Siebentes Kapitel

Der Graf neigte sein Haupt vor dem Antlitz der schönsten Sünderin.

Wieder stand er inmitten dieses sinnverwirrenden maurischen Mosaiks,

aus dem der Duft weicher Frauenkörper, der Liebesatem schwelgerischer

Favoritinnen zu gehen schien. Dieses System von buntfarbigen

Ornamentnetzen war wie eine Falle, in der sich Liebende verfangen

sollten. Dazu stimmte auch das geheimnisvolle Licht, das aus

mattgläsernen Kugeln aus der Decke brach, und das lebende Bild, das der

Graf jetzt mit den Augen trank.

Doña Leonore de Uceda lag mit gespielter Lässigkeit im Polstergestühl

hingestreckt. Sie hatte nicht die dunkle Schönheit andalusischer

Frauen mit dem kelto-iberischen Einschlag, wie man sie in den Straßen

Granadas bewundern konnte. Es überwog in ihr entweder gotisches oder

baskisches Blut, das der Haut eine hellere Färbung, dem Haar die

goldene Blondheit verlieh, die so seltsam von dem dunklen Reiz der

Spanierin abstach. Und doch erinnerte wieder der Gesichtsschnitt und

das Feuer in den tiefschwarzen Augen an die Eigenart der Malagueña,

die hohe elfenbeinerne Stirn voll Stolz und Eigensinn an die

Andalusierin schlechtweg, während die etwas derb geschwungenen Lippen

die Sinnlichkeit der Morgenländerin zu verraten schienen. Auf jeden

Fall hatte die Gemischtheit des Blutes sie zu einem der reizvollsten

Geschöpfe gemacht.

Ein sinnbestrickender Duft strömte von ihr aus, doch weder Kohol

noch Henna waren auf ihrer Haut zu entdecken. Das Haar lag in einem

von Perlen durchflochtnen Netz gefangen, drang widerspenstig aus

den Maschen und ringelte sich über Stirn und Nacken. Rosen flammten

an den Schläfen, aber mehr noch brannten diese zwei unruhvollen

Augen, für die die spielenden seidenen Wimpern keinen Schutz bieten

konnten. Rätselhaft schien auch die Stirn, unter der ebenso Gedanken

heftiger Liebe wie Pläne tödlichen Hasses umgehen konnten. Über die

zarten Wölbungen der Brüste schwang Doña Leonore jetzt lässig den

goldgestickten Fächer und schob den Scharlachmantel über den Schultern

zurecht. Als sie die ernst gespannten Augen des Ritters sah, ahnte sie

Unheil.

„Don Pedro de Solar?“ Sie spielte frohes Erstaunen. „Ich bin verwirrt

-- in der Tat -- das hätte ich am wenigsten erwartet.“

„Es ist an mir, verwirrt zu sein,“ stammelte Graf de Mora.

Ihre Augen labten sich an dem Bild eines wahrhaftigen Mannes. Keine

dreißig Jahre gab sie ihm. Die Wohlgewachsenheit, das schwermütige

Auge, die edle Stirn, die festgeschlossenen Lippen und die stattliche

Haltung waren Eigenschaften, die ein liebebegieriges Weib entflammen

konnten. Sie addierte in Gedanken den reichen Haushalt hinzu, der in

Mora zurückgeblieben war, wo Don Pedros Mutter wirtschaftete, den

kleinen Hofstaat von Offizianten, Kaplänen, Rechtsfreunden, Sekretären

und Hausmeistern, und dies alles zusammen gab eine kostbare Zukunft und

verschönte die äußere Stattlichkeit des Ritters. Und für diesen Mann

sollte das Wort Frau nicht geschaffen sein? Das Gerücht machte ihn noch

fesselnder.

„Don Pedro, es ist das erstemal, daß ich Euch unter vier Augen spreche.

Ihr gabt mir bisher nur Worte förmlicher Höflichkeit. Ich gestehe, ich

möchte von Euch anders behandelt werden.“ Sie ließ ihre Augen spielen,

deren gefährliche Wirkung sie wohl kannte.

