Viertes Kapitel

Arktus sank am Himmel dahin. Vor der Höhle flatterte schon ein Lied

aus der Kehle der Morgenröte himmelan: „Tränke Gott mit Tau des Zeltes

Reste, wo ich feierte der Liebe Feste.“ Ein leichter Wind trug das

Takbir, den Gebetsruf des Muezzin von Cañor herauf. Abu Atir erhob sich

vom Lager. Ein Büschel weißer Strähnen wehte von seiner Schädeldecke

mit der mächtigen Bartfahne um die Wette. Die klugen Augen blickten

frisch in das dämmernde Weben des Morgens. Er legte sich die Kopfbinde

der Imamwürde um und weckte nun die Männer. Als sie nach dem Gebet

zur Frauenhöhle schritten, fanden sie die Mädchen schon wach. Jetzt

wurde das in der Spiegelhöhle liegende Steinversteck mit Haue und

Brecheisen bearbeitet, bald lösten sich die Felsbrocken los, und

im Dunkel einer Höhlung blinkte eine weiße Kiste, die den Schatz

enthielt. Mit Ehrfurcht holten die Männer die Truhe heraus und warteten

unter Gebeten, bis hinter der Loma de Yator der Himmel in Morgenglut

entbrannte. Da öffnete Abu Atir den Deckel und aller Augen blickten

verzückt auf das ehrwürdige Buch, dessen Goldpracht auf blauseidnem

Kissen lag, umgeben von viereckigen Münzen aus der Almohadenzeit.

„Gefäß Gottes, in das er seine Liebe und Weisheit senkte, sei gegrüßt!“

rief der Imam inbrünstig aus. „In deinem Geiste spiegelt sich Gottes

Geist, in dem Wort des Propheten Gottes Wort, und in unserem Wort und

in unserer Tat soll sich die Treue zu Gott und dem Propheten spiegeln.

Wir wollen dich hüten als ein Königserbe und in dem Mihrab von Granada

betten. Wie einst die Krieger der Halimet ihre Hände in duftendes

Menschim tauchten und schwuren, getreu zu bleiben, so strecken wir

die Hände in den Sonnenwind und schwören, getreu zu bleiben dem Wort

Gottes.“ Und er öffnete das Buch und las die Fatiha, die Eingangssure,

und die elfte Sure der Morgenbetrachtung. „Gott geleite uns froh in die

alte Heimat, in das geliebte ‚Granatha‘,“ schloß er. „Ihr Männer kehrt

von Orgiva hierher in die Berge zurück, wo Freunde für euch sorgen

werden. Dort harret unsrer auch schon neues Geleite.“

„Bei den Oliven des Paradieses,“ schwur Eswer, dessen Herz zu bluten

begann, „meine Gebete sollen euch immer geleiten.“

Nun wurde Honig gereicht und das Lusindsch, ein Mandelgebäck, dazu

genossen. Der Hirte Taleb steckte dem Königskind ein gebratenes

Täubchen in die Maultiertasche. Es war seine Verehrung. Und Sobeiha

hatte einen Kranz von Bergblumen geflochten und schlang ihn nun um den

Hals des beglückten Mädchens.

Eswer Ben Zerragh nahm Abschied. „Gott gebe deinem Maultier Kraft,

dich zu tragen über Gestein und Weg, dir selbst aber Glück, Besitz,

Ertrag und eine Erinnerung an diese Berge! Bleibe eingedenk des Tages

und der Nacht, da du unter Steinen wohntest, und erfreue dich Gottes

freundlicher Hilfe, du selbst ein schöner Gedanke dieses Gottes.“ Seine

Stimme zitterte gewaltig.

