Talavera verneinte. „Er muß wohl erst seit kurzem hier sein.“

Ximenes lächelte überlegen. „Muß man erst aus Toledo kommen, um seine

Vögel aufzustöbern? Man sagt, der Mann sei gelehrt. Bei solchen Leuten

müssen wir die Schaufel ansetzen. Im übrigen --“ Ximenes schien

ablenken zu wollen -- „die Moscheen müssen fallen.“

Talavera fühlte den Schlag niedersausen. „Bruder in Christo, überlegt

es wohl,“ zitterte seine heisre Greisenstimme.

Der Kanzler legte sich breit in den Stuhl zurück. „Ich treibe nicht

im uferlosen Meer des Glaubens, kenne nicht Sturm und Wellen auf der

Meerfahrt, denn meine Ufer heißen Glauben und Gott. Klar und getreu ist

meines Gebetes Inhalt: Glaubensverbreitung, wo Menschen atmen. Diese

Mauren sind ein leicht erregbares Volk, aber gerade darum für unsern

Glauben leicht zu gewinnen.“

„Da sprecht Ihr wahr,“ sagte Talavera froh darüber, daß er mit Ximenes

eines Sinnes sein konnte. „Und sie sind auch ein gutes Volk, darum auch

für die Güte empfänglich. Habt nur Geduld. Mit ihr könnt Ihr Kiesel in

Rubine verwandeln. Gelingt es heute nicht, gelingt es morgen. Schont

sie nach Möglichkeit und laßt ihnen die Moscheen.“

Der Primas furchte die Stirn. „Die Worte würden einem heiligen

Chrysologus Ehre machen. Doch es gibt Zeiten, wo Christus mit der

Geißel mehr notwendig ist als der sanfte Heiland, der Magdalenentränen

kühlt. Nicht wahr, Leon?“

Der Dominikaner nickte. Seine Lippen waren hochmütig verzogen. „Man

darf die Mauren nicht immer mit Rosinen füttern wollen, die sie so sehr

lieben.“

„Leon!“ warnte der Duldergeist Talaveras. „Eure Jugend kann in den

Mitteln irren.“

Ximenes legte dem greisen Gottesmann wohlwollend die Hand auf die

Schulter. „Verzeiht, Bruder in Christo, hier irrt einmal die Jugend

nicht. Entreißt man den Mauren die Glaubensstätte, dann hängt der

Glaube in der Luft. Ich habe Befehle gegeben, daß man die Kadis und

Imams davon verständigt, sie mögen den Koran in den +Häusern+

lesen.“

„Das verstößt gegen den Königsvertrag,“ entsetzte sich der Erzbischof.

„Der Eifer macht Euch Ehre, doch es geht um größere Dinge. Und

Verträge? Nehmt die Verträge, seit die Welt besteht -- ist auch ein

einziger noch zu Recht bestehend? Die katholischen Könige haben den

Mauren das Recht ihres Glaubens belassen, ihrer Sitte, ihrer Sprache,

ihrer eigenen Richter, mehr nicht. Es steht nicht geschrieben, daß wir

nicht in ihren Moscheen Gottesdienste halten könnten. Haben sie nicht

dazu ihre Hausmoscheen? Aber ihre Bücher sind Irrwerke. Es steht nicht

geschrieben, daß wir sie ihnen belassen müssen, und wir werden es

bedenken.“

Talavera zitterte am ganzen Leib. „Das -- wollt Ihr -- vor Gott

verantworten?“

„Seiner Ehrwürden scheint nicht wohl zu sein. Ich bitte Euch, Brüder,

führt ihn auf sein Zimmer, stärkt ihn und sorgt für Ruhe und frische

Luft. Es ist zu dumpfig hier.“

„O mir ist wohl,“ bebte Talavera. „Aber dieses fürchterliche Geschäft

--“ Er hob bittend die Hände auf. „Laßt ihnen Zeit -- o wie spät

bekehrte sich eine heilige Margareta, ein Augustinus, ein Saulus, ein

Simon. Und waren doch alle einst verlorene Schafe.“

„Genug davon.“ Ximenes stand mit kühl abweisender Gebärde auf. „Ich

höre Euch, wenn Ihr frischer im Gemüt seid.“

Tränenden Auges wankte der Hirte der Granadiner an den Armen seiner

Mönche davon. Abgetan! wimmerte es in seiner Seele.

Der Primas war erregt. Seine Nasenflügel flatterten, die Stirn war

bleich, die Adern darauf formten sich zu Wülsten. „Welch ein Aufruhr

in diesem einfältigen Gemüt! Behüte diesen Greis, Leon, und laß die

Achtung, die die Mauren vor ihm haben, nicht zu einer Woge werden, die

uns alle hinwegschwemmt. Du verstehst mich.“

Der Dominikaner nickte demütig.

„Sind die Listen aller Elches, der Renegaten, angelegt? Gut. Das

Königspaar ist abgereist, wir haben freie Hand.“ Ximenes besah die

Namen. „So viele Familienväter! Und nur um der Geschäfte willen

mohammedanisch geworden! Sie sollen es an den Kindern büßen. Die Listen

werden den Walis gegeben, sie sollen die Kinder der Elches ausheben und

den Pfarrern ausliefern zur christlichen Belehrung und Erziehung. Wer

sich widersetzt, dem droht Ihr mit Gefängnis. Laßt dabei die Glocken

läuten, damit die Erlösungstat feierlicher an die Herzen rühre. Du

lächelst, Bruder Leon?“

„Talavera hat die Mauren mit Geläute verwöhnt, Hochwürdigster. Es wird

nicht mehr viel Eindruck machen. Sie nennen den Erzbischof ihren Faki

campanero, den Glockenpriester.“

„So sollen sie stärkere Glocken zu hören bekommen,“ sagte Ximenes kalt.

„Der edle Zegri soll die Kinder der Elches in einer Schule sammeln

lassen. Salzedo, mein Hausmeister, soll mit Soldaten der Hermandad die

bezeichneten Häuser abgehen, und zwei Dominikaner fordern die Übergabe

der Kinder bis zum Alter von siebzehn Jahren. Eine Mutter, ihres Kindes

beraubt, wählt nicht lange. Dann nehmt die Taufe vor. Diese Kinder

sind Gottes und kehren nur zu Gott zurück. Die Pfarrer sollen die

Kinder sonntäglich am Abend versammeln und mit ihnen den englischen

Gruß beten. Sorgt, daß sie sich ordentlich bekreuzen. Dann aber --“

seine Stimme wurde warm -- „dann harret deiner ein Größeres. ~Suum

cuique!~ Der Großinquisitor Deza hat dich zum Hilfsinquisitor für

Granada ernannt.“

Granada in Flammen · 第 72 / 190 题