Achtes Kapitel

Der Großkanzler von Spanien, Erzbischof von Toledo, Ximenes de

Cisneros, Beichtvater der Königin, ritt, begleitet von einer

Quadrilla der heiligen Hermandad, durch die farbenschillernden

Soldatenspaliere nach der Alhambra. Christen und Mauren standen in

den Gassen dichtgedrängt und gafften nach dem hagern, kahlschädeligen

Franziskaner, den die Königin nach Granada gerufen hatte, um die

Bekehrung der Irrgläubigen schneller zu bewirken.

Die fanatisch streng gespannten Augen des Greises, von silberweißen

Brauen fein überbuscht, belauerten die Menge am Weg. Das längliche,

aszetisch magere Gesicht mit der vorgewölbten Oberlippe erwärmte kein

freundlicher Zug. Die gestreckte Nase hob die Schmalheit der Wangen,

und seine gedrückte Haltung auf dem Pferd gab seiner Erscheinung nichts

Vornehmes. Aber von der Stirn leuchtete das Zeichen des Geistes. In

klösterlicher Kasteiung erzogen, an Bußübungen gewöhnt, kannte er das

Wort Duldung nicht. Wie hätte er in seinem neuen Amt Mäßigung lernen

sollen?

Von psalmensingenden Mönchen empfangen, von den Granden mißtrauisch

betrachtet, von den Mauren mit finstern Blicken begrüßt, ritt er

durch die Menge. In der Alcaiceria empfing ihn Talavera, umgeben von

Moriskos, die sich wie Küchlein um ihn scharten.

Bei einer Basarwölbung stand Abu Atir mit den Beni Mossad. In ihren

blauen Milajets, den maurischen Überwürfen über den Burnussen,

schimmerten sie aus dem Gewoge wie festlich geschmückte Säulen. Des

Imams Auge verdunkelte sich.

„Er reitet daher wie Isa in Jerusalem, vom Hosianna seiner Jünger

begrüßt. Aber der Prophet Isa war die Mildheit, diese Augen sind Bilder

einer andern Seele. Gott, dessen Name Friede und Erbarmen ist, möge uns

Wege der Beredung zeigen.“

Im Myrtenhof schritt ihm das Königspaar entgegen. Es war ein großer

Augenblick. Drei unerbittliche Kämpfer für das Christentum standen

zwischen den ehernen Zeugen arabischer Religion, die in ihren

Koransprüchen denselben Gott lobte wie die Christen.

Aus dem Gefolge des Königs trat ein vornehmer Morisko aus dem

Edelgeschlecht der Zegri. Ximenes drückte ihm die Hand. „Ihr fühlt Euch

wohl in unserm Glauben?“

„Ich danke der Stunde, die mich ihn kennen ließ,“ sagte der stattliche

Maure.

„Wer bekehrte Euch?“

„Der Vikar Pater Leon. Es ist wahr, sein Wort war hart. Wenn Eure

Ehrwürdigkeit mehr solcher Löwen auf die Mauren loslassen würde, sie

würden sich bald besinnen. Ich wehrte mich zuerst wie die andern. Aber

eines Nachts stieg Gott selbst im Traum zu mir herab und hielt mir den

Gekreuzigten vor die Lippen. Da wußte ich, in wessen Hut ich stand.

Und ich ging zum großen Kapitän Gonsalvo, und der sah mir ins Auge und

sprach: ‚Christ!‘ Und mir traten die Tränen in die Augen.“

Fernando lächelte in sich hinein. Er wußte, daß dieser Heuchler mit

schwerem Gold für das Christentum gewonnen worden war, um andere mit

sich zu ziehen.

Ximenes aber sprach so mild er konnte: „Sorgt für das Fortblühen der

Lehre durch die Erweckung neuer Freunde des Herrn.“

Die Königin führte den Primas in den Saal der Gerechtigkeit,

der den Löwenhof wie eine Grotte abschloß, von deren Decke die

Tropfsteingebilde nach wunderbaren Gesetzen herabhingen. Ein

Farbengewoge umgab den Hohenpriester. Aus den hellerleuchteten

Seitenhallen brach das Flimmern der Azulejos, der bemalten

Stuckornamente und der Bogennischen unter den kunstvoll verschlungenen

Pflanzenmustern. Der Blick konnte keine einzige Form ruhevoll genießen,

überall überfiel ihn sinnverwirrend die Üppigkeit der Phantasie in

dem reichen Strömen wechselnder Farben und Zeichnungen. Ximenes’

Aszetengeist fühlte sich unbehaglich in diesem Spiel beweglicher

Einbildungskräfte. In der Franziskanerzelle, in der Waldklause von

Castañar, wo Klostersuppe, Fasten, hartes Lager, ein Holzscheit unter

dem Kopf, die Geißel zur Seite, das härene Gewand am bloßen Leibe das

Um und Auf seines Lebens bildeten, hatte er nie die spielerische Kunst

maurischer Baumeister genießen können. War es nicht frevelhaft, mit dem

irdischen Prunk Gott preisen zu wollen? Mit Koransprüchen in Goldfarben

die Räume zu schmücken, in denen die Sünden der genußsüchtigen Kalifen

ihre Hekatomben dem Satan opferten? Wo blieb inmitten wirbelnder Sinne

der Sinn? Diese Religion war des Staubes wert, in den sie langsam

zerfiel.

