Arktus sank am Himmel dahin. Vor der Höhle flatterte schon ein Lied
aus der Kehle der Morgenröte himmelan: „Tränke Gott mit Tau des Zeltes
Reste, wo ich feierte der Liebe Feste.“ Ein leichter Wind trug das
Takbir, den Gebetsruf des Muezzin von Cañor herauf. Abu Atir erhob sich
vom Lager. Ein Büschel weißer Strähnen wehte von seiner Schädeldecke
mit der mächtigen Bartfahne um die Wette. Die klugen Augen blickten
frisch in das dämmernde Weben des Morgens. Er legte sich die Kopfbinde
der Imamwürde um und weckte nun die Männer. Als sie nach dem Gebet
zur Frauenhöhle schritten, fanden sie die Mädchen schon wach. Jetzt
wurde das in der Spiegelhöhle liegende Steinversteck mit Haue und
Brecheisen bearbeitet, bald lösten sich die Felsbrocken los, und
im Dunkel einer Höhlung blinkte eine weiße Kiste, die den Schatz
enthielt. Mit Ehrfurcht holten die Männer die Truhe heraus und warteten
unter Gebeten, bis hinter der Loma de Yator der Himmel in Morgenglut
entbrannte. Da öffnete Abu Atir den Deckel und aller Augen blickten
verzückt auf das ehrwürdige Buch, dessen Goldpracht auf blauseidnem
Kissen lag, umgeben von viereckigen Münzen aus der Almohadenzeit.
„Gefäß Gottes, in das er seine Liebe und Weisheit senkte, sei gegrüßt!“
rief der Imam inbrünstig aus. „In deinem Geiste spiegelt sich Gottes
Geist, in dem Wort des Propheten Gottes Wort, und in unserem Wort und
in unserer Tat soll sich die Treue zu Gott und dem Propheten spiegeln.
Wir wollen dich hüten als ein Königserbe und in dem Mihrab von Granada
betten. Wie einst die Krieger der Halimet ihre Hände in duftendes
Menschim tauchten und schwuren, getreu zu bleiben, so strecken wir
die Hände in den Sonnenwind und schwören, getreu zu bleiben dem Wort
Gottes.“ Und er öffnete das Buch und las die Fatiha, die Eingangssure,
und die elfte Sure der Morgenbetrachtung. „Gott geleite uns froh in die
alte Heimat, in das geliebte ‚Granatha‘,“ schloß er. „Ihr Männer kehrt
von Orgiva hierher in die Berge zurück, wo Freunde für euch sorgen
werden. Dort harret unsrer auch schon neues Geleite.“
„Bei den Oliven des Paradieses,“ schwur Eswer, dessen Herz zu bluten
begann, „meine Gebete sollen euch immer geleiten.“
Nun wurde Honig gereicht und das Lusindsch, ein Mandelgebäck, dazu
genossen. Der Hirte Taleb steckte dem Königskind ein gebratenes
Täubchen in die Maultiertasche. Es war seine Verehrung. Und Sobeiha
hatte einen Kranz von Bergblumen geflochten und schlang ihn nun um den
Hals des beglückten Mädchens.
Eswer Ben Zerragh nahm Abschied. „Gott gebe deinem Maultier Kraft,
dich zu tragen über Gestein und Weg, dir selbst aber Glück, Besitz,
Ertrag und eine Erinnerung an diese Berge! Bleibe eingedenk des Tages
und der Nacht, da du unter Steinen wohntest, und erfreue dich Gottes
freundlicher Hilfe, du selbst ein schöner Gedanke dieses Gottes.“ Seine
Stimme zitterte gewaltig.