Die Korankiste wurde an den Sattel Reijas geschnallt. Die beiden Katasi

eröffneten den Zug, dann ritten Reija und Saffana, hinter ihnen Abu

Atir und endlich Ibn Maratan. Als die Sonne, die einen Augenblick

hinter Wolken verschwunden war, sich wieder mit goldenem Schwung in

das Blau warf, stiegen die Tiere langsam den Steilpfad hinab. Reija

sah sich nicht um, wiewohl ihr das Herz klopfte. Saffana winkte zur

Felsplatte hinauf, wo Eswer wie eine aufrechte Zeder stand. Er sah mit

blutendem Herzen hinab. Die Karawane schrumpfte zusammen, verschwand

hinter einem Eichenhain, tauchte wieder auf und verlor sich endlich in

den von Morgenlicht überfluteten Gärten von Cañor. Da verhüllte der

Abencerrage sein Haupt. „Bi nefsi! Sie ist schön wie eine Rose von

Damaskus, aber sie wird mir nimmer blühen.“

Der Reiterzug ritt in den werdenden Tag, der schon herbstliche

Müdigkeit hatte. Die Luft flimmerte über der Erde wie Goldgespinste

aus Gottes Hand. Der sanfte Bergwind der Veleta lag den Reitenden

im Nacken. Sie gelangten nach Cañor, wo man gerade die Almosen

verteilte, denn der Rhamadan war vorbei. Dann ging es über maurische

Dörfer nach Orgiva, wo man von den Handelsleuten, die nach den Bergen

zurückkehren mußten, Abschied nahm. Hier wartete neues Geleite für den

Koran. Drei Ritter aus dem Geschlecht der Beni Mossad übernahmen die

Überwachung, ältere Männer mit dem Stolz des Vertrauens auf der Stirn.

Sie saßen in ihren weißen Burnussen auf schwarzen, erlesenen Rossen,

den federgeschmückten Turban auf dem Haupt, die Füße in buntgestickten

Lederschuhen, die in silbernen Steigbügeln ruhten, den Degen in der

kunstvoll verzierten Scheide an Quastenschnüren quer über der Brust,

und trugen so ein echt maurisches Rittergepräge zur Schau.

In ritterlicher Weise huldigten sie auch dem Königskind. Der eine von

ihnen war Chatib, das ist Kanzelredner, in Granada, der zweite Wali,

ein Viertelvorsteher von Granada, und der dritte Athibb, ein Arzt. Mit

gelehrten Reden versuchten sie die Langeweile des Rittes zu kürzen. Als

sie in Lanjaron, der Gartenstadt, unter der schönen Burg ankamen, wo

heute genächtigt werden sollte, trieb das Gemüt der schönen Reija schon

die farbigsten, frohesten Blüten. Wohl wußte sie, daß sie in Andalus

keine Rechte mit ihrer königlichen Abstammung geltend machen konnte,

aber die Verehrung der Mauren war ihr gewiß, und das erfüllte sie mit

einem harmlosen Stolz.

Am andern Morgen zog man durch das Lecrintal weiter. In den Gärten

lachte die Frucht, in den Weinbergen blinkten die Kittel der lesenden

Frauen, da und dort tauchte ein spanischer Soldat, ein Ildsch oder

Nasranij, wie man auf maurisch die Christen nannte, aus einer Gasse auf

und wurde scheelsüchtig betrachtet. Die Atalaya, die Wachttürme, wurden

auf den Höhen sichtbar, wo bei Gefahr die Feuer angezündet wurden,

und bald stieg der Hügel von Padul vor den Blicken der Reiter auf. Da

bebte das Herz der Königstochter. In der Ferne, von den Hitzeschleiern

geheimnisvoll umhüllt, schimmerte Granada wie ein kostbarer

Edelstein von der vierzehntorigen Mauer mit den tausend Wachttürmen

eingeschlossen. Wie der Sommergarten zu Füßen des beschneiten Libanon

lag die Stadt mit ihrem Grün unter dem Schnee der Sierra Nevada.

Auf einem Hügel ragte der stolze Königsbau der Alhambra wie in

rötlich schimmerndem Erzglanz auf, der Steingedanke prachtliebender

Maurenkönige.