„Und -- wie wollt Ihr -- behandelt werden?“ fragte Mora, langsam zu

sich kommend.

„Ihr seid bei Frauen ungeübt, erzählt man sich. Aber man sagt auch, daß

sich Euch Frauen ohne Gefahr nähern dürfen. Denn Ihr liebt nur eine an

Eurer Seite: die Tizonada des Cid, den Degen.“

„Es ist bei mir wirklich keine Gefahr,“ sagte der Graf befangen.

„Es ist Gefahr,“ widersprach sie mit Betonung. „Setzt Euch, Ritter.“

Aber der Graf blieb stehen. „Verzeiht, Doña Leonore, wer in Gefahr

ist, muß sich nicht häuslich niederlassen wollen. Ich bin bei Euch in

Gefahr.“

Sie sah mit einem bezaubernden Lächeln auf. „Wirklich? Und Ihr als

Kämpfer, Ritter, Soldat fürchtet sie? Ich dachte, Ihr schätzt mich als

Freundin ein.“

„Seid Ihr mir’s wirklich, Doña Leonore?“ Er sah fest in die

verführerischen Augen.

„Was habt Ihr mir zu sagen?“ fragte sie aus einer gespielten Unruhe

heraus.

„Habt Ihr mir nichts zu sagen?“ drängte sein Herz nach einem Ende, kaum

daß ein Anfang gemacht war.

„Nicht viel mehr, als daß ich Euch schätze, Graf.“

„Und dazu diese -- Apfelhälfte?“ Er wies auf die Fruchtschale.

Doña Leonore fuhr empor. Ihr Kleid rauschte, das Perlennetz klirrte,

Erregung strömte aus dem zitternden Körper. „Don Pedro -- versteht Ihr

so wenig, zart zu sein? Ich höre nicht gern unbesonnene Worte. Ihr wart

beim König.“

„So wißt Ihr alles.“

Ihr so leicht zum Spott geneigter Mund verzog sich launenhaft. „Und das

ist, was Ihr mir zu sagen habt?“

„Und daß sich der Mann glücklich schätzen müßte, der so viel Schönheit

sein eigen nennen soll.“

„Und das sagt Ihr mit einer Leichenbittermiene, die eine Frau zum Rasen

bringen müßte, wenn ihr viel daran gelegen wäre.“

„Nun denn -- ich beneide den -- König.“

Leonore de Uceda floh vor dieser Aufrichtigkeit in den dunkelsten

Winkel des Gemaches, wo das helle Muster einer maurischen Vase

schimmerte. Ihre Brust ging hoch. Einen Augenblick schwieg sie, dann

bebten ihre Lippen: „Ihr habt mir weh getan, Graf. Ich bewundere Eure

Verwegenheit. Wenn ich dies dem König sage, könnte es geschehen, daß

man die Wache ruft.“

„Der spanische Adel erfreut sich besonderer Freiheiten seit altersher.“

„Die aber nicht so weit gehen können, eine Dame zu verletzen.“

„Doña Leonore -- ich schätze Euch -- den König, aber ich kann nichts

tun, um Euch -- glücklich zu machen. Ihr wollt doch den Himmel

haben, wie schmerzlich wäre die Erkenntnis, daß Ihr Euch einer Hölle

verschrieben habt.“

Da barg Doña Leonore das Haupt an dem Rand der Vase. Durch ihren Leib

zuckte das erstickte Schluchzen des verletzten Stolzes.

Der Graf trat bestürzt heran. „O Doña Leonore -- es ist ein Unwürdiger,

um den Ihr weint. Eure Schönheit verdient bessere Bewahrer, als ich es

sein könnte.“

„Die Grausamkeit hätte ich in diesem Antlitz nie gelesen. Geht!“ Ihre

sinnlichen Lippen preßten sich beleidigt zusammen.

„Das Opfer ehre den Opfernden. Bringt es um Eurer selbst willen.“

„Tor! Diese Größe bei einer Liebenden vorauszusetzen! Ich liebe Euch!