Das Gefolge wurde verabschiedet. Das Königspaar saß unter den seltsamen

Bildern, die Zeugnis davon gaben, daß sich die Kalifen um Mohammeds

Bilderverbot ebensowenig zu kümmern schienen wie um das Weinverbot.

Skrupellos übersprangen sie die eigene Lehre.

Ximenes setzte sich auf den Hochsitz an einem der Bogen. Er war mit den

Königen allein.

Fernando war verstimmt. Er dachte an die mißlungene Verkupplung seiner

geliebten Leonore.

Isabella aber lächelte. Ihr strenger Sinn stand unter dem Einfluß

des Primas, von dem sie sich seelisch versorgt fühlte. Sein Wille

entzündete den ihren. Ximenes beherrschte sie und den König durch

den Nimbus seiner göttlichen Berufenheit. Der König von Spanien hieß

eigentlich Ximenes de Cisneros. Der einfache Eremit von einst war nur

auf Bitten der Könige ein prunkvoll auftretender Kirchenfürst geworden,

der aber auch jetzt noch unter dem Ornat die Franziskanerkutte trug.

Ein Wehgefühl trübte seine väterliche Liebe zur Königin. Er hatte

erfahren, daß der Schmuck der reinen christlichen Abstammung im

Königshause seinen Glanz getrübt hatte. Pedro der Grausame, ein Ahn der

Königin Isabella, sollte ein jüdisches untergeschobenes Kind sein. Wer

sollte die Wahrheit des Gerüchtes noch jetzt ergründen können? Aber es

nagte an dem fanatischen Priesterherzen.

Die Königin wurde traurig, als sie jetzt von ihrem Mutterleid sprach.

Vor drei Jahren war ihre eigene Mutter gestorben, vor zwei Jahren der

einzige Sohn, vor einem Jahr die geliebte Tochter, und nun trauerte

sie um das schwankende Eheglück einer andern Tochter, die an einen

Habsburger Prinzen verheiratet war.

„Ihr seid stark geblieben im Leid,“ tröstete sie Ximenes. „Eure Taten

beweisen es. Spanien ist glücklich und steht im Mittagsstrahl seiner

Sonne. Und Ihr, mein König, seid Mitbegründer dieses Glücks, trotz

Eurer Feinde.“

Fernando verzog keine Miene. „Ich hatte Glück, drum schuf ich Glück.

Ich gestehe es, ich fürchte meines Feldherrn Gonsalvo allzu heftigen

Tatendrang. Wenn er eines Tages seine Kraft gegen seinen König

brauchte? Der Herzog von Najera, der Marques de Villena, sie hassen den

Aragonier in mir. Und gestern wagte es der Herzog von Osuna, die Mauren

zu verteidigen.“

Ximenes lächelte. „Der Adel ist besorgt um seine maurischen Bauern. Und

sie haben einen milden Anwalt in Talavera. Dieser meinte, maurische

Taten und christlicher Glaube erst könnten zusammen einen ganzen

Spanier ausmachen. Doch warum soll der Fleiß uns nicht erhalten

bleiben, wenn der Maure den Glauben wechselt?“ Er dämpfte die Stimme.

„Allein die Könige wissen, wir haben gegen Adel und Irrgläubige einen

trefflichen Helfer: die Inquisition. Versagt die Königskraft, bleibt

die der Kirche. Gebt uns Bewegungsfreiheit, daß die Bekehrung rascher

vor sich gehen könne. Vor allem aber: hat man den Staatsmann oder den

Mönch Ximenes hierher berufen?“

„Beides,“ sagte die Königin.

„Dann antworten Euch beide: das Joch der Mauren ist zu leicht.

Talavera, Graf Tendilla, Gonsalvo, sie alle sind zu nachgiebig. Wir

brauchen strenge Richter wie Leon. Noch stehen allzu viele Mauren

außerhalb unseres Glaubens.“

„Und die, die drinnen stehen, sind keine wahrhaftigen Christen. Ihr

könnt sie nicht dazu zwingen.“ Der König sprach entschieden, als wäre

daran nichts zu ändern.

„Könige können zwingen,“ widersprach der Kanzler.

Der königliche Widerstand schrumpfte unter der Wucht des Wortes

zusammen. Und die Königin beeilte sich zu sagen: „So geben wir Euch

Vollmacht. Ihr werdet sie nicht mißbrauchen.“

Granada in Flammen · 第 61 / 190 题