Abu Atir hielt den Zug der Tiere an. „Friede mit dir, ‚Granatha‘,

Königin unter den Bettlern, und darum von uns geliebt wie die

Heiligtümer Arabiens! Selbst wenn wir tot sind, zieht der Hauch deiner

Schönheit Kreise über unser Grab.“

Die Mauren sprangen vom Pferd, legten ihre Degen ab, die Sklaven

breiteten die Gebetsteppiche zu ihren Füßen aus, und bald darauf klang

die preisende Andacht der ersten Offenbarung Gottes an den Propheten

zum Himmel. Dann wies der Imam nach der Stadt. „Dort blühten Glück und

Unglück für deinen Vater, Reija, dort im Herzen der Stadt, wo Haus an

Haus übereinandergewürfelt steht, im Rabad al Bayassin, wo der große

Turm des Minar herübergrüßt, im Viertel der Edlen.“

Reijas Auge wurde naß. Der Greis erklärte dem Mädchen bei der Rast

die Geschichte der Stadt, sprach von den Kämpfen in der Vega,

in der breiten, fruchtschweren Ebene, die ihre Schätze wie auf

einem Riesenteppich rings um die Stadt legte, er sprach von den

Schmerzenstagen, als die Christen mit der Gewalt ihrer Kriegsmassen auf

die letzten Bollwerke der Mauren stießen, und wie der König, von den

Seinen verflucht, aus Granada ziehen mußte und auf diesem Hügel von

Padul die letzte Schau ins Land hielt.

Die Ritter trauerten im Weh der Erinnerung. Hier war es, wo Mutter

und Gattin den König höhnten, daß er um das weine, was zu verteidigen

er nicht die Kraft gehabt hatte. El suspiro del Moro! Den ‚letzten

Seufzer des Mauren‘ nannten jetzt die Spanier den durch eines Königs

Abschiedstränen geweihten Felsen. „Hinweg, Bruder der Freude!“ verjagte

der Imam das eigene Weh. „Madhma madha! Vorbei ist vorbei! Wo sind die

Leute vom Stamm Ad und die von Themud? Wo die Kalifen, die auf goldnem

Thron saßen und auf weichen Mädchenbrüsten schliefen? Auch diese

Christenkönige sind Lehm und Wasser und also der Erde untertan.“ Seine

Rechte wies nach Nordwesten, wo kahle Höhen in den Dunst geisterten.

„Dort liegt Cordoba, die Kalifenstadt, von wo unser Ruhm über die Welt

ging und wo das königliche Dreigestirn Abderrhaman, Haschin und Hakem

leuchtete. Aber es ist alles eitel.“

Der Dunst über Granada wurde goldiger, und die rotbraune Tapia der

Alhambra begann zu glühen. Wie erstarrte weiße Riesenfalter im Grün

von Aloe und Kaktus blinkten die arabischen Lusthäuser. Die Königsburg

und die siebzigtausend Häuser des andalusischen Damaskus grüßten das

heimkehrende Kind im festlichen Abendglanz. Wie silberne Schlangen

blitzten die Wasseradern der Vega auf, und die Oliven- und Orangenhaine

bauschten sich polsterartig aus den abgeernteten Felderweiten heraus.

Der Wali Mossad begann vom Hochmut der Spanier zu erzählen. Unablässig

rann ihm das Leid von den Lippen. „Da ist einer, die rechte Hand des

Gobernadors Tendilla, schön wie der Engel Gabriel, der Kriegsruhm

leuchtet ihm von der Stirn, seine Augen glühen Haß den Mauren, seine

Stimme schneidet ins Herz, und Härte ist sein Begleiter. Don Pedro de

Solar, Grafen von Mora, heißen sie ihn, den königlichen Hauptmann. Er

hat den Befehl über die Alhambra.“

Reijas Hand spielte mit dem Talisman an ihrer Brust: fünf silbernen

Fingern, die die Hauptgebete des Islams versinnbildlichten. Sie wollte

sich durch die Berührung des Zaubergehänges vor den bösen Kräften

schützen, die aus dieses Mannes Auge strahlen mußten.

