Der Graf neigte sein Haupt vor dem Antlitz der schönsten Sünderin.
Wieder stand er inmitten dieses sinnverwirrenden maurischen Mosaiks,
aus dem der Duft weicher Frauenkörper, der Liebesatem schwelgerischer
Favoritinnen zu gehen schien. Dieses System von buntfarbigen
Ornamentnetzen war wie eine Falle, in der sich Liebende verfangen
sollten. Dazu stimmte auch das geheimnisvolle Licht, das aus
mattgläsernen Kugeln aus der Decke brach, und das lebende Bild, das der
Graf jetzt mit den Augen trank.
Doña Leonore de Uceda lag mit gespielter Lässigkeit im Polstergestühl
hingestreckt. Sie hatte nicht die dunkle Schönheit andalusischer
Frauen mit dem kelto-iberischen Einschlag, wie man sie in den Straßen
Granadas bewundern konnte. Es überwog in ihr entweder gotisches oder
baskisches Blut, das der Haut eine hellere Färbung, dem Haar die
goldene Blondheit verlieh, die so seltsam von dem dunklen Reiz der
Spanierin abstach. Und doch erinnerte wieder der Gesichtsschnitt und
das Feuer in den tiefschwarzen Augen an die Eigenart der Malagueña,
die hohe elfenbeinerne Stirn voll Stolz und Eigensinn an die
Andalusierin schlechtweg, während die etwas derb geschwungenen Lippen
die Sinnlichkeit der Morgenländerin zu verraten schienen. Auf jeden
Fall hatte die Gemischtheit des Blutes sie zu einem der reizvollsten
Geschöpfe gemacht.
Ein sinnbestrickender Duft strömte von ihr aus, doch weder Kohol
noch Henna waren auf ihrer Haut zu entdecken. Das Haar lag in einem
von Perlen durchflochtnen Netz gefangen, drang widerspenstig aus
den Maschen und ringelte sich über Stirn und Nacken. Rosen flammten
an den Schläfen, aber mehr noch brannten diese zwei unruhvollen
Augen, für die die spielenden seidenen Wimpern keinen Schutz bieten
konnten. Rätselhaft schien auch die Stirn, unter der ebenso Gedanken
heftiger Liebe wie Pläne tödlichen Hasses umgehen konnten. Über die
zarten Wölbungen der Brüste schwang Doña Leonore jetzt lässig den
goldgestickten Fächer und schob den Scharlachmantel über den Schultern
zurecht. Als sie die ernst gespannten Augen des Ritters sah, ahnte sie
Unheil.
„Don Pedro de Solar?“ Sie spielte frohes Erstaunen. „Ich bin verwirrt
-- in der Tat -- das hätte ich am wenigsten erwartet.“
„Es ist an mir, verwirrt zu sein,“ stammelte Graf de Mora.
Ihre Augen labten sich an dem Bild eines wahrhaftigen Mannes. Keine
dreißig Jahre gab sie ihm. Die Wohlgewachsenheit, das schwermütige
Auge, die edle Stirn, die festgeschlossenen Lippen und die stattliche
Haltung waren Eigenschaften, die ein liebebegieriges Weib entflammen
konnten. Sie addierte in Gedanken den reichen Haushalt hinzu, der in
Mora zurückgeblieben war, wo Don Pedros Mutter wirtschaftete, den
kleinen Hofstaat von Offizianten, Kaplänen, Rechtsfreunden, Sekretären
und Hausmeistern, und dies alles zusammen gab eine kostbare Zukunft und
verschönte die äußere Stattlichkeit des Ritters. Und für diesen Mann
sollte das Wort Frau nicht geschaffen sein? Das Gerücht machte ihn noch
fesselnder.
„Don Pedro, es ist das erstemal, daß ich Euch unter vier Augen spreche.
Ihr gabt mir bisher nur Worte förmlicher Höflichkeit. Ich gestehe, ich
möchte von Euch anders behandelt werden.“ Sie ließ ihre Augen spielen,
deren gefährliche Wirkung sie wohl kannte.
