Im Thronsaal der Gesandten in der Alhambra standen die Granden vor den
Königen.
In der ehelichen Verbindung der Herrscher hatte sich der Begriff
Spanien gebildet, doch blieb der staatsmännische Gedanke an den
Begriff Kastilien gebunden. Dieses Königreich schrieb den nach
und nach erworbenen Ländern Sitten, Politik, Gesetze und Ordnung
vor. Vor Kastilien beugten sich willig oder dem Zwang gehorchend
Aragonien, Navarra, Leon und die kleinen Ländchen. Die königliche
Hoheit Isabellas, ihr Geist, ihr Ahnentum und ihre Tatkraft bürgten
für eine geordnete Entwicklung des Landes. Ein Schatten trübte ihre
Größe: der Maurenhaß, geboren aus einem durch Priesterhände geschürten
Glaubensfanatismus.
Würdig stand Fernando ihr zur Seite. Die Erscheinung des
Fünfzigjährigen bestrickte die Edelleute. Er hatte seine Jugend in
den Feldlagern seiner Ritter verbracht, und es lagen zehn Jahre
Glaubenskrieg hinter ihm. Gelehrsamkeit achtete er nicht hoch, seiner
natürlichen geistigen Gewecktheit mangelte die wissenschaftliche
Erziehung. Man ehrte in ihm mehr den Ritter, Fechter, Reiter und Jäger.
Freilich gibt es Granden, die Ursache haben, sich vor der verdeckten
Schlauheit des Königs in acht zu nehmen, gedemütigte Hidalgos,
erniedrigte Herren, unverdient gekränkte Höflinge. Im Glaubenseifer
reicht er der Königin die Hände. Beide schützen das Ketzergericht und
zittern doch vor ihm. Der Klerus vergöttert das Königspaar, er ist
der eigentliche Fels, auf dem die spanische Großmacht steht. Auch
Bürger und Bauern ehren ihre Könige, denn diese schützen sie vor den
Übergriffen des selbstherrlichen Rittertums. Stadt und Dorf haben
ihre Ordnungstruppe, die heilige Hermandad, der königlichen Gewalt
zur Verfügung gestellt, um diese und sich selbst vor dem Machthunger
gewisser Granden zu verteidigen.
Der Tag war verglüht. Die Könige überblickten die Listen der in
Cordoba verbrannten Maurenbücher und die der Inquisitionsopfer. Unter
Torquemada hatte das Ketzergericht zweitausend Leichen dem Herrgott
auf dem Altar der Christenliebe hingeopfert. Deza, der jetzt das
Amt des Großinquisitors übte, wartete in der kurzen Zeit seiner
schrecklichen Macht mit einigen hundert Menschenfackeln auf. Dieser
Mann war der Beichtvater des Königs. Sein Gehilfe in Cordoba, der
fürchterliche Lucero, war der würdige Diener Dezas. Er hatte durch
sein Gott wohlgefälliges Walten dem königlichen Schatz infolge der
Gütereinziehung soeben wieder einige tausend Realen zugeführt. So
blickten die katholischen Könige dem Scheiden der Sonne dankbar nach.
Es herrscht Schwüle im Gesandtensaal. Hier thronten noch vor acht
Jahren maurische Könige, hier schlichteten sie Zank und Streit,
hier traten die Ritter zum letztenmal unter Boabdil zusammen, um
das traurige Geschick der Stadt zu beraten, und hier schluchzte
der König vor den Seinen das Abschiedsweh heraus. Der Reichtum des
Ornaments, bestehend aus Pflanzen, Girlanden, arabischen Inschriften
und geometrischen Kleinfiguren in Gold, Rot und Blau, gegliedert durch
zierliche Ajimezes, nach unten zu durch schimmernde Azulejos begrenzt,
verwirrt selbst den nüchternen Geist der Granden.
Die Königin im Brokatgewand, den Scharlachmantel um die Schulter
geworfen, den Hals in die dicke Krause gepreßt, läßt im strengen
Zeremoniell die Granden vor den Thron treten. Unbewegt und steif, im
rotgoldnen Atlasgewand, den weißen Mantel darüber, das Haar von einem
Kopfputz zusammengehalten, sitzt Fernando von Aragonien neben ihr.
