Gottes. Wir können Gott kein

andres Wesen zugesellen, also sagt es der Prophet.“

„Und es steht in euern Büchern und ihr schwört darauf. Aber eure Bücher

sind Trug. Euer Koran ist das ungeordnete Buch eines Schwärmers. Was

sein anmaßender Geist an schönen Gedanken ergriffen, hat er wahllos

aufs Papier werfen lassen und hat es dann Geist Gottes genannt. Habt

ihr Bürgen für die Echtheit?“

„Dieselbe Reinheit des Herzens, die deine Apostel drängte, das Wort

Isas niederzuschreiben.“

„Ihr greift nach hohen Worten, Imam. Wir wollen sehen, was eure Bücher

enthalten.“

„Unsre Bücher!“ Das verwitterte Bronzegesicht, von den Runen des Wehs

gezeichnet, glühte im Wiederscheine des innern Aufruhrs. „Unsere Bücher

müßt Ihr uns lassen, denn sonst --“

„Sonst?“ fragte verwundert der Primas.

Der Greis atmete schwer. „Man soll die Zunge lang einkerkern, bevor man

sie durch ein Wort befreit. Aber es muß gesagt werden. Cordoba fiel,

Sevilla fiel, Granada fiel -- aber die Mauren leben noch.“ Es klang wie

eine Mahnung an das Gewissen des Bedrängers. Und es war, als sähe der

Alte in eine weit entfernte Jugend zurück, die von Christenkämpfen und

Blutfreude erklang.

Ximenes hatte einen Herzschlag lang Ehrfurcht vor der Glaubens- und

Volksliebe dieses Menschen. Aber bald erdrückte der eigene heiße

Glaubensdrang das Gefühl. „Ihr pocht auf eine Stärke, die nicht mehr

ist, Imam.“

„Und du auf eine, mit der du deinem Herrn ins Gesicht schlägst.“

„Der heilige Dienst in seiner Wahrheit fordert, daß ich allen Menschen

seine Wahrheit künde. Ich öffne euch die Augen und euch schmerzt noch

das hehre Sonnenlicht.“

„Du willst Augen öffnen und brichst dabei Herzen, fremder Scheich.“

„Zum Ende!“ Ximenes raffte die Papiere auf dem Tisch zusammen.

„Aber nicht zu einem, das Menschen mordet,“ flehte der Imam mit nassen

Augen. „Gott gebe dir Geduld zu hören, was unser Herz leidet, und es

wird darüber weich werden wie flüssiger Honig und wird erfüllt werden

mit dem Wohllaut des Singvogels.“

„Am kommenden Tag des Herrn sollen alle eure Bücher aus den Häusern

der Mauren auf die Bibarrambla geschafft werden zur Prüfung durch

christliche Hüter. Vergeßt nicht Koran, Sunna, Überlieferungen.“

Der Imam bebte an allen Gliedern. „Der Kadi des Lebens, der über Wolken

richtet zu seiner Zeit, wird es nicht zulassen. O du Wesen mit den

tausend Barmherzigkeiten, habe ich dich verloren aus meinen Sinnen? Hat

mir Christenhaß deinen Namen verdunkelt? Primas von Spanien, wer gibt

dir diese Macht über uns?“

Da erhob sich Ximenes mit dem Gewicht seines Kraftbewußtseins. „Die

Kirche,“ sagte er gewaltig und seine Faust stieß dumpf auf den Tisch.

„Unseliges Gefäß, in das du den Gottesinhalt füllest! Darin hast

du dich übernommen. Denk an mich! Gott beschütze das Siegel deiner

Weissagung, doch ich glaube nicht daran.“ Mit zitternden Knien, ein

Stoßgebet murmelnd, tastete sich Abu Atir nach der Schwelle, wo ihn

zwei junge Mauren empfingen, die ihn aus dem Palast geleiteten.

Die Priester sahen einander an. Der nüchterne Denker Ximenes fand

sich als erster zurecht. „Ich werde die Richtlinien bestimmen, nach

welchen die Bücher beurteilt werden sollen. Der Gobernador wird ein

großes Aufgebot an Waffen beistellen. Du, Bruder Leon, ernennst die

geistlichen Kommissare und sorgst für die Holzscheite. Vorher soll das

Glaubensedikt in allen Kirchen verlesen werden, damit die Moriskos,

eingeschüchtert durch das mahnende Wort, die Schwächen ihrer Brüder und

Schwestern leichter angeben können. Jede gewonnene Seele lobt unser

Werk vor dem Allmächtigen. Macht die Sache feierlich und mit Betonung

des großen Zweckes: ~Ad majorem Dei gloriam~.“

„Man wird uns freilich darüber noch mehr hassen,“ sagte Pater Leon mit

gesättigter Glaubensfreude.

„Mögen sie hassen, wenn sie nur fürchten,“ erwiderte Ximenes gelassen.

„Der Kaiser Tiberius wußte dieses Gefühl zu schätzen. Wir wollen es

auskosten.“ Er schob seinen magern Leib an den Brüdern vorbei. Der

Lichtschein umflackerte seine Gestalt. Seine Gedanken gerieten in

heftige Bewegung. Schießpulver für den Dienst des Herrn gleicht dem

Weihrauch, und sein Geruch ist süßer als Ambra, lächelte er in sich

hinein.

Granada in Flammen · 第 74 / 190 题