„Und er?“ Ihre Blicke durchstachen ihn.
„Ich darf nach Hispaniola segeln.“
Da senkte Doña Leonore das Haupt. „Das bricht meinen Stolz,“ sagte sie
leise, wie in Wehmut aufgelöst. „Ich ahne nun alles. Ihr liebt eine
andre.“
Der Graf schüttelte das Haupt. „Ich liebe kein Weib. Der Verdacht ist
begreiflich. Aber dann wäre es mir leicht, Euch auszuschlagen.“
„Was also gefällt Euch nicht an mir?“ Sie ließ mit wollüstigem
Begehren die Lippen halbgeöffnet spielen. Durch das Netz der Mantilla
schimmerte die wogende elfenbeinerne Haut.
„Ich bin für ein Weib nicht geschaffen. Und wenn Ihr der himmlische
Engel selbst wäret --“
„Und das sagt dieser, den die schenkende Natur mit allen Vorzügen
des Geistes und des Körpers gebildet! Quäler, besinne dich, ehe ich
mich entschließe, auf dich zu verzichten.“ Ihr Auge schillerte in
schwärzlichgrünen Lichtern, und der Graf mußte unwillkürlich an die
Schlange denken, die ihre Opfer vor dem Anfall bestarrt.
„Laßt die Zeit Helfer sein. In den nächsten Tagen schiffe ich mich ein
-- Hispaniola soll --“
„Unselig Land, das uns die Besten weglockt! Verflucht sei Kolumbus, der
uns Frauen arm macht!“
„Das Leben unter einer andern Sonne muß schön sein. Hier drückt die
Luft, zermürbt der soldatische Gehorsam den Menschen. Ich möchte aus
der Schule der Manneszucht endlich ins Leben selbst übergehen.“
„Leben ohne Frauenliebe?“ Ihr Wollustatem stöhnte leise zwischen den
Zähnen, und sie zerrte an der rosafarbenen Schleife über dem Busen.
„Vielleicht bleibt mir das kostbare Geschenk Liebe für eine Zeit
aufbewahrt, da ich es besser zu schätzen weiß.“
Verlangen und Scham kämpften in ihren letzten fordernden Blicken.
„Mein Blühen währt nicht ewig. Verwelkte Blumen wird ein Graf de Mora
nicht einmal mehr bemitleiden können, wenn er die Kraft nicht hat, die
blühenden zu lieben. Verflucht seien meine Reize, wenn sie so machtlos
sind.“ Sie sprang auf. „Ihr habt mich würdelos gesehen. Eine Frau
vergißt das nicht. Eure Augen waren die Zauberformel für mein Unglück,
aber ich werde diese Augen zu vergessen suchen. Weh Euch, wenn ich’s
nicht vermag oder wenn ich dahinter komme, daß Euch andre Gründe,
verschwiegenere, bestimmten -- Gründe des gebundenen Herzens --“
Graf de Mora lachte auf. „Dann kann ich sicher ruhen. Ich liebe kein
Weib. Bin ich entlassen?“
Ihre Augen wichen ihm aus. Aber sie gab den Kampf um ihn auf. Mora
wollte in einer Aufwallung zärtlichsten Mitleids ihre Hand ergreifen.
Sie entzog sie ihm. „Mögt Ihr nie bereuen, diese Stunde so geendet zu
haben. Lebt wohl!“
Hinter dem Grafen schloß sich die Tür. Leonore wankte nach einem
Sessel. Sie hatte das Gefühl eines fürchterlichen Erwachens. Sie, die
eines Königs Liebe besessen, hatte würdelos um eines Mannes Liebe
gerungen. Wo war ihr Stolz im chaotischen Sturm der Sinne geblieben?
Und doch fühlte sie, daß nur der innerliche Schrei des Tiers, das
Aufzucken wilder Mächte in ihr, die ererbte Begierde, die nach dem
Manne schlechtweg fieberte, diese Stunde herbeigeführt hatte. Der
unersättliche Trieb der Malagueñas loderte in ihr, der im Lande
sprichwörtlich war. Man sagte den Frauen aus Malaga nach, sie hätten
vom Meer die Wildheit und Wandelbarkeit gelernt. Doña Leonore empfand
es als eine Schmach, daß dieser Ritter gegen sich und sie ankämpfte.
Dann blieb ihr nur eines mehr: zu hassen, wo sie nicht lieben konnte.
Es war der selbstverständliche Schluß ihres weiblichen Gefühls, den ihr
Verstand unterschrieb.
Sie ordnete ihr Haar, trocknete die verweinten Augen, salbte ihre
geröteten Wangen und wurde wieder eitel. Sie mußte zum König. Aber
sie mußte als Stümperin vor seine Augen treten. Der König hatte sich
in der Macht ihrer Reize verrechnet. Er würde sie wohl auf eine
andre Weise zärtlich verabschieden. Tröstungen der Einsamkeit --
die Franziskanerinnen von Santa Isabella haben schöne Gärten -- und
Kastanienwälder --. Sie schauerte zusammen. Und plötzlich überfiel sie
der Gedanke an den Mann, der einst ihre Kleinheit aus dem Schatten
zur Größe gehoben hatte: Pater Leon. Sie wollte den halbvergessenen
Dominikaner um die Entwirrung ihrer Liebesfrage angehen. Er hatte mehr
als ihr Herz in ihrem Leib gesehen. Und ihm verdankte sie die Nächte in
einem Königsbett.