„Doch -- Ihr seid -- unbeweibt. Ihr solltet Euern Haushalt erweitern
und ihm eine holde Führung geben. Man sagt, Ihr liebt die Frauen nicht.“
„Ich ging bis jetzt an ihnen vorbei,“ sagte Graf de Mora verlegen. „Sie
gaben mir nur Blicke, keine Seele.“
„Ob Ihr auch nur versucht habt, in eine hineinzublicken?“
„Und dann“ -- der Graf errötete --, „ich bin, was Schönheit angeht,
verwöhnt. Ich habe eine schöne Mutter.“
„Wieviel größer wäre die Freude, auch eine schöne Gattin zu umarmen.
Und darum denke ich ernstlich, Euch auszuzeichnen. Ich möchte Euch
glücklich wissen in der Hut des schönsten Weibes, das meine Augen
sahen. Kennt Ihr -- Leonore de Uceda?“
Don Pedro de Solar fühlte einen Schlag auf seiner Stirn. Stand er in
einem Traum? Wirbelten nicht im Augenblick die Arabesken um ihn, als
hätte sie eine Zauberhand in Bewegung gesetzt? Wie konnte der König ihm
diese Schmach --? Ein Weib aus des Königs Lustbett? Seiner Reinheit
anvertraut als Geschenk?! Über sein Antlitz zog Leichenblässe. „Was --
habe ich getan -- daß man mich -- so zu -- ehren sucht?“
„Ein Kriegsmann wird doch auch in den Armen eines schönen Weibes nicht
kapitulieren,“ lächelte der König kaum merklich.
„Ich kann dieses -- Geschenk nicht annehmen.“
„Es ist die Gnade Eures Königs.“ Der König sah wieder ernst.
„Die Sonne der Gnade verliert ihren Schein,“ erkühnte sich der Graf zu
sagen, „und es ist nicht alles heilig, was ein König berührt.“
„Verwegener!“ Der König erblaßte und griff nach der Tischkante. „Ihr
verschmäht -- was -- ich geliebt?!“
„Wie könnte es den erhabenen Ehestifter beglücken, zwei Herzen
zugleich unglücklich zu machen? Doña Leonore würde an mir eine
Enttäuschung erleben.“
Ungnade verdüsterte die Züge des Herrschers. Er wollte Worte sammeln,
die den dreisten Granden zerschmettern sollten, aber er besann sich.
Vielleicht daß eine menschliche Erwägung den Ritter gefügiger machen
würde. „Ihr habt mir weh getan,“ sagte er leise, „und einer andern
auch. Doña Leonore de Uceda wollte nicht durch meinen Willen an Euer
Herz geschmiedet werden, sie selbst bat mich, ihr diesen, gerade diesen
Mann zu schenken. Hört Ihr, Graf? Ein liebend Weib warb um einen Mann,
der ihr Herz bezaubert auf den ersten Blick. Eure Weigerung wird an ein
empörtes Frauenherz greifen. Ihr seid an den Frauen vorbeigegangen,
so wißt Ihr auch nichts vom beleidigten Stolz. Doña Leonore hat ihren
König geliebt --“
„So meine ich, das sei Grund genug, in dieser Liebe zu beharren,“ sagte
Graf de Mora.
Der König wurde weich. „Schön gedacht -- doch das Leben fordert
Entsagungen. Wenn ich mich nun meines Innersten entäußere, so schätzt
die Ehre, die Euch zuteil wird. Wenn Ihr plaudert, seid Ihr verloren.
Ich habe eine Königin, ein herrliches Weib, ein gutes Weib, erfahren
und geschickt, staatsmännisch klug und beim Volk beliebt. Ritter
opferten ihr Leben für sie -- und dennoch -- ich habe neben ihr noch
andere geliebt. Ich altere und möchte das Sündenleben abgeschlossen
sehen um meiner Königin willen, möchte Gewesenes vergessen sein lassen.
Doch will ich nicht dabei verletzen, will erheben, will den schönen
Schatz nicht in Klostermauern begraben, sondern ans Herz eines Mannes
betten, der Mitwisser meines Leids geworden, aber zugleich Erlöser sein
kann. Eures Königs Schuld liegt vor Euch. Ihr habt in einem -- darf ich
sagen seligen? -- Augenblick ein Bild gesehen, das sonst Sterblichen
verwehrt ist. Euer König hat sich eines Gefühls begeben, er hat Wunden
aufgerissen, die ihn schmerzten. Habt Ihr, Graf, jetzt noch den Mut,
Euern Ehrgeiz höher zu stellen als Eure Herzenspflicht?“ Der König sah
den Granden durchdringend an.
Don Pedro de Solar sah zu Boden. Er ward zum Zeugen königlicher Reue
gemacht. Doch in der Schwäche seines Herrn wurde er selbst stark. Er
stand als der Tugendhaftere und deshalb Beneidete vor ihm. Durfte er
sich also erniedrigen und eine Hand erfassen, die trotz der Königsliebe
unrein war? Die weggeworfene Frucht, wenn sie auch einen König
erfrischt hatte, als eine unversehrte hinnehmen? Durfte er Tröster
eines weiblichen Herzens werden, das seine Weiblichkeit zerbrochen?
Kein Kuß mehr wusch die Schmach der königlichen Umarmung weg. Es
gab freilich Beispiele aus des Königs Pedro Zeiten, den Spanien den
Grausamen hieß, Beispiele, die dem Ritter alle Bedenken zerstreuen
konnten, Beispiele ähnlicher Händel, die doch nicht entwürdigt und die
Händler sogar vor aller Welt ausgezeichnet hatten. Aber wer sicherte
sie vor dem Fluch der Nachwelt? Und was galten sie vor dem Stolz des
kastilischen Edelmannes? Der Graf besann sich nicht lang. „Ihr wollt
verschenken, was neben der Königin Euch am teuersten war? Darf ich
wagen, Euch zu bitten, Königliche Hoheit, einen andern zu beglücken?“