Fünftes Kapitel

Im Thronsaal der Gesandten in der Alhambra standen die Granden vor den

Königen.

In der ehelichen Verbindung der Herrscher hatte sich der Begriff

Spanien gebildet, doch blieb der staatsmännische Gedanke an den

Begriff Kastilien gebunden. Dieses Königreich schrieb den nach

und nach erworbenen Ländern Sitten, Politik, Gesetze und Ordnung

vor. Vor Kastilien beugten sich willig oder dem Zwang gehorchend

Aragonien, Navarra, Leon und die kleinen Ländchen. Die königliche

Hoheit Isabellas, ihr Geist, ihr Ahnentum und ihre Tatkraft bürgten

für eine geordnete Entwicklung des Landes. Ein Schatten trübte ihre

Größe: der Maurenhaß, geboren aus einem durch Priesterhände geschürten

Glaubensfanatismus.

Würdig stand Fernando ihr zur Seite. Die Erscheinung des

Fünfzigjährigen bestrickte die Edelleute. Er hatte seine Jugend in

den Feldlagern seiner Ritter verbracht, und es lagen zehn Jahre

Glaubenskrieg hinter ihm. Gelehrsamkeit achtete er nicht hoch, seiner

natürlichen geistigen Gewecktheit mangelte die wissenschaftliche

Erziehung. Man ehrte in ihm mehr den Ritter, Fechter, Reiter und Jäger.

Freilich gibt es Granden, die Ursache haben, sich vor der verdeckten

Schlauheit des Königs in acht zu nehmen, gedemütigte Hidalgos,

erniedrigte Herren, unverdient gekränkte Höflinge. Im Glaubenseifer

reicht er der Königin die Hände. Beide schützen das Ketzergericht und

zittern doch vor ihm. Der Klerus vergöttert das Königspaar, er ist

der eigentliche Fels, auf dem die spanische Großmacht steht. Auch

Bürger und Bauern ehren ihre Könige, denn diese schützen sie vor den

Übergriffen des selbstherrlichen Rittertums. Stadt und Dorf haben

ihre Ordnungstruppe, die heilige Hermandad, der königlichen Gewalt

zur Verfügung gestellt, um diese und sich selbst vor dem Machthunger

gewisser Granden zu verteidigen.

Der Tag war verglüht. Die Könige überblickten die Listen der in

Cordoba verbrannten Maurenbücher und die der Inquisitionsopfer. Unter

Torquemada hatte das Ketzergericht zweitausend Leichen dem Herrgott

auf dem Altar der Christenliebe hingeopfert. Deza, der jetzt das

Amt des Großinquisitors übte, wartete in der kurzen Zeit seiner

schrecklichen Macht mit einigen hundert Menschenfackeln auf. Dieser

Mann war der Beichtvater des Königs. Sein Gehilfe in Cordoba, der

fürchterliche Lucero, war der würdige Diener Dezas. Er hatte durch

sein Gott wohlgefälliges Walten dem königlichen Schatz infolge der

Gütereinziehung soeben wieder einige tausend Realen zugeführt. So

blickten die katholischen Könige dem Scheiden der Sonne dankbar nach.

Es herrscht Schwüle im Gesandtensaal. Hier thronten noch vor acht

Jahren maurische Könige, hier schlichteten sie Zank und Streit,

hier traten die Ritter zum letztenmal unter Boabdil zusammen, um

das traurige Geschick der Stadt zu beraten, und hier schluchzte

der König vor den Seinen das Abschiedsweh heraus. Der Reichtum des

Ornaments, bestehend aus Pflanzen, Girlanden, arabischen Inschriften

und geometrischen Kleinfiguren in Gold, Rot und Blau, gegliedert durch

zierliche Ajimezes, nach unten zu durch schimmernde Azulejos begrenzt,

verwirrt selbst den nüchternen Geist der Granden.

Die Königin im Brokatgewand, den Scharlachmantel um die Schulter

geworfen, den Hals in die dicke Krause gepreßt, läßt im strengen

Zeremoniell die Granden vor den Thron treten. Unbewegt und steif, im

rotgoldnen Atlasgewand, den weißen Mantel darüber, das Haar von einem

Kopfputz zusammengehalten, sitzt Fernando von Aragonien neben ihr.