Die Korankiste wurde an den Sattel Reijas geschnallt. Die beiden Katasi
eröffneten den Zug, dann ritten Reija und Saffana, hinter ihnen Abu
Atir und endlich Ibn Maratan. Als die Sonne, die einen Augenblick
hinter Wolken verschwunden war, sich wieder mit goldenem Schwung in
das Blau warf, stiegen die Tiere langsam den Steilpfad hinab. Reija
sah sich nicht um, wiewohl ihr das Herz klopfte. Saffana winkte zur
Felsplatte hinauf, wo Eswer wie eine aufrechte Zeder stand. Er sah mit
blutendem Herzen hinab. Die Karawane schrumpfte zusammen, verschwand
hinter einem Eichenhain, tauchte wieder auf und verlor sich endlich in
den von Morgenlicht überfluteten Gärten von Cañor. Da verhüllte der
Abencerrage sein Haupt. „Bi nefsi! Sie ist schön wie eine Rose von
Damaskus, aber sie wird mir nimmer blühen.“
Der Reiterzug ritt in den werdenden Tag, der schon herbstliche
Müdigkeit hatte. Die Luft flimmerte über der Erde wie Goldgespinste
aus Gottes Hand. Der sanfte Bergwind der Veleta lag den Reitenden
im Nacken. Sie gelangten nach Cañor, wo man gerade die Almosen
verteilte, denn der Rhamadan war vorbei. Dann ging es über maurische
Dörfer nach Orgiva, wo man von den Handelsleuten, die nach den Bergen
zurückkehren mußten, Abschied nahm. Hier wartete neues Geleite für den
Koran. Drei Ritter aus dem Geschlecht der Beni Mossad übernahmen die
Überwachung, ältere Männer mit dem Stolz des Vertrauens auf der Stirn.
Sie saßen in ihren weißen Burnussen auf schwarzen, erlesenen Rossen,
den federgeschmückten Turban auf dem Haupt, die Füße in buntgestickten
Lederschuhen, die in silbernen Steigbügeln ruhten, den Degen in der
kunstvoll verzierten Scheide an Quastenschnüren quer über der Brust,
und trugen so ein echt maurisches Rittergepräge zur Schau.
In ritterlicher Weise huldigten sie auch dem Königskind. Der eine von
ihnen war Chatib, das ist Kanzelredner, in Granada, der zweite Wali,
ein Viertelvorsteher von Granada, und der dritte Athibb, ein Arzt. Mit
gelehrten Reden versuchten sie die Langeweile des Rittes zu kürzen. Als
sie in Lanjaron, der Gartenstadt, unter der schönen Burg ankamen, wo
heute genächtigt werden sollte, trieb das Gemüt der schönen Reija schon
die farbigsten, frohesten Blüten. Wohl wußte sie, daß sie in Andalus
keine Rechte mit ihrer königlichen Abstammung geltend machen konnte,
aber die Verehrung der Mauren war ihr gewiß, und das erfüllte sie mit
einem harmlosen Stolz.
Am andern Morgen zog man durch das Lecrintal weiter. In den Gärten
lachte die Frucht, in den Weinbergen blinkten die Kittel der lesenden
Frauen, da und dort tauchte ein spanischer Soldat, ein Ildsch oder
Nasranij, wie man auf maurisch die Christen nannte, aus einer Gasse auf
und wurde scheelsüchtig betrachtet. Die Atalaya, die Wachttürme, wurden
auf den Höhen sichtbar, wo bei Gefahr die Feuer angezündet wurden,
und bald stieg der Hügel von Padul vor den Blicken der Reiter auf. Da
bebte das Herz der Königstochter. In der Ferne, von den Hitzeschleiern
geheimnisvoll umhüllt, schimmerte Granada wie ein kostbarer
Edelstein von der vierzehntorigen Mauer mit den tausend Wachttürmen
eingeschlossen. Wie der Sommergarten zu Füßen des beschneiten Libanon
lag die Stadt mit ihrem Grün unter dem Schnee der Sierra Nevada.
Auf einem Hügel ragte der stolze Königsbau der Alhambra wie in
rötlich schimmerndem Erzglanz auf, der Steingedanke prachtliebender
Maurenkönige.