Als der Salzwind von Süden wehte, brach man auf, und die andalusischen

Rosse flogen wie Wüstenpferde der goldschimmernden Stadt zu. Das

Schlagen der Hufe, das Keuchen der Pferdeleiber, das Rasseln der

Degen, das Geklirr der Frauenketten stimmte sich zu einem frohen Klang

zusammen.

Granada enthüllte sich wie eine schöne Frau. Über die Vorgartenmauern

schlang sich die Weinrebe herab, immer mehr Volk zeigte sich auf dem

Weg, man grüßte die edlen Mauren und staunte die verschleierten Frauen

an. Dumpf polterten die Hufschläge über die Genilbrücke, unter der der

wasserarme Fluß dahinschlich. Beim Mühlentor durfte der Zug unbelästigt

die Wache passieren, denn man erkannte die edlen Beni Mossad. Hinter

dem Tor in der engen Gasse staute sich das bunt zusammengewürfelte

Volk. Aus allen Winkeln drängte sich ein Mischgeruch von Räucherwerk,

Schafmist, Gewürz, Lauch, Hammelfett und Schweiß in die Nase.

Gebetsworte surrten aus den hohen Gitterfenstern eintönig herab; es

herrschte eine Stickluft. Es war die Antequeruela, das Viertel der

Armen, durch das sie ritten. Maurinnen in ärmlicher Kleidung, um

das Gesicht das heiße, im Nacken verknotete Wollzeug geschlungen,

starrten neugierig aus den Toren nach den Reiterinnen. Barcelonische

und genuesische Händler priesen schreiend ihre Waren an. Ein seltsamer

Mann, in ein graues, dichtgeschlossenes Gewand gehüllt, das auf Brust

und Rücken mit einem roten Kreuz bemalt war, bettelte sich von Tür zu

Tür.

„Es ist ein Ketzer,“ erklärte der Wali, „das Schandkleid der

Inquisition, das Sanbenito, muß er bis zu seinem letzten Hauch tragen.

An den Feiertagen steht er mit der brennenden Kerze in der Hand vor der

Kirchentür, sein Gut ist eingezogen worden, seine Kinder sind verachtet

von den Christen.“

Reija schauderte zurück, dann warf sie ihm eine Münze vom Pferd herab.

An dem Judenviertel ging es vorbei, dessen enge Gassen die Düsterheit

des Schicksals seiner Bewohner kündeten. Auch dieses Volk hatte bessere

Tage gesehen, als noch die Maurenkönige in Granada herrschten. Gab es

doch sogar einen jüdischen Minister Samuel unter den Vezieren. Die

Königin Isabella aber ließ sie alle taufen oder austreiben. Die neuen

Christen -- Maranen nannte man sie -- konnten des neuen Heils nicht

froh werden, wiewohl manche als Ärzte, Schriftausleger und Gelehrte am

königlichen Hofe lebten. Innerlich trennte sich keiner vom alten Gesetz

seiner Väter. Sie waren nirgends und überall zu sehen, je nachdem es

ihr Vorteil erheischte. Mit dem Warenbeutel am Rücken schlichen sie

sich des Nachts in die Häuser der Mauren, um Handel zu treiben. Die

Inquisition hatte ein wachsames Auge auf sie.

