Die Mauren fuhren in frohem Schreck auf. „Du warst sein Retter?“

Und Eswer küßte verzückt die Hände des Greises. „Dir sind die sieben

Himmel offen, Retter meines Königs!“

Abu Atir wehrte müde ab. „Zerschnittene Leinentücher wurden zu einem

Strick gedreht, und in einer sternenlosen Nacht ließ sich Boabdil

vom Turmfenster ins Gesträuch der Bergklippe hinab, kletterte in die

Darroschlucht, wo ich mit drei Rennern auf ihn wartete. Auf Umwegen

ritten wir ins Geniltal und gelangten endlich nach Wadi-Asch, das sie

heute Guadix nennen, wo die maurische Alcazaba, das Schloß auf hohem

Felsen, der Zufluchtsort des jungen Herrn wurde. Als der wutschnaubende

König von Alhama zurückkam, wo ihn die Christen geschlagen hatten, war

der Vogel entflohen. Im Gefühl der Niederlage, die er als eine Warnung

Gottes ansah, schonte er wenigstens Ayscha. Das Volk aber, durch das

Schlachtenunglück bei Alhama aufgerüttelt, verfluchte den alten Abul

Hassan und rief nach Boabdil. Dieser war schön und stattlich geworden,

nur ein Schatten des Leides saß in seinem dunklen Auge, und eine Falte

des Grams zog über seine Wange. Blond war sein Haar, stattlich sein

Wuchs, königlich jede seiner Bewegungen. Ich betreute ihn wie ein Vater

in der Alcazaba, konnte jedoch nicht verhindern, daß eines in ihm

unheilvoll aufkeimte, das sinnliche Begehren nach dem Weibe.“

Die Mädchen senkten verschämt die Wimpern.

„Seht,“ fuhr der Imam fort, „es kam ja alles Unglück bei uns

Mauren aus dem Weib. Die Kalifen verlernten im Liebeskampf den

Kampf der Waffen, sie entnervten ihre Körper, verschmähten die

Mäßigkeit und verschwendeten ihre Kräfte in Eifersucht, Zank und

Vernichtungsgedanken. Oft focht Bruder und Bruder um ein Weib. Wohl

wuchsen die herrlichsten Bauten aus dem Nichts zur Zeit Abderrhamans um

eines Weibes willen, wohl glänzten die Wissenschaften und loderte der

Ehrgeiz in der Dichtkunst, und die Ritterlichkeit unsrer Edelsten übte

sich an der Verehrung des Weibes. Aber das Errungene wurde wieder durch

ein Weib zerstört, durch Eifersucht und Nebenbuhlerschaft. Vergebens

warnte ich Boabdil. Eines Tages flüchtete sich eine vornehme Christin

über die Grenze nach Guadix. Sie war die Tochter eines Ritters Sancho

de Calabreña, namens Ines. Sie mußte aus dem Königreich Kastilien

fliehen, weil ihre Familie im Verdacht stand, eine Verschwörung gegen

die Könige angestiftet zu haben. Boabdil sah sie -- und sie ihn. Nach

den Augen sprachen die Lippen, die Herzen, die Sinne. In der Alcazaba

bettete der junge Königssohn die schöne Christin in seinen Armen.

Er ließ ihr ihren Glauben und verlangte nur, daß das Kind, das sie

erwartete, im Prophetenglauben erzogen werde. Mitten im Liebesglück

klang der Sehnsuchtsschrei der Mauren aus Granada: ‚Wir wollen Mohammed

Abdallah zum König haben!‘ Der Ehrgeiz brannte in den Herzen des jungen

Königssohnes. Er wollte seinem Vater den Thron entreißen. Jubelnd

führten ihn die Abencerragen nach Granada. Aber in der Alcazaba von

Guadix blieb ein trauerndes Weib mit einem Kind unter dem Herzen

zurück. Ich sollte ihr Tröster und Beistand sein. Ines de Calabreña

fühlte gar wohl, daß im Geräusch des neuen Hofes die Liebe Boabdils

erkalten mußte. Das Volk hatte den Vater Boabdils vertrieben, der

junge König aber hatte Morayna, die Tochter eines vornehmen maurischen

Kriegshauptmanns, zur Frau genommen. Unter dieser Nachricht brach Ines

zusammen. Sie wußte, der Harem des Königs würde sich mit Frauen füllen,

sie selbst aber müßte für immer das entehrte Christenweib bleiben.