„Und -- wie wollt Ihr -- behandelt werden?“ fragte Mora, langsam zu
sich kommend.
„Ihr seid bei Frauen ungeübt, erzählt man sich. Aber man sagt auch, daß
sich Euch Frauen ohne Gefahr nähern dürfen. Denn Ihr liebt nur eine an
Eurer Seite: die Tizonada des Cid, den Degen.“
„Es ist bei mir wirklich keine Gefahr,“ sagte der Graf befangen.
„Es ist Gefahr,“ widersprach sie mit Betonung. „Setzt Euch, Ritter.“
Aber der Graf blieb stehen. „Verzeiht, Doña Leonore, wer in Gefahr
ist, muß sich nicht häuslich niederlassen wollen. Ich bin bei Euch in
Gefahr.“
Sie sah mit einem bezaubernden Lächeln auf. „Wirklich? Und Ihr als
Kämpfer, Ritter, Soldat fürchtet sie? Ich dachte, Ihr schätzt mich als
Freundin ein.“
„Seid Ihr mir’s wirklich, Doña Leonore?“ Er sah fest in die
verführerischen Augen.
„Was habt Ihr mir zu sagen?“ fragte sie aus einer gespielten Unruhe
heraus.
„Habt Ihr mir nichts zu sagen?“ drängte sein Herz nach einem Ende, kaum
daß ein Anfang gemacht war.
„Nicht viel mehr, als daß ich Euch schätze, Graf.“
„Und dazu diese -- Apfelhälfte?“ Er wies auf die Fruchtschale.
Doña Leonore fuhr empor. Ihr Kleid rauschte, das Perlennetz klirrte,
Erregung strömte aus dem zitternden Körper. „Don Pedro -- versteht Ihr
so wenig, zart zu sein? Ich höre nicht gern unbesonnene Worte. Ihr wart
beim König.“
„So wißt Ihr alles.“
Ihr so leicht zum Spott geneigter Mund verzog sich launenhaft. „Und das
ist, was Ihr mir zu sagen habt?“
„Und daß sich der Mann glücklich schätzen müßte, der so viel Schönheit
sein eigen nennen soll.“
„Und das sagt Ihr mit einer Leichenbittermiene, die eine Frau zum Rasen
bringen müßte, wenn ihr viel daran gelegen wäre.“
„Nun denn -- ich beneide den -- König.“
Leonore de Uceda floh vor dieser Aufrichtigkeit in den dunkelsten
Winkel des Gemaches, wo das helle Muster einer maurischen Vase
schimmerte. Ihre Brust ging hoch. Einen Augenblick schwieg sie, dann
bebten ihre Lippen: „Ihr habt mir weh getan, Graf. Ich bewundere Eure
Verwegenheit. Wenn ich dies dem König sage, könnte es geschehen, daß
man die Wache ruft.“
„Der spanische Adel erfreut sich besonderer Freiheiten seit altersher.“
„Die aber nicht so weit gehen können, eine Dame zu verletzen.“
„Doña Leonore -- ich schätze Euch -- den König, aber ich kann nichts
tun, um Euch -- glücklich zu machen. Ihr wollt doch den Himmel
haben, wie schmerzlich wäre die Erkenntnis, daß Ihr Euch einer Hölle
verschrieben habt.“
Da barg Doña Leonore das Haupt an dem Rand der Vase. Durch ihren Leib
zuckte das erstickte Schluchzen des verletzten Stolzes.
Der Graf trat bestürzt heran. „O Doña Leonore -- es ist ein Unwürdiger,
um den Ihr weint. Eure Schönheit verdient bessere Bewahrer, als ich es
sein könnte.“
„Die Grausamkeit hätte ich in diesem Antlitz nie gelesen. Geht!“ Ihre
sinnlichen Lippen preßten sich beleidigt zusammen.
„Das Opfer ehre den Opfernden. Bringt es um Eurer selbst willen.“
„Tor! Diese Größe bei einer Liebenden vorauszusetzen! Ich liebe Euch!