Der altersmüde Erzbischof Hernando de Talavera mit dem weichen Gemüt

des wahrhaft frommen Christen, steht, auf einen Stock gestützt,

vor den Herrschern. Er berichtet der Königin über den Fortgang des

Bekehrungswerkes bei den Mauren. Isabella beginnt von der Ankunft des

Ximenes zu sprechen, und ihre Augen glänzen. „Die Brüder des Konvents

von San Francisco sollen morgen in der alten Moschee zu Ehren des

Primas die Messe lesen. Meine Escuderos sollen in den Gassen Spalier

bilden und die neugierigen Mauren im Zaum halten.“ Sie neigte sich

freundlich zum Erzbischof herab. „Grollt mir nicht, daß ich Ximenes

für die Stärkung des Glaubenswerkes kommen ließ. Eine doppelte Kraft

verdoppelt den Erfolg.“

Talavera senkte das Haupt. Er las aus den Worten seiner Königin den

Vorwurf der Schwäche heraus, der er sich selbst anklagte. „Ich bin alt,

meine Königin hat weise gehandelt.“ Er schleppte sich an den Armen

zweier Dominikaner zu seinem Sitz.

Graf Tendilla de Mendoza, der Gobernador von Granada, trat vor den

Thron. Er war der Liebling des Königs. Sehnig, breitschulterig, den

kriegerischen Narbenschmuck auf der Stirn, stand er da. Er hatte das

Verdienst, die verlotterte Kriegsmannschaft mit neuem Geist belebt zu

haben. Statt der Dirnen ließ er die Mönche mit dem Schwert Begleiter

der Soldaten im Felde sein. Als einst die Geldmünzen ausgingen, gab er

den Soldaten Papierscheine und löste sie später wieder ein. Ein solch

erfinderischer Kopf durfte nicht feiern.

„Die Stadt ist ruhig?“ fragte der König seinen Lieblingsritter.

Des Gobernadors Antworten waren immer kurz wie Axthiebe. „Ja,“ sagte er.

„Das ist Euer Verdienst. Wen wir unsrer Gnade versichern, soll sie vor

allem zur Schau tragen.“ Der König heftete den Orden der Steineiche dem

Grafen auf die Brust. Dieser stand in Rührung mit gesenktem Haupt. „Man

hat die Spur des Abencerragen noch immer nicht gefunden?“ fragte der

König.

„Sie führt nach den Alpujarras. Dort einzudringen ist schwer.“

„Ein mutiger Ritter, ein zweiter Perez del Pulgar, kann sich

durchlisten.“

Der Gobernador wandte sich nach den Sitzen der jüngern Granden, die wie

Bildsäulen dasaßen. „Don Pedro de Solar Graf de Mora!“

Der Gerufene erhob sich rasch. Er stand im roten Escarpin, das Schwert

an der Seite, auf dem Haupt die spanische Feder, schön wie ein Cherub

da. In dem feingeschnittenen Gesicht, umrandet von dem gestutzten

Spitzbart, leuchtete sonnige Wärme. Man raunte sich zu, daß vor dieser

kriegerischen Stattlichkeit selbst die Maurinnen hinter den Fenstern

liebesselig erzitterten, wenn der Graf auf dem braunen Andalusier

im Panzer durch die Gassen ritt. Aber sein Herz, sagte man, bliebe

unberührt vom Zauber des Weibes. Man erzählte sich, daß er auf der

Brust ein Mal in Form einer Löwenklaue habe. Der Ritter lachte stets,

wenn man ihm diese Fabel vorhielt, und meinte, der tapfre Mann bedürfe

keines äußerlichen Löwenzeichens.

Fernando wurde nachdenklich. Er entsann sich eines Gerüchtes, wonach

der Vater dieses schönen Ritters einst nahe daran war, von der

Inquisition verfolgt zu werden. Er verscheuchte den Gedanken im Nu und

suchte eine hellere Vergangenheit auf. „Ein Carlos de Solar rühmte sich

einst, von den Goten abzustammen. Hat nicht ein Ahne von Euch den

Musa, den tapfern Maurenfürsten, nach Syrien begleitet?“

„Ich stamme von dem Geschlecht,“ sagte der Graf mit Stolz.

„Ihr habt die Wunde an dem Hals --?“

„Vor Santa Fé erhalten, Königliche Hoheit.“

„Die Maurenkriege sind zu Ende. Lockt Euch nicht andere Gefahr? Wir

brauchen -- Neapels wegen -- Hauptleute, die unter dem Mars geboren

wurden.“

„Für meine Könige zu bluten, ist mir Freude -- jedoch ich gestehe --

die Ferne zieht mich an.“

Granada in Flammen · 第 53 / 190 题