Abgemergelte, geschäftig sich herandrängende Gestalten umringten die

Pferde der Reiter, als sie jetzt durch die Alcaiceria, den Trödelmarkt,

zogen. „Alles Maranen, getaufte Juden,“ erklärte der Wali, „noch unter

Torquemada gebrandmarkt. Dabei können sie von Glück sagen, nicht

vertrieben worden zu sein. Denn die das Schicksal erlitten, denen nahm

man das Geld nicht nur aus der Tasche, sondern schnitt es ihnen aus

dem Bauch, wenn man es dort vermutete. Wer eine Thora im Haus hat, ist

verloren. Unlängst griffen sie einen, der eine Hostie gegessen haben

sollte unter dem Schalet, einen andern, weil er sein Hemd am Sabbat

gewechselt. Und trotzdem haben sie ihre heimlichen Winkel, wo sie

Kaftan, Leibgurt und Käppchen versteckt liegen haben, und kommt der

Sabbatabend, beten sie doch zu ihrem Gott, wie unsere Moriskos zu dem

unsern. Sie leiden noch mehr als wir. Aber es wird über uns kommen wie

über sie, wenn er kommt!“

„Ximenes!“ erschauerte Abu Atir.

„Die Moriskos in Toledo nennen ihn einen Geist, geschaffen aus dem

Feuer des Samum. Gott behüte uns vor seinem Glaubenseifer, der mehr

Glaubenstollheit ist. Man spricht davon, daß er Maurenbücher verbrennen

will.“

Abu Atir warf seinen Leib zurück. „Nimmer glaube ich’s. Der Segen des

Höchsten über unsern Koran! Ich will ihm Schätze weisen, größer denn

die Goldreste von Rusafa in Cordoba, nur auf Boabdils Koran lege er die

Hand nicht.“

Sie gelangten auf die große Bab al Raml, den Hauptplatz der Stadt,

den die Spanier Bibarrambla nannten. Hier lag die Medriset, die

Hochschule der Mauren, mit ihren zierlichen arabischen Hufeisenbogen,

unter denen die Jünger der Wissenschaft wandelten. Vor den Hallen

flochten Maurenweiber aus Espartogras die großen Fußbodenmatten für

den Winterbedarf, und syrische Händler verkauften ihre Teppiche.

Nebenan priesen die Töpfer aus Andujar ihre Vasen und schimmernden

Azulejos, die farbigen Glasuren für die Wandtäfelung, an. Dann ging es

durch die engen Gassen des Zacatin, wo die Gewölbe der korduanischen

Goldschmiede lagen und das Geschrei sich zu einem ohrenbetäubenden

Getöse verdichtete. Buntes, schillerndes Seidenzeug lag in den Basars

der großen Caiseria vor den Augen der Mädchen.

„Kleider, Seide!“ rief Reija in kindlicher Eitelkeit aus.

„Degen und Schwerter!“ freuten sich die Männer, als sie an den

Waffenläden vorbeiritten.

Auf den Kauftischen breiteten sich die Kostbarkeiten des Morgenlandes

aus, Spezereien, Edelsteine, Farbstoffe, Gewürze, Lederwaren, Bücher

und das bunteste Zeug in reicher Abwechslung.

Aber was war das? Eine Moschee, vor der braune Kuttenträger wandelten.

Paarweise traten gebräunte Knaben unter Führung von Mönchen in den

heiligen Raum und bekreuzigten sich, schritten nach dem Altar, wo

das Tabernakel glänzte. Maurenknaben in der Moschee, die in eine

christliche Kirche umgewandelt war. Abu Atir drängte das Pferd Reijas

von der Stelle, deren Anblick sein Herz beengte.