Doch welch ein Wunder ist das Frauenherz! Täglich stiegen Gebete von

ihren Lippen für den ungetreuen Mann auf, und ihre Tränen waren die

Opfergaben auf dem Tisch der Liebe, während sie an der Wäsche nähte,

die für das zu erwartende Kind bestimmt war. Und ein Jubeln kam über

sie, als eines Tages Boabdil gezogen kam und sie wieder herzte und

küßte, und es schien alles wieder gut zu sein. Aber Morayna, die

Gattin, wehrte sich leidenschaftlich gegen die Christin, wenngleich sie

nichts Ernstliches zu unternehmen wagte. Doch da kam die große Stunde

für Ines. In einer Winternacht lag in Guadix ein zartes Mädchen neben

dem schwer kämpfenden Leib der Mutter.“

Der Imam war tief bewegt. Alle horchten mit gerührtem Herzen. Die

schwarzen Wimpern über den Augen der schönen Reija schlossen sich, und

ihre Brust ging hoch.

Abu Atir erhob jetzt die Stimme zu größter Innigkeit. „Friedlich

atmete die Kleine das neue Leben ein. Sie hatte die weichen Züge des

Vaters, seinen edlen Gesichtsschnitt und sein dunkles Auge, aber die

braune Haut und die schwarzen Haare der Mutter. Die Zeit mußte es

künden, wessen Erbteil das Herz war. Das Mädchen wuchs heran, und

nun sann Morayna darauf, Ines und das Kindlein zu verderben. Boabdil

witterte die Gefahr und ließ beide nach Malaga bringen, von wo ich

sie nach Afrika hinüberschaffen sollte. Aber denkt euch, Freunde, die

rachsüchtige Morayna hatte ihre Boten mit Gift bis nach Malaga gesandt.

Wir eilten nach Fes, um dem Tode zu entgehen. Doch nun kam das traurige

Schicksal Boabdils! Er mußte Granada, das Dorado der Mauren, den

christlichen Königen übergeben. Vom Volk verachtet, flüchtete er sich

nach Fes. Nun war da für uns keine Sicherheit mehr. Wieder kehrten wir

nach Malaga zurück. Und dort im Zypressenschatten eines Hügels, fern

von den Menschen, schützte ich Mutter und Kind durch vier Jahre vor

den Tücken ihrer Verfolgerin. Die Kleine wurde bei Klöppelkissen und

Spinnrad erzogen.“

„Li amri! Bei meinem Leben! Höchst sonderbar!“ entrang es sich Saffanas

Brust.

Reija aber saß mit über der Brust gefalteten Händen reglos da, die

Augen zu Boden gesenkt. Die Männer flüsterten erregt miteinander, bis

Eswer, an dessen Herzen fiebernde Ungeduld riß, den Alten drängte: „O

Abu Atir! Born der Weisheit und des guten Rechts -- ende, ende!“

„Ich bin zu Ende,“ sagte der Imam mit feierlichem Ernst.

„Und das Königskind -- wo ist das Königskind?“ bebte der jüngere Ben

Katasi.

„Das Königskind!“ riefen die Mädchen, von Neugier gespannt.

Da streckte Abu Atir weihevoll wie ein segnender Faki die Hand über den

Scheitel Reijas aus. „In den Adern dieser fließt Königsblut! Neigt euch

vor ihr!“

Die Kunde riß alle Männer aufs Knie, sie lagen mit gebeugten Leibern,

die Arme über der Brust verschränkt, huldigend vor dem schönen Mädchen.

