„Wo ist der Koran?“ drängten die Männer in heiliger Glut heran.
„Wir wollen in Morgenfrühe bei dem steinernen Mihrab beten. Und wenn
die Stunde kommt, da man einen schwarzen und weißen Faden unterscheiden
kann, wollen wir den Koran aus dem Felsen nehmen, und der erste
Sonnenstrahl soll das heilige Buch aus jahrelangem Schlaf wecken.“
Nun wurden Waschungen und Gebete verrichtet, und Saffana mußte alte
Kiffaß, Erzählungen aus der Omajadenzeit, hersagen. Aber Reija war
aus der Neugeburt ihres Wesens heraus unfähig, ihre Sinne für die
Beredsamkeit zu schärfen. Es taumelte in ihr hin und her, und vom
Glück überwältigt, schlief sie unter dem hohen Mond mitten unter den
andern ein. Ihr Haupt lag auf der Motharif, ihr Atem ging leise,
und alle fühlten, daß erhabne Träume von Pracht und Herrlichkeit um
die lächelnden Lippen spielten, so wie sie einst in den Sinnen der
Kalifentöchter glühten.
Saffana aber erzählte unermüdlich von Az-Zahara, der zertrümmerten
Märchenstadt bei Cordoba, und von den Prachtgärten des ägyptischen
Kalifen Thalun, in denen die Vögel unter vergoldeten Palmen sangen. Der
junge Maratan hing an den Lippen der Sklavin, als tropfte Goldregen von
ihnen. Schems hosna! Schöne Sonne! besang er heimlich ihre Reize.
Die Männer wachten lange vor der Höhle. Eswer Ben Zerragh trauerte vor
sich hin. Er sah nach der arabischen Legende die Seele seiner Mutter
als Hamé, das ist als Eule, über den Bergen fliegen und hörte ihre
Stimme flehen: ‚Tränke mich und gedenke mein!‘ Und er tränkte die Seele
mit den Tränen seines Leids. Dann aber umschwebte ihn das Bild der
schönen Reija, mit deren Erhebung er eine Hoffnung in sich zu Grabe
trug.
Manch zuversichtliches Wort ward noch unter der Sternenhoheit
gewechselt. Silbern kreiste die andalusische Nacht über Wache und
Schlaf.