Abu Atir hielt den Zug der Tiere an. „Friede mit dir, ‚Granatha‘,
Königin unter den Bettlern, und darum von uns geliebt wie die
Heiligtümer Arabiens! Selbst wenn wir tot sind, zieht der Hauch deiner
Schönheit Kreise über unser Grab.“
Die Mauren sprangen vom Pferd, legten ihre Degen ab, die Sklaven
breiteten die Gebetsteppiche zu ihren Füßen aus, und bald darauf klang
die preisende Andacht der ersten Offenbarung Gottes an den Propheten
zum Himmel. Dann wies der Imam nach der Stadt. „Dort blühten Glück und
Unglück für deinen Vater, Reija, dort im Herzen der Stadt, wo Haus an
Haus übereinandergewürfelt steht, im Rabad al Bayassin, wo der große
Turm des Minar herübergrüßt, im Viertel der Edlen.“
Reijas Auge wurde naß. Der Greis erklärte dem Mädchen bei der Rast
die Geschichte der Stadt, sprach von den Kämpfen in der Vega,
in der breiten, fruchtschweren Ebene, die ihre Schätze wie auf
einem Riesenteppich rings um die Stadt legte, er sprach von den
Schmerzenstagen, als die Christen mit der Gewalt ihrer Kriegsmassen auf
die letzten Bollwerke der Mauren stießen, und wie der König, von den
Seinen verflucht, aus Granada ziehen mußte und auf diesem Hügel von
Padul die letzte Schau ins Land hielt.
Die Ritter trauerten im Weh der Erinnerung. Hier war es, wo Mutter
und Gattin den König höhnten, daß er um das weine, was zu verteidigen
er nicht die Kraft gehabt hatte. El suspiro del Moro! Den ‚letzten
Seufzer des Mauren‘ nannten jetzt die Spanier den durch eines Königs
Abschiedstränen geweihten Felsen. „Hinweg, Bruder der Freude!“ verjagte
der Imam das eigene Weh. „Madhma madha! Vorbei ist vorbei! Wo sind die
Leute vom Stamm Ad und die von Themud? Wo die Kalifen, die auf goldnem
Thron saßen und auf weichen Mädchenbrüsten schliefen? Auch diese
Christenkönige sind Lehm und Wasser und also der Erde untertan.“ Seine
Rechte wies nach Nordwesten, wo kahle Höhen in den Dunst geisterten.
„Dort liegt Cordoba, die Kalifenstadt, von wo unser Ruhm über die Welt
ging und wo das königliche Dreigestirn Abderrhaman, Haschin und Hakem
leuchtete. Aber es ist alles eitel.“
Der Dunst über Granada wurde goldiger, und die rotbraune Tapia der
Alhambra begann zu glühen. Wie erstarrte weiße Riesenfalter im Grün
von Aloe und Kaktus blinkten die arabischen Lusthäuser. Die Königsburg
und die siebzigtausend Häuser des andalusischen Damaskus grüßten das
heimkehrende Kind im festlichen Abendglanz. Wie silberne Schlangen
blitzten die Wasseradern der Vega auf, und die Oliven- und Orangenhaine
bauschten sich polsterartig aus den abgeernteten Felderweiten heraus.
Der Wali Mossad begann vom Hochmut der Spanier zu erzählen. Unablässig
rann ihm das Leid von den Lippen. „Da ist einer, die rechte Hand des
Gobernadors Tendilla, schön wie der Engel Gabriel, der Kriegsruhm
leuchtet ihm von der Stirn, seine Augen glühen Haß den Mauren, seine
Stimme schneidet ins Herz, und Härte ist sein Begleiter. Don Pedro de
Solar, Grafen von Mora, heißen sie ihn, den königlichen Hauptmann. Er
hat den Befehl über die Alhambra.“
Reijas Hand spielte mit dem Talisman an ihrer Brust: fünf silbernen
Fingern, die die Hauptgebete des Islams versinnbildlichten. Sie wollte
sich durch die Berührung des Zaubergehänges vor den bösen Kräften
schützen, die aus dieses Mannes Auge strahlen mußten.
