Des Ritters Augen glänzten. „Die Goldschächte von Ophir locken mich.
Kolumbus will ins unentdeckte Bergland der Inseln dringen. Man sagt,
daß Bobadilla demnächst hinübersegeln soll. Wenn ich es wagen dürfte --“
Der König zog die Brauen hoch. „Verderblicher Drang! Wohin käme
Spanien, wenn alle Ritter westindische Sehnsucht hätten! Sevilla ist
schon halb entblößt von Edlen, Cordoba folgt nach. Nun auch Granada?“
„Dazu ist mir der Graf zu teuer,“ warf sich Tendilla dazwischen.
„Dann bleibt!“ befahl der König.
Don Pedro de Solar trat zu seinem Sitz zurück. Über seine Stirn zog ein
Schatten.
Fernando rief seinen ersten Feldherrn, den großen Kapitän Gonsalvo de
Cordoba, Herrn von Aguillar, vor den Thron. „Kann man in die Alpujarras
dringen?“
Der stattliche Krieger mit den Lorbeeren auf der Stirn berichtete:
„Hinter den Barrancos liegen die alten Maurennester und die
Schlupfwinkel der Mißvergnügten. Für die spanische Reiterei wäre der
Boden ein zweites Malaga. Die Mauren verstehen sich auf den Bergkrieg,
wir haben unsere Ruhmeskränze in den Ebenen Italiens gepflückt.“
„Das klingt nicht zuversichtlich.“ Wieder sah der König düster.
Da mengte sich Isabella drein. „Gebt den Mauren tüchtige Priester, und
sie werden nicht zu flüchten brauchen. Ich will nicht ihr Blut, sondern
den Glauben. Spanien soll einen Gott verehren.“
Es klang wie ein schmetternder Kriegsruf. Gott, Jesus und die Jungfrau!
Das waren die Leitsterne der Spanier.
Aber die Stirn der Königin umwölkte sich. „Warum ziehen sich Prälaten
und Lehensmänner auf ihre Besitzungen zurück, anstatt bei Hof zu
dienen? Ist man schon ruhebedürftig? Satt der Lorbeeren? Mißtraut man
uns? Will man sich in der Einsamkeit für einen Trotz stärken, den ich
schon gebrochen glaubte? Ist meine Geistlichkeit durch die Pragmatika
gekränkt, die ihr manches alte Recht nahm, das kein Recht uns schien?
Ich vermisse meine Domherren von Toledo, den Bischof von Jaen und
manchen andern. Fühlen sie sich bei ihren Weibern wohl? Man bessere es
und lerne nicht allzuviel von den Mauren.“
Es waren schwer anklagende Worte im Munde einer Königin. Aber die
Granden waren die Sprache gewöhnt. Man nahm sich davon, soviel man
wollte, und das Leben ging seinen alten Gang weiter.
„Auch meine Ritter zürnen,“ fuhr die Königin fort. „Die Cortes
beschlossen bisher nur, was ihnen frommte. Wer beschließt, was dem
gemeinen Bauer not tut? Der königliche Rat ist die Ergänzung des
Willens der Cortes. Es kann nicht ein Stand alles heißen wollen. Ist
Spanien nicht glücklich? Mit blühendem Handel bedacht, geachtet in
aller Welt, bestrahlt vom Kriegsruhm, beneidet um die neuentdeckten
Länder, und nun auch bald -- so hoffen wir -- geeinigt in einem
Glauben? Was wollt ihr, Granden? Zürnt ihr unserm Wunsch nach
Schlichtheit in der Kleidung? Mögen sich die Mauren mit syrischem Tand
behängen, euch Christen ziemt die Schmucklosigkeit. Gebt den Altären
Schmuck und begnügt euch mit dem schwarzen Wams. Oder stoßt ihr euch
an der Maurensteuer? Sind auch die Kriege tot, die Mauren leben noch
und schielen nach der Berberei hinüber. Ihr seht die Gegenwart, wir die
Zukunft. Wir brauchen Geld für die Bekehrung, zum Schmuck der Altäre,
daß diese die Mauren locken, die des Schmucks gewohnt sind. Vor dem
Altar bricht der schöne Quell des Glaubens von selbst auf. Drum murrt
nicht, Granden. Sprecher, vor!“
Aus der kühl und stumm sitzenden Ritterschaft erhob sich der Herzog von
Osuna, ein gereifter Herr. Mit dem Stolz des selbstbewußten Untertans
trat er vor seine Könige. „Wir wollen nur, daß man in Hinkunft die
Cortes mehr zu Rate ziehe als bisher. Und dann noch eines, erhabne
Königin: Seid nachsichtig mit den Mauren, die unsre Güter bebauen. Sie
sind zum großen Teil bekehrt, doch unbelehrt. Ein verfänglich Wort,
eine Gebärde bringt sie in Verdacht des alten Glaubens. Wir verlieren
unsre besten Kräfte, denn fleißig, bedürfnislos und willig ist der
Maure, man muß ihn nur zu behandeln wissen. Wohl zwinge ich ihn nieder,
wenn er sich rührt. Doch der für uns in Frieden die Furchen in die Erde
zieht, den Boden wässert, die Seidenraupe züchtet, soll auch unsere
milde Hand zu spüren bekommen.“
Der König sah finster. „Ist mir doch, als spräche aus Euch ein Grande
von Aragonien. Es scheint, man nimmt bei seiner Sorge um das tägliche
Brot den Glauben allzu leicht.“
Der greise Erzbischof Talavera humpelte zum Thron. „O mein König, nicht
den Glauben nehmen wir leicht, doch leicht das ungewollte Straucheln
im neuen Glauben. Sie müssen erst gehen lernen im Christentum. Man
kann ein Kind nicht für jeden Fall auf den Boden, den es mit seinen
ungeschickten Beinchen tut, gleich züchtigen.“
„Wer wollte das!“ fuhr die Königin auf.
