„Es ist nichts Auffälliges daran.“
„Hm -- es ist ebenso lange her, daß die neue Hofdame der Königin,
Leonore de Uceda, in Granada weilt.“
Don Pedro de Solar machte eine jähe Wendung. „Leonore? de Uceda?
Die Geliebte des Königs? Was sinnt Ihr, Herzog? Sie! Eine königliche
Umarmung preisgeben! Sie ist züchtig, scheint es. Sie wandte gestern
beim Ritt nach Gonsalvos Hause nicht den Blick vom Kopfputz der
Königin, dessen Obhut ihr anvertraut sein soll.“
Osuna lächelte abermals. „Die gespielte Tugend erhöht den Reiz der
Weiblichkeit. Und der höchste Reiz gewisser Damen ist nicht, Geliebte
eines Königs zu sein, sondern trotz dieser Gebundenheit einen Mann
lieben zu können. Den König besitzt sie, den andern aber liebt sie.
Frauen machen da Unterschiede. Und Ritter auch. Es wäre doch nicht
befremdlich, wenn sich eine Hofdame der Anbetung eines Ritters erfreuen
würde. Wir hätten Granada nicht erobert, wenn es nicht soviele
verliebte Ritter gegeben hätte, die ihrer Dame zuliebe tapfer sein
wollten.“
„Alles gut, Herzog -- aber eine Uceda! Und gerade mich?!“
„Graf de Mora wird so lange den Spröden spielen, bis die Frauen es satt
bekommen werden, ihm Briefe zu schreiben. Oder ist der Kostverächter
nur Maske? Habt Ihr insgeheim ein Seidenbettlein für ruhebedürftige
Damen bereit?“
„Krieg und Abenteuer gelten mir mehr als Frauenseufzer,“ sagte kühl der
Graf.
„Die Narbe auf Eurer Stirn ist ein besser Zeichen der Tapferkeit als
das Kreuz auf Eurer Brust. Und die Fahrt nach den Kanarischen Inseln
war ein gewagtes Stück.“
„Mein Blut ist rasch, die Fremde lockt mich bald. Ich will nach dem
meerblauen Westen. Der Mauren Kampf lockt mich nicht mehr.“
„Ihr kennt Kolumbus?“
„Ich lernte ihn kennen, als er zu Gast war im Dominikanerkloster in
Salamanca.“
„Ihr wart in Salamanca?“
„Ich holte mir auf der hohen Schule Weisheit und Freunde --“
„Man sieht’s bei jedem Schritt; Hernando de Rojas, der Schalk und
Weisheitskrämer hängt Euch an, er, der die Celestina schrieb, von der
ganz Kastilien spricht.“
„Er ist seit Tagen bei mir, ganz recht.“
Sie wurden unterbrochen. Der Geheimschreiber des Königs rief Don Pedro
de Solar zum Herrscher.
Der kühle, mit reichen Arabesken verzierte Gang zu den maurischen
Bädern war voll von Hofdienern. Mit Ehrfurcht verbeugte man sich vor
dem schlanken Ritter.
Bei einem der Gemächer am Gang war die Tür offen. Don Pedro warf einen
Blick hinein. Eine junge Dame im schwarzbenetzten gelben Damast,
das baskische blonde Haar hochgetürmt, den schleppenden Mantel um
die Schulter geworfen, trat eben heraus und an ihm vorbei. Der Graf
grüßte ernst, denn er hatte sie erkannt: Leonore de Uceda. Sie also?
Die Geliebte des Königs? Des alternden Mannes, der das Frauenspiel
nicht lassen konnte? Vier natürliche Kinder versorgte der König mit
einträglichen Ehrenstellen, aber er hatte am Ende noch viele Ämter zu
besetzen, und Leonore de Uceda war einer Sünde wert.
Fernando erwartete den Grafen allein in seinem Zimmer. Wieder flimmerte
es von den Wänden: farbiger Stuck, Inschriften, Pflanzenornamente
und Arabesken. Wie in einer Tropfsteingrotte hing von der Decke
ein durchbrochenes Pendentif herab. Eine köstliche Kühle, von
unterirdischen Wasseradern erzeugt, strich durch die Luft.
Der Graf küßte nach strengem Zeremoniell dem König die Hand. Dieser
stand vor einem mit Schriften beladnen Tisch. Kein Laut drang in
diese Zelle, in der wohl einst Kalifenfrauen ihre nackten Glieder
in kostbaren Spiegeln beschauten. Diese Stille ängstigte für einen
Augenblick den königlichen Hauptmann. Doch der König zerbrach schnell
die Bangigkeit des Grafen. „Wirklich ins neue Land?“
„Es ist mein Traum,“ erwiderte Mora.
„Ihr solltet es bedenken. Die neue Christenheit, die sich aus dem
Islam gebiert, braucht nicht nur Mönche, sondern auch Ritter, die sie
leiten. Graf Tendilla ist müde, wir denken an einen Ersatz --“