Als der Salzwind von Süden wehte, brach man auf, und die andalusischen
Rosse flogen wie Wüstenpferde der goldschimmernden Stadt zu. Das
Schlagen der Hufe, das Keuchen der Pferdeleiber, das Rasseln der
Degen, das Geklirr der Frauenketten stimmte sich zu einem frohen Klang
zusammen.
Granada enthüllte sich wie eine schöne Frau. Über die Vorgartenmauern
schlang sich die Weinrebe herab, immer mehr Volk zeigte sich auf dem
Weg, man grüßte die edlen Mauren und staunte die verschleierten Frauen
an. Dumpf polterten die Hufschläge über die Genilbrücke, unter der der
wasserarme Fluß dahinschlich. Beim Mühlentor durfte der Zug unbelästigt
die Wache passieren, denn man erkannte die edlen Beni Mossad. Hinter
dem Tor in der engen Gasse staute sich das bunt zusammengewürfelte
Volk. Aus allen Winkeln drängte sich ein Mischgeruch von Räucherwerk,
Schafmist, Gewürz, Lauch, Hammelfett und Schweiß in die Nase.
Gebetsworte surrten aus den hohen Gitterfenstern eintönig herab; es
herrschte eine Stickluft. Es war die Antequeruela, das Viertel der
Armen, durch das sie ritten. Maurinnen in ärmlicher Kleidung, um
das Gesicht das heiße, im Nacken verknotete Wollzeug geschlungen,
starrten neugierig aus den Toren nach den Reiterinnen. Barcelonische
und genuesische Händler priesen schreiend ihre Waren an. Ein seltsamer
Mann, in ein graues, dichtgeschlossenes Gewand gehüllt, das auf Brust
und Rücken mit einem roten Kreuz bemalt war, bettelte sich von Tür zu
Tür.
„Es ist ein Ketzer,“ erklärte der Wali, „das Schandkleid der
Inquisition, das Sanbenito, muß er bis zu seinem letzten Hauch tragen.
An den Feiertagen steht er mit der brennenden Kerze in der Hand vor der
Kirchentür, sein Gut ist eingezogen worden, seine Kinder sind verachtet
von den Christen.“
Reija schauderte zurück, dann warf sie ihm eine Münze vom Pferd herab.
An dem Judenviertel ging es vorbei, dessen enge Gassen die Düsterheit
des Schicksals seiner Bewohner kündeten. Auch dieses Volk hatte bessere
Tage gesehen, als noch die Maurenkönige in Granada herrschten. Gab es
doch sogar einen jüdischen Minister Samuel unter den Vezieren. Die
Königin Isabella aber ließ sie alle taufen oder austreiben. Die neuen
Christen -- Maranen nannte man sie -- konnten des neuen Heils nicht
froh werden, wiewohl manche als Ärzte, Schriftausleger und Gelehrte am
königlichen Hofe lebten. Innerlich trennte sich keiner vom alten Gesetz
seiner Väter. Sie waren nirgends und überall zu sehen, je nachdem es
ihr Vorteil erheischte. Mit dem Warenbeutel am Rücken schlichen sie
sich des Nachts in die Häuser der Mauren, um Handel zu treiben. Die
Inquisition hatte ein wachsames Auge auf sie.
