Der Großkanzler von Spanien, Erzbischof von Toledo, Ximenes de
Cisneros, Beichtvater der Königin, ritt, begleitet von einer
Quadrilla der heiligen Hermandad, durch die farbenschillernden
Soldatenspaliere nach der Alhambra. Christen und Mauren standen in
den Gassen dichtgedrängt und gafften nach dem hagern, kahlschädeligen
Franziskaner, den die Königin nach Granada gerufen hatte, um die
Bekehrung der Irrgläubigen schneller zu bewirken.
Die fanatisch streng gespannten Augen des Greises, von silberweißen
Brauen fein überbuscht, belauerten die Menge am Weg. Das längliche,
aszetisch magere Gesicht mit der vorgewölbten Oberlippe erwärmte kein
freundlicher Zug. Die gestreckte Nase hob die Schmalheit der Wangen,
und seine gedrückte Haltung auf dem Pferd gab seiner Erscheinung nichts
Vornehmes. Aber von der Stirn leuchtete das Zeichen des Geistes. In
klösterlicher Kasteiung erzogen, an Bußübungen gewöhnt, kannte er das
Wort Duldung nicht. Wie hätte er in seinem neuen Amt Mäßigung lernen
sollen?
Von psalmensingenden Mönchen empfangen, von den Granden mißtrauisch
betrachtet, von den Mauren mit finstern Blicken begrüßt, ritt er
durch die Menge. In der Alcaiceria empfing ihn Talavera, umgeben von
Moriskos, die sich wie Küchlein um ihn scharten.
Bei einer Basarwölbung stand Abu Atir mit den Beni Mossad. In ihren
blauen Milajets, den maurischen Überwürfen über den Burnussen,
schimmerten sie aus dem Gewoge wie festlich geschmückte Säulen. Des
Imams Auge verdunkelte sich.
„Er reitet daher wie Isa in Jerusalem, vom Hosianna seiner Jünger
begrüßt. Aber der Prophet Isa war die Mildheit, diese Augen sind Bilder
einer andern Seele. Gott, dessen Name Friede und Erbarmen ist, möge uns
Wege der Beredung zeigen.“
Im Myrtenhof schritt ihm das Königspaar entgegen. Es war ein großer
Augenblick. Drei unerbittliche Kämpfer für das Christentum standen
zwischen den ehernen Zeugen arabischer Religion, die in ihren
Koransprüchen denselben Gott lobte wie die Christen.
Aus dem Gefolge des Königs trat ein vornehmer Morisko aus dem
Edelgeschlecht der Zegri. Ximenes drückte ihm die Hand. „Ihr fühlt Euch
wohl in unserm Glauben?“
„Ich danke der Stunde, die mich ihn kennen ließ,“ sagte der stattliche
Maure.
„Wer bekehrte Euch?“
„Der Vikar Pater Leon. Es ist wahr, sein Wort war hart. Wenn Eure
Ehrwürdigkeit mehr solcher Löwen auf die Mauren loslassen würde, sie
würden sich bald besinnen. Ich wehrte mich zuerst wie die andern. Aber
eines Nachts stieg Gott selbst im Traum zu mir herab und hielt mir den
Gekreuzigten vor die Lippen. Da wußte ich, in wessen Hut ich stand.
Und ich ging zum großen Kapitän Gonsalvo, und der sah mir ins Auge und
sprach: ‚Christ!‘ Und mir traten die Tränen in die Augen.“
Fernando lächelte in sich hinein. Er wußte, daß dieser Heuchler mit
schwerem Gold für das Christentum gewonnen worden war, um andere mit
sich zu ziehen.
Ximenes aber sprach so mild er konnte: „Sorgt für das Fortblühen der
Lehre durch die Erweckung neuer Freunde des Herrn.“
Die Königin führte den Primas in den Saal der Gerechtigkeit,
der den Löwenhof wie eine Grotte abschloß, von deren Decke die
Tropfsteingebilde nach wunderbaren Gesetzen herabhingen. Ein
Farbengewoge umgab den Hohenpriester. Aus den hellerleuchteten
Seitenhallen brach das Flimmern der Azulejos, der bemalten
Stuckornamente und der Bogennischen unter den kunstvoll verschlungenen
Pflanzenmustern. Der Blick konnte keine einzige Form ruhevoll genießen,
überall überfiel ihn sinnverwirrend die Üppigkeit der Phantasie in
dem reichen Strömen wechselnder Farben und Zeichnungen. Ximenes’
Aszetengeist fühlte sich unbehaglich in diesem Spiel beweglicher
Einbildungskräfte. In der Franziskanerzelle, in der Waldklause von
Castañar, wo Klostersuppe, Fasten, hartes Lager, ein Holzscheit unter
dem Kopf, die Geißel zur Seite, das härene Gewand am bloßen Leibe das
Um und Auf seines Lebens bildeten, hatte er nie die spielerische Kunst
maurischer Baumeister genießen können. War es nicht frevelhaft, mit dem
irdischen Prunk Gott preisen zu wollen? Mit Koransprüchen in Goldfarben
die Räume zu schmücken, in denen die Sünden der genußsüchtigen Kalifen
ihre Hekatomben dem Satan opferten? Wo blieb inmitten wirbelnder Sinne
der Sinn? Diese Religion war des Staubes wert, in den sie langsam
zerfiel.