Hört Ihr es? Und ich will nicht um meine Liebe betrogen sein.“ Sie
erhob das verweinte Gesicht. „Don Pedro, glaubt Ihr, daß verletzter
Stolz, beleidigte Ehre diese Stunde vergessen werden? O mein Traum,
genährt an dem Stolz des Mannes, der mir der begehrenswerteste schien!
Verwandelte Welt! Eine Frau muß schwärmen, wo sonst Männer vor ihr in
Entzücken gerieten und ein König um ihr Herz warb. Soll ich mich in den
Duft arabischer Spezereien hüllen, um Euch zu reizen? Soll ich Masken
der Gefallsucht aufsetzen? Mit billigen Worten spielen? Ich liebe
-- liebe Euch, Don Pedro! Da liegt mein Frauenstolz, Ihr könnt mich
verachten, aber Ihr könnt es nicht ändern.“
Der Graf war bestürzt über die Maßlosigkeit der Leidenschaft und der
Gebärde. Ihre Gestalt lag auf den Polstern des Diwans, das Kleid hatte
sich etwas verschoben, die nackten Schultern blühten wie Lilien hervor.
„Was soll ich tun, um diese Liebe in Euch zu ersticken?“
„Nie sollt Ihr das! Anfachen sollt Ihr sie mit dem Sturmhauch Eurer
Liebe! Ein dunkler Himmel lag für mich über Granada. Der König konnte
ihn nicht hellen. Ich hatte Euch gesehen, und ich las in Euren
Augen das Ärgste, was ein Weib in des Liebsten Augen lesen kann:
Gleichgültigkeit. Oh, wenn es wenigstens Stolz gewesen wäre! Nicht
einmal ein flüchtiger Sonnenschein war ich für Euch, meine Schönheit
blühte vergebens, mein Herz schlug in Wildheit, und Ihr rittet an mir
vorbei mit einem Blick, der Tote begrub. Vielleicht, sagte ich mir,
hat dieses abgemessene Betragen ein klügelnder Verstand geboren, nicht
das Herz. Er verstellt sich, ist nicht so, wie er sich gibt. Mir mit
solchem Hochmut zu begegnen! Das war nicht Gleichgültigkeit mehr, das
war Verachtung! Jeder Blick von Euch!“
„Gott weiß es, das war es nicht! Ihr tut mir unrecht. Man muß doch eine
Frau nicht verachten, die nicht zu lieben man das Unglück hat.“
Doña Leonore warf ihren Leib mit einem leisen Schrei zurück. „Da ist’s
heraus! Oh, daß diese Ehrlichkeit mir den Rest geben muß!“ Und sie
zog die Hand Don Pedros, der sich ihr gerührt genähert hatte, an ihre
Brust. „Nur diesen Abschied nicht, um aller Heiligen willen! Nicht
diesen erbarmungslosen Abschied! Mein Stolz könnte ihn nicht ertragen.
Verzeiht mir das kindliche Werben, meine Verse, mein Bitten beim König,
mich diesem, diesem Manne zu geben. Oh, ich hätte, da Ihr mein geworden
wäret, die Sünden der Vergangenheit mit einem unerschöpflichen Born von
Liebe getilgt. Aber das soll nicht sein. Ich hätte es Euch so leicht
gemacht, mich zu lieben. Nun müßt Ihr mich wahrlich verachten.“ Wie
heiße Lava ergoß es sich aus ihren Augen.
Don Pedro de Solar warf das innigste Mitleid zu ihren Füßen hin.
„O Gott -- verzeiht mir -- Eure Schönheit -- ich will -- gebt mir
Bedenkzeit --“
Sie fuhr beleidigt empor. „Ein Weib wie mich --? Nicht stürmen wollen?
Ich trage Euch die Liebe auf den Händen entgegen, und Ihr -- o begreift
Ihr nicht, daß dieses Bedenken eine Mißhandlung meines Herzens ist?
Diese Schmach richte der König!“