Abgemergelte, geschäftig sich herandrängende Gestalten umringten die
Pferde der Reiter, als sie jetzt durch die Alcaiceria, den Trödelmarkt,
zogen. „Alles Maranen, getaufte Juden,“ erklärte der Wali, „noch unter
Torquemada gebrandmarkt. Dabei können sie von Glück sagen, nicht
vertrieben worden zu sein. Denn die das Schicksal erlitten, denen nahm
man das Geld nicht nur aus der Tasche, sondern schnitt es ihnen aus
dem Bauch, wenn man es dort vermutete. Wer eine Thora im Haus hat, ist
verloren. Unlängst griffen sie einen, der eine Hostie gegessen haben
sollte unter dem Schalet, einen andern, weil er sein Hemd am Sabbat
gewechselt. Und trotzdem haben sie ihre heimlichen Winkel, wo sie
Kaftan, Leibgurt und Käppchen versteckt liegen haben, und kommt der
Sabbatabend, beten sie doch zu ihrem Gott, wie unsere Moriskos zu dem
unsern. Sie leiden noch mehr als wir. Aber es wird über uns kommen wie
über sie, wenn er kommt!“
„Ximenes!“ erschauerte Abu Atir.
„Die Moriskos in Toledo nennen ihn einen Geist, geschaffen aus dem
Feuer des Samum. Gott behüte uns vor seinem Glaubenseifer, der mehr
Glaubenstollheit ist. Man spricht davon, daß er Maurenbücher verbrennen
will.“
Abu Atir warf seinen Leib zurück. „Nimmer glaube ich’s. Der Segen des
Höchsten über unsern Koran! Ich will ihm Schätze weisen, größer denn
die Goldreste von Rusafa in Cordoba, nur auf Boabdils Koran lege er die
Hand nicht.“
Sie gelangten auf die große Bab al Raml, den Hauptplatz der Stadt,
den die Spanier Bibarrambla nannten. Hier lag die Medriset, die
Hochschule der Mauren, mit ihren zierlichen arabischen Hufeisenbogen,
unter denen die Jünger der Wissenschaft wandelten. Vor den Hallen
flochten Maurenweiber aus Espartogras die großen Fußbodenmatten für
den Winterbedarf, und syrische Händler verkauften ihre Teppiche.
Nebenan priesen die Töpfer aus Andujar ihre Vasen und schimmernden
Azulejos, die farbigen Glasuren für die Wandtäfelung, an. Dann ging es
durch die engen Gassen des Zacatin, wo die Gewölbe der korduanischen
Goldschmiede lagen und das Geschrei sich zu einem ohrenbetäubenden
Getöse verdichtete. Buntes, schillerndes Seidenzeug lag in den Basars
der großen Caiseria vor den Augen der Mädchen.
„Kleider, Seide!“ rief Reija in kindlicher Eitelkeit aus.
„Degen und Schwerter!“ freuten sich die Männer, als sie an den
Waffenläden vorbeiritten.
Auf den Kauftischen breiteten sich die Kostbarkeiten des Morgenlandes
aus, Spezereien, Edelsteine, Farbstoffe, Gewürze, Lederwaren, Bücher
und das bunteste Zeug in reicher Abwechslung.
Aber was war das? Eine Moschee, vor der braune Kuttenträger wandelten.
Paarweise traten gebräunte Knaben unter Führung von Mönchen in den
heiligen Raum und bekreuzigten sich, schritten nach dem Altar, wo
das Tabernakel glänzte. Maurenknaben in der Moschee, die in eine
christliche Kirche umgewandelt war. Abu Atir drängte das Pferd Reijas
von der Stelle, deren Anblick sein Herz beengte.
Durch schmutzige Krämergassen ritten sie aufwärts nach dem Albaycin,
wo der Imam im alten Kassr, im Hause der Nassriden, das Heim für
das jüngste Kind des Geschlechts hatte vorbereiten lassen. Vor dem
Ostuwan, dem festungsartigen Vorbau des Palastes, über dessen Tor unter
dem Metallfries das prächtige Stahlschild der Nassriden schimmerte,
hielten die Rosse. Ein reichverziertes Eisengitter öffnete sich
nach dem Sahat, dem Innenhof, wo das Gartengrün und eine wunderbare
Blumenpracht den blitzenden Springbrunnen umkränzten. Ringsherum
flimmerten die bunt ornamentierten Wände und Laubengänge des Hauses,
sahen die Ajimezes, die durch ein Säulchen geteilten Fenster der
Innengemächer, auf die lauschige Gartenstille herab. Ein betäubender
Duft wehte aus den Rosenbeeten. Der Geist des Islams lächelte heiter
aus jedem Bogenschwung, aus jedem Wandzierat, aus jedem geheimnisvollen
Nischenschatten. Die arabische Ampel aus zartem Schmiedeornament
überschimmerte mit ihrem Licht den Laubengang, und in jeder Nische
verdampfte in kupfernen Pfannen das Rosenöl oder der Duft des
Sandelholzes. Berbersklaven ordneten die Rasen und Wege, und als Reija
die breite Steintreppe hinaufstieg, nachdem sie die Beni Mossad dankend
verabschiedet hatte, kamen ihr zwei Sklavinnen entgegen, ehrwürdige
Matronen, die ihr von nun an dienen sollten.