Der altersmüde Erzbischof Hernando de Talavera mit dem weichen Gemüt
des wahrhaft frommen Christen, steht, auf einen Stock gestützt,
vor den Herrschern. Er berichtet der Königin über den Fortgang des
Bekehrungswerkes bei den Mauren. Isabella beginnt von der Ankunft des
Ximenes zu sprechen, und ihre Augen glänzen. „Die Brüder des Konvents
von San Francisco sollen morgen in der alten Moschee zu Ehren des
Primas die Messe lesen. Meine Escuderos sollen in den Gassen Spalier
bilden und die neugierigen Mauren im Zaum halten.“ Sie neigte sich
freundlich zum Erzbischof herab. „Grollt mir nicht, daß ich Ximenes
für die Stärkung des Glaubenswerkes kommen ließ. Eine doppelte Kraft
verdoppelt den Erfolg.“
Talavera senkte das Haupt. Er las aus den Worten seiner Königin den
Vorwurf der Schwäche heraus, der er sich selbst anklagte. „Ich bin alt,
meine Königin hat weise gehandelt.“ Er schleppte sich an den Armen
zweier Dominikaner zu seinem Sitz.
Graf Tendilla de Mendoza, der Gobernador von Granada, trat vor den
Thron. Er war der Liebling des Königs. Sehnig, breitschulterig, den
kriegerischen Narbenschmuck auf der Stirn, stand er da. Er hatte das
Verdienst, die verlotterte Kriegsmannschaft mit neuem Geist belebt zu
haben. Statt der Dirnen ließ er die Mönche mit dem Schwert Begleiter
der Soldaten im Felde sein. Als einst die Geldmünzen ausgingen, gab er
den Soldaten Papierscheine und löste sie später wieder ein. Ein solch
erfinderischer Kopf durfte nicht feiern.
„Die Stadt ist ruhig?“ fragte der König seinen Lieblingsritter.
Des Gobernadors Antworten waren immer kurz wie Axthiebe. „Ja,“ sagte er.
„Das ist Euer Verdienst. Wen wir unsrer Gnade versichern, soll sie vor
allem zur Schau tragen.“ Der König heftete den Orden der Steineiche dem
Grafen auf die Brust. Dieser stand in Rührung mit gesenktem Haupt. „Man
hat die Spur des Abencerragen noch immer nicht gefunden?“ fragte der
König.
„Sie führt nach den Alpujarras. Dort einzudringen ist schwer.“
„Ein mutiger Ritter, ein zweiter Perez del Pulgar, kann sich
durchlisten.“
Der Gobernador wandte sich nach den Sitzen der jüngern Granden, die wie
Bildsäulen dasaßen. „Don Pedro de Solar Graf de Mora!“
Der Gerufene erhob sich rasch. Er stand im roten Escarpin, das Schwert
an der Seite, auf dem Haupt die spanische Feder, schön wie ein Cherub
da. In dem feingeschnittenen Gesicht, umrandet von dem gestutzten
Spitzbart, leuchtete sonnige Wärme. Man raunte sich zu, daß vor dieser
kriegerischen Stattlichkeit selbst die Maurinnen hinter den Fenstern
liebesselig erzitterten, wenn der Graf auf dem braunen Andalusier
im Panzer durch die Gassen ritt. Aber sein Herz, sagte man, bliebe
unberührt vom Zauber des Weibes. Man erzählte sich, daß er auf der
Brust ein Mal in Form einer Löwenklaue habe. Der Ritter lachte stets,
wenn man ihm diese Fabel vorhielt, und meinte, der tapfre Mann bedürfe
keines äußerlichen Löwenzeichens.
Fernando wurde nachdenklich. Er entsann sich eines Gerüchtes, wonach
der Vater dieses schönen Ritters einst nahe daran war, von der
Inquisition verfolgt zu werden. Er verscheuchte den Gedanken im Nu und
suchte eine hellere Vergangenheit auf. „Ein Carlos de Solar rühmte sich
einst, von den Goten abzustammen. Hat nicht ein Ahne von Euch den
Musa, den tapfern Maurenfürsten, nach Syrien begleitet?“
„Ich stamme von dem Geschlecht,“ sagte der Graf mit Stolz.
„Ihr habt die Wunde an dem Hals --?“
„Vor Santa Fé erhalten, Königliche Hoheit.“
„Die Maurenkriege sind zu Ende. Lockt Euch nicht andere Gefahr? Wir
brauchen -- Neapels wegen -- Hauptleute, die unter dem Mars geboren
wurden.“
„Für meine Könige zu bluten, ist mir Freude -- jedoch ich gestehe --
die Ferne zieht mich an.“