Hört Ihr es? Und ich will nicht um meine Liebe betrogen sein.“ Sie

erhob das verweinte Gesicht. „Don Pedro, glaubt Ihr, daß verletzter

Stolz, beleidigte Ehre diese Stunde vergessen werden? O mein Traum,

genährt an dem Stolz des Mannes, der mir der begehrenswerteste schien!

Verwandelte Welt! Eine Frau muß schwärmen, wo sonst Männer vor ihr in

Entzücken gerieten und ein König um ihr Herz warb. Soll ich mich in den

Duft arabischer Spezereien hüllen, um Euch zu reizen? Soll ich Masken

der Gefallsucht aufsetzen? Mit billigen Worten spielen? Ich liebe

-- liebe Euch, Don Pedro! Da liegt mein Frauenstolz, Ihr könnt mich

verachten, aber Ihr könnt es nicht ändern.“

Der Graf war bestürzt über die Maßlosigkeit der Leidenschaft und der

Gebärde. Ihre Gestalt lag auf den Polstern des Diwans, das Kleid hatte

sich etwas verschoben, die nackten Schultern blühten wie Lilien hervor.

„Was soll ich tun, um diese Liebe in Euch zu ersticken?“

„Nie sollt Ihr das! Anfachen sollt Ihr sie mit dem Sturmhauch Eurer

Liebe! Ein dunkler Himmel lag für mich über Granada. Der König konnte

ihn nicht hellen. Ich hatte Euch gesehen, und ich las in Euren

Augen das Ärgste, was ein Weib in des Liebsten Augen lesen kann:

Gleichgültigkeit. Oh, wenn es wenigstens Stolz gewesen wäre! Nicht

einmal ein flüchtiger Sonnenschein war ich für Euch, meine Schönheit

blühte vergebens, mein Herz schlug in Wildheit, und Ihr rittet an mir

vorbei mit einem Blick, der Tote begrub. Vielleicht, sagte ich mir,

hat dieses abgemessene Betragen ein klügelnder Verstand geboren, nicht

das Herz. Er verstellt sich, ist nicht so, wie er sich gibt. Mir mit

solchem Hochmut zu begegnen! Das war nicht Gleichgültigkeit mehr, das

war Verachtung! Jeder Blick von Euch!“

„Gott weiß es, das war es nicht! Ihr tut mir unrecht. Man muß doch eine

Frau nicht verachten, die nicht zu lieben man das Unglück hat.“

Doña Leonore warf ihren Leib mit einem leisen Schrei zurück. „Da ist’s

heraus! Oh, daß diese Ehrlichkeit mir den Rest geben muß!“ Und sie

zog die Hand Don Pedros, der sich ihr gerührt genähert hatte, an ihre

Brust. „Nur diesen Abschied nicht, um aller Heiligen willen! Nicht

diesen erbarmungslosen Abschied! Mein Stolz könnte ihn nicht ertragen.

Verzeiht mir das kindliche Werben, meine Verse, mein Bitten beim König,

mich diesem, diesem Manne zu geben. Oh, ich hätte, da Ihr mein geworden

wäret, die Sünden der Vergangenheit mit einem unerschöpflichen Born von

Liebe getilgt. Aber das soll nicht sein. Ich hätte es Euch so leicht

gemacht, mich zu lieben. Nun müßt Ihr mich wahrlich verachten.“ Wie

heiße Lava ergoß es sich aus ihren Augen.

Don Pedro de Solar warf das innigste Mitleid zu ihren Füßen hin.

„O Gott -- verzeiht mir -- Eure Schönheit -- ich will -- gebt mir

Bedenkzeit --“

Sie fuhr beleidigt empor. „Ein Weib wie mich --? Nicht stürmen wollen?

Ich trage Euch die Liebe auf den Händen entgegen, und Ihr -- o begreift

Ihr nicht, daß dieses Bedenken eine Mißhandlung meines Herzens ist?

Diese Schmach richte der König!“

Granada in Flammen · 第 59 / 190 题