Die üppige Pracht des ersten Gemaches verwirrte den Sinn des Mädchens.
Die geometrische Kunst der arabischen Baumeister an den Wänden,
vielgestaltig und -farbig, wie ein Linienmärchen zur Schau gestellt,
mußte zur träumerischen Betrachtung anregen, und Reijas Phantasie
freute sich auf die Stunden des Auskostens aller Schönheiten. Sie trat
jetzt mit Abu Atir auf den Mirador, den maurischen Balkon.
Zu ihren Füßen lag die lärmende Stadt, umrahmt von der grünen Vega, das
flache Gedächer des Albaycin, die steilen Gäßchen, in die nie das warme
Gold der Sonne tauchte, jenseits des Darro der vielfältig gegliederte
Steinleib der Alhambra und dahinten der Schneewall der Sierra Nevada.
Eine überwältigende Größe sprach aus dem Bild. Der Sonnentod flammte
scharlachrot wie Liebesglut über den Dächern. Reijas Herz wurde von
Gottesgedanken gepackt. „Wo ist der Koran?“ fragte sie wie aus heiligem
Drang heraus.
„Die Beni Mossad trugen ihn in die Moschee. Ali wird am Freitag zum
erstenmal daraus lesen.“
„Meines Vaters Koran -- in Granada!“ jubelte Reija. Da fiel ihr Blick
in die Straße auf eine hohe Gestalt in weißer Mönchskutte, der viele
Moriskos folgten. „Wer ist das?“ fragte sie eine der Matronen.
„Verhülle dein Gesicht fest, Blume von Andalus. Das ist der Pater Leon.“
„Dieser ist es?“ erschauerte Reija. „Er blickt finster wie der Baum
Sukuum, der die Hölle deckt.“
Es pochte. Ein alter Maure mit schwer verfurchtem Gesicht trat
ehrfürchtig ein. „Allah akbar! Gott sei dir immer gnädig, Blüte des
Alters, weiser Scheich!“ sagte er ernst, während er die Arme über die
Brust verschränkte.
„Gegrüßt auch du, Malik Ben Hossaim, mein Rasul, mein Bote, dem alles
zum Segen werde. Du warst in Cordoba?“
Der vertraute Bote bejahte, indem er die Lider bis auf eine kleine
Spalte schloß.
„Und du hast die letzten Bücher aus dem Schatz meines Vaters gebracht?“
Wieder klappten die Augendeckel zu.
„Und sonst hast du mir nichts zu sagen nach so langer Zeit?“
Da bewegten sich die dünnen Lippen, und langsam, jedes Wort betonend,
sagte Malik Ben Hossaim: „Ximenes kommt aus Toledo.“
„Ximenes!“ Der Name fiel wie Eis in das gelassene Blut des Imam. Soeben
erscholl das Idsam, der Gebetsruf, in feierlich gezogenen Tönen über
die Dächer: Gott ist der Höchste, und ich bekenne, daß es nur einen
einzigen Gott gibt, daß Mohammed Gottes Gesandter ist. Kommt zum Gebet!
Erscheinet zum Heil! Gott ist der Höchste! Es gibt nur einen einzigen
Gott!