Die Mauren flüchten vor ihm. Einer zeigt in die Gasse, die nach dem
Albaycin ihr Loch öffnet. „Nashun! Nashun! Ein Unglück!“ geht es von
Mund zu Mund.
Ein Maure drängt sich aus dem Knäuel von Leibern, hinter welchem ledige
Pferde am Zügel gehalten werden. „Ein Mädchen stürzte vom Pferde, Sidi.“
„Wenn es nicht mehr ist!“ Der Graf will weiterreiten. Da öffnet sich
der Kreis der neugierigen Menschen, und der königliche Hauptmann sieht
ein reichgekleidetes Mädchen in der Maurentracht am Boden liegen,
daneben kniet ein bibelhaft ehrwürdiger Greis mit Samaritergebärden,
Männer und Frauen in Neugier zusammengeklumpt.
Eine Maurin! schießt der Haß durch des Grafen Gemüt. „Macht Platz!“
fordert er. Und er sieht nun das Weib näher an. Mit vorsichtiger Hand
zieht eben der Greis den Schleier von dem Gesicht, das bleich mit
geschlossenen Augen auf dem Arm einer Dienerin liegt.
„Meine Charka, mein Liebling -- sag’, daß du lebst -- öffne die Augen
-- lebe, lebe! Allah akbar! Gott ist groß! Lebe, lebe, meine Reija!“
Die Angst bröckelt sich von den Lippen des Alten. Und neben ihm heult
eine Sklavin.
Der Graf sitzt regungslos im Sattel. Das Gejammer rührt ihn nicht.
„Warum mußtet Ihr gerade jetzt ausreiten, da die Prozession geht?“
fragt Don Pedro de Solar. Wenn es nach mir ginge, denkt er hinzu, diese
Mauren müßten büschelweise ihre Haare lassen. Aber dabei wendet er
keinen Blick von dem braunbleichen Gesicht am Boden.
Der Greis deckt den Schleier sorgsam über die Wangen des Mädchens. Und
im nächsten Augenblick horcht sein Ohr an der Brust der Ohnmächtigen.
„Sie lebt!“ Es reißt seinen Oberleib auf, Freude strahlt in seinen
Augen. Sie lebt! Sie lebt! Die Burnusse fliegen hin und her.
„Wer ist der Greis?“ fragt Mora einen Mauren.
„Er gibt uns das Brot des Himmels, legt den Koran aus -- Abu Osmin Ben
Atir -- oh, daß du das nicht weißt, Sidi.“ Die Umstehenden schauen
verwundert. Nein, daß er so was nicht weiß!
Don Pedro de Solar wendet sein Pferd. Das also ist der Imam! Der
Glaubensnährer der Irrgläubigen! Und das junge Mädchen -- ein
Enkelkind? Eine Favoritin? Der Graf drängt sein Roß zur Prozession
zurück. Seine Gedanken versuchen sich in die Gesänge der Mönche
einzuweben. Aber der sonderbare Greis will ihm nicht aus dem Kopf.
Und das Mädchen --? Was kümmert ihn das alles? Er ruft seinen
Lieblingsheiligen, den Mann von Assisi, an. Gebetsbrocken fliegen von
seinen Lippen.
Langsam steigt der Zug die Gomeresgasse zur Alhambra hinauf. Hinter
Berberfeigen und Kaktushecken öffnet sich jetzt der Blick nach dem
Albaycin. Der Graf hält das Pferd an und blickt in das blendende
Häusergewirr der Terrassenstadt hinab. Gleich darauf setzt er mit einem
kräftigen Schenkeldruck das Roß wieder in Gang. Und dann versucht
er aus dem Gassenzickzack die Stelle herauszufinden, wo das Unglück
geschah. Ob sie wohl noch daliegt? huschte es durch die Gebete an den
Blumenheiligen. Welch ein Glück, einmal das unverhüllte Antlitz einer
Maurin -- pah! Sein Pferd bäumt sich unter dem Druck des Stachelsporns.
Dieser wilde Hauptmann stört die Weihe der Prozession. Selbst das
blumengeschmückte Bild der Jungfrau schwankt in der Luft hin und her,
als litte es an der Unruhe des Reiters in seiner Nähe.
Vor dem Tor der Gerechtigkeit empfing Ximenes das Bild mit dem
Allerheiligsten. Alle Glocken läuteten. Die Menge sank aufs Knie.
Des Grafen Gedanken lagen nicht unter dem Segen des Primas. Er spielte
mit dem Namen Agarenos, mit dem der Spanier die Mauren als Nachkommen
der Hagar bezeichnete. Ob wohl Hagar auch so schön --
Die Ministrantenglöcklein bimmelten. Die Leute erhoben sich. Don
Pedro de Solar hatte noch immer die Degenspitze zur Huldigung gesenkt.
Erst der Krach aus der Donnerbüchse auf dem Velaturm ließ ihn
zusammenschrecken.
Die feierliche Besitznahme des Wunderbildes war zu Ende. Der Graf
entließ seine Reiter und schritt in seine Behausung in der Torre de las
Damas in der Alhambra. Hier empfing ihn sein Lieblingsdiener Chispazo,
ein aufgeweckter Dörfler aus der Vega, und dieser schnallte ihm die
Rüstung ab.
Die harte Natur des Grafen paßte wenig in die Weichheit des kühlen
Raumes, der sich mit seinen Ajimezesfenstern gegen die grüne
Gartenpracht des Generalifes, des Lustschlosses der maurischen
Könige, und auf den Albaycin öffnete. Die flimmernden Stuckornamente
zauberten wollüstige Stimmungen hervor, die zu dem Weiberfeind im
grellen Gegensatz standen. Don Pedro de Solar wußte mit diesem Sinn
für schillernde Farben, verschlungene Linien und geometrische Figuren,
mit dieser Anhäufung von Bogen über Bogen, mit diesen spielerischen
Säulchenfenstern aus Jaspis und Marmor nichts Rechtes anzufangen. Ja,
er haßte diese üppig wuchernde Phantasie, die Männer umgeworfen und
ein ganzes Reich zerstört hatte. Der Mauren Geist unterwarf sich den
Sinnen, meinte er, und was diese wollten, gestaltete jener. Ihr Trumpf
war Genußsteigerung auf allen Gebieten der Lebensfreude, trotzdem
Mohammed seinen Jüngern Mäßigkeit und allerlei Verbote gegeben hatte.
Das Volk nahm von seiner Religion das, was ihm bequem war, und die
Kalifen waren die Vorbeter dieser Bequemlichkeit.
Der Graf ließ sich den Schweiß vom Leib reiben. Kühl wehte es von
den Mauern, während draußen die Sonne ihr Gold über Buschwerk und
südländische Gartenpracht warf. Das Generalife leuchtete mit seinem
Gemäuer wie Schnee aus der dunklen Zypressen- und Myrtenumrahmung. Der
Graf hatte kein Herz für den Gartentraum poetisch sinnender Emire, und
nur die Freude an Abenteuern steckte ihm vom Großvater her im Blut,
der einst auf maghrebischem Boden allerhand wilde Fahrten unternommen.
Das unverspottete Rittertum hatte es ihm angetan. Lanzenwerfen,
Armbrustschießen, Degenkreuzen, Rosse tummeln, Heilige beschützen --
das betrieb er mit der ernsten Seele des Kastiliers. Und solche Männer,
meinte er, brauchte das neue Land jenseits des Ozeans. Lieber heute als
morgen wollte er hinüber.