Saffana zitterte am ganzen Leibe. Sobeiha, das Hirtenkind, schrie wie

besessen: „Ein Königskind!“

Reija aber fiel kraftlos in die Arme des Imam. Das Glück traf sie wie

ein Blitz.

Der alte Ismael Ben Katasi raffte sich als erster auf. Aus der Vorsicht

seines erfahrungsreichen Herzens heraus fragte er: „Imam, Sid -- du

weißt, wie oft in allen Zeiten Geschichten und abermals Geschichten

vorgekommen sind -- sieh, es könnte dich einer betrogen haben -- es

könnte -- o gib uns Beweise, Gewißheit, Imam!“

Der Alte nickte. „Es ist kein Leben ohne Schrift. Ehre dem Weisen, der

sie erfunden!“ Er legte sorgsam, als trüge er zerbrechlich Glas in den

Händen, den schönen Menschenschatz in die zitternden Hände Saffanas und

zog aus seinem Brustbeutel ein dickes Pergament.

„Bei Gottes strahlendem Angesicht! Li amri! Des Königs eigenes Wachs --

der Schutzbrief für das Kind! Gott verdamme fortan die Zweifler! Abu

Atir, herrlichster der Schirmer, das Kind ist in Gefahr --“

„Laß mich es schützen vor Schaitan und Tücke!“ rief Eswer Ben Zerragh

mit der Heftigkeit des entflammten Liebenden. „Ich habe keine Mutter

mehr zu schützen, aber in meiner Brust lebt Liebe, die ich an ein

würdiges Geschöpf Gottes verschwenden möchte. Ich bin Abencerrage, mein

Vater schützte ihren Vater, laß mich die Tochter schützen. Und du bist

alt, Imam --“

Da reckte sich der Greis hochauf, und es war, als knackten seine

Gelenke, und er pflanzte die stählernen Glieder vor die hilflose

Königstochter auf und legte schirmend seine eiserne Hand auf ihre

Brust. „Bist du im Mondeswahn, Jüngling? Deine Raschheit, deine

Heftigkeit sollen sie schützen? Dein Eifer ehrt dich, aber gib meinen

Kräften die Ehre! Dieses Kind ist geheiligt durch Ahnenblut, jedes

Haar an ihr ist kostbar wie ein Tropfen aus dem Brunnen Semsem, denn

sie stammt aus dem Blute der Beni Nassr und gleicht einer Perle, früh

losgerissen von der Muschel.“ Behutsam strich der Greis über die Pracht

des gelösten Mädchenhaars, während Eswer beschämt dastand wie ein

Knabe, der in der Mekteb Strafe bekam.

Reija schlug die Augen auf. „Wo -- ist -- meine Mutter?“ Ihr Blick war

Schmerz und Freude. Und die Stimme klang wie entrückt in das stille

Weben der Nacht.

„Sie ist längst gestorben.“

„Und warum -- ach, Väterchen, warum muß ich das heute erfahren?“

„Du bist heute achtzehn Jahre alt geworden, und es war der Wille des

Königs, daß du an diesem Tage das Geheimnis deiner Herkunft erfahren

solltest und daß du den goldnen Koran wieder nach Granada trägst, das

Eigentum Boabdils, das wir bei seiner Vertreibung hier herauf in die

Berge gerettet haben vor dem Vertilgungswahn der Christen.“

„Den Koran? Die Muschel des Gottesworts? Boabdils Koran?“ stürmten die

Mauren auf den Imam ein.

„Er ist von unermeßlichem Wert. Er soll nun zum Labsal für unsere

Brüder nach der bedrängten Stadt getragen werden, und Reija soll ihm

das Geleite geben.“

„Gott, gib Kraft!“ flehte das Mädchen mit halberstickter Kehle.

Saffana weinte. „O Königstochter, nun darf ich dich nicht mehr Hamam,

die Taube, und Werda, die Rose, nennen! Darf nicht mit dir spielen --“

Granada in Flammen · 第 50 / 190 题