„Es ist geschehen,“ klagte Talavera. „Mit Drohungen drängt man die
Moriskos in die Kirche, in den Beichtstuhl, in die Prozessionen.“
„Man soll es abstellen,“ sagte der König unsicher. „Die Geschichte sage
nicht, daß nur Gewalt die Herzen bändigte.“
„O laßt mir Zeit, erhabne Königin, mir und den Mauren. Und darum --
fast schäme ich mich, zu bitten -- wenn es noch ungeschehen zu machen
-- o Gott, verwirrt ist mein Gemüt -- Ximenes -- wie ehre ich ihn! Er
wirkt Wunder in Toledo -- doch hier in Andalusien, auf fremdem Boden --
o überlegt es, große Königin, mein König!“
Isabella blickte besorgt auf den zitternden Greis, der in den Armen der
beiden Mönche hing. „Ximenes -- ist gerecht,“ sagte sie leise.
„Es gibt etwas, das größere Wunder übt als Gerechtigkeit: Güte, Gnade!“
„Sie sind Gottes Geschenke in Eurer Brust, Talavera. Aber ich weiß, daß
auch die Brust Ximenes’ solche Schätze birgt. Er wird sie nützen. Auch
kann ich mir den treuesten Diener nicht entfremden.“
„Besser einem Diener sich entfremden als einem ganzen Volk,“ rief
erregt Graf Orgaz, ein eifriger Maurenfreund, dazwischen.
Der König sprang auf. „Genug der Leidenschaft um eines bösen
Gegenstandes willen.“ Ein strafender Blick fiel auf den dreisten
Grafen. Wollte sich der alte Rittertrotz, kaum erst gezügelt, von der
Kette reißen? „Wie denkt Pater Leon darüber?“
Von den Sitzen des Klerus erhob sich ein junger Dominikaner. In den
schön durchgebildeten, scharfen Zügen lag die Härte des Eiferers,
die hohe Stirn drohte, und unter ihr glänzten dunkle Augen auf
bläulichweißem Grunde, Augen, deren Blickkraft die unheimliche Macht
des Magneten hatte. Mit der Gewalt dieser Augensprache allein schon
glaubte der Priester Seelen bannen zu können. Die kräftig gezogene
Lippe aber verriet den Unsegen sinnlicher Geister. Eisig klang seine
Stimme über die Versammlung hin: „Ein Franz von Assisi konnte mit
Sanftmut Gläubige stärken, doch Heiden bekehren konnte er nicht. Allzu
fern steht uns der Mekka-Prophet, als daß wir mit ihm Pakte schließen
könnten. Sein Ich trieb Mohammed in die Prophetenschaft hinein, nicht
der Geist Gottes. Er stiftete Gesetze, die seinem Wesen angenehm waren
und seinem Volk schmeichelten. Weil es eine Religion der Bequemlichkeit
ist, vermag sich der Maure so schwer von ihr zu scheiden, und nur mit
Strenge hält man seinen Geist an der Kette des neuen Glaubens, sonst
schüttelt er sie immer wieder ab. Christus hat gesagt: es wird ein
Hirt und eine Herde sein. Wer nicht in der geheimnisvollen Arche, die
da Kirche heißt, schwimmt, wird von den Gewässern der Sünde ergriffen.
Wir aber können keinen Menschen in der Sünde belassen. Unselig der, der
fremden Propheten zuneigt.“
Das religiöse Wort fuhr mächtig in die Seelen der Granden. Um Christi
willen konnte man nichts Besseres tun, als die Leugner des Gottessohns
hassen. Das Mitleid schwieg, da dieses Heilswort, posaunenartig aus
eines Priesters Brust gestoßen, tief ins Herz sank. Und die Furcht vor
der Inquisition machte vor den Herzen der Granden nicht halt. Nur der
Herzog von Osuna und der Graf von Orgaz verurteilten innerlich das
Flammenwort des Dominikaners.
„Alles für den Glauben!“ stürmte jetzt der Herzog von Medina-Sidonia
seine tiefste Überzeugung hervor.
„Alles für den Glauben!“ riefen die Granden emporspringend.
Der Priestermund hatte das Ansehen der Kirche und der Könige
wiederhergestellt. Mit gehobener Brust empfingen die Herrscher den Rest
der Bittsteller.
Durch das lautlose Spalier der Edlen schritten Fernando und Isabella
Arm in Arm, gefolgt von den Geheimschreibern des Hofes, nach dem
maurischen Torbogen. Als sie durch die Vorhalle des Comaresturms
gingen, grüßte sie die von Fackeln beleuchtete Pracht des
Wasserbeckens, das die schimmernde, durchbrochene Stuckwand und die
Arkaden des Myrtenhofes widerspiegelte. Die Koransprüche an den Mauern
beirrten das Herz der Könige nicht. Das alles gehörte jetzt ihnen. Sie
hatten nicht den traurigen Ehrgeiz, Zertrümmerer der schönen Kunstbeute
zu heißen. Denn diese selbst zeugte für die Größe des Sieges, der
errungen worden war. Unter den rauschenden Fanfaren der Hornbläser
schritt das Königspaar in die Gemächer der Bäder hinab, wo in der Sala
de las Damas ein leichtes Abendessen bereit stand.