Das Gefolge wurde verabschiedet. Das Königspaar saß unter den seltsamen
Bildern, die Zeugnis davon gaben, daß sich die Kalifen um Mohammeds
Bilderverbot ebensowenig zu kümmern schienen wie um das Weinverbot.
Skrupellos übersprangen sie die eigene Lehre.
Ximenes setzte sich auf den Hochsitz an einem der Bogen. Er war mit den
Königen allein.
Fernando war verstimmt. Er dachte an die mißlungene Verkupplung seiner
geliebten Leonore.
Isabella aber lächelte. Ihr strenger Sinn stand unter dem Einfluß
des Primas, von dem sie sich seelisch versorgt fühlte. Sein Wille
entzündete den ihren. Ximenes beherrschte sie und den König durch
den Nimbus seiner göttlichen Berufenheit. Der König von Spanien hieß
eigentlich Ximenes de Cisneros. Der einfache Eremit von einst war nur
auf Bitten der Könige ein prunkvoll auftretender Kirchenfürst geworden,
der aber auch jetzt noch unter dem Ornat die Franziskanerkutte trug.
Ein Wehgefühl trübte seine väterliche Liebe zur Königin. Er hatte
erfahren, daß der Schmuck der reinen christlichen Abstammung im
Königshause seinen Glanz getrübt hatte. Pedro der Grausame, ein Ahn der
Königin Isabella, sollte ein jüdisches untergeschobenes Kind sein. Wer
sollte die Wahrheit des Gerüchtes noch jetzt ergründen können? Aber es
nagte an dem fanatischen Priesterherzen.
Die Königin wurde traurig, als sie jetzt von ihrem Mutterleid sprach.
Vor drei Jahren war ihre eigene Mutter gestorben, vor zwei Jahren der
einzige Sohn, vor einem Jahr die geliebte Tochter, und nun trauerte
sie um das schwankende Eheglück einer andern Tochter, die an einen
Habsburger Prinzen verheiratet war.
„Ihr seid stark geblieben im Leid,“ tröstete sie Ximenes. „Eure Taten
beweisen es. Spanien ist glücklich und steht im Mittagsstrahl seiner
Sonne. Und Ihr, mein König, seid Mitbegründer dieses Glücks, trotz
Eurer Feinde.“
Fernando verzog keine Miene. „Ich hatte Glück, drum schuf ich Glück.
Ich gestehe es, ich fürchte meines Feldherrn Gonsalvo allzu heftigen
Tatendrang. Wenn er eines Tages seine Kraft gegen seinen König
brauchte? Der Herzog von Najera, der Marques de Villena, sie hassen den
Aragonier in mir. Und gestern wagte es der Herzog von Osuna, die Mauren
zu verteidigen.“
Ximenes lächelte. „Der Adel ist besorgt um seine maurischen Bauern. Und
sie haben einen milden Anwalt in Talavera. Dieser meinte, maurische
Taten und christlicher Glaube erst könnten zusammen einen ganzen
Spanier ausmachen. Doch warum soll der Fleiß uns nicht erhalten
bleiben, wenn der Maure den Glauben wechselt?“ Er dämpfte die Stimme.
„Allein die Könige wissen, wir haben gegen Adel und Irrgläubige einen
trefflichen Helfer: die Inquisition. Versagt die Königskraft, bleibt
die der Kirche. Gebt uns Bewegungsfreiheit, daß die Bekehrung rascher
vor sich gehen könne. Vor allem aber: hat man den Staatsmann oder den
Mönch Ximenes hierher berufen?“
„Beides,“ sagte die Königin.
„Dann antworten Euch beide: das Joch der Mauren ist zu leicht.
Talavera, Graf Tendilla, Gonsalvo, sie alle sind zu nachgiebig. Wir
brauchen strenge Richter wie Leon. Noch stehen allzu viele Mauren
außerhalb unseres Glaubens.“
„Und die, die drinnen stehen, sind keine wahrhaftigen Christen. Ihr
könnt sie nicht dazu zwingen.“ Der König sprach entschieden, als wäre
daran nichts zu ändern.
„Könige können zwingen,“ widersprach der Kanzler.
Der königliche Widerstand schrumpfte unter der Wucht des Wortes
zusammen. Und die Königin beeilte sich zu sagen: „So geben wir Euch
Vollmacht. Ihr werdet sie nicht mißbrauchen.“