Durch schmutzige Krämergassen ritten sie aufwärts nach dem Albaycin,

wo der Imam im alten Kassr, im Hause der Nassriden, das Heim für

das jüngste Kind des Geschlechts hatte vorbereiten lassen. Vor dem

Ostuwan, dem festungsartigen Vorbau des Palastes, über dessen Tor unter

dem Metallfries das prächtige Stahlschild der Nassriden schimmerte,

hielten die Rosse. Ein reichverziertes Eisengitter öffnete sich

nach dem Sahat, dem Innenhof, wo das Gartengrün und eine wunderbare

Blumenpracht den blitzenden Springbrunnen umkränzten. Ringsherum

flimmerten die bunt ornamentierten Wände und Laubengänge des Hauses,

sahen die Ajimezes, die durch ein Säulchen geteilten Fenster der

Innengemächer, auf die lauschige Gartenstille herab. Ein betäubender

Duft wehte aus den Rosenbeeten. Der Geist des Islams lächelte heiter

aus jedem Bogenschwung, aus jedem Wandzierat, aus jedem geheimnisvollen

Nischenschatten. Die arabische Ampel aus zartem Schmiedeornament

überschimmerte mit ihrem Licht den Laubengang, und in jeder Nische

verdampfte in kupfernen Pfannen das Rosenöl oder der Duft des

Sandelholzes. Berbersklaven ordneten die Rasen und Wege, und als Reija

die breite Steintreppe hinaufstieg, nachdem sie die Beni Mossad dankend

verabschiedet hatte, kamen ihr zwei Sklavinnen entgegen, ehrwürdige

Matronen, die ihr von nun an dienen sollten.

Die üppige Pracht des ersten Gemaches verwirrte den Sinn des Mädchens.

Die geometrische Kunst der arabischen Baumeister an den Wänden,

vielgestaltig und -farbig, wie ein Linienmärchen zur Schau gestellt,

mußte zur träumerischen Betrachtung anregen, und Reijas Phantasie

freute sich auf die Stunden des Auskostens aller Schönheiten. Sie trat

jetzt mit Abu Atir auf den Mirador, den maurischen Balkon.

Zu ihren Füßen lag die lärmende Stadt, umrahmt von der grünen Vega, das

flache Gedächer des Albaycin, die steilen Gäßchen, in die nie das warme

Gold der Sonne tauchte, jenseits des Darro der vielfältig gegliederte

Steinleib der Alhambra und dahinten der Schneewall der Sierra Nevada.

Eine überwältigende Größe sprach aus dem Bild. Der Sonnentod flammte

scharlachrot wie Liebesglut über den Dächern. Reijas Herz wurde von

Gottesgedanken gepackt. „Wo ist der Koran?“ fragte sie wie aus heiligem

Drang heraus.

„Die Beni Mossad trugen ihn in die Moschee. Ali wird am Freitag zum

erstenmal daraus lesen.“

„Meines Vaters Koran -- in Granada!“ jubelte Reija. Da fiel ihr Blick

in die Straße auf eine hohe Gestalt in weißer Mönchskutte, der viele

Moriskos folgten. „Wer ist das?“ fragte sie eine der Matronen.

„Verhülle dein Gesicht fest, Blume von Andalus. Das ist der Pater Leon.“

„Dieser ist es?“ erschauerte Reija. „Er blickt finster wie der Baum

Sukuum, der die Hölle deckt.“

Es pochte. Ein alter Maure mit schwer verfurchtem Gesicht trat

ehrfürchtig ein. „Allah akbar! Gott sei dir immer gnädig, Blüte des

Alters, weiser Scheich!“ sagte er ernst, während er die Arme über die

Brust verschränkte.

„Gegrüßt auch du, Malik Ben Hossaim, mein Rasul, mein Bote, dem alles

zum Segen werde. Du warst in Cordoba?“

Der vertraute Bote bejahte, indem er die Lider bis auf eine kleine

Spalte schloß.

„Und du hast die letzten Bücher aus dem Schatz meines Vaters gebracht?“

Wieder klappten die Augendeckel zu.

„Und sonst hast du mir nichts zu sagen nach so langer Zeit?“

Da bewegten sich die dünnen Lippen, und langsam, jedes Wort betonend,

sagte Malik Ben Hossaim: „Ximenes kommt aus Toledo.“

„Ximenes!“ Der Name fiel wie Eis in das gelassene Blut des Imam. Soeben

erscholl das Idsam, der Gebetsruf, in feierlich gezogenen Tönen über

die Dächer: Gott ist der Höchste, und ich bekenne, daß es nur einen

einzigen Gott gibt, daß Mohammed Gottes Gesandter ist. Kommt zum Gebet!

Erscheinet zum Heil! Gott ist der Höchste! Es gibt nur einen einzigen

Gott!

Granada in Flammen · 第 52 / 190 题