Drittes Kapitel

In der Höhle des Spiegels sprühten die Tollheiten Saffanas, der

Sklavin. Reija lag auf einer Motharif, einer Seidendecke, die über

das Gras gebreitet war, und Saffana flocht unter Grimassen Gras in

der Herrin Haar oder warf Steine den Hang hinab und nannte das ‚den

Dschinnen Liebesbriefe zuwerfen‘. Ihr spitzes Lachen klang manchmal wie

ein auflodernder Schrei. Sie zerrte die Herrin in das monddämmernde

Licht vor der Höhle, rasch flogen die Schleier fort, und die Brüste

atmeten freier.

Reijas schlanke Glieder krönte das Haupt von gemmenhafter

Ebenmäßigkeit. Die braune Hautfarbe gab dem Rot ihrer Wangen eine

größere Wärme, der Blick der nachtdunklen Augen hatte einen Schmelz,

der Herzen beben machen mußte, wunderbar wölbten sich darüber die

Brauen, zwei schwarze Liebesbogen wie Tore des Paradieses. Das

blauschwarze Haar trug sie in einem Knoten tief im Nacken gebunden.

Wenn sie sprach, leuchteten die Lippen, mit Henna gefärbt, rot wie

Rubine. An den Hand- und Fußgelenken glänzte das Gold der Carcaches,

der maurischen Spangen.

Saffana war üppiger als die Herrin, heller im Ton der Hautfarbe, hatte

ungebändigtes kastanienbraunes Haar, das sich beim Tanz wie eine Fahne

hin und her warf, und das Spiel ihrer Glieder ließ auf Sinnlichkeit

schließen.

Die Sklavin drückte ihren Arm an die goldgeschmückten Fußknöchel der

Herrin, die mit untergeschlagenen Beinen dasaß. „Dein Blick ist wie der

Tau des Morgens, und deine Liebe muß wie der Rosenduft in den Gärten

von Schira sein.“

„Törin!“ schmollte Reija. „Sing mir das Lied Medschnuns, des

lieberasenden Dichters.“

Saffana tat einen gurgelnden Freudenschrei. „Seine Geliebte hieß Reija

wie du. Horch auf!“ Und sie sang mit einer spitzen, knabenhaften Stimme

eine der Perlen aus dem Schatz der maurischen Volkslieder:

„Ihr Lüfte, voll vom Ruch der Wüstenkamomillen, ihr seid’s, die um

Reijas dunkle Locken spielen. Gott geb’ mir Armen nur die Liebe, daß

ich sie in den Armen Reijas übe. Ich liebte Reija mit den schwarzen

Haaren, als ihrer Brüste Warzen klein noch waren. Oriongürtel bist du

mir gewesen, an deinem Herzen bin ich ganz genesen.“ Sie endigte mit

einer langgezogenen Coda. Aber dann sagte sie betrübt: „Dein Antlitz

blickt wie die Finsternis des Sukuum, des Höllenbaums. Ei, mach’ erst

einen Mann in dich verliebt, und dein Dunkel ist bei den Dschinnen.“

Reija verzog die roten Lippen. „Abu Atir läßt mich kaum den Bart eines

Mannes sehen. Und es ist ein großes Glück, daß ich heute gleich vier

sehen durfte.“

„Und ich weiß auch, daß einer der Bartbesitzer dein Wohlgefallen erregt

hat.“

Reija warf einen vernichtenden Blick auf die Sklavin, und ihre Seele

schien ruhig wie ein von keinem Hauch getrübter Seespiegel. Sie öffnete

die Hände halb wie in gedankenlosem Spiel.

„Taleb der Hirte sagt, er nenne sich Eswer Ben Zerragh.“

Die Augen der Jungfrau wurden groß. „So ist er aus Boabdils geliebtem

Geschlecht? Und muß so leiden!“ Aber dann verfinsterte sich ihr Blick:

„Es ist nichts um einen Mann.“

„Mein Täubchen hat recht. Sie leiden alle zusehr an Liebesschmerzen.

Dieser Medschnun singt da von einem Stamm Osret, die sterben, wenn sie

ein Mädchen umarmen. So dumm sind sie. Da ist Al Dschemil der Jüngling,

der starb, weil seine Geliebte Boseine eines Morgens nur zehn Tränen um

ihn geweint statt zwölf. Oh, sind sie verrückt, die vom Stamm Osret.

Man sollte dort Jünglinge und Mädchen aufeinander peitschen, sie würden

Tränen und Sterben vergessen. Da lobe ich mir die Dichter, die den Wein

kreisen lassen bei den Freundinnen, wie die Dichter der Omajaden. Ibn

Chafedsche hat gesungen: ‚Auf Munas Hügeln sei willkommen, Nacht, da

wir getrunken und Musik gemacht, da wir die Sklavinnen durchdüfteten,

mit Wein und Lied die Schleier lüfteten.‘“

„Du schwatzest wie ein Schwalbenpaar. Aber sag’, wo ist Sobeiha, die

Hirtin?“

Saffana zeigte hinab auf einen Felsen. „Da -- sie ist nicht vom Stamm

Osret.“

Sobeiha herzte unten mit Taleb. Der Spieß drehte sich vor ihnen über

der Flamme. Daneben standen die Maultiere, und man hörte das Knirschen

ihrer Zähne, die das Futter malmten.

Da stiegen aus den Felsen die Männer herab. Im Nu verschleierten sich

die Mädchen. Taleb ließ den Ziegenbraten vom Feuer auf die Grasschüssel

gleiten. Zischend troff das Fett herab.

Reija gewahrte bestürzt das rotgeweinte Auge des Abencerragen, und Abu

Atir erzählte ihr das Schicksal des Unseligen. Mit der Zartheit ihres

Herzens tröstete sie den Jüngling, der voll Dankbarkeit glühte.

„Der Mond scheint mild,“ sagte Abu Atir. „Laßt den Krug kreisen und

seid fröhlich, aber achtet der Trauer des Freundes.“ Und der Imam

gestattete den Mädchen, daß sie sich entschleierten, wie es seit der

Zeit der Omajadenkalifen bei Mählern üblich war.

Eswer staunte die enthüllte Schönheit an. Die Trauer um die geliebte

Mutter ließ ihn das Blühen und Duften dieser schönen Menschenblume noch

schmerzlich-süßer empfinden.

Während man aß, herrschte tiefes Schweigen. Als der Ziegenbraten mit

den Speckerbsen verzehrt war, lagerte man sich ans Feuer hin, und

Gedanken und Gespräche spannen sich um die Ereignisse, die im Zuge

waren. Nur Abu Atir saß schweigsam und schien in sich hineinzuhorchen.

Doch bald erhob er sich und nahm Reija an seine Seite. Dann sagte er

mit einer gewissen Feierlichkeit: „Macht eure Herzen weit. Unter dem

nähern Hauch Gottes, den Berge loben und die Wasser preisen, sei im

Namen unseres letzten Königs ein Geheimnis enthüllt, das manches Herz

froh machen wird.“

Man wußte die Worte nicht zu deuten. Wie ein Muezzin stand der Imam

auf dem Felsblock und pries die Güte Gottes unter dem sanften Glanz

des Halbmonds, umstarrt von den ragenden Felszinnen, den Zeugen der

Ewigkeit. Dann begann er zu erzählen:

„Damit ihr klar sehen könnt, will ich von Boabdils jungen Tagen singen.

Ich stand an seiner Seite, als er noch in der Hut Ayschas, seiner

Mutter, lag. Und die ältern Männer, wie du, Ismael Ben Katasi, werden

sich noch der bösen Tage erinnern, da Boabdils Vater Abul Hassan,

König von Granada, gegen seine Gemahlin wütete. Das Volk nannte sie

Horra, die Reine. Es kam nämlich ein Weib in die Nähe des Königs,

eine Christin, die er einst zur Gefangenen gemacht hatte. Die Leute

nannten sie Zoraya, das anbrechende Licht. Aber es brach kein Licht

mit ihr heran, sondern Düsterheit im Leben der Ayscha, die von der

schönen Christin verdrängt wurde. Denn die Zoraya wollte ihren Söhnen

den Königsthron sichern, während sich Ayscha für ihren Sohn, den

jungen Boabdil, einsetzte, der noch drei Brüder hatte. Dem Boabdil

hatten Sterndeuter geweissagt, daß unter ihm Granada fallen werde, und

deshalb haßte ihn sein Vater. Die Zoraya aber schürte diesen Haß zur

furchtbaren Flamme an. An einem Tage, da die Wasser in der Alhambra

froher rauschten als sonst und der Himmel ein einziges blaues Meer war,

ließ König Abul Hassan die drei andern Söhne der Ayscha im Löwenhof

hinrichten --“

„Oh, woran mahnst du uns, Imam!“ rief Ismael jammernd aus.

„Ich muß es, damit ihr alles begreift. Ayscha, die Unselige, und den

übriggebliebenen Sohn Boabdil ließ der unmenschliche Vater in den

Comaresturm werfen. Dort vertrauerte sie lange Jahre mit ihrem Kinde.

Aber endlich ward auf den Rat Zorayas auch die Vernichtung des letzten

Kindes beschlossen. Seht, da erbarmte mich das Unglück der gefangenen

Mutter, und ich verhalf Boabdil zur Flucht.“

Granada in Flammen